Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 23 (5.6.1896)
- Date
- 1896-06-05
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 458 Vr. Vlmtz's WortzenkrtzrM Nr. 23 ordentlicher Vorkommnisse, die im Gedächtnisse lange haften bleiben, vollkommen gerechtfertigt; allein es darf nicht übersehen werden, daß die Inden, die sonst gute, ausgezeichnete Köpfe sind, was ihnen selbst der strammste Antisemit bei der ihm eigenen Verlogenheit und Verdrehung nicht absprechen kann, unter Umständen ein sehr kurzes, schwaches Gedächtniß bekunden, namentlich da, wo sie einerseits von den Antisemiten Anfechtungen zu erleiden haben und anderseits bei der Wahl eines Curortes. Gerne wird zugegeben, daß die Gesundheit das wichtigste Agens im Leben ist, aber es fragt sich, ob bei antisemitischen Ausbrüchen überhaupt von einer Besserung des leidenden Zustandes oder auch nur von einer Erholung die Rede sein könne. Mit Nichten! Wir verweisen diesbezüglich aus einen seinerzeitigen publicisüschen Stimmungsbericht eines hervorragenden Wiener Blattes, in welchem es heißt: Es ist weit gekommen mit den öffentlichen Zuständen in Oesterreich, wenn nicht einmal hilfsbedürftige, kranke Menschen vor grundlosen brutalen Verfolgungen sicher sind. Aus dem Hilferuf der Roznauer Curgäste kann nur geschloffen werden, daß die Belästigung und Jnsultirung derselben bereits wiederholt und in einem Maße vorgekommen ist, daß sie sich in hohem Grade beunruhigt fühlen und daß ibre Lage unerträglich geworden ist. Es muß Vieles geschehen fein, bis sie zu dem Entschlüsse kamen, sich telegraphisch an die Statthalterei um Schutz zu wenden, der ihnen wahrscheinlich seitens der Gemeinde Roznau und seitens der dortigen Eurverwaltung nicht gewährleistet werden kann. Selbst bei uncivilisirten Völkerschaften genießt der kranke Mensch eine gewisse Schonung; in Roznau ^ist diese Rücksicht nicht bekannt. Das sind Vorkommnisse, wie sie in einem barbarischen Lande kaum denkbar sind und die über den landläufigen Antisemitismus, wie er sich auch anderweitig roh genug äußert, noch weit hinausgehen. In einem österreichischen Curorte sind Leidende, welche Juden sind oder für Juden gehalten werden, Beschimpfungen und Gewaltthätigkeiteu ausgesetzt — so viel und nicht weniger besagt die Depesche der Roznauer Curgäste an den Statthalter von Mähren. Ja, wir wissen es nur zu gut, welche traurigen Erfahrungen wir israelitischen Curgäste unter diesen peinlichen Verhältnissen in der vorjährigen Saison in Roznau machen mußten, welche Aufregungen und Kränkungen wir zu erleiden hatten, als wären wir faktisch im Belagerungszustand gewesen. Da wir nun unsere sonst seinsühligen, in vielen Beziehungen wieder hartgesottenen Pappenheimer gründlich kennen, so wollen wir iwch zur Beruhigung jener, die ein gewisses Faible für Roznau haben, anführen, daß die dortigen Curärzte selber auf den Gebrauch der Molke feilt oder doch kein erhebliches Gewicht legen, sondern die milde Luft ist das eigentliche Moment, was in Betracht kommt. Roznau gehört demnach in die Kategorie von klimatischen Curorten und in diesen Belang gibt es bekanntlich eine große Auswahl von solchen klimattfchen Oertlichketten, wo man noch ungestört und unbehelligt seiner Ruhe pflegen und genießen kann. Aber auch in humanitärer Beziehung läßt dieser nunmehr zu einer traurigen Berühmtheit gewordene Curort sehr viel zu wünschen übrig. Abgesehen davon, daß die Curtaxe eine horrende ist, diese bettägt 7 fl. per Person ohne Unterschied — der Verhältnisse, gibt es keine Befreiungen von der Curtaxe, selbst nicht für solche Arme, die mittelst eines ordnungsmäßig ausgestellten Armnthszeugnisses ihre Pauperität Nachweisen. Die Befreiung gllt nämlich nur für Geistliche, Aerzte und Militär bis zum Officier exclusive. Die Roznauer Insassen bilden und reden sich ein, daß durch den Besuch der Juden die Aristokraten und vornehmen Arier nicht hinkommen, natürlich müssen diese eine große Sehnsucht nach einen Curorte verspüren, wo der größte Comfort (!) höchstelegante Hotels und Logis, pikseine Restaurants, diverse Unterhaltungs und Zerstreuungsetablissements, eine musterhafte Reinlichkeit allenthalben, eine im modernsten Styl eingerichtete Badeanstalt, eine vorzügliche Curcapelle rc. anzutreffen sind. In Consequenz dieser verblödeten Einbildung betrachten und behandeln sie die Juden als Schädlinge ihrer vermeintlichen Interessen. Die Nutzanwendung ergibt sich sonach von selbst. Dixi et salvavi auimam meam. Gladftoue über den Antisemitismus. Gladstone hat an den Parlaments-Abgeordneten Sir Samuel Montagu, welcher ihm die Broschüre Dr. Theodor Herzl's, „Der Judenstaat", zusendete, das folgende Schreiben gerichtet: „Der Gegenstand der zugesendeten Schrift ist höchst interessant. Es ist nicht leicht für den Außenstehenden, sich ein Urtheil darüber zu bilden, und es trägt vielleicht wenig zur Sache bei, wenn man es ausspricht, nachdem man sich eines gebildet hat. Es überrascht mich aber, zu sehen, wie weit das Elend der Juden geht. Ich bin natürlich stark gegen den Antisemittsmus. In einem eigenthümlichen und ziemlich fesselnden Roman: „Das Glied" (The Limb) finden Sie eine ziemlich außergewöhnliche Behandlung des Judenthums." B. Hubermann. Man meldet aus Bukarest: Bronislav Hubermann begeistert mit seinem Meisterspiele seit zwei Monaten ganz Rumänien. In Bukarest selbst gab er sechs ausverkaufte Concerte, was bisher noch fernem Künstler gelang. Besonders die kunstsinnige Königin zeichnete ihn wiederholt durch verschiedene kostbare Geschenke aus und am 22. Mai, am Tage des Krönungsjubiläums, wurde H u b e r m a n n vom König zum Kammervirtuosen ernannt. Interessant ist ferner, daß die Königin zum Andenken für sich ein Porträt Hubermann's malte, welches ihn mit Flügeln darstellt. Auf seine Frage, was diese zu bedeuten hätten, antwortete die Herrscherin: „Wer so Bach spielt, wie Du, der ist ein Engel." In das Album Hubermann's schrieb sie: Die Seele ist kein Kind, die schreitet groß Bon Anbeginn dahin durch Erdenkleinheit Und kommt ein Sonnenstrahl ^us Gottes Schoß Von Menschen unberührt in Himmelsreinheit. Darum hat über Alle sie Gewalt, Weil kindlich rein sie doch Aeonen alt." Carmen S y l v a. Ein christlich-socialer Pastor als Wucherer, Berlin, 29. Mai. Nachdem der Pommersche P a st v r Rauh wegen Einbruchsdiebstahls und Unterschlagung verhaftet worden ist, wurde jetzt ein z w e i t e r o rthodoxer Geistlicher Pommerns Namens Jaspis zur Amtsniederlegung gezwungen, weil er schamlosen Wucher getrieben hat. Zur Blutbeschuldiaun.a in Labischin. Ende Juli 1894 war das 5 Jahre alte Söhnchen des Ehepaares Kuniszewski in Labischin (Prov. Posen) verschwunden. Die Mutter lenkte den Verdacht auf die Juden. Die Leiche fand man im Walde verscharrt. Das Ehepaar wurde verhaftet. Die Untersuchung ist seinerzeit von der Presse nicht beachtet worden. Wir holen auf Grund zuverlässiger Erkundigungen das Resultat des Processes nach. In der Schwurgerichtsverhandlung vom October 1894 stellte es sich heraus, daß die Stiefmutter das Kind schrecklich mißhandelt und dann, wie auch die Sachverständigen erklärten, noch lebend in einer nahen Schonung vergraben hatte. Der Vater, der von der Arbeit heimkehrte, ftagte nach seinem Kinde. Da erklärte die Frau, die Juden hätten es gestohlen. Die Ehefrau gestand ihre Schuld ein und wurde zu 10 Jahre Zuchthaus und 10 Jahre Ehrverlust verurtheilt, der Ehemann wegen Mangels an Beweisen fteigesprochen. Eine Reminiseenz. In der von Helene Lange herausgegebenen Monatsschrift für das gesammte Frauenleiden unserer Zeit „Die Frau" findet sich in einer der letzten Nummern ein sebr beachtensweither Aufsatz von Adine Gemberg: „Die Frauen im Felde", dem wir folgende für uns besonders interessante Stelle entnehmen: „In dieser Fülle von wahrer, echter Nächstenliebe, wie sie sich während des Feldzuges vor 25 Jahren offenbarte, gebührt namentlich den Juden ein dankbares Andenken. Ein Jude war es, der an der Seite des Fürsten von Pleß die Leitung des Centralcomitßs für die Pflege der verwundeten Krieger übernommen hatte, und er wie seine Glaubensgenossen haben mit Gut und Blut dazu beitragen, daß so überaus reiche Opfer der Vaterlands- und der Nächstenliebe gebracht wurden. Auch bei der Weihnachtsbescheerung waren diese Spenden vertreten; und das Volk, das sie damals annahm, hat heute mindestens die Pflicht ein-!s dankbar freundlichen Erinnerns daran". — Dieser beherzigenswerthen Mahnung können wir uns nur aus vollem Herzen anschließen. Von Schreibtisch und Werkstatt. Unter diesem Titel hat Philipp Stein soeben ein Ausstellungs-Gedenkbuch veröffentlicht, in dem die hervorragendsten Männer der Wissenschaft, Kunst, Industrie und des öffentlichen Lebens zu Worte kommen. Wir finden darin u. A. auch die folgende wegen des Inhalts wie wegen des unterschriebenen Namens doppelt intereffante Notiz: „Spinoza lernet ein Handwerk. Das Gesetz und die alten jüdischen Lehrer mercken an, daß es nicht genug sei, einen Gelehrten abgeben, sondern man müsse über dieses sich in einer Handthierung oder Kunst üben. Dieses saget Rabban Gamaliel in dem Tractat des Talmuds kireke avoth. Cap. 2, allwo er lehret, daß die Befleißigung des Gesetzes eme Begehrungswürdige Sache sei, wenn man eine Handthierung oder arbeitsame Kunst damit verbinde. Die st-tige Beschäfftigung in diesen beiden Uebnngsstücken machet,, daß man in keinem Stück Böses zu thün hat, sondern dasselbe vergisset: Und ein jeder Gelehrter, der nicht eine Handthierung zu lernen besorget ist, wird endlich ein verstöhrter und unordentlicher Mensch in seinen Sitten. Und der Rabbi Jehuda