Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 23 (5.6.1896)
- Date
- 1896-06-05
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 460 Dr. Blvch's Wochenschrift Nr. 23 Bon den Ufern der Newa. XIII. Petersburg den 22. Mai 1896. In der russischen Presse wird seit einiger Zeit ein ihr bis dahin ungewöhntes Thema — das über Glaubensduldung und Glaubensfreiheit — erörtert. Zwar wird in den betreffenden Auslassungen über Katholiken, Altorthodoxen, Protestanten u. s. w., nur nicht über Juden verhandelt, allein meiner Ansicht nach wird diese Strömung nicht ohne Einslutz auch auf die Lage unserer Glaubensgenossen bleiben. Natürlich kann hier nicht von irgendwelchen amtlichen oder gesetzgeberischen Veränderungen die Rede sein, datz aber so mancher Leser der wahrhaft liberalen diesbezüglichen Beweisführungen der „P e t e r b u r g s k i ja Wiedomosti" oder des „Wiestuik Jewropy" auch an die jüdische Frage und eine humane und gerechte Lösung derselben zu gedenken sich veranlatzt fühlen wird — das unterliegt keinem Zweifel. Die jetzt eben in Moskau vor sich gehende Krönungsfeier beschäftigt alle Gemüther und zieht dorthin die Blicke Aller, die der Gnade des jugendlichen Herrschers gewärtig sind. Auch die Inden versprechen sich so Manches — hauptsächlich seit dem Augenblicke, wo ihnen Antheil an genannter Feier zu nehmen gewährt wurde. Es gereicht mir zur wahren Freude, meine früher etwas vessimistisch in dieser Angelegenheit ausgedrückte Ansicht dahin berichtigen zu können, datz wirklich das russische Judenthum durch drei ^Rabbiner repräsentirt wird und daß dieselben, nämlich: Herr Dr. Trabkin, Rabbiner aus Petersburg, Herr Jacob Mase, Rabbiner aus Moskau, und Herr Segal, Rabbinats-Assiftent aus Warschau, augenblicklich schon in Moskau anwesend sind. — Was den Repräsentanten der Warschauer Gemeinde betrifft, wird hier bei Gelegenheit vielleicht nicht überflüssig sein, zu erwähnen, datz besagte Gemeinde schon seit dem im Jahre 1871 erfolgten Tode des gottseligen Rabbi Ber Meisels und der Entlassung des intermistisch ernannten Rabbi Jacob Gesundheit bereits vierundzwanzig Jahre keinen Großrabbiner besitzt. Der rühmlichst bekannte Dr. Jsaac Zilkow ist Prediger der Fortschrittsgemeinde, die Rabbinerpflichten hingegen werden allmonatlich der Reihe nach von zwölf bei der Gemeindeverwaltung angestellten Rabbinats-Assesforen, deren einer eben Herr Segal ist, erfüllt. Außer den Rabbinern werden noch einige unserer Glaubensgenossen an der Krönungsfeier vfficiell betheiligt fein, unter anderen Baron Horace von Günzburg, als Mitglied des Curatoriums des hiesigen Prinz Oldenburg'schen Waisenhauses und der wirkliche Staatsrath Herr Jacob Poliakoff als Bürgermeister-Assistent der Stadt Taganrog. Aus verschiedenen Ortschaften des jüdischen Ansiedelungsrayons laufen hier Nachrichten über einen neuen Auswanderungsstrom ein. Tie unglücklichen Einwohner jener Ortschaften, der Schmach und des Elendes satt, streben in die weite Ferne, ohne selbst zu wissen, wohin, sie suchen Besserung ihres Schicksales und das genügt ihnen Wie viele derselben aber ihr Ziel erreichen und wie viele unterwegs vergehen — das lehrt eine schreckenserregende Statistik, die im Auslande vielleicht besser, wie bei uns, bekannt ist. — Dieser Umstand bringt mir den ungeheuren stutzen in Erinnerung, welchen in ähnlichen Fällen die beim hiesigen Centralcomit« der „JewisiiCoiouisation Association“ als zweite, für nicht nach Argentinien gehende Auswanderer und Nichtackerbauer bestimmte Abtheiluug erweisen könnte. — Ja, könnte, factisch jedoch ans Mangel an pecuniären Mitteln nicht kann. Diese Unmöglichkeit läßt sich auf drei Gründe zurückführen: 1. Weil die in Rede stehende zweite Abtheilung des Centralcomites nur den moralischen Schutz der Colonisationsgesellschaft genießt und daher die Fonds der letzteren ihr nicht zugute kommen. 2. Weil die Petersburger jüdischen Notabeln schon ohnehin sehr viel für wohlthätige Zwecke spenden, und es unrecht wäre, ihnen noch eine deni gesammten russischen Judenthume frommende Ausgabe aufzuerlegen. 3. Weil die Juden in den russischen Provinzstädten (unter denen es, beiläufig gesagt, viele wohlhabende Leute gibt), bis jetzt, trotz mehrerer Aufrufe und des seitens der Petersburger reichen Glaubensgenossen gegebenen guten Beispieles, keine einzige Kopeke zu diesem Zwecke geopfert haben. — Schade, wahrlich jammerschade! XIV. Petersburg, den 29. Mai 1896. Bor einigen Tagen hat hier eine Feier zur Beendigung des Schuljahres in den Elementarschulen der Gesellschaft zur Verbreitung der Aufklärung unter den Juden stattgefunden. Musterhaft geleitet, für die meisten Zöglinge unentgeltlich, mit einem vierjährigen Lehrcursus und einer Handwerkerunterrichtsabtheilung versehen, gereichen benannte Schulen (eine für Mädmen, die zweite für Knaben) zum wahren Segen für die hiesige überwiegend unbemittelte jüdische Bevölkerung. Am 1. Januar 1896 zählten beide Schulen zusammen 220 Kinder, wovon 112 Mädchen und 108 Knaben. — 60 Percent dieser Kinder gehören Familien außer Diensten stehender Soldaten an, die Eltern der übrigen sind meist kleine Handwerker; 158 Kinder zahlten gar kein Lehrgeld, der Rest hat für das ganze Jahr 6 bis 15 Rubel eingetragen. Gegenstände des Vortrages bildeten, in der Knabenschule : russische Sprache, Arithmetik, hebräische Sprache, Uebersetzung der Gebete, Religionsunterricht, jüdische Geschichte, Geographie, Geschichte Rußlands, deutsche Sprache, Anschauungsunterricht, Zeichnen, Gesang und Kalligraphie; in der Mädchenschule dieselben Gegenstände, selbstverständlich in etwas verändertem, den Bedürfnissen der weiblichen Jugend angepatztem Umfange und noch außerdem Handarbeiten. Es verdient hervorgehoben zu werden, daß von dem aus zwölf Lehrern und Lehrerinnen bestehenden Lehrpersonale sechs Universitätsstudien, resp. die hier bestehenden höheren Frauencurse, mit Erfolg durchgemacht haben. Zu der eingangserwähnten Feier nun stellte sich auch der Curator des hiesigen Lehrbezirks, der wirkliche Geheimrath Herr von Kapustin ein. Die Schulen existiren über zwanzig Jahre, und es geschieht zum ersten Male, daß dieselben von einem so hohen Würdenträger beehrt werden. Es ist daher leicht zu begreifen, daß dieser Umstand großes Aufsehen unter den Anwesenden erregte. Fast Alle erwarteten was Außergewöhnliches und — täuschten sich nicht. Denn, nachdem H. v. Kap u st i n die vorbereiteten Prämien und Lobesbriefe eigenhändig unter die Kinder vertheilte und einem Jeden der Belohnten ein paar schmeichelhafte Worte sagte, wandte er sich an das Publicum mit einer Ansprache ungefähr folgenden Inhalts: „Sein heutiger Besuch",- \ meinte er, „könne als bester Beweis dafür dienen, daß er keinen Unterschied unter den ihm anvertrauten Lehrinstituten mache, daß ihm ebenfalls so theuer und sympathisch die jüdischen Schulen im Reiche wie die Universitäten und Gymnasien seien. Er sei zufrieden und gerührt von Allem, was er hier gehört und gesehen hat. Allein, er könne nicht umhin, sein Bedauern auszudrücken, daß das Alles noch einen gewissen Stempel des Separatismus zur Schau trage. Gemeinschaftliche, Allen, ohne Unterschied der Confession zugängliche Schulen wären das zu erstrebende Ideal. Er werde sein Möglichstes thun, um dieses Ideal zu erreichen und hoffe, daß ihm seine diesbezüglichen Bemübungen unter der Regierung des jungen, edlen Kaisers gelingen werden. . . „Gott behüte den Kaiser!". Mit diesen Worten, welche, wie bekannt, den Anfangsvers der russischen Nationalhymne ausmachen, schloß der Redner. In Folge des auf solche Weise gegebenen Signales sangen in vereintem Chore die Schüler und Schülerinnen unter der Leitung des Künstlers, Herrn M. Schneider (derselbe hat die Moskauer Gesangsakademie beendet) die betreffende Nationalhymne und — Alles schied. Uns aber, die wir den Pulsschlag der Zeit unseren Glaubensgenossen gegenüber erwartungsvoll belauschen, hat die Frage in Betreff des wahren Sinnes der Kapustin'schen Worte nicht verlassen. Herr v. Kapustin ist ein zu ernster Staatsmann und eine zu hoch gestellte Persönlichkeit, als daß seine Auslassungen für Ironie oder leere Großthuerei angenommen werden sollen. Wäre dies also eine Verheißung der wirklich hercnrrückenden Zukunft? — Gott gebe es!. Soeben geht uns aus Moskau die amtliche Nachricht zu, daß Seine Majestät der Kaiser die dreidort bei der Krönungsfeier anwesenden Rabbiner, die Herren Dr. Drabkin, A. I. Masse und Segal, mit goldenen Medaillen mit der Aufschrift: „Für Diensteifer", am Stanislaus-Ordensband zu tragen, bedacht hat. Das Krönungsmanifest vom 14. (26.) Mai verordnet unter Anderem, die von den jüdischen Ackerbauern im Ekaterinoslaw'schen Gouvernement der Staatscaffe für die Zeit bis 1. Jänner 1887 treffenden Grundsteuerrückstände seien als getilgt betrachtet. Gabriel Mar.