Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 23 (5.6.1896)
- Date
- 1896-06-05
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 23 Dr Bloch's Wochenschrift junger Thor auf der Bühne. Liebe — Unsinn! Ich üe6e Niemandem, am wenigsten Bessie Sngarman. Zerbrich Dir also Deinen alten Kopf nicht über meine Angelegenheiten! Vertiefe Dich nur wieder in Dein vergilbtes Buch! Bist Du am Ende plötzlich darin auf etwas über die Liebe gestoßen? Und vergiß itui* nicht an das gute Augenglas, sonst ist das Geld hinausgeworfen. Richtig, Mutter, vergiß nicht, am Sonnabend in die Augenklinik zu gehen und Dich untersuchen zu lassen! Es ist sicherlich auch Zeit für Dich, Dir eine Brille anzuschassen." „Seh' ich nicht schon alt genug aus?" dachte Frau Hyams, aber laut sagte sie: „Ja, Daniel", und begann das Geschirr wegzuräumen. „Das ist das Beste beim Knrzwaarengeschäft," fuhr Daniel heiter fort, „man kann jeden Artikel zum Kostenpreis bekommen." Er blieb noch eine halbe Stunde sitzen und blätterte im Abendblatt: dann ging er schlafen. Herr und Frau Hyams blickten einander unwillkürlich an, aber sie sprachen nichts.FrauHyams briet für Mirjam ein Stück Wurst und stellte es in den Ofen zum Wärmen; dann setzte sie sich Mendel gegenüber, um Mirjam's Jacke, deren Pelzfutter aufgerissen war, zu nähen. Das Feuer brannte hell, kleine Flammen schossen mit einem knisternden Geräusch auf, die Uhr tickte leise. Biuah fädelte ihren Zwirn gleich beim ersten Versuche ein. „Ich kann noch ohne Brille sehen", dachte sie bitter, aber sie sagte nichts. Mendel blickte von feinem Buche mehrmals heimlich zu ihr hinüber. Ihr mageres, pergamentartiges Gesicht, das dichte Netz von Runzeln, das schneeweiße Haar fiel ihm als etwas beinahe ganz Irenes auf. Aber er sagte nichts. Binah zog ihre Nadel geduldig durch den Pelz und warf ebenfalls von Zeit zu Zeit einen Blick auf Mendel's abgezehrtes Gesicht. Die Augen lagen tief in den Höhlen, die Stirne unter dem schwarzen Käppchen, die sich über den Folianten beugte, war tief gerunzelt, und die Haut sah kränklich aus. Ein Gedanke schnürte ihr die Kehle zusammen; sie belaste sich entschlossen über ihre Näherei, dann sah sie plötzlich wieder in die Höhe. Diesmal begegneten sich ihre Blicke. Sie wandten sie nicht von einander ab; ein seltsamer Blitz schien von Seele zu Seele zu fliegen. Sie schauten, einander an, und die Thränen waren ihnen nahe. „Beinah!" „Ja Mendel?" „Er sagt, daß er sie nicht liebt." „Ja, das sagt er." „Es ist eine Lüge, Binah!" „Aber warum sollte er lügen?" „Du fragst mit Deinem Munde, nicht mit Deinem Herzen. Du weißt, er will nicht, daß wir denken sollen, er bleibe nnseretwegen ledig. Sein ganzes Geld geht für diesen Haushalt drauf. Es ist das Gesetz Mosis. Sahst Du nicht sein Gesicht, als ich von Sugarman's Tochter sprach?" Binah wiegte sich hin und her und weinte. Es klang wie unterdrücktes Schluchzen. „Mein armer Daniel! Mein armes Lämmchen! Warte noch ein wenig! Ich sterbe ohnehin bald! Der Allerhöchste ist gnädig! Warte noch ein wenig!" Mendel ergriff Mirjam's Jacke, die zu Boden gleiten wollte, und legte sie beiseite. „Das Weinen hilft nichts," sagte er sanft, obwohl er Lust hatte, mit ihr zu weinen. „Es darf nicht sein. Er muß das Mädchen, nach dem sein Herz sich sehnt, heiraten." „Warte noch ein wenig!," stöhnte Binah, sich noch immer hin nnb her wiegend. „Nein, fasse Dich!" Er stand aus und ftlhr mit der schwieligen Hand zärtlich über ihr weißes Haar. „Wir dürfen nicht warten. Bedenke, wie lange Daniel schon gewartet hat!" „Ja, mein armes Lämmchen! Mein armes Lämmchen!", schluchzte die alte Frau. „Wenn Daniel heiratet, haben wir nichts, um zu leben", sagte der alte Mann, indem er sich bemühte, mit fester Stimme zu sprechen. „Unsere Mirjam braucht ihr ganzes Gehalt. Ohnehin gibt sie mehr, als sie entbehren kann. Sie ist eine Dame, hat eine große Stellung; sie muß sich schön kleiden. Und wer weiß, ob wir nicht einem feinen Herrn, der sie heiraten würde, im Wege sind. Wir passen nicht für den Verkehr mit feinen Leuten. Vor Allem aber muß Daniel heiraten. Und ich muß Seite 463 Dich und mich ernähren, wie damals, als die Kinder noch klein roaren." „Aber was willst Tu thun?", fragte Binah. Sie hörte ans zu weinen und sah ihm mit erschrecktem Gesicht an. „Du kannst doch nicht mehr Glaser werden? Denk an Mirjam! Was kannst „Nein, ich versteh' kein Handwerk," sagte er bitter. „Zu Hause, das weißt Du, war ich Steinmetz. Aber hier konnte ich Du thun? Was kannst Du thun? Du verstehst kein Handwerk." keine Arbeit bekommen, ohne den Sabbath zu verletzen, und meine Hand hat ihre Geschicklichkeit verloren. Vielleicht bekomme ich sie wieder zurück." Er ergriff ihre Rechte. Sie war schlaff und eiskalt, obwohl sie dicht neben dem Feuer saß. „Hab' Muth!", bat er. „Hier kann ich nichts unternehmen, was Mirjam nicht schaden würde. Wir können nicht einmal in ein Armenhaus gehen, ohne sie tief zu beschämen. Aber der Allerhöchste — gelobt sei sein Name — ist gütig. Ich werde von hier Weggehen." „Weggehen?!" Binah's feucht-kalte Hand umklammerte die seine. „Willst Du auf dem Laude hausiren gehen?" „Nein. Wenn geschrieben steht, daß ich mit meinen Kindern brechen soll, so muß der Bruch so weit sein, daß es kein Bereuen gibt. Mirjam wird es lieber sein, ich gehe nach Amerika." „Nach Amerika?!" Binah's Herz klopfte wild. „Und mich willst Du verlassen?!" Ein seltsames Gefiihl von Vereinsamung ergriff sie. „Ja, aber nur für kurze Zeit. Ich darf Dich nicht den ersten, schlimmen Zeiten aus setzen. Ich werde schon Beschäftigung finden. Vielleicht gibt es in Amerika jüdische Steinmetzen, bei denen ich Arbeit bekommen kann. Gott wird uns nicht verlassen. Dort kann ich auch hausieren gehen — überhaupt thun, was ich will. Im schlimmsten Fall kann ich wieder Glaser werden. Habe muth, meine Taube!" Das neue Liebeswort fuhr Binah durch und durch. „Ich werde Dir Geld schicken und, sobald ich nur kann, lasse ich Dich Nachkommen. Wir werden glücklich mit einander leben, und unsere Kinder werden hier glücklich leben." Aber Binah sing wieder an zu weinen. „Wehe, wehe!", schluchzte sie. „Wie kannst Du, ein alter Mann, ganz allein auf's Meer und in die Fremde? Denk' nur, wie heftig Dich der Rheumatismus plagt! Wie kannst Du als Glaser herumgehen? Du stöhnst oft die ganze Nacht. Wie wirst Du den schweren Korb auf dem Rücken tragen?" „Gott wird mir Kraft geben, zu thun, was Recht ist!" Diesmal ließen sich die Thränen nicht wegleugnen. Er vermochte nur mit einem heiseren Schnaufen zu sprechen. Binah schlang die Arme uni seinen Hals. „Nein, nein," rief sie leidenschaftlich. „Du wirst nicht gehen, Du wirft mich nicht verlassen." „Ich muß," antwortete er mühsam. Er konnte nicht sehen, daß der Schnee ihres Haares kaum weißer war als ihre Wangen, Seine Brille war wie mit einem Nebel beschlagen. „Nein, nein," stöhnte sie in abgebrochenen Lauten. „Ich werde bald sterben. . . . Gott ist gnädig .... Warte noch ein wenig, warte noch eilt wenig! . . . . Er wird uns beide bald sterben lassen .... Mein'armes Lämmchen, mein armer Daniel! ... Du wirst mich nicht verlassen". Der alte Mann löste ihren Arm von feinem Nacken. „Ich muß! Ich habe Gottes Wort in der Stille gehört." Dann gehe ich mit Dir! Wohin Du gehst, gehe auch ich!" „Nein, nein! Ich darf Dich in den ersten bösen Tagen nicht aussetzen. Ich werde ihnen allein entgegentreten. Ich bin stark — ich bin ein Mann." „Und Du hast das Herz, mich zu verlassen?" Sie blickte ihm kläglich ins Gesicht, aber er sah es nicht. Der Nebel verhüllte es ihm noch immer. Doch abermals zuckte der Blitz durch das Dunkel. Seine Hände tasteten nach ihr. Er zog sie an sich, legte ihren Arm wieder um seinen Hals und drückte seine feuchte Wange an die ihre. Tie Vergangenheit war versunken; die vierzig Jahre, die sie gemeinsam Haus gehalten seit jenem Morgen, wo jeder von ihnen ein ftemdes Gesicht auf dem Kissen erblickte, schrumpfte zu einem Augenblick zusammen. Seit fünfzehn Jahren ttieben sie einander zu — immer näher und näher, in gemeinsamer Einsamkeit, durch das gemeinsame Leid und die wachsende Entfremdung von den Kindern, immer näher und näher, schweigend nnd^ beinahe unbewußt. Und nun hatten sie sich getroffen. Der höchste Augenblick ihres Lebens war gekomulen. Das vier-