Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 24 (12.6.1896)
- Date
- 1896-06-12
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 464 Dr. Vloch's Wochrnsthrtst Nr. 24 Hunderten vorweggenommen worden. Nur durch die Macht der Religion wurde der Pole derart mit einer Flüssigkeit in Berührung gebracht, für welche er keine sichtbare Vorliebe besaß. Als das Abendbrot vorüber war, wurden die „Semiros" gesungen und dann der Segensspruch gesagt. Diese Lieder enthalten in leichten und klingenden Metren die Essenz heiliger Fröhlichkeit. Sie sind weder ausgelassen noch asketisch — von jener vergeistigten Vernunft, die den Grundton des historischen Judenthums bildete. Denn es ist eine Pflicht, „die Wonne des Sabbaths" zu empfinden, und die Religion gebietet an diesem Tage drei Mahlzeiten. Es ist die Heiligung des Sinnlichen durch einen Glauben, dem Alles heilig ist. Der Sabbath ist das Ziel des jüdischen Weltalls. Er hebt alle Trauer auf, selbst die um Jerusalem. Die Kerzen mögen triefen, wie sie wollen, ist nicht der Sabbath sein eigenes Licht? Hanna benutzte eine Pause im Gespräch, um auf Deutsch zu sagen: „Vater, ich bin froh, daß Du den Mann nicht mitgebrachthast." „Was für einen Mann?", fragte Reb Schemuel. „Den schmutzigen, kleinen Mann mit dem Affengesicht, der so viel spricht." Da Rabbi dachte nach. „Ich kenne keinen solchen", sagte er. „Sie meint Pinkas, den Dichter", erklärte die Mutter. Rabbi Schemuel blickte sie ernst an. Das klang nicht verheißungsvoll. „Warum sprichst Du so hart von Deinem Nebenmenschen? Der Mann ist ein Gelehrter und ein Dichter, wie wir ihrer wenige in Israel haben." „Wir haben schon zuviel Schnorer in Israel", entgegnete Hanna. „St!", flüsterte Reb Schemuel erröthend. Er deutete mit einer leichten Bewegung seiner Brauen aus den Gast. Hanna biß sich beschämt auf die Lippen; dann beeilte sie sich, ein neue Ladung Fisch auf den Teller des glücklichen Polen zu häufen. „Er Hai mir geschrieben," fuhr sie fort. „Ja, das weiß ich. Er hat es mir erzählt," antwortete er. „Er liebt Dich sehr." „Unsinn, Schemuel", fiel Simcha ein, indem sie mit ganz wochentägiger Heftigkeit ihre Kaffeetasse hinsetzte. „Was fällt dem Mann ein?! Hat keinen Groschen und will unsere Hanna heiraten? In einem Monat müßten sie betteln gehen." „Geld ist nicht Alles. Weisheit und Gelehrsamkeit wiegen mehr als Vieles. Die Mischna sagt: „Wie ein scharlachnes Band einem schwarzen Pferde gut ansteht, so steht Armuth der Tochter Jacob's wohl an." Die Welt beruht auf der Thora, nicht auf dem Gelde, wie geschrieben steht: „Lieber ist mir das Gesetz aus Deinem Munde, als Tausende von Golo oder Silber." Er ist größer als ich, denn er studiert das Gesetz für nichts, gleich den Vätern der Mischna, während sie einen Gehalt bekomme." „Mir scheint, Du stehst ihm nur wenig nach," sagte Simcha. „Denn Du behältst nur sehr wenig davon zurück. Meinetwegen mag Pinkas nichts haben, das ist seine Sache. Wenn er aber meine Hanna nehmen will, so muß er ettvas haben. Waren die Väter der Mischnah auch Familienväter?" „Gewiß. Ist das nicht ein Gebot? „Seid fruchtbar und mehret Euch. „Und wovon lebten ihre Familien? " „Viele unserer Weisen waren Handwerker." „Aha," schnaubte Simcha triumphirend. „Wer sagt nicht der Talmud", fiel der Pole ein, als ob er zum Familienrath gehöre: „Lieber schinde einen Cadaver auf der Gasse, als sei einem Anderen verpflichtet?" Er sagte das, ohne die geringste Ahnung von einer persönlichen Nutzanwendung. „Ja, und hat nicht Rabbon Gamliel, der Sohn Rabbi Juda's, gesagt: „Es ist empfehlenswerth, das Studium des Gesetzes mit weltlicher Beschäftigung zu vereinen?" Hat nicht auch Moses unser Lehrer, Schafe gehütet?" „Wohl wahr", antwortete der Wirth. Ich stimme mit Maimonides überein, der sagt, daß ein Mann zuerst ein Einkommen, dann ein Haus haben und erst hernach eine Frau suchen soll; und daß der ein Narr ist, der es verkehrt macht. Aber Pinkas arbeitet auch mit seiner Feder. Er schreibt Artikel für Zeitungen. Die Hauptsache ist, Hanna, daß er die Thora liebt." „Hm!", sagte Hanna, „dann mag er die Thora heiraten." „Er hat aber Eile, und vor Simchas Thora kann er nicht der Bräutigam der Thora werden", witzelte Reb Schemuel beinahe unehrerbietig. Alle lachten. „Bräutigam der Thora" wird derjenige genannt, der den Vorzug genießt, zum Vorlesen des letzten Bruchstückes des Pentateuchs am Schluffe des Jahres „aufgerufen" zu werden. Das Gelächter ermuthigte den Rabbi und er fügte hinzu: „Aber er wird mehr von seiner Braut wissen, als die meisten anderen Bräutigame der Thora." Hanna benützte die gute Laune, in welche die Wirkung seines Scherzes den Vater versetzt hatte, um ihm Pinkas' Epistel zu zeigen, die er mühsam entzifferte: „Hebräische Hebe, Allschöne Maid, Nächst dem Himmel Nächtlich gelagert, Ach, ich lieb' Euch Halb erbebend." Der Pole, der letzt ganz anders aussah, als das armselige Geschöpf, das mit leerem Magen hierhergekommen war, entfernte sich, indem er den Segen Gottes über das Haus herabrief. Simcha ging in die Küche, um das Abräumen des Geschirrs zu überwachen. Levi machte sich davon, um Esther Ansell einen Besuch abzustatten, denn es war noch früh am Abend. Vater und Tochter blieben allein. Reb Schemuel saß bereits über seinem Pentateuch. Er erfüllte am Freitag Abend die Pflicht, den Thora-Abschnitt zwei Mal hebräisch und einmal chaldäisch zu lesen. Hanna saß ihm gegenüber. Sie betrachtet sein gütiges, gefurchtes Gesicht, den massiven Kopf, der auf den gebeugten Schultern saß, die starken Augenbrauen, den langen, weißen Bart, der sich beim Murmeln der frommen Worte bewegte, die braunen, dicht über das heilige Buch gebeugten Augen, die hohe Stirne unter dem schwarzen Käppchen. Sie fühlte ihre Augen feucht werden. „Vater," sagte sie endlich mit leiser Stimme. „Riefst Du mich, Hanna?", fragte er aufblickend. „Ja Vater. Ich wollte über diesen Mann, über Pinkas, mit Dir reden." „Ja, Hanna." „Es thut mir leid, daß ich so spöttisch über ihn sprach." „Ah, das ist Recht, meine Tochter. Wenn er arm ist, müssen wir ihn desto mehr ehren. Weisheit und Gelehrsamkeit müssen respectirt werden, selbst wenn sie in Lumpen erscheinen. Abraham bewirthete Gottes Engel, obwohl sie als müde Reisende kamen." „Ich weiß, Vater. Aber nicht seines Aussehens wegen mag ich ihn nicht. Wenn er wirklich ein Gelehrter und Dichter ist, will ich versuchen, ihn so zu bewundern, wie Du es thust." „Jetzt sprichst Du wie eine Tochter Jsrael's." „Aber ihn heiraten — das meinst Du doch nicht im Ernst.?" „Er meint es im Ernst", sagte Reb Schemuel ausweichend. „Ach, aber Du nicht!", rief sie, das schelmische Blinzeln seines Auges bemerkend. „Du weißt, daß ich nie einen solchen Mann heiraten könnte." „Deine Mutter hat es gekonnt", antwortete der Rabbi. „Du liebes, altes Väterchen", sagte sie, indem sie ihn am Bart zupfte; „Du bist tausendmal gelehrter, das weißt Du selbst." Der alte Rabbi hielt mit komischem Entsetzen die Hände in die Höhe. „Ja, ja", wiederholte sie. „Nur läßt Du ihn zuviel reden. Du läßt alle Leute reden und Dich zum Besten halten." Reb Schemuel faßte die Hand, die seinen Bart streichelte, und befühlte die frische, warme Haut mit zweifelnder Miene. „Die Hände sind die Hände Hanna's, sagte er, „aber die Stimme ist die Stimme Simcha's." Hanna lachte ftöhlich. „Gut, Väterchen, ich will Dich nicht mehr schelten. Ich bin froh, daß Du es Dir nicht wirklich in Deinen großen, grauen, klugen, alten Kopf gesetzt hast, daß ich Pinkas heiraten soll." „Meine liebe Tochter, Pinkas will Dich zum Weibe nehmen, und das wäre mir recht. Es ist ein Bund mit einem Sohne der Thora, der auch eine geschickte Feder hat. Er bat mich, Dich zu ftagen, und ich that es."