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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-06-12 · 24 (12.6.1896) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
24 (12.6.1896)
Date
1896-06-12
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 24 Dr. Vloch's Wochenschrift. Seite 473 Der vom Vertreter Herrn Dr. Gustav Kohn erstattete Bericht über den würdigen Verlauf einer Generalversammlung des Brigittenauer Tempelvereines wird zur Kenntniß genommen. Ueber Antrag des Herrn Vertreters Hieldburghäusser werden einige würdige Greisinnen in das Altersversorgungshaus der Cultusgemeinde ausgenommen. Herr Dr. Stern gibt einen zusammensassenden Bericht über die letzten Modificationen des Statutenentwurfes und gibt der Erwartung Ausdruck, daß die Neuwahlen in den Vorstand auf Grund des Neuen Statutes im Herbste zur Vornahme gelangen werden. Ein interessantes Gegenbild zu der bedauerlichen Finanzlage der Wiener Cultusgemeinde bietet der eben erschienene Bericht der Berliner üdischen Gemeinde 1893,95, auf welchen Herr Dr. Steiner in instructiven Ausführungen die Aufmerksamkeit lenkt. Dem Wiener Deficit von 56.000 fl. gegenüber erscheint dort ein Gebahrungsüberschuß von rund 250.000 Mk. Während in Wien auf eine Bevölkerungsziffer von 130.000 jüdischen Einwohnern eine Cultussteuersumme von 190.000 fl., sohin per Kopf 1 fl. 45 kr. entfallt, beträgt in Berlin bei 80.000 jüdischen Einwohnern die Cultussteuer 910.000 Mk., sohin 11 Mk. 37 Pf. 6 fl. 80 kr. per Kopf. Wien weist auf je 10 jüdische Einwohner einen Steuerzahler, zusammen 13.016 Steuerzahler auf, Berlin schon auf je fünf jüdische Einwohner einen Steuerzahler, zusammen 16.235. Sohin entfällt in Wien auf einen Steuerzahler eine Cultussteuer von durchschnittlich 14 fl. 50 kr., in Berlin von 57 Mk. 34 fl. 20 kr. Dieser günstigen Lage entsprechend, kann in Berlin für die einzelnen Cultuszwecke weit mehr geleistet werden, als in Wien. So verwendet Berlin 180.000 Mk. als Gemeindezuschuß für gottesdienstliche Zwecke, Wien nur 31.000 fl. -- Die Religionsschulen der Berliner Gemeinde kosten 122.000 Mk., die der Wiener Gemeinde haben nur 43.000 fl. zur Verfügung. Allerdings verwendet die Wiener Gemeinde für Wohlthätigkeitszwecke 72.000 fl., während der Berliner Gemeindezuschuß für solche nur 62.000 Mk. Beträgt; allein das scheinbar geringere Berliner Bedürfniß erklärt sich daraus, daß die diversen Berliner Wohlthättgkeits-Anstalten außerordentlich reich fundirt sind. So konnte z. B. aus der Dr. Ephraim- Sttstung ein Bettag von 164.000 Mk. flir Arme verwendet werden; die vorhandenen sieben Waisen-Jnstittitionen haben an drei Millionen Mark zur Verfügung; das Alters-Versorgungshaus beherbergt 191 Greise und Matronen; das Krankenhaus hat eben eine Schule für jüdische Pflegerinnen eingerichtet; neuestens hat der Fabrikant Manheim zur Vergrößerung des Siechenhauses 500.000 Mk. gespendet. Vergleicht man mit diesen Ziffern die bescheidenen Wiener Zahlen, so drängt sich die Frage auf: „Wo steckt denn das goldene Wiener Herz." Leider erhellt aus dem Angeführten, daß man in Berlin mehr Pflichtgefühl und Gemeinsinn kennt, als dies in Wien der Fall ist; wie sehr dort die Anhänglichkeit an den väterlichen Glauben vorwaltet, geht auch daraus hervor, daß die Austritte aus der jüdischen Gemeinde in Berlin per Jahr 80 bettageu gegen 400 in Wien! — Zu hoffen bleibt es, daß die demnächstige Neuconstituiruug der Wiener Cultusgemeinde bessere Verhältnisse anzubahnen ermögliche. Mit diesem äußerst interessanten Berichte des Herrn Vorstandsmitgliedes Dr. Steiner über die Verhältnisse der Berliner jüdischen Gemeinde, gegenüber welchen die der Wiener Gemeinde leider bedeutend zurückstehen, schloß die öffentliche Sitzung. Vom Jahrmarkt des Lebens. Eine Abfertigung. Berlin, 6. Juni. Im Reichstage kam heute der socialistische Abgeordnete Singer nochmals auf die Getteidespeculation des agrarischen Abgeordneten P l ö tz zu sprechen. Er sagte: Wenn Plötz sich entschuldigt, er habe nur kleine Getreidetermingeschäfte gemacht, so erinnert das an jenes Mädchen, welches, befragt, ob es ein Kind habe, antwortete: „Ja, aber nur ein ganz kleines." (Stürmische Heiterkeit.) Uebrigens sind Plötzens Börsengeschäfte gar nicht klein. Er handelte einigemale 500 Tonnen Getteide, dabei können sich schon ganz artige Differezen ergeben. Ich weiß Jemanden, der 60.000 M k. bei 500 Tonnen verloren hat; aber verloren ist nicht der richttge Ausdruck, denn e r h a t die Differenzen nicht bezahlt. (Heiterkeit.) Wir Sozialdemokraten haben keinen Grund, unsere Gegner zu schonen. Plötz hat es sich selbst zuzuschreiben, wenn ich bewiesen habe, daß er an der Börse anders handelt, als er in der Presse schreibt und im Reichstage spricht (Lebhafter Beifall links.) Die Confervattveu schwiegen; auch Plötz wußte nichts zu erwidern. Der „Bund der Landwirthe", dessen Seele Herr v. Plötz ist, führt einen Bernichtungsttieg gegen die Börse, und zwar in Formen, die als vandalifch bezeichnet werden können und — Herr von Plötz, die Seele dieses Bundes, fein Präsident, betheiligt sich selbst am Börsenspiele. Der Fall ist fiir jeden Tieserblickenden ein äußerst ernstes Symptom. Herr v. Plötz bezieht als Präsident des „Bund der Landwirthe" einen Jahresgehalt von 40.000 Mark, wobei die gewöhnlichen (jedoch nicht die außergewöhnlichen) Repräsentationskosten mit eingerechnet sind. Der Bund setzt außerdem ein ganzes Heer von Beamten, Zeitungsschreibern, Wanderrednern, Agitatoren u. s. w. in Nahrung. Wenn man annimmt, daß in diesen Kreisen in schärfster Tonart gegen die Börse geeifert wird, während man sich gleichzeitig an dem verurtheilten Treiben selbst betheiligt — so entsteht natürlich die Frage, ob man nnbedingtes Vertrauen in die Persönlichkeiten und in das Programm des „Bundes der Landwirthe" setzen darf. Gegen Herrn Liebermann bemerkte der socialdemokratische Redner: „Lassen Sie doch mal die öffentliche Meinung die sittliche Qualität Ihrer Führer und der svcialdemokrattschen Führer vergleichen! Wir haben keine Zuchthäusler, keine Meineidigen in unseren Reihen, keine, die in der öffentlichen Meinung mit Recht veracht e t s i n d. Vor dem Forum der öffentlichen Meinung kann die socialdemokrattsche Partei einen Vergleich mit der antisemittschen aushalten. Man muß das Gebühren der Antisemiten innerhalb und außerhalb des Hauses zurückweisen, weil es zu Gewohnheiten sich ausbildet, bei denen man entweder mit dem Dreschflegel drein schlagen oder st i l l s ch w e i g e n d e Verachtung ü b e n muß..." Die Antisemiten unter sich. Wie Liebermann von Sonnenberg in der „Antis. Correspondenz" vom 14. Mai 1896 erklärt, sind die „ungeheuerlichen Beschuldigungen" des „unglücklichen" Carl Paasch gegen ihn „Ausgeburten einer krankhaften, schmutzigen Phantasie." Wie schrieb die „Antis. Corresp." vor den Angriffen Paasch's gegen seine Parteigenossen über diesen Mann? Nur eine kleine Blumenlese aus dem Jahrgang 1891: Nr. 158 (Referat über Dr. Erwin Bauer's Vortrag): „Ter verdiente und mnthvolle Vorkämpfer unserer antisemitischen Bewegung." „Das Werk (Paasch's) ist m i t s ch a r f e m u n d k l a r e m G e i st e, immer von großen Gesichtspunkten ausgehend, geschrieben, wie überhaupt Herr Paasch vor seiner Inhaftnahme allseitig als ein g e i st i g hervorragender Mann bezeichnet wurde." Es wird ein Brief Rohling's an Paasch mitgetheilt, in dem R. schreibt, daß P.'s Buch „Gold" sei. Dr. Bauer fährt wörtlich fort: „Sie können daraus ersehen, wie dieser hervorragende Gelehrte über das Buch und den Geisteszustand von Carl Paasch dachte. Sein Urtheil wird vielleicht noch einmal für Carl Paasch von Bedeutung sein gegenüber den Erkenntnissen jüdischer Irrenärzte in Berlin?" Daß Lieber - m a n n von S o u n e n b e r g einst an die Stelle jüdischer Irrenärzte tteten würde, hat Dr. Bauer wohl nicht vorausgesehen. Die Kämpfe der verschiedenen antisemitischen Richtungen untereinander bekommen nachgerade ein so burleskes Gepräge, daß selbst die „Krzztg." nicht mehr umhin kann, sich darüber lustig zu machen. Sie bringt einen scherzhaften Bericht über eine Versammlung der deutsch-liberalen (angeblich freifinnnigen) Antisemitenvereinigung, dem wir das Nachstehende entnehmen: „Die Einladung an den Anschlagsäulen lautete: „Deutsches Behmgericht über die antisemitische Reichstagsfraction als Volksvertreter! Nur Germanen haben Zutritt!" Die Controle an den Thüren war aber nicht sehr streng. Wer 20 Pfennige bezahlte und sich mit einer nicht gar zu krummen Nase legitimiren konnte, wurde anstandslos Hineingelasien. Um 8'/^ Uhr sollte es losgehen, um 6'/4 aber saßen die 30 Personen, die sich nach und nach glücklich zusammengesunden hatten, noch in dem geheimnißvollkn Halbdunk l des nur ganz spärlich erleuchteten Saales. Zu mehrfacher Ueberraschung hatte auch eine längflvergesiene Größe die Versammlung mit ihrer An-

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