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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-06-05 · 23 (5.6.1896) · page 19

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
23 (5.6.1896)
Date
1896-06-05
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Nr. 23 Seite 467 Dr. Vloch's Wochrnsthrifi. auf dem sich das Gebäude des Judentums für alle Zeiten erhebt, ein Gebäude, das durch Gemeinheit der Gesinnung und durch die alles unterwühlenden Zeitströmungen nie und nimmer wird zerstört werden können. Der Herausgeber läßt diesmal seine Quelle selbst reden, „kein Grab ist es, was sich in diesem Buche vor uns aufthut, sondern ein Menschenherz". Ein jüdisches Weib, eine jüdische Mutter spricht zu uns. Sie redet zu uns in den traulichen Tönen jenes uns so anheimelnden I u d e n - D e u t s ch, in welchem das jüdische und deutsche Element innig mit einander verbunden sind. Wie freundlich wohnen da Ost und West mit einander! — So ist das vorliegende Werk zunächst interessant für den Sprachforscher. Auch in diesem Buche finden sich viele echt deutsche Worte, die aus dem SPrachgebrauche verschwunden sind, bei den Juden aber in Folge ihrer Abgeschlossenheit sich erhallen haben. Ist doch schon der Name unserer Heldin Glücke! ein echt deutscher. Man vergleiche damit die altdeutschen Verwandtennamen Aetti, Memme, Harrle, Frahle, Mümele. (Ich verweise im klebrigen in dieser Richtung auf die ausgezeichnete Arbeit von M. Grün bäum „die jüdisch-deutsche Literatur in Deutschland, Polen und Amerika in dem Werke von Wünsche-Wi nter 3. Band, Seite 533—623.) Zur Probe wollen wir hier einige solche altertümliche Worte aus Glückel's Memoiren hervorheben: Seite 22 mang (rwerf es mang die heiser“) — zwischen, unter (nach Grimm's W. B.), Seite 34 „K l a f f z i m m e r", eine deutsche Volksetymologie für elavicirndalnm, woraus auch das französische clavecin entstanden ist; Seite 45 gewan ein Knäblein statt gebar ein Knäblein; Seite 68 timnias für Geschäft, Seite 102 breihahn für Weizenbier, Seite 109 „wasdermaer ist was vorgeht, Seite 149 roef Kajüte, ebenda, w a 1 o n für Wasserwirbel, Seite 185ichtsicht etwas, irgend, Seite 189, peppchen päppchen Brei, Seite 194 inst — Verlust, Seite 218 enthalten verschweigen, Seite 224 in mittel zu springen sich ins Mittel legen, Seite 227 gepreit ein geladen, Seite 238 gekiffelt gezankt. (Sander's W. B. I. 890 a.) rc. — Wir können nur mit dem gelehrten Herausgeber wünschen, daß sich bald eine berufene Kraft finde, welche die vorliegende Quelle dazu benütze, um das sprachliche Element in ihm festzustellen, und nicht nur in Bezug auf die deutsche Sprache, sondern auch in Bezug auf die anderen zahlreich vorkommenden fremden Worte. Ist auch die Sprache in unseren Memoiren vorherrschend deutsch, der Inhalt ist jüdisch. Es sind 7 Bücher von Denkwürdigkeiten, welche ein einfaches jüdisches Weib Glücke! von Hameln, „wie sie nach dem sagenumwobenen ersten Wohnorte ihres Gatten genannt wurde" niedergeschrieben hat. Sie stand in ihrem 44. Lebensjahr, als ihr der Tod am 16. Januar 1689 den treuesten Gatten, Chajjim Hameln, und ihren 12 Kindern den Ernährer entriß. Wie er aus's Krankenlager geworfen wurde, wie er hinsiechte und starb, dies bildet ein ergreifendes Capitel in den an gemüthvollen Erzählungen so reichen Denkwürdigkeiten. Schon in dem Hause ihres Vaters Lob Pinkerle in Hamburg, der bei den Behörden die ruhige Niederlassung (Stättigkeit) der Glaubensgenossen in der Hansastadt erwirkt hatte, konnte Glücke!, welche ein scharfes Auge und verständige Beobachtungsgabe für alle öffentlichen Vorgänge auszeichnete, die verschiedenartigsten Eindrücke in sich aufnehmen und so mengen sich in ihre frühesten Erinnerungen schon die Schrecken des Schwedenkrieges und die Bilder der jüdischen Flüchtlinge, welche vor dem Schwerte des Kosakenhetmans Chmelnicky bis in den deutschen Norden gejagt wurden. In diesem Sinne sind die Denkwürdigkeiten dieses schlichten Weibes äußerst lehrreich, indem eine Familiengeschichte von dem Hintergründe der reichen Zeitgeschichte sich scharf abhebt. Auch das in diesen Memoiren vorhandene überreiche culturgeschichtliche Material harrt seines Bearbeiters, ebenso wie die Aufsuchung der Quellen der vielen eingestreuten jüdisch-deutschen Erzählungen lehrreichen Inhalts, welche das Werk zu einem wahren Erbauungsbuche, zu einer Hauspostille im Sinne und Geiste der Minorat hamoaur oder Zeena und Reena machen. In der Einsamkeit ihres Herzens, als sie 1691 die Feder ansetzte, die 7 Bücher ihrer Sichronoth zu schreiben, hatte fle sich vorgenommen, von den Kämpfen und Leiden ihres Lebens im Lande der Väter, im heiligen Lande auszuruhen, aber das Schicksal hatte es mit ihr anders beschlossen. Auf Drängen ihrer Kinder zumal ging sie daran, am 9. Juni des Jahres 1700 ehrenvoll nach Metz geleitet, die Gattin Cerf Lävy's zu werden, welcher als angesehener Bankier bei Juden und Christen das größte Vertrauen genoß. Sie mußte den Zusammenbruch des Vermögens ihres Gatten erleben, konnte sich aber damit trösten, daß dabei niemand ein Unrecht zugefügt wurde „denn dies istdieersteFrage. die man im Jenseits st eilt, ob man auch in Handel undWandel st ets rechtschaffen gewesen i st" wie sie selbst sagt. In der Nacht auf den 24. Juli 1712 erlöste der Tod ihren zweiten Gatten von seinem nunmehr freudlosem Dasein. Und wieder ist es der Tod des Gatten, der Glücke! zum Schreiben drängt. „Mit liebevollem Blicke für alle Vorgänge im Schoße der Gemeinde führt sie ihre Denkwürdigkeiten, die dadurch zugleich die der Judenschaft von Metz geworden sind, bis zum Jahre 1719 fort". Wie sie gelebt, fromm und gottergeben, so ist sie auch und zwar am 19. September 1724, 79 Jahre alt, gestorben. Die Denkwürdigkeiten dieser kraftvollen Natur, dieser ausgezeichneten Gattin und liebreichen Mutter, die mit wahrer inniger Frömmigkeit, ungewöhnliche Gaben des Geistes vereinte, wurde von ihren Kindern wie ein Schatz gehütet und besonders ihr Sohn Mose Hameln, nachmals Rabbiner in Baiersdorf ließ es sich angelegen sein, die Memoiren aus ihrer eigenen Handschrift zu „translatiren". Die von Kaufmann veranstaltete Ausgabe beruht auf zwei Handschriften, von denen eine aus dem Besitze des Herrn Dr. Eugen Merzbacher (91 Merzbacheriana in München), stammt, während die andern sich jetzt im Besitze des Herrn Theodor Hecht in Frankfurt am Main befindet. Die Ausstattung des Buches ist eine höchst gefällige und wir können nur ein Anliegen Vorbringen: Möge recht bald eine, wenn auch gekürzte Ausgabe des Buches mit deutschen oder lateinischen Lettern erscheinen, damit sich ein größeres Publikum an seiner Gemüthsinnigkcit erfreue. Wir denken uns eine solche Ausgabe mit Hinwezlassnng alles störenden und überflüssigen Beiwerks; dann wird das Buch das werden, was es zu werden verdient, ein Haus- und Familienbuch, auf daß sich die spätesten Nachkommen daran erfreuen, was einst in der schlichten Einfalt ihres Herzens, aber mit seltener Schärfe des Geistes, mit richtigem Urtheil klarem Sinne und Hellem Auge niederschrieb für ihre Kinder und Enkel, eine jüdische Mutter, ein im edelsten Sinne des Wortes jüdisches Weib. Dr. Max Grünfeld. Kauft nur bei Christen! Unter diesem Zeit- und Schlagwort veröffentlicht soeben ein Arier (Verlag von Jacob B. Brandeis, Prag) eine kleine Broschüre, in welcher mit den Waffen, welche die Wahrheits-, Rechts- und Menschenliebe liefern, die nichtswürdigen, in dem erbärmlichsten Egoismus wurzelnden Bestrebungen des Antisemitismus gegeißelt werden. Der Autor hat sich eine ebenso interessante als originelle Form für seine Ausfilhrungen gesucht, die es verdienen, Beachtung zu finden. Das Judenthum und seine Bedeutung. Das ist der Titel eines Vortrages, den der Verfasser, Herr Max Be ermann, vor Kurzem in der Berliner „Jüdischen Humanitäts- Gesellschaft hielt und der nun auch im Drucke (Berlin, Arends u. Moßner) erschienen ist. Der von wahrhaft religiösem Geiste durchglühte, in einer schönen, gedankenvollen Sprache gehaltene Vortrag stellt sich mit Erfolg die Ausgabe, die Bedeutung des Judenthums, und zwar eines von Gesetzestreue und Liebe erfüllten Judenthumes zu schildern und zu verherrlichen. Tie Arbeit macht dem Verfasser alle Ehre und rechtfertigt den Wunsch der Hörer, sie durch den Druck weiteren Kreisen zugänglich zu machen. Jlluftrirter israelitischer Bolkstalender. Im Verlage der Firma Samuel W. Pascheles in Prag, seltner gaffe ist soeben der 44. Jahrgang des illustrirten israelitischen Volkskalenders für das Jahr der Welt 5657 (1896—1897), redigirt von A. Pascheles, dem Sohne des Herausgebers, erschienen. Dieser beliebte Kalender, der in den meisten israelitischen Familien längst das Recht eines willkommenen Hausftenndes besitzt und dessen Inhalt stets sorgfältig gewählt und zusammengestellt ist, bringt nebst dem Kalendarium und den Ritualvorschriften .für den öffentlichen Gottesdienst das Verzeichniß der vorzüglichen Messen und Märkte, sowie die Märkte in den bedeutenderen Orten der Grenzgegenden Böhmens, Mährens und Schlesiens, ferner das Berzeichniß sämmtlicher Jahrmärkte in Böhmen, Mähren, Schlesien, Oesterreich, Salzburg, Galizien, Bukowina und Ungarn, die neuen Post- und Telegraphenbestimmungen u. A. Die literarischen Beigaben enthalten Biographien (mit Porträts) des Schriftstellers S. Kohn (Verfasser voll „Gabriel") und des in Kolin am 9. Februar t. I. verstorbenen Rabbiners Dr. Joses Guggenheimer und eine hochinteressante spannende Erzählung „Gräfin Recha Godronow" von Mathias Kisch. _ Kriefkasten. Herrn 8. M. Dr. Lueger hat ganz gut gewußt, weshalb er sich nicht statt des Dr. Geßmann in die Delegationen wählen ließ. Der Mann zeigte damit nur kluge Vorsicht, denn schließlich hätte man ihm vielleicht in Budapest doch in seiner Art geantwortet. A—g. Wenn Mechaniker Schneider sich mit soviel Behagen als „grauslicher Kerl" schildert, so beweist das ebensoviel Bescheidenheit als Selbsterkenntniß. Z. L. Das Ganze war eine abgekartete Comodie. Wenn Dr. Lueger nicht eher ruhen will, bevor Ler letzte Jude nicht das Rathhaus verlassen, dann konnte er kaum mit gutem Gewissen für die Wahl S t i a ß n y's eintreten. H. P. Gewisse Mitglieder des Bürgerclub würden gerne die Ehre und die Arbeit, die mit der Würde eines Stadtrathes verbunden rst, einem Juden gönnen, wenn sie nur den Gehalt einstecken könnten. Adolf N. Die antisemitischen Radfahrer wären vielleicht dafür, ' daß die Juden auf Rad — geflochten werden.

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