Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 24 (12.6.1896)
- Date
- 1896-06-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 24 Dr. Bloch’s Jahrgang XIII Centralorgan für die gefammten Interessen des Iudenthums. J L. k. PoSsparcaNrn-AmI Clrsringv erkrhr Nr. 610.976. lUbKctttm und Hbmtntffralüm: W l r n rinlrrr r „gartrnflrahr I» Tel8phoii''Kr. 6535. =* Wien, 12. Juni 1896. Erscheint jeden Freitag. ^Brief-Adresse: Wien. I.. Hauptpostamt — Fach. Telegramm-Adresse: Bloches Wochenschrift Wien. »rrug»prris für Srstrrrrirh: Halbjährig 4 fl. — 8 Stt. Einzelexemplare tB kr. Für'» JRumlimd: halb'^hrig L ff. — IO Ar. ganzjährig 10 „ — 28 B Anzeigen: Die 4mal gespaltete Petitzeile IS kr. Inhalt. Leitartikel: Vide3nt consules! — Zwei schreckliche Ereignisse bei der letzten Zarenkrönung. — Abermals die edlen Brüder Münzer. — Oessentliche Sitzung des Borstandes der israelitischen Cultusgemeinde Wien, am 7. Juni 1896. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Eine Abfertigung. Die Antisemiten unter sich. Der Antisemit Feichtinger. Ein Seitenstück zum Fall Rauh. Ein antisemitischer Ehrenmann. Pater Chotkowski. Auch ein Anticorruptionist. Ein Brief Hans Kudlich's. Das Antisemitheon. Ein literarischer Rothschild. Ein jüdisches Bergvolk. Guter Rath, lieber eine jüdische Oper in London. An die Abtrünnigen. — Völkerpsycholvgische Betrachtungen über das Judcnthum. — C o r r e s P o n d e n z e n : Wien, Ischl, Innsbruck, Budapest, Lemberg, Trient. Berlin, London, Kopenhagen, New-Uork. — B e r m i s ch t e s: Wien, Innsbruck, Budapest, Prag, Gsding. Sambor, St. Petersburg, London, New-York. — Feuilleton: Kinder des Ghetto. — Bogumil Kwiecinski, recte Berl Blum. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Videant consules! Je trauriger sich alle politischen und socialen Verhältnisse in der diesseitigen Reichshälfte gestalten, umso Heller leuchtet die Glnth patriotischer Begeisterung und die stammende Liebe zur Freiheit, mit welcher das gesammte ungarische Volk seine Millenniumsfeier begeht. In Cisleithanien der wildeste Krieg aller gegen Alle, in Ungarn die Vereinigung aller Parteien, Nationalitäten und Confessionen in den: stolzen Bewußtsein einer tausendjährigen, ruhmreichen Vergangenheit, in Wien frevelhafte Demonstrationen, die näher zu bezeichnen uns die Ehrfurcht verbietet, in Budapest das erhebende Schauspiel inniger Uebereinstimmung zwischen Herrscher und Nation! In einer Stunde erreicht man von Wien aus die ungarische Grenze; und dennoch klingen die Worte, die bei der Huldigungsfeier in Budapest zwischen dem Präsidenten des ungarischen Abgeordnetenhauses und dem Monarchen gewechselt wurden wie märchenhafte Töne aus einem fernen, fernen Wunderlande, wo man unter Vaterlandsliebe und Religion nicht die Verfolgung Andersdenkender und Andersgläubiger versteht. „Unverletzlich wie die politische Einheit des u n g a r i s ch e n S t a a t e s", so sagte Desider von Szilagyi in seiner Ansprache an den Monarchen, „ist die Gleichheit auf dem Gebiete der individuellen und politischen Rechte ohne Unterschied der Race und des Glaubens, ist die gerechte und gleichmäßige Beth ei lig ung A l l e r andemsiaatlichen Schutze und an denWohlthaten der st a a t l i ch e n Fürsorge". Kein liberaler Führer in Cisleithanien hat jemals solche Worte an die Majestät der Krone gerichtet. Aber was uns hiebei mit der Empfindung schmerzlichen Neides erfüllt, ist die Ueberzeugung, daß diese Worte kein leerer Schall sind, sondern daß sie auch wirklich den Thatsachen entsprechen. In der jenseitigen Reichshülfte gibt es in Wahrheit keinen Unterschied der Race und des Glaubens,und der erste Versuch, auch dort dieRacenhetze und den Glaubenskrieg einzubürgern, ist von den weitblickenden ungarischen Staatsmännern im Keime erstickt worden. Und darum konnte der Herrscher mit vollem Rechte von der glühenden Vaterlands- und Freihe i ts l i e b e der ungarischen Nation sprechen und rühmend hervorheben, daß Ungarns Söhne untereinander stets in brüderlicher Eintracht lebten. Mit besonderem Nachdrucke hat der Monarch auch auf den unverletzlichen Verband der beiden Reichshälften hingewiesen und den Wunsch geäußert, daß die Sympathie der Angehörigen beider Staaten der Monarchie eine gegenseitige sei. An dem^Tage aber, wo diese kaiserliche Mahnung in feierlichster Form an die Völker der österreichisch-ungarischen Monarchie gerichtet wurde, rief der erste Vicebürgermeister der Stadt Wien in einer Versammlung aus: „Jeder Oesterreicher, der noch einen Funken Patriotismus im Leibe hat, ist ein ehrloser Lump, wenn er es wagt, nach Budapest zu gehen." Wahrend der Kaiser die Huldigungen seiner treuen Ungarn entgegennimmt und sich mit ihnen des tausendjährigen Bestandes des ungarischen Staates freut, während alle europäischen Fürsten ihn zu dieser erhebenden Feier beglückwünschten und ihre Vertreter nach Budapest entsendeten, begeht Herr Lueger eine Schmähung, deren Kühnheit nur noch von ihrer Rohheit übertroffen wird! Mit der Hetze gegen die Juden verbindet sich die Hetze gegen Ungarn und gegen den Bestand der Gesammtmonarchie, und die eine wie die andere nimmt Formen an, welche jeden patriotisch und dynastisch empfindenden Staatsbürger nur mit tiefer Abscheu erfüllen können. Wie hoch sollen die Schmutzwellen des Antisemitismus noch emporspritzen'? Man erfasse die volle Bedeutung des Gegensatzes, in welchen sich Herr Lueger zu jener untheilbaren Einheit stellt, welche Volk und Krone in Ungarn bilden, man erinnere sich der Vorgänge bei der jüngsten Frohnleichnamsprvcessiou in Wien und man wird verstehen, wohin in letzter Linie diese Bewegung zielt, die man durch fünfzehn Jahre geduldet und durch passive Assistenz großgezogen hat. Videant consules!