Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 24 (12.6.1896)
- Date
- 1896-06-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 470 Dr. Bloch's Wochenfchrist Nr. U Zwei schreckliche Ereignisse bei der letzten Zarenkrönung. Von Dr. M. L. S t e r n. 2—3000 Menschen sollen im Volksgedränge anläßlich einer Geschenksvertheilung zur Verherrlichung der Zarenkrönung ums Leben gekommen sein! Wir möchten gerne hoffen, wenn wir es auch nicht annehmen können, daß die Berichte über die Katastrophe unendlich übertrieben sind, es bliebe immer noch schrecklich genug. Das Ereigniß ist umso bedauernswerther, als sich der edle junge Zar, dem guter Wille nachgerühmt wird, kaum eines leisen Anfluges abergläubischeir Gefühles dürfte erwehren können, das ein solcher Unglückssall gerade inmitten solcher Krönungsfeierlichkeit mit psychischer Naturnothwendigkeit selbst dem aufgeklärtesten Geiste einzuflößen geeignet ist. Daran ändert auch die Thatsache nichts, daß die Geschichte analoge Fälle zu verzeichnen hat. Am 30. Mai 1770 ist bei einem Feuerwerke, welches die Stadt Paris zum Beschlüsse der Vermählungsfeierlichkeiterl vom nachmaligen König Ludwig XVI. mit Maria Antoinette veranstaltete, durch den Mangel gehöriger Vorkehrungen ein entsetzliches Gedränge entstanden, in welchem mehrere hundert Menschen umkamen. Aberglauben ist Aberglauben und er hat durchaus keine Bedeutung; aber einen Grund hat er zuweilen doch. Darum wäre es aber doch thöricht, wenn ein aufgeklärter Mensch von solchem Omen sich seine Lebens- und Thatenlust nur irgendwie trüben ließe. Gerecht, menschenfreundlich, zielbewußt handeln und streben, ist der beste Schutz vor jedem noch so bösem Omen, das uns nur irgendwie bedrohen mag. „Du masol lejisroel“. Der Israelit, heißt es, der ist, wie er sein soll, unbeirrt im Rechten und Wahren, kennt keine abergläubische Anwandlung. Nicht minder schrecklich war die zweite Katastrophe dieser prunkvollen Kaiserkrönung — die absichtliche, planmäßige Zurücksetzung und Beleidigung des Judenthums und der israelitischen Unterthaneu des Zaren. Das heiße doch übertreiben, werden Viele meinen, die das sichtbare Unglück für größer erachten, als das, welches nur empfunden werden kann. Es ist ungemein schmerzvoll, an so viele Leichen von Menschen zu denken. Das Herz krampst sich einem schmerzlich zusammen bei dem Gedanken an die Witwen und Witwer, die ihre Männer oder geliebten Frauen beweinen, an die Kinder, die verwaist, an die Eltern, die da ihrer Kinder beraubt wurden. Man kann die Schilderung dieser Unglücksscenen nicht lesen, ohne Thränen zu vergießen. Ist es aber nicht auch unsäglich schmerzlich, an fünf Millionen tief gekränkter Menschen zu denken, an diese fünf Millionen Juden, die ihren Fürsten lieben, die vertrauensvoll aus den jungen edlen Monarchen blicken, sich an einige vornehme Herzenszüge des neuen Herrschers mit der Hoffnung aus nahe Erlösung klammern, und die hinter den Pagoden, Heiden, Hindus n. s. w. zurückgesetzt und mißachtet werden. Daß dieses eben noch immer nicht allgemein schmerzhaft empfunden wird, ist die Katastrophe. Diese Beleidigung kann ja gar nicht einmal mehr als Antisemitismus bezeichnet werden. Denn mehrere semitische Völkerschaften waren zur Theilnahme eingeladen. Es war der reine Judenhaß, deutlicher beabsichtigte Kränkung und Verhöhnung der jüdischen Religion. Das Heidenthum wurde von Christen über das Judenthum emporgehoben. Die Katastrophe ist umso größer, weil diese Zurücksetzung nicht so sehr auf die Christen, als vielmehr vielfach auf das Christenthum selbst zurückgefnhrt werden muß. Es wird dadurch zur Katastrophe der religiösen Wahrheit. In Wien ist es kein Geheimniß mehr, daß dort der Katholizismus die Antisemiten zu seinen Protectoren erhoben hat und sie als solche fördert. In Deutschland verschmäht es nicht der Protestantismus, welcher dem Judenthum noch viel näher als der Katholizismus steht, in diesen antisemitischen Koth hineinzusteigen. In Rußland bewährt sich die Schmähung des Judenthums als die Grundanschauung der orthodoxen Kirche. Von Rurik, dem Begründer der russischen Herrschaft um das Jahr 862, wird erzählt, daß er in der Wahl zwischen Islam, Judenthum und Christenthum sich für das Letztere mit dem Bedeuten entschied: Moslemen mögen wir nicht werden, da wir auf das Trinken nicht verzichten wollen, Juden nicht, da wir uns nicht von solchen belehren lassen wollen, die Gottes Zorn über alle Welt zerstreute. An dieser letzteren Begründung erkennen! wir sofort die Einbläser derselben, sie ist uns schon von früher I bekannt gewesen. Und über diese Anschauung, welche eine göttliche, zwar leidensvolle aber erhabene Mission als göttlichen Fluch auffaßt, ist Rußland heute 1896 noch nicht hinausgekommen. So gefällt sich die Christenheit aller drei großen Bekenntnisse in der gemeinsten und verlogensten Beschimpfung des Judenthums, also des eigenen Ursprunges. Das ist darum auch eine Katastrophe des Christenthumes — denn es ist ganz und gar nicht christlich. Muß man da nicht unwillkürlich au den schönen Mahnruf des Propheten Jesaias denken: „O schauet doch auf den Felsen, aus dem ihr gehauen seid, ans die Grubeshöhlung, aus der ihr gegraben wurdet!" Ueber das, was christlich ist, möchte uns die Christenheit gerne das Berständniß absprechen. Sie stellen es gewöhnlich so dar, als ob wir, auf der unteren Stufe des Judenthums zurückgeblieben, zur Höhe des Christenthums noch nicht gelangt und dieses zu begreifen noch immer nicht fähig wären. Das ist die reine Umkehr des thatsächlichen Verhältnisses; die Völker, die durch das Christenthum dem Judenthume näher gebracht wurden, sind es vielmehr, die noch immer nicht zu einem vollen unbefangenen und wahrheitsgemäßen Berständniß des Judenthnms gelangt sind. Wir kennen das Christenthum bis auf das innerste Wesen, seine bedeutungsvolle Mission, seine Vorzüge, seine Hauptideen, seine Entwicklung, ja auch die oft blutige Geschichte seiner Ausbreitung. Wir kennen das Christenthum, und um ganz auf den Gedanken Leffing's im Nathan einzugehen, darum gerade erachten wir jeden rechtlich denkenden, edlen, gebildeten und inenschlich fühlenden Christen als — Israeliten. Abermals die edlen Brüder Münzer. Vor dem Wiener Schwurgerichte hat sich dieser Tage ein seltsamer und — glücklicherweise! — auch seltener Proceß ab-! gespielt. Es handelte sich um eine Ehrenbeleidigungsklage der I unseren Lesern aus mannigfachen, in der „Oesterreichische« Wochenschrift" erschienenen Portraitskizzen bekannten Brüder Lazar und David M ü n z e r gegen einen hervorragenden Drohobyczer Glaubensgenossen, welcher diese „Anttsemiten honoris causa" in der Oeffeutlichkeit gebührend beleuchtet hatte. Die Brüder Lazar und David Münzer sind die Chefs jener Sensenfirma „Münzer und Comp.", welche durch Tausende unter der Landbevölkerung verbreitete antisemitische Pamphlete einen jüdischen Cvncurrenten ans dem Felde schlagen wollte. Sie sprachen in diesen Circularen von „jüdischen! Betrug", von „Talmudjuden und galizischen Schwindlern", — kurzum, sie benützten die antisemitische Bewegung, um aus derselben für ihr eigenes Geschäft Capital zu schlagen, obgleich sie selbst sich zum jüdischen Glauben sich bekannten und aus Galizien stammten. Dieses Treiben der Sensenfirma „Münzer und Comp." wurde zuerst im Organe des Berliner Vereines „zur Abwehr des Antisemitismus" aufgedeckt; dann stellte die „Oesterreichische Wochenschrift" die Brüder David, Lazar und Jakob Münzer an den Pranger; aber sonderbar, die Herren klagten nicht die „Oesterreichische Wochenschrift", sondern jene Persönlichkeit, welche unserem Blatte, allerdings unter Nennung ihres vollen Namens, die erforderlichen Informationen über das edle Brüder- Trio gegeben hatte. — Wer ist rum in diese«! Processe verurtheilt worden? Der Angeklagte erhielt eine Geldbuße von 500 fl., weil er in der Form über die Grenze des strafgesetzlich Zulässigen hinausgegangen ist. Was aber den Inhalt der gegen die Brüder Münzer erhobenen Beschuldigungen betrifft, so ist der Beweis der Wahrheit in vollstem Maße e r b r a ch t worden, eine Thatsache, die auch in dem Verdicte der Geschwornen und in der Urtheilsbegründung zum Ausdrucke kam. Die antisemitischen Pamphlete, welche in alle Welt versendet wurden, lagen dem Gerichte zur Einsicht vor und aus der Zeugenvernehmung des ehemaligen Abgeordneten Dr. Bloch gewann das Gericht die Ueberzeugnng, welch tiefe Erregung sich aller jüdischen Kreise über dieses Treiben der Brüder Münzer bemächtigt hatte. In einer scharfen Controverse, welche sich zwischen diesem Zeugen und den Privatklägern entwickelte, hatten die Letzteren die Stirne, zu fragen, warum Dr. Bloch, statt der Sache in seinem Blatte die weiteste Verbreitung zu geben, im Interesse des Judenthnms nicht lieber die Brüder Münzer freundschaftlich oder väterlich ermahnt hätte, ihre das Jndenthum schändenden Circuläre einzustellen. Man muß sich nur die Vorgeschichte dieses Processes und die Bestimmung der „Oesterreichische« Wochenschrift" vor Augen halten, um die ganze Unverfrorenheit dieser Frage zu erfassen! . Die „Oesterreichische Wochenschrift" dient der Ver-