Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 23 (5.6.1896)
- Date
- 1896-06-05
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 466 Nr. 33 Dr- Vloch's Wochenschrift. man hatte sich nicht getäuscht. Scharenweise schlichen die Maroden Nachts über die Grenze, um im Nachbarstaate in irgend einem Hospitale unterzukommen. Nicht alle waren so glücklich, sich in Sicherheit zu bringen, da die ausgestellten Posten ihre Wachsamkeit verdoppelt haben und es kaum möglich war, die Grenze zu passiren. Diejenigen, denen es doch gelungen ist herüberzukommen, verdankten ihre Rettung einzig und allein Kwiecinski, welcher bestrebt war Verbuchungen mit, an der Grenze wohnenden Glaubensgenossen anzuknüpfen, welche sein gefährliches Unternehmen nach Kräften förderten. Einige stattgehabte Scharmützel lichteten die Schaaren der Aufftändischen gar sehr, und so mancher edle Jüngling mußte an der erhaltenen Schuß- oder Stichwunde zu Grunde gehen, obgleich diese unter normalen Verhältnissen gar nicht unheilbar war. Kwiecinski hatte alle Hände voll zu thun, um wenigstens einen Theil der Blessirten seiner Abtheilung zu versorgen. Oft mußte er nach der Stadt gehen und trotz sorgsamster Verkleidung, war größte Vorsicht geboten, um den Nachstellungen zu entkommen. Da den Gefangenen der denkbar martervollste Tod bebevorstand, beeilte sich ein jeder seinem Dasein ein Ende zu machen, ehe er ergriffen wurde. Dieses Los ereilte auch Stanislaw R., welcher, als er mit einer Schußwunde im Oberschenkel sich mühsam fortschleppte einer Patrouille ansichtig wurde, sich durch einen Revolverschuß in die Mundhöhle der Gefangennahme entzog. Die vielen Selbstmorde und Krankheiten rissen in den Reihen der Aufftändischen große Lücken und das Häuflein noch Uebriggebliebener, wurde nunmehr energisch verfolgt, da einige stärkere militärische Recognoscirungs-Abtheilungen, von den Insurgenten aus dem Hinterhalte überfallen und fast ganz aufgerieben wurden. Der Gouverneur von Warschau griff zu den energischesten Maßregeln, während die Geheimschrift des „Rzad Narodowy" über den stattgehabten „Sieg" triumphir.te und vorerst von der Vernichtung der ganzen Armee berichtete um die Siegesnachricht nach und nach auf das richtige, respective wirkliche Maß zu reduciren. Inzwischen füllten sich die Gefängnißräume auf den nachbarlichen Territorien mit, über die Grenze versprengten Insurgenten, die so glücklich waren, aus der Machtsphäre des General Gurko zu entkommen. Mit den Aufgegriffenen wurde kurzer Proceß gemacht und Alles aufgeboten, um das Warschauer Gouvernement von den Aufständffchen gänzlich zu säubern. Unter diesen Verhältnissen war es geboten, sich in kleine Trupps aufzulösen und gegen Podolien zu ziehen, wo in den Städten nur schwache Garnisonen lagen. Dorthin führte Graf Wladyslaw sein auf ein kleines Häuflein zusammengeschmolzenen „Kossyniery," hatte aber unterwegs einen Kampf zu bestehen, in welchem er einen.Streifschuß im linken Oberarme erhielt und nur den flinken Beinen seines feurigen Renners verdankt er seine Rettung. VI. In allen Städten Ostgaliziens wurden nun Werbungscomites errichtet, doch war deren Thätigkeit nicht blos auf die Anwerbung von „Materiale" beschränkt. Bemessung und Einhebung der Steuern für die National-Regierung, Bestrasturg der Saumseligen und Beseitigung der der „heiligen Sache" schädlichen Personen, Vollziehung der, vorn „Rzad Narodowy" über irgend jemanden verhängten Strafe an Leib und Leben, gehörte zu den Obliegenheiten dieses wohlorganisirten Comites. Es war wirklich unbegreifl ch, mit welcher Präcision dieser Apparat functionirte der, von unsichtbaren Fäden geleitet, fast über jede einzelne Person genaueste Information erhalten konnte. Hat. Jemand z. B. innerhalb seiner vier Wände sich tiber die' „Bewegung" abfällig geäußert, so wurde ihm in seinereigenen Wohnung oder anderswo eine Tracht Prügel, auf scheinbar ganz legale Weise applicirt. Jeder „Verrath" wurde mit dem Tode bestraft und den Jünglingen, welche, trotz ihrer Waffenfähigkeit der „Bewegung" ferne blieben, wurden briefliche Vorladungen nebst der grünseidenen Schnur zugestellt. Besonders sanatisirte ComitLmitgliedcr haben auch activ dienende Soldaten zur Desertion verleitet. Auch auf die intelligentere jüdische Jugend wurde stark reflectirt, jedoch haben die Wenigsten Folge geleistet und Jeder stellte dieselben Argumente auf, wie seinerzeit Bogumil Kwiecinski, als er noch den Namen Berl Blum führte. Schließlich gelang es doch, ein ansehnliches Corps im österreichischen Podolien zusammenzustellen, welches nicht etwa einzeln sich über die Grenze schlich, sondern ln corpore von einem Grafen Adam Hryninwjecki am hellichten Tage, Tambour Jbattaut, bei Skala hinübergeführt wurde. Die verblüfften Grenzwachen leisteten die Ehrenbezeigung und so marschirte das „Corps" unbehindert weiter bis gegen Luck, dann wurde der Kampf weitergeführt, bis es bei Radziwillow zu einen: Gefechte kan:, bei welchen: die Insurgenten fast ganz aufgerieben wurden. Die Thätigkeit der Cvmites hat aber keinesfalls aufgehört, vielmehr wurde mit doppeltem Eifer fortgearbeitet. Wie bei jedem Werke übergroßer Eifernur schadet, so war es auch hier. Den jüdischen intelligenteren Jünglingen, die derzeit in Ostgalizien allerdings nicht sehr zahlreich sich vorfanden, wurden Einberuflurgen unter Androhung der Todesstrafe zugestellt. Ebenso wurde denjenigen k. k. Beamten der Kreishauptmannschaften und selbst eitrigen k. k. Kreishauptmännern, die in treuer Erfüllung ihrer Pflicht, der Bewegung im eigenen Lande mit aller Energie entgegentraten, Todesurtheile zugeschickt, welche schon in einigen, Tagen vollzogen werden sollten. Nicht überall wurden diese Urtheile ernst genommen, jedoch in Städten, wo bekannte Fanatiker dem Comitä angehörten, wie z. B. ein Herr Peyygert, der, als er eine Freiheitsstrafe abzubüßen hatte, sich die Erlaubniß erbitten wollte, den Sträflingskleidern einen nationalen Schnitt geben zu dürfen, konnte mit Recht das Schlimmste befürchtet werden. Demgemäß wurde in der Wohnung des Herrn k. k. Kreishauptmannes, respective in dem Gebäude der k. k. Kreishauptmannschaft zu S. ein ganzer Zug Infanterie einquartirt, welche alle Eingänge des Haufes und die Person des Herrn Kreishauptmannes bei Tag und Nacht strenge bewachten. Dem hohen k. k. Beamten war es ein Leichtes, sich militärischen Schutz zu verschaffen, nicht so den einberufenen Jünglingen und den reichen oder als reich geltenden jüdischen Geschäftsleuten, von welchen Hobe Contributionen abgefvrdert wurden. Daß mit der Firma „National-Regierung" und dem Titel „Kriegsbeitrag" auch Mißbrauch getrieben wurde, steht außer Zweifel und, als die Bitten um Schutz bei den Behörden sich täglich mehrten, wurde über das ganze Kronland Galizien der Belagerungszustand verhängt und mit dem Momente war auch die „Bewegung" erloschen. Ein Belagerungszustand, wo alles der Militärgerichtsbarkeit unterliegt, ohne M i l i t ä r, ist wohl nur in Ostgalizien möglich. Jeder vom Ortsrichter vor dem Dorfe aufgestellte Bauernbursche, hielt treue Wache und ließ gewiß Keinen passiren, der nur im Entferntesten, einem „Polaczok" ähnlich sah. Ohne alle Umstände wurde jeder Passant, der sich nicht hinreichend legitimiren konnte, an Händen und Füßen mit Stricken gefesselt, ans einen'Wagen geladen und der nächsten k. k. Kreisbehörde eingeliefert. Wer es gewagt hat, diese primitiven Wachposten zu beleidigen oder zu verhöhnen, wurde an das nächste Stockhaus, zur Bestrafung abgegeben und 50 Stöckstreiche nebst dreimonatlichem Stockhausarrest, war die gewöhnliche Strafe für dieses Vergehen. Daher war es ein Gebot der Nothwendigkeit, diesen improvisirten Wachposten auch den gebührenden Respect entgegenzubringen. (Schluß folgt.) Literatur. Die Memoiren (Sichronoth) der Glücket von Hameln 1645—1719. Heraus gegeben von Professor D r. David Kau.f mann, Frankfurt a. M. 1896 (I. Kauffmann's Verlag). Der unermüdliche Schatzgräber auf dem Felde jüdischer Geschichte, der glückliche Entdecker und Erforscher von bedeutenden Persönlichkeiten unserer so arg vernachlässigten Vergangenheit, Professor Kaufmann i n B u d a p e st, hat uns mit einem neuen Werke beschenkt, für das wir ihm Alle, die wir uns noch Sinn bewahrt haben für die Größe und Innigkeit unseres verlästerten Judenthums, den herzlichsten Dank hiermit abstatten. Insbesondere unsere Jugend, deren Gemüth verdüstert und verbittert ist durch die Schmähungen, mit welchem unser Glaube heute bedacht wird, kann nicht genug darauf aufmerksam gemacht werden, welche Schätze unsere Vergangenheit birgt und wie e d l e r F a m i l i e n s i n n, die Gemüthlichkeit und Treue des Familienlebens der feste Felsengrund ist,