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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-06-12 · 24 (12.6.1896) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
24 (12.6.1896)
Date
1896-06-12
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 478 Dr Vloch's Wochruptzrtst. Nr. 34 gefahr, wahrscheinlich wollte man damit sein Ansehen erhöhen. Bei de» Römern wird der dem Tode preisgegebene Stammheros von einer Wölfin gerettet. Diese römische Nation hat den Wolfscharakter in ihrer ganzen Geschichte beibehalten; und der fast verhungernde Gründer der sanften, ruhigen, griechischen Nation wird von der sanften Ziege gesäugt. Auch der Begründer der jüdischen Nation Mose schwebt in Lebensgefahr. Aber wer ist es, der chn vom Verhungern rettet? Seine eigene Mutter ist es, die chn auszieht. Ist hier nicht die ganze Eigenthümlichkeit des jüdischen Volkes, sein von allen Seiten anerkannter bedeutender Familiensinn angedeutet? Und nun zum Schlüsse sei noch aus eine Thatsache hingewieserr. Bei fast allen Völkern finden wir die Vorstellung von einem goldenen Zeitalter, welches einmal gewesen. Auch bei den Juden findet sich diese Vorstellung in der biblischen Erzählung vom Garten Eden ausgedrückt. Aber in der ganzen Literatur, bei keinem Propheten und bei keinem Psalmiften, wird Wiederaus dieses Paradies zurückgegriffen. Dagegen ist in der Literatur der Propheten und Psalmiften wohl von einem goldenen Zeckalter später die Rede, aber, und dies ist das Charakteristische, das Paradies liegt nicht in der Vergangenheit, sondern wird in der Zukunft erstehen. Eine weitere Eigenthümlichkeit dieses goldenen Zeitalters ist es, daß es nicht nur die eigene Volksgemeinschaft, sondern die ganze Menschheit umfassen wird. So finden wir beim Judenthum den Gedanken der Universalität, getreu seiner Bestimmung, sowohl am Anfang, wie am Ende ausgedrückt. Correspondenzen. Auflösung einer antiliberalen Wuhlerversammlung. Infolge einer Rede des ersten Vicebürgermeisters Dr. Lueger, in welcher derselbe sich in den heftigsten Angriffen gegen die ungarische Millenniumsausstellung erging, verfiel am 8. d. M. eine in den Dreher-Saal auf der Landstraße einberusene antiliberale Wählerversammlung der Auflösung. Zweck der Versammlung war zunächst die Entgegennahme des Rechenschaftsberichtes des Abgeordneten des dritten Bezirkes, Herrn Steiner, welcher in einer längeren Auseinandersetzung über seine Thätigkeit im Reichsrathe sprach. Nach chm erhob sich Dr. Lueger zu einer Rede, in welcher er unter Anderem sagte, er sei stolz auf drei seiner Handlungen: 1. daß er die erste auf chn gefallene Wahl zum Bürgermeister abgelehnt; 2. daß er auch in diesem Jahre die ihm übertragene Würde nicht angenommen; 3. daß er den Kampf gegen die „Clique in Ungarn" mit aller Kraft ausgenommen. Im Anschluffe daran zog Dr. Lueger in derselben maßlosen Weise gegen die Millenniumsausstellung los, wie er dies in seiner letzten Rede im Abgeordnetenhause gethan. Kein Oesterreicher, Deutscher oder Slave, rief er aus, dürfe diese Ausstellung besuchen. Dabei belegte er Jeden, der hingehe, mit einer Bezeichnung, die er auch in der erwähnten Parlamentsrede gebraucht hatte, deren Wiedergabe wir aber heute aus preßgesetzlichen Gründen unterlaffen müssen. In demselben Momente, als dieses Wort aus dem Munde Dr. Lueger's gefallen war, erhob sich sofort der Regierungsvertreter und erklärte die Versammlung für a u f g e l ö st. Soweit in dem wüsten Lärm, welcher der Euunciation des Regierungsvertreters folgte, die Worte desselben vernehmbar waren, begründete er die Auflösungsmaßregel mit dem Hinweise darauf, daß der Kaiser selbst dieMillenniums-Ausstellunginwärmster Weisegesördertund derselben das höchste Lob gezollt habe. Nachdem die Worte Dr. Lueger's sich im Widerspruche befinden mit der jüngsten Aeußerung des Monarchen, so begründe das schon die Auflösung der Versammlung nach § 106 des Versammlungsgesetzes. Minutenlanger Lärm folgte der kurzen Rede des Regierungscommissärs. Man rief ihm zu, er sei ein „I u d e n k n e ch t" und „nur hergeschickt, um aufzulösen." Wie«. Rittmeister Moritz Schatz verschied hier am Sonntag den 7. Juni im Alter von 67 Jahren. Der Verblichene gehörte zu denjenigen tapferen Söhnen seines Volkes, die durch persönliche Tüchtigkeit zu hohen Ehrenstellen gelangen und bei ihren Brüdern ausharren, selbst wenn sie sonst die Aussicht hätten. viel Höheres zu erreichen. Im Jahre 1859 wurde er auf dem Schlachtfelde zum Offieier ernannt, er machte dann alle späteren Feldzüge Oesterreichs mit und erfteute sich vieler Belobungen wegen seiner treuen Dienstleistungen, als auch der größten Sympathien seiner Collegen wegen seines gewinnenden Wesens. In seiner Geburtsstadt Lemberg stand er bei Juden und Nichtjuden in großem Ansehen und seine Glaubensgenossen wußten ihm viel Dank dafür schuldig zu sein, daß er dem dortigen Rabbinate, besonders seinem Freunde, dem seligen Prediger Löwenstein, stets mit Rath und That beistand, so oft es galt, für die jüdischen Soldaten in den großen Feiertagen die Erlaubniß zum Besuche des Gotteshauses zu erwirken. Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte er in sehr kümmerlichen Verhältnissen, besonders seit seiner Erkrankung an einem Herzleiden, dem er auch erlegen ist. Er hinterläßt eine Frau und drei unversorgte Kinder. Der Antrag Rauschens. Herr Rauscher ist antisemitischer Gemeinderath und Bürgerschullehrer dazu. Um seine Gesinnung zu documentiren, überraschte er die Welt mit dem famosen Antrag, das gemeinderäthliche Stenographenbureau müsse umgestaltet werden. „Es stimme", meinte er, „in seiner gegenwärtigen Zusammensetzung keineswegs mit den geänderten Parteiverhältnissen des Plenums des Gemeinderathes überein." Aha! man merkt gleich, was da nicht stimmt: im Stenographenbureau sitzen auch Juden. Und was die Verzweiflung des Herrn Rauscher zu einer grenzenlosen macht, unter fünfzehn Mitgliedern des Bureaus befinden fick elf Juden! Das muß anders werden in der antisemitischen Aera, die doch die Befteiung der Christen von dem jüdischen Joche herbeiführen will, also auch die Befteiung von dem jüdischen Stenographenthum! Wenn ein Jude nicht in den Stadtrath darf, wo er etwas zu reden hat, so soll er auch nicht in das Stenographenbureau Eingang finden, wo er etwas zu schreiben hat. So denkt der antisemitische Gemeinderath und Bürgerschullehrer Rauscher. Doch nein, Herr Rauscher denkt doch nicht ganz so. Er hat nichts dagegen, daß Juden auch Stenographen werden und als solche sogar im Gemeinderathe fungiren, er fordert nur, daß sie im percentuellen Verhältnisse zur Anzahl der Juden in Wien Verwendung finden. Herr Rauscher läßt mit sich handeln. Im percentuellen Verhältniß also. Was werden aber seine antisemitischen Gesinnungsgenossen zu einer solchen Gesinnung sagen? Was wird Dr. Lueger dazu sagen, dessen Programm da lautet, er wolle nicht eher ruhen, bevor nicht der letzte Jude aus dem Rathhaus draußen ist? Die Juden könnten, wenn sie nicht auf dem Boden der Staatsgrundgesetze stünden, mit dem „percentuellen" VorschlägeRauscher's ganz zufrieden sein. Derselbe würde ja, conseqnent durchgeführt, für sie ungeahnte Bortheile bringen. Die Juden würden Dank dem antisemitischen Herrn Rauscher dann auch hohe Stellungen im Staatsdienste erlangen, in der Armee u. s. w. Sie würden sogar honibiie dicui nach dem „percentuellen" Gesetze zumindest auch e i n Mandat im Stadtrath erlangen! Und die antisemitische Welt ginge da nicht zu Grunde? Ischl. („In welcher Art Cultusvorstände und Cultusbeamte das Interesse der Gemeindegenossen wahrnehmen".) Wir erhalten folgende Zuschrift aus Ischl: „Hochverehrter Herr Doctor! Gestatten Sie, daß ich Ihnen eine Angelegenheit unterbreite, welche gewiß allgemeines Interesse verdient und überall dort, wo eine Gemeinschaft unserer Glaubensgenossen besteht, ohne zugleich der Sitz des Rabbinats zu sein, Widerhall finden wird. Mehr als je ist es unter den heutigen Verhältnissen geboten, daß der Jude nicht blos innerlich fest und treu zu seinem Glauben steht, sondern daß er auch mit der größten Wachsamkeit die äußeren Formen beobachtet, in denen sich dieser Glaube bekundet. Ist es in einer solchen Zeit am Platze, daß Trauungen, welche hier durch das Linzer Rabbinat, zu welchem Ischl gehört, vorgenommen werden, nicht im hiesigen israelitischen Bethause oder in einem jüdischen Hotel, sondern in einem christlichen Hotel stattfinden? Man denke sich das Schauspiel, wie in ein solches Haus, dessen Gäste den verschiedensten Bekenntnissen angehören und wohl auch von verschiedenen Gesinnungen gegenüber den Juden und dem Judenthume erfüllt sind, die zu einer jüdischen Trauung rituellen Utensilien gebracht und vor Aller Augen aufgestellt werden, wie Rabbiner und Vorbeter im Ornate dort eintreten und vor Leuten Revue passiren müssen

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