Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 23 (5.6.1896)
- Date
- 1896-06-05
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021115-3021139--05689-3029936- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 464 Dr. VlorVs WochrnfchrM Nr. 33 zigjährige Schweigen ward gebrochen. Sein welker Mund suchte den ihren, und endlich zog die Liebe in ihre Herzen ein. Ms die ersten, köstlichen Augenblicke vorüber waren, setzte sich Mendel an den Tisch, schrieb einen Brief in hebräischer Schrift und trug ihn auf die Post. Binah griff wieder nach Mirjam's Jacke. Die knisternden Flammen hatten sich in eine gesättigte Glut verwandelt, die Uhr ückte ruhig wie früher, aber etwas Neues, Süßes und Heiliges war in ihr Leben getteten und Binah wünschte sich nicht mehr den Tod. Ms Mirjam heimkam, brachte sie einen kalten Luftzug mit ins Zimmer. Binah erhob sich, schloß die Thür und deckte den Tisch. Nun schleppte sie die Füße nicht mehr nach. „War es ein hübsches Stück?", fragte Binah sanft. „Ach, der gewöhnliche Unsinn!" antwortete Mirjam übellaunig. „Immerfort Liebe und solches Zeug, als ob die Welt nie älter würde." . . . Am nächsten Morgen beim Frühstück erhielt der alte Hyams mit der ersten Post einen Brief. Er nahm sorgfältig seine gewöhnliche Brille ab und setzte sein gutes Augenglas auf um den Brief zu lesen, nachdem er das Couvert nachlässig ins Feuer geworfen hatte. Als er ein paar Zeilen gelesen hatte, stieß er einen Ausruf der Ueberraschung aus und ließ den Brief fallen. „Was gibt's Vater?" fragte Daniel, während Mirjam's Stumpfnase neugierig schnupperte. „Gelobt sei Gott'.", war Alles, was der alte Mann hervorbringen konnte. „Was ist denn geschehen? Sprich doch!", sagte Binah mit einer ungewöhnlichen Lebhaftigkeit, während eine Röthe der Erregung Mirjam's Gesicht färbte und verschönte. „Mein Bruder in Amerika hat in der Lotterie tausend Pfund gewonnen. Er ladet mich und Binah ein, zu ihm zu stimmen und bei ihm zu wohnen." „Dein Bruder in Amerika?", wiederholten seine Kinder erstaunt. „Ich wußte gar nicht, daß Du einen Bruder in Amerika hast," fügte Mirjam hinzu. ' „Nein, ich erwähnte seiner nicht, solange er arm war," antwortete Mendel mit unbeabsichtigtem Sarkasmus. „Aber ich habe öfter von chm gehört. Wir kamen zusammen von Polen hierher. Das Counts schickte ihn und noch eine Menge Anderer nach New-Iork hinüber." „Aber Du wirst doch nicht gehen, Vater!", sagte Daniel. „Warum nicht? Ich möchte gern meinen Bruder Wiedersehen, ehe ich sterbe. Wir haben uns als Knaben sehr geliebt". „Tausend Pfund ist nicht so sehr viel", meinte Mirjam. Der alle Hyams hatte es für grenzenlose Ueppigkeit gehalten. Jetzt aber that es ihm leid, daß er es mit seinem Bruder nicht bester gemeint hatte. „Es ist genug für uns Alle — für ihn- und Binah und mich. Seine Frau ist gestorben und er hat keine Kinder." „Du willst doch nicht wirklich hinfahren?", stammelte Daniel; er vermochte die veränderte Lage nicht gleich zu erfasten. „Woher wirst Du denn das Reisegeld nehmen?" „Lies!", sagte Mendel ruhig, indem er ihm den Brief hinhieÜ. „Er will es mir schicken." „Es ist ja hebräisch geschrieben", rief Daniel, indem er den Brief hilflos hin und her drehte. „Du kannst doch hebräische Schrift lesen?", sagte sein Vater. „O ja.. Aber ich habe so wenige hebräische Correspondenzen" — er brach lachend ab und reichte den Brief Mirjam. Diese überflog ihn mit scheinbarem Verständnis, und chr Gesicht hatte einen Ausdruck von Erleichterung, als sie das Schreiben ihrem Vater zurückgab. „Er hätte seinem Neffen und seiner Nichte etwas schicken können", meinte sie nicht ganz im Scherz. „Vielleicht wird er es thun, wenn ich nach Amerika komme und chm erzähle, wie hübsch Du bist", sagte Mendel. Er sah ganz vergnügt aus und wagte es sogar, Mirjam schelmisch in die geröthete Wange zu kneifen. Sie ließ es sich ohne Murren gefallen. „Ei, Mutter, Du siehst ja ganz seelenvergnügt aus", sagte Daniel bestürzt und erstaunt. „Du scheinst über den Gedanken, uns zu verlassen, ganz entzückt zu sein?" „Ich habe immer gewünscht, Amerika zu sehen", antwortete die alte Frau lächelnd. „Auch ich will in New-Jork eine alte Freundschaft erneuern." Sie sah bedeutungsvoll ihren Gatten an, und er antwortete mit einem Liebesblick. „Nun, das ist doch das Höchste!", rief Daniel. „Aber sie meint es nicht im Ernst, nicht wahr, Vater?" „Ich meine es im Ernst", antwortete Hyams. „Nein, es kann nicht wahr sein," beharrte Daniel, bestell Verwirrung immer größer wurde. „Ich glaube, die ganze Sache ist ein Schwindel." Mendel leerte hastig seine Kaffeetasse. „Ein Schwindel?", murmelte er hinter der Tasse hervor. „Ja, ich glaube, Jemand will Dich zum Besten haben." „Unsinn!", rief Mendel ungestüm, indem er die Tasse niedersetzte und nach dem Brief griff. „Kenne ich nicht die Handschrift meines Bruders Jankew?! Und dann, tuet außer ihm weiß alle die Nebensachen, über die er schreibt?" Daniel mußte schweigen. Kurze Zeit darauf ging Mirjam an ihre lästigen Pflichten. „Ich werde Jankew sofort antworten und sein Anerbieten annehmen", sagte der alte Mann. „Glücklicherweise haben wir dieses Haus nur per Woche gemiethet, Du kannst jederzeit ausziehen, wenn es für Dich und Mirjam zu groß ist. Du wirst auf Mirjam aufpasten, das weiß ich, Daniel. Ich kann mich auf Dich verlassen." Daniel wollte noch weiter widersprechen, aber Mendel unterbrach ihn. „Er ist so vereinsamt, er kann nicht hieher kommen, denn er ist halb gelähmt. Und dann, was habe ich in England zu thun? Die Mutter hat natürlich keine Lust, mich zu verlassen. Vielleicht kann ich meinen Bruder bewegen, daß wir zusammen nach Erez Jisroel reisen; dann werden wir alle unsere Tage in Jerusalem beschließen. Du weißt, das war immer mein Herzenswunsch." Bestie Sugarman wurde mit keinem Worte erwähnt. „Warum machst Du soviel Aufhebens?", sagte Mirjam am Abend zu ihrem Bruder. „Etwas Besseres konnte uns gar nicht widerfahren. Wer hätte je gedacht, daß wir einen Verwandten besitzen, der uns einst etwas hinterlasten kann? Die Leute werden sich wundern, wenn sie davon hören." Am nächsten Morgen nach Schul sprach Mendel den Präsidenten an. „Können Sie mir sechs Pfund leihen?" ftagte er. Belkowitsch taumelte zurück. „Sechs Pfund?", wiederholte er betäubt. „Ja! Ich will mit meiner Frau nach Amerika fahren. Und außerdem müssen Sie mir als Landsmann die Hand geben, daß Sie kein Wort davon verlauten lasten werden,- was immer Sie auch hören mögen. Binah und ich haben ein paar kleine Schmucksachen verkauft, die unsere Kinder uns schenkten. Wir haben ausgerechnet, daß wir noch sechs Pfund brauchen, um die Ueberfahrt zu bezahlen und gerade zu existiren, bis ich Arbeit bekomme." „Aber sechs Pfund ist viel Geld — ohne Sicherheit", sagte Belkowitsch, in seiner Auftequnq seinen abgenutzten Werktagscylinder streichend. „Ich weiß", antwortete Mendel. „Aber Gott ist mein Zeuge, ich werde Sie Ihnen zurückzahlen. Und wenn ich früher sterben sollte, so schwör' ich, es meinem Sohn Daniel zu schreiben. Er wird Ihnen den Rest zahlen. Sie kennen meinen Sohn Daniel. Sein Wort ist ein Schwur." „Aber woher soll ich die sechs Pfund nehmen?", ftagte Bär hilflos. „Ich bin nur ein armer Schneider. Und meine Tochter soll bald heirathen. Es ist viel Geld, auf mein Ehrenwort — viel Geld. So viel habe ich noch nie im Leben ausgeliehen, nicht einmal Bürge bin ich für einen solchen Bettag gestanden." Mendel ließ den Kopf sinken. Einen Augenblick herrschte angstvolles Schweigen. Bär war ttef in Gedanken versunken. „Ich will Ihnen etwas sagen", begann er endlich. „Ich werde Ihnen fünf Pfund leihen, wenn Sie damit auskommen können." Mendel seufzte erleuchtert auf. „Gott segne Sie!", sagte er und drückte dem „Blutsauger" leidenschaftlich die Hand.