Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 24 (12.6.1896)
- Date
- 1896-06-12
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3021115-3021140--05703-3029951- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Vir. 24 Vr Vlorh« ZVoMLNUtzrM Seite 477 Völkerpsyrhologüche Betrachtungen über das Iudenthum. Nach einem Vorträge, gehalten vom Geheimen Regierungsrath Prof. Dr. Lazarus. Es ist heutzutage wohl kaum mehr nöthig, vor einem gebildeten Publicum einleitende Bemerkungen über das Wesen der Völkerpsychologie zu machen. Allerdings gibt es noch keine systematische Darstellung der Wissenschaften, doch ist dies nicht zu bedauern. Vor mehr als vierzig Jahren bei ihrer Gründung ist die Wissenschaft in weiteren Kreisen noch unbekannt gewesen. Jetzt hat sich das geändert in dem Maße, daß es wohl kaum ein historisches, juristisches, ja noch weniger socialpolitisches Werk gibt, das nicht völkerpsychologische Betrachtungen enthielte. Selbst jede Zeitung, welche Vergleiche über den Charakter der verschiedenen Völker anstellt, steht - damit auf völkerpsychologischem Boden. Als ich vor nunmehr vierzig Jahren diese Wissenschaft gegründet und ihr selbst den Namen gegeben, habe ich nicht geglaubt, daß ich noch die heutige Ausdehnung derselben erleben würde. Ich muß also hier ein doppeltes Bekenntniß ablegen: erstens, daß ich Begründer der Völkerpsychologie und ferner, daß ich ein Jude fei. Das letztere ist kein Zufall, denn beides gehört zusammen: Nur auf dem Boden des Judenthums konnte die Völkerpsychologie entstehen, welche nicht wie sonst nur den einzelnen Menschen, sondern das ganze Volk in den Kreis ihrer Betrachtungen zieht, ja über das eigene Volk hinausgeht. Alle Völker des Alterthums, insbesondere die elastischen, betrachten in ihren Legenden und Allegorien nur die eigenen Völker, die anderen Nationen sind für sie stumm, welches ja die eigentliche Bedeutung des Wortes „Barbaren" ist. Etwas anderes ist es im Judenthum. Die Zlusstellung einer Völkertafel ist schon ein bedeutendes völkerpsychologisches Factum; noch bedeutender ist der Ausspruch Genesis 5, 1: „Dies ist die Geschlechtsfolge des Adam". Mit Recht sagt der Talmudlehrer Ben Asai, daß dieser Ausspruch weit über den Grundsatz „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" geht. Daß es eine Menschheit gibt, daß sie einen Schöpfer hat, das ist das große völkerpsychologische Factum, dies ist der große Fortschritt gegenüber dem Barbarenthum der Griechen. Die heutigen völkerpsychologischen Betrachtungen kann ich nur als einen kleinen Ausschnitt aus einem großen Kreise bezeichnen. Als Ziel der völkerpsychologischen Betrachtung des Judenthums ist die Stellung desselben im idealen Haushalt der Menschheit anzusehen. Zu diesem Zweck muß man aber genau den idealen Haushalt der Menschheit kennen. Ich will mich aber nur darauf beschränken, einige völkerpsychologische Facta aus dem Judenthum mitzutheilen. Als die Menge der Nachkommen Jakobs aus Egypten zog, da hat sie kaum den Namen „Volk" verdient, -denn von einer staatlichen Organisation kann man wohl nicht gut sprechen. Auch ihr erster Führer ist durchaus kein Organisator gewesen. Die erste Organisation, welche das Volk erhalten, stammt von seinem Schwiegervater, einem Nichtjuden. Diese Erzählung der Bibel beweist, wie sehr man im Jndenthum an die Selbstkritik gewöhnt war. So offen wie in der Bibel haben die Völker über eigene Vorzüge vielleicht nie geredet. Kaum irgend ein Volk hat so strenge Abschließungsmaßregeln gegenüber den andern Völkern gehabt, als in der jüdischen Gesetzgebung vorgesehen waren. Man hat vielfach dem Judenthum diese Abschließung zum Vorwurf gemacht, aber die Juden mußten sich abschließen, um universal zu werden. Da alle Völker national waren, mußte sich eines von den andern trennen, damit es zur Universalität gelange. Nach einer Erzählung des Talmud wurde dasselbe Gesetz, das die Juden erhalten, in 70 Sprachen gegeben und nach der Ansicht des Talmud gab es damals überhaupt nur siebzig Sprachen. Dem einen Volke mußte es gegeben, werden, damit es alle verlangen. Dieser universalistische Gesichtspunkt reicht bis in die früheste Zeit hinauf und ist nicht nur bei den Propheten vertreten. Alle Götteranschauungen hatten den Fehler, daß sie den Göttern nur eine locale Macht zuschrieben. Bei den Griechen war Pallas Athene in ihrer Macht nur auf Athen beschränkt und bei den Römern waren es die „Penathen", Hausgötter, deren Macht sogar über dieJupiter's ging. Dagegen wandte sich das Judenthum. Der Prophet Mose sagte: „Höret, Himmel, und ich will reden, und vernehme es, Erde!" Bei den Griechen im Monolog der Elektra, welcher an Schönheit den ersten Monolog der Iphigenie weit übertrifft, heißt es: „O heiliges Land und erdumgürtete Lust". Ihr Gesichtspunkt reichte also nicht über den eigenen Horizont hinaus. Der Prophet Jeremias wird jedoch zum „Nabi. Hagojim", zum Propheten aller Nationen, berufen. Ein anderes völkerpsychologisches Factum. Tie Völkerpsychologie kann keine eigenen Thatsachen erfinden, sondern nur aus den bekannten Ereignissen durch Vergleichung mit anderen Völkern die richtigen Schlüsse ziehen. Fast alle Culturvölker, wie Egypter, Perser nnd insbesondere die elastischen Völker, die Griechen und Römer, haben Töchrerculturen gegründet, als sie zu Grunde gingen. Seit der Renaissance haben wir zum Maßstab unseres Schönheitsideales die griechische Anschauung über Schönheit gemacht, und in der Philosophie, besonders in der Geschichte des Werdens ihrer eigenen Forschung spielt die griechische Philosophie noch heute eine bedeutende Rolle, und in der Kriegsführung mancher Völker nimmt noch heute die Phalanx einen großen Platz ein. Noch mehr hat die römische Cultur die Tendenz der Umbildung verfolgt. Man ist heule endlich dabei, für das Deutsche Reich ein bürgerliches Gesetzbuch zu verfassen, welches dem germanischen Rechtsbewußtsein Rechnung tragen soll; bis dahin hat bei uns, wie in vielen andern Ländern, das römische Gesetzbuch, vermischt mit den altgermanischeu Rechtsanschauungen, geherrscht. Aber keines der Völker hat Töchlerreligionen hervorzurufen gewußt, einzig und allein dem Judenthum ist dies gelungen. Und wie viel idealer Gehalt ist nicht von der Mutterauf die Tvchterreligion übergegangen! Werden nicht heute noch Millionen von Kindern, welche außerhalb des Judenthnms stehen, in der biblischen Geschichte unterrichtet und ertönen die Palmen nicht auch in den Kirchen unb Moscheen? Aber umgekehrt darf auch die Rückwirkung der Tochterauf die Mutterreligion nicht geringgeschützt werden. Es sei darauf hiugewiesen, daß die Blüthe der biblischen Wissenschaft in den letzten 100 Jahren nur bei den Protestanten zu finden ist. Welches ist der innerste Grund für diese beispiellose Zähigkeit? Nun, die Geschichte gibt uns Antwort: es ist die Continuität des Geistes, die stetige Ueberlieferung des Geistes von Geschlecht zu Geschlecht. Noch heute, nach so vielen Tausend Jahren, segnet der jüdische Familienvater oder die Mutter die Kinder mit den Worten: „Gott lasse Dich werden wie Ephraim und Manaste", mit diesem uralten Segen des Patriarchen Jacoh. Als Boas die Ruth heiratete, kommen seine Freunde und beglückwünschen ihn mit den Worten: „Es möge werden Dein Haus wie das Haus des Perez", eine Geschichte, welche über 1500 Jahre zurück spielt. Im Talmud findet sich folgende dunkle Stelle: Rabbi Gamliel, der Sohn Jehudas Hanasi sagte: Wer sich mit öffentlichen Dingen beschäftigt, thut es uni der Sache willen, und das Verdienst der Väter stehe ihm bei. Ich sichere euch großen Lohn, als ob ihr es selbst gethan habt." Was bedeutet diese Stelle? Der Talmud spricht hier von der Culturarbeit, welche um ihrer selbst willen ausgeübt werden muß. In der Cultur gibt es keinen sprungweisen Fortschritt. Alles muß auf Ueberlieferung aufgebaut werden. Das heißt: Und das Verdienst der Väter steht ihnen bei. Aber auch in späterer Zeit werden andere kommen, welche auf die von euch gewonnenen Resultate weiter arbeiten werden. Dies meint der Talmud mit den Worten: Und ich sichere euch großen Lohn, als ob ihr es gethan habt; man wird euer gedenken. Wso mich hier finden wir das stete Fortschreiten der geistigen Ueberlieferung von Geschlecht zu Geschlecht. .Aber, wird man stagen, findet sich diese Continuität des Geistes nicht auch bei anderen Völkern? Ein Beispiel möge genügen. Die Deutschen gelten heute mit Recht als das erste Culturvolk der Welt, und bekanntlich erlebte die deutsche Literatur im zwölften und dreizehnten Jahrhundert ihre erste Blüthezeit. Wer kennt heute nicht Dichter wie Wolfram und Eschenbach, Walter von der Vogelweide und Gottfried von Straßburg? Und doch vor 150 Jahren waren in ganz Deutschland nicht drei Männer, welche etwas von diesen Dichtern wußten und nicht einer war im Stande, ihre Gedichte zu lesen. Erst in unserem Jahrhundert ist der historische Sinn rege geworden. Höchst bezeichnend für die Charakteristik der verschiedenen Völker sind auch ihre Erzählungen von der Herkunft chrer Gründer. Bei allen Nationen schwebt der Begründer in Lebens-