Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 24 (12.6.1896)
- Date
- 1896-06-12
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3021115-3021140--05702-3029950- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 476 Nr. 24 Dr. Vloch's Wochenschrift. bewohner qlaubt an einen einzigen Gott, aber dabei dennoch auch an eine Menge Geister, welche die Natur und die Menschen beherrschen. Der Typus des jüdischen Gebirgsbewohners unterscheidet sich in qar nichts vom Typus der ihn umgebenden tscherkessisch-n UN) lesghinischen Nachbarn. Die Einrichtung seiner Wohnstätte und namentlich der berüchtigte Mangel an Ordnungssinn kennzeichnet die Ansiedelungen dieser Juden genau so wie jene aller übrigen kaukasischen Gebirqsstämme. Sie tragen die gleiche Tracht wie die antochthonen Einwohner und so wie alle Gebirgsbewohner legen auch die kaukasischen Juden niemals die Waffe ab. Wie bei allen Kaukasiern, lastet auch bei dem Juden alle Hausarbeit auf den Schultern des Weibes, welchem die Sorge um das aesammte Anwesen obliegt. Diese jüdischen Bergbewohner leben in Vielweiberei, haben aber selten mehr als zwei Weiber. Die Männer verbringen zumeist ihr ganzes Leben in einem äolos kur niente, Ihre Familieneinrichtung verharrt bei dieser niedrigen Civilisation selbstredend noch auf patriarchalischer Grundlage. Wir finden daselbst dieselbe gesellschaftliche Stellung des Weibes, den Verkehr beider Geschlechter, Verlobungen und Vermahlungen, Alles genau so wie im Oriente; das Weib lebt abgeschlossen und einsam. Gebräuchlich ist der Kauf der Weiber, welcher „Katyn" genannt wird. Ein Weib bat mindestens 150 Silberrubel Werthes. Selbstverständlich ist die Cultur dieses Judenstammes in seiner totalen Abgeschlossenheit noch sehr vrimiliv und blos 6 26 Vercent dieser jüdischen Gebirgsbewohner sind des Lesens kundig, alle übrigen sind Analphabeten. Sie besuchen dieselben Schulen wie die übrigen Eingeborenen; diese Schulen gleichen vollständig dem uralten Cheder. Auch die althergebrachte Art der primitiven einheimischen Heilkunde des Volkes behielten sie bei. Ihr wirthschaftlicher Entwicklungsgrad ist natürlich ein sehr niedriger, sie leb'n höchst dürftig und armselig. Von 2585 Familien besitzen blos 195 ihre eigenen Heimstätten mit armseligen Berghütten, die kaum den nothdürftiqsten Schutz gewähren. Ihre Agricultur entspricht dem sonstiaen vrimitiven Stadium ihres CuÜurzustandes und ist begreiflicher Weise auch so wenig ergiebig. 20.000 jüdische Gebirgsbewohner besitzen blos 2368 Desjatinen *) Bodens, so daß auf eine Person nur O'll Desjatinen entfallen und selbst von diesem spärlichen Besitzstände ist ein beträchtlicher Theil unfruchtbar. Der Handel in diesen unwirthsamen Gegenden ist an und für sich sehr schwach, sehr unentwickelt und äußerst primitiv und auch darin nahmen die jüdischen Gebirgsbewohner gänzlich das Wesen der Eingeborenen an. daß sie keinerlei Handel betreiben, sondern nur ihre nörhigsten Lebensbedürfnisse eintauschen. Ein ziemlich großer Bruchtheil. 10 Percent der kaukasischen Juden, muß Frohndienste leisten. Sie zeichnen sich jedoch durch Solidarität aus, welche ihnen die Möglichkeit bietet, in Fällen gemeinsamen Bedarfes einander gegenseitig auszuhelfen. Für größere wirthschaftliche Bedürfnisse, wie beispielsweise zu Häuserbauten und dergleichen, vereinigen sich alle zu gemeinsamer Thätigkeit. die ganze Ansiedlung wird aufgeboten, um dem Nachbar Hilfe zu leisten. Nennenswerth ist ihre grobe Wohlthätigleit, z. B. beim Aussalzen des Fleisches und der Eingeweide wird ein Theil davon an arme Witwen verschenkt. Rafael Lubier. Guter Rath. In der Reichstaqssitzung vom 19. d. M. gab Eugen Richter dem Antisemiten Paul Förster folgenden guten Rath: „Herr Förster emvfahl Südwestafrika als Auswanderungsplatz, um das überschüssige Menschenmaterial dorthin zu führen. Wenn Sie (zu den Antisemiten) so überzeugt sind von der Güte des Landes, so siedeln Sie sich doch mit Ihren Parteigenossen dort an! (Heiterkeit.) Das Land ist ja, wie Sie sich ausdrücken, j u d e n r e i n. (Heiterkeit.) Also nur hinüber, meine Herren, wir wünschen Ihnen eine glückliche Reise!" (Heiterkeit.) Ueber eine jüdische Oper in London schreibt der Correspondent der „Köln. Ztg." : „Der Capellmeister (zugleich Componist der großen heroischen Oper) war ans Pult getreten. Pst, pst! erscholl e?> von allen Seiten. Das Haus wurde ruhiger und ruhiger, und mich überkam eine gewisse weihevolle Stimmung. Biblischer Stoff, Altes Testament, Geschichten, die ich als Kind gelernt, verehrt und geglaubt, wovon mir noch immer ein leichter Schimmer im Herzen übrig gÄckieben, und dazu hebräische Melodien, wie sie einst vielleicht im Tempel von Jerusalem und an den Wassern von Babylon erschallten. Ich war gespannt. Der Mann gehörte nicht ans Dirigentenpult, er gehörte — vor den Strafrichter. Eine so zusammengestohlene Ouvertüre, wie die seine, war eine ganz unerhörte Leistung. Alles hatte herhalten müssen. Gounod, Wagner, Weber, Mozart, vornehmlich Donizetti, Verdi und Bellini. Ich fühlte mich ärgerlich. War ich doch gekommen, hebräische Melodien zu hören, und jetzt dieses Gemisch! Und es gar zweimal über sich ergehen lassen zu müssen, denn das Publicum ruhte nicht, bis sich der Componist zu einer Wiederholung verstanden. Endlich aber ging der Vorhang in die Höhe. Ich sah eine Dame und einen Herr» auf der Bühne — sie jung und hübsch, und er ein Krieger (es war Micha die Königstochter und Abischai ein Feldherr), die sich anscheinend nach einer Berdischen Melodie stritten. Ich horchte hin. Gort sei Dank, ich ver¬ *) 1 Desjatine 2400Q0 l1/, Joch. stand kein Wort! Also das war hebräisch! Die Sprache, die alle andern überlebt, in der Moses sein Volk angedonnert, als er vom Berge Sinai kam. in der die Propheten sangen, in der die Bergpredigt gehalten wurde. Mir wurde ganz wundersam zu Muth! Ich horchte mit gespannter Aufmerksamkeit hin! Gerechter Himmel! War endlick der heilige Geist über mich gekommen? Ich fing zu verstehen an, zuerst nur hier und da ein Wort, dann mehr und mehr — es fiel wie Schuppen von meinen Augen — es war nicht hebräisch, es war Deutsch, allerdings nicht das Deutsch Lessing's und Goethe's und Schiller's, aber Deutsch, gemauscheltes Deutsch! So ist das Leben nichts als eine ewige Kette von Enttäuschungen! Ick wußte nicht, sollte, ich mich ärgern oder lachen. In entschied mich für das Letztere und wäre hinausgeplntzt, als Saul den vor ihm stehenden Hrrtenknaben David fragt, wie er den Muth gefunden, den Kampf mit Goliath zu bestehen, und David antwortet: „Als ich hob gehütet die Ssiegen, ist gekommen gestiegen ein graußer Lew —Ich wäre hinausgeplatzt und doch schnürte mir etwas die Kehle zusammen und meine Äugen wurden feucht. Da war das volle Haus, ein Haus Israel, Tausende von Augen starr auf die Bühne gerichtet, die meisten'Gestalten vorwärts gebeugt, auf allen Gesichtern athemlose Spannnng. Leib und Seele verwoben mit dem, was sich da vor ihren Blicken abspielte. Da war König Saul, der Völkerbezwmger, der Herr vieler Lande, in seinem Palast, umgeben von Pracht und Herrlichkeit, ein mächtiger Herrscher, ihr König, und vor ihm der Auserwählte des Herrn. David, ihr David, der Saul noch zehnmal überstrahlen sollte — ihr König David — und jetzt. Alles versunken und zerfallen, und sie unstäte, vaterlandslose, verfolgte Wanderer, Flüchtlinge auf Gottes weiter Erde, die dem Himmel danken, einen Platz zu finden, wo sie vor Verfolgung sicher sind — und wenn es Whitechapel ist! Wie müssen diese armen Juden fühlen! Sie muß sie alles ergreifen, was sich auf der Bühne abspielt! Für sie war es eine große, heroische Oper". An die Abtrünnigen. Von Adolf F r e y h a n. Begeistert für die Wahrheit und das Recht Sind Eure Väter ihren Weg gewandelt, Doch Ihr, ein ehrvergessenes Geschlecht, Habt treulos an der Ahnen Stamm gehandelt. Der frommen Väter stolzes Heiligthum, Um das sie manch' Jahrhundert lang gestritten Und, unbesiegbar, das Martyrium Des Feuertods und' Schmach und Hohn erlitten. Das sie Euch anvertraut als höchstes Gut, Habt Ihr, ein Volk gesinnungsloser Erben, Verrathen und verkauft mit kaltem Blut, Um eitel Rang und Titel zu erwerben. Just wie ein nichtig Ding, ein schlecht' Gewand Man von sich wirft, so warft Ihr sonder Zagen Den Glauben weg, der uns mit Euch verband Und durch der Zeiten Stürme uns getragen. Euch lenkt die Scham uni eig'nes Fleisch und Blut, Ihr aber nennt's das Machtgebot der Zeiten, Ihr rühmt Euch mit der Ueberzeugung Muth, Und seid zu feig', für Euer Volk zu streiten. Und seid zu feig, mit Eurem Volk das Leid Gemeinschaftlich zu tragen und zu dulden, Das ihm der Bruderhaß und Wahn und Neid Von Alters her bereitet ohn' Verschulden. Und was gewännet Ihr? Der Gegner spricht Verächtlich von dem Spiel, das Ihr getrieben; Er achtet Euch und Euer Opfer nicht," Was Ihr ihm wart, das seid Ihr ihm geblieben. Auch seine Lehre beut der Pflichten Last, Und nun Ihr Eurem Glauben abgeschworen, So seid Ihr dort ein ungebet'ner Gast Und Euer Glaubensheim habt Ihr verloren. Wo ist der Port, der Euer Schifflein schützt, Wenn es im Kampf mit Sturmesnoth und Wellen, Wo ist der Anker, der es hält und stützt, Droht es an felsiger Klippe zu zerschellen! Weh, über Euch, wenn mit gewalt'ger Macht Des Schicksals Prüfung Euch entgegenschreitet, Und wenn des bangen Zweifels düstre Nacht Die Schwingen über Eure Seele breitet. Und doch, und doch es reut Euch einst der Fehl; Dann flüstert Eure Lippe im Vereine Mit Euren Brüdern: „Höre Israel Gott, unser Herr ist einzig, ist der Eine!"