Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 23 (5.6.1896)
- Date
- 1896-06-05
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 23 „Hoffentlich finden wir noch etwas, das wir verkaufen können." Mendel besiegelte den Pakt, indem er den Darlehensgeber ein Glas Schnaps leistete, und Bär fühlte sich jetzt gegen alle Schläge des Schicksals gesichert. Wenn der schlimmste Fall eintrat, hatte er doch wenigstens etwas für sein Geld gehabt. Und so fuhren Mendel und Binah hinüber über den atlantischen Ocean. Daniel begleitete sie bis nach Liverpool; aber Mirjam sagte, daß sie sich für den Tag nicht frei machen könne. Auf den Docks in der eisigen Morgendämmerung küßte Mendel Hyams seinen Sohn Daniel , auf die Stirne und sagte mit gebrochener Stimme: „Lebewohl! Gott segne Dich!" Er wagte nicht, hinzuzufügen : „Gott segne auch Deine Bessie, meine künftige Schwiegertochter", aber der Segen war in seinem Herzen. Daniel wollte sich schweren Herzens entfernen. Da berührte ihn der alte Mann an der Schulter und sagte mit leiser, zitternder Stimme: „Wirst Du mir nicht verzeihen, daß ich Dich in das Galanteriewarengeschäft gesteckt habe?" „Vater, was meinst Du damit?", rief Daniel mit erstickter Stimme. „Hoffentlich denkst Du doch nicht mehr an meine verrückten Reden vor so und so vielen Jahren. Ich habe sie längst vergessen." „Wirst Du also auch ein guter Jude bleiben, selbst wenn wir weit fort sind?", fragte Mendel, an allen Gliedern zitternd. „Mit Gottes Hilfe", antwortete Daniel. Da wandte sich Mendel zu Binah und küßte sie weinend. Aber die Gesichter des alten Paares strahlten trotz ihrer Thränen. Daniel stand auf den geräuschvollen, lärmenden Damm und sah dem Schiffe nach, das langsam von seinem Ankerplatz in den offenen Fluß hinausfuhr. Aber weder er, noch sonst Jemand in der Welt wußte, daß Mendel und Binah ihre Hochzeitsreise antraten. * * * Frau Hyams starb zwei Jahre nach ihrer Hochzeitsreise, und der alte Hyams drückte einen Liebeskuß auf ihre geschlossenen Lider. Da er nun ganz allein in der Welt stand, verkaufte er seine ärmlichen Möbel, schickte den Rest seiner Schuld mit einem Pfund unverlangter Interessen an Bär Belkowitsch und gürtete seine Lenden, um nach Jerusalem zu ziehen, was der Traum seines Lebens gewesen war. Aber es wäre besser gewesen, wenn es der Traum seines Lebens geblieben wäre. Mendel sah die Hügel von Palästina, den Jordan, den heiligen Berg Moria, den Sitz des Tempels, die Gräber von Absalon und Melchisedek, das Thor Zions, die Wasserleitung, die Salomon erbaut hat, und Alles, was er seit seiner Knabenzeit zu schauen gewünscht hatte; aber sonderbar, es war gar nicht sein Jerusalem, kaum etwas anderes als sein Londoner Ghetto, blos nach Palästina verpflanzt. Nur war es noch schniutziger und enger, statt der Bettler waren Krüppel zu sehen und statt der Hausirer Leprakranke. Von dem Zauber der Stadt seiner Träume war nichts zu sehen. Alles war so prosaisch, beinahe schmutzig. Das Herz ward hm schwer, wenn er an die heilige Pracht Zion's dachte, wie seine Phantasie es ihm vorgespiegelt hatte. Die Regenbogen, aus seinen bitteren Thränen gebildet, spannten sie nicht über das Firmament dieser winkligen, orientalischen Stadt. Wo waren die Rosen und Lilien, die Cedern und Springbrunnen? Ja, der Berg Moria war da, aber er trug die Moschee Omar's, und der heilige Tempel bestand nur aus einer zertrümmerten Mauer. „Wer wird hinansteigen den Berg Gottes?" Siehe, die Moslems und die christlichen Touristen. Auf den Hügeln Zion's standen Baraken und Klöster. Seine Brüder, nach göttlichem Recht Herren dieses Bodens, verloren sich in dem Chaos der Bevölkerung — den Syrern, Armeniern, Türken, Kopten, Abessyniern und Europäern — so wie ihre Synagogen zwischen den Domen und Minarets verschwanden. Die Stadt war voll der Reliquien Christi, den sein Volk im Sterben und int Leben leugnete, und über Allem flatterte der Halbmond des Muselmanns. An jedem Freitag küßte Mendel Hyams ohne der spottenden Zuschauer zu achten, die Steine der Klagemauer und bethaute sie mit seinen Thränen. Und jedes Jahr zu Peßach, bis er zu seinen Vätern versammelt ward, sichrer fort zu beten: „Nächstes Jahr — in Jerusalem." Seite 465 Achtzehntes C a p i t e l. Freitag Abends bei den „Hebräern". „Ach, diese Amrazim", sagte Pinkas zu Reb Schemnel. „Diese unwissenden Fanattker! Wie kann denn etwas in ihren Händen gedeihen? Sie haben keine Sehergabe, haben Gedanken wie ein Mondkalb und wollen aus halben Groschen Messiasse machen. Wie kann die Seele einen Aufschwung nehmen, wenn schmutzige Sammler daherkommen, die wie Schnorrer aussehen, wenn Karlkammer's rothes Haar die Fahne bildet und Grodkoski's Schneuzen den Ton der Posaunen vorstetlen soll? Aber ich habe ein Akrostichon gegen Gedalja, den Grünzeughändler, geschrieben, giftig wie Schlangengalle. Er will der Erlöser sein, er mit seinen faulen Kartoffeln und seinem schalen Bier. Wahrlich, nicht so haben die großen Propheten und Lehrer in Israel die Rückkehr geschildert. Ein großes Signalfeuer muß in Israel entzündet werden, und dann werden die Wachtfeuer von Berg zu Berg aufflanimen. Ja, ich, ich, Melchisedek Pinkas, werde die Feuer anzünden!" „Aber nicht heute," sagte Reb Schemuel mit schelmischem Blinzeln. „Heute ist Sabbath." Der Rabbi kehrte Ms der Synagoge zurück, und Pinkas begleitete ihn auf dem kurzen Heimwege. Dicht hinter ihnen ttabte Levi und auf der anderen Seite von Reb Schemuel ging Eliphas Chowchoski, ein erbärmlich aussehender Pole, den Reb Schemuel zum Abendbrot mitnahm. In jenen Tagen war Reb Schemuel nicht der Einzige, der einen Sabbathgast — irgend einen Verhungerten, Verlassenen — an seiner Tafel niedersitzen ließ, um ihn gleiche Ehre genießen zu lassen, wie dein Herrn des Hauses. Die Kinder manches wohlhabenden Hauses erhielten dadurch einen Anschauungsunterricht in Gleichheit und Brüderlichkeit. Aber auch in den Häusern der Armen fehlte es nicht daran. „Ganz Israel sind Brüder." Wie kann man den Sabbath besser ehren, als indem man das Wortgeklingel zur Wahrheit macht? „Werden Sie mit ihrer Tochter sprechen?", sagte Pinkas, dem Gespräch plötzlich eine andere Wendung gebend. „Sagen Sie ihr, daß das, was ich ihr schrieb, nicht ein Millionstel von dem ist, was ich fühle. Sie ist meine Sonne am Tag und mein Mond und meine Sterne bei Nacht. Ich muß sie sofort heiraten oder ich sterbe. Ich denke an nichts in der Welt als an sie. Wenn sie mich nur einmal anlächelt, werde ich große Liebesgedichte auf sie machen, größer als die Byron's, größer als die Heine's - das echte Lied der Lieder. Ich will sie unsterblich machen, wie Dante Beatrice, wie Petrarea feine Laura. Ich werde der Unglücklichste der Unglücklichen sein und i das Pflaster mit meinen Thränen bethauen. Ich werde bei Nacht nicht schlafen und bei Tag nicht essen. Werden Sie ihr das alles sagen?" Er legte den Finger flehend an die Nase. „Ich werde es ihr sagen", sagte Reb Schemuel. „Sie sind ein Schwiegersohn, der das Herz eines jeden Vaters erfreuen muß. Aber ich fürchte, das Mädchen ist kalt gegen Freier; außerdem sind Sie vierzehn Jahre älter als sie." „Dann liebe ich sie doppelt, wie Jacob Rahel. Denn es steht geschrieben: „Sieben Jahre war nur ein Tag in einer Liebe zu ihr." Bei mir sind vierzehn Jahre soviel wie ein Tag in meiner Liebe zu Hanna." Der Rabbi lachte über dieses Wortspiel und sagte: „Sie gleichen dem Manne, der, als man ihm vorwarf, er sei älter als seine Braut, antwortete: „Wenn ich Sie ansehe, werde ich um zehn Jahre jünger, und wenn sie mich ansieht, wird sie uni zehn Jahre alter, so kommen wir auf's Gleiche." Nun war an Pinkas die Reihe, begeistert zu lachen, aber dann ftrhr er fort; „Gewiß, Sie werden ftir mich eintteten, denn Ihr Motto ist ja das hebräische Sprichwort: Der Mann helfe der Hausfrau, Gott helfe dem Junggesellen." „Aber haben Sie auch etwas, womit Sie sie erhalten können?" _ (Fortsetzung folgt.) Vogumil Kwierinski, recte Verl Blum. Rerniniseenzen aus dem Polenaufstande 1863. Von DmuchalSki. V. Bis nunzu ließ sich noch immer kein Gegner blicken. Man schien es der rauhen Witterung zu überlassen, damit dieselbe unter den im Freien kampirenden Aufständischen aufrüume, und Dr. Vloch's Wochenschrift.