Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 23 (5.6.1896)
- Date
- 1896-06-05
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 23 Dr. Vloch's Wochrnpltzrifl. Seite 457 gaben, und sogar Euere Excellenz der Herr Präsident dem so sehr angestrengten Hause diese volklich erheiternden Jntermezzis wohlwollend nachsaheu, ja sogar über manche gar zu drollige — mechanisch - politische Zote, trotz ihrer Unwürdigkeit sür diesen hehren Raum, mitzulächeln geradezu gezwungen waren! Allein aus Hänschen — wurde Hans! Hinter den Comödianten und Puppen traten die Lehrmeister und Drahtlenker hervor, nach den Plänklern, — die ersten Schwärme mit gröberem Geschütz; Aus Scherz — sing Ernst zu werden an, jedoch Sie, Herr Präsident, wollten dem schwächlich verzogenen Kinde seine Unarten mit Nachsicht und Güte austreiben. Fest auf dem Boden der Staatsgrundgesetze stehend, mußten Sie mitleidig über den kleinen Thunichtgnt lächeln, der seine kleine Faust geballt gegen die für die Ewigkeit gefestigten Quadern dieser Gesetze und Menschenrechte drohend entgegenstreckte, und ließen manches böse Wort nachsichtig durchschlüpfen. Aus dem Fäustchen — wa^h die rohe Faust; — aus dem Gassenjungen — ward das ungeschlachte Thier, - die Bestie in Mannes gestalt? Die kleinen Compagnien reihten sich zu Kampf-Bataillonen in der Schlachtreihe auf und schleuderten aus ihren schmutzigen Mitrailleusen die rothigsten Brandreden gegen Staat und Gesetz, gegen Sitte und Menschlichkeit. Sie, Herr Präsident, fest auf dem Boden der Staatsgrundgesetze stehend, — stellten den Horden „den Ordnungsruf" — entgegen, nnd so kam die heutige Zeit — wie ich es an meinem Webstuhle schmerzlich ahnte — aber Euere Excellenz am Präsidentenstuhle niemals voraussehen — niemals zugeben wollte! In trüben Gedanken versunken, müden, schleppenden Ganges, in meinen heiligsten Gefühlen als Mensch und Mitbürger tief gekränkt, stehe ich wieder vor meinem Webstuhle — den Wahlzettel noch immer in der Tasche! Der Wahlact ist geschlossen. Euere Excellenz wurde anstatt mit 4000 - mit 3999 Stimmen zum bewährten Abgeordneten gewählt, welches Vertrauensmandat Sie dankend entgegennelnnen mit der heiligsten Versicherung: „Für alle Bürger dieser Stadt und ihrem Wähle einzustehen im Rahmen und ans dem Boden der Staatsgrundgesetze, vor welchem alle gleich sein sollen, und gleich sein müssen ohne Unterschied des Ranges nnd Standes und Glaubens!" Verein zur Abwehr des Antisemitismus. Der Verein zur Abwehr des Antisemitismus hielt, wie schon berichtet wurde, Samstag Abends in dem Festsaale des Kaufmännischen Vereines seine sechste ordentliche Generalversammlung ab, welcher auch die Ehrenpräsidenten des Vereines, Herrenhausmitglied Friedrich Freiherr von Leitenberger und Hofrath Professor Nothnagel beiwohnten. Der Präsident A. G. Freiherr von Suttner wies in seinem Berichte darauf hin, daß der Verein nur aus seine eigene Kraft angewiesen sei, da er bisher von den maßgebenden Faktoren nicht die geringste Unterstützung, ja nicht einmal ein Wort der Aufmunterung gefunden habe. Als Graf B a d e n i ans Ruder kam, da hoffte man, daß endlich ein entschiedener Zug in die Politik Oesterreichs kommen und ein kräftiges Auftreten gegen die antisemitische Hetze erfolgen werde. Redner besprach sodann die Audienz des Dr. Lueger und meinte, das bekannte „dermalen" bedeute wohl so viel als „heute nicht, aber morgen!" Nachdem nun Dr. Lueger und seine Gesellschaft das städtische Regime an sich gebracht, habe der Verein die wichtige Aufgabe, ein wachsames Auge zu behalten, um jeder Verletzung der Staatsgrundgesetze durch die antisemitische Gemeinderaths-Majorität sofort zu begegnen. Wenn auch der Verein nur auf sich selbst vertrauen müsse, so sei ja doch die Hoffnung berechtigt, daß einmal endlich die Pest des Antisemitismus aufhören und Friede und Ruhe wieder einkehren werden in unser Reich und unsere Stadt. (Beifall.) Der Präsident schilderte hierauf die Thätigkeit des Vereines, die größtentheils in der Publication aufklärender Schriften bestand. Während des abgelaufenen Jahres, führte er aus, sind 38.280 Schriftstücke durch das Bureau expedirt worden. Namentlich der vom Vereine herausgegebene Kalender hat sich rasch beim Publicum eingesührt, und die ganze Auflage ist vergriffen. Propaganda der Thal konnte der Verein nicht betreiben, da er bei seinem diesbezüglichen Versuche nicht die erforderliche Unterstützung bei den competenten Factoren fand und ihm auch nicht die Mittel der Gegner zu Gebote stehen, die über riesige Capitalien verfügen, aus denen die Reihen der Emissäre des Antisemitismus bestritten werden. (Beifall.) Es wäre für diese Herren fast einträglicher, ihren bürgerlichen Beruf aufzugeben, da sie ganz gut vom Geschäfte des Antisemitismus leben können. (Heiterkeit.) Der Verein hat, wie der Präsident ferner mittheilte, im verfloffenen Jahre 200 Mitglieder, die für den Verein von unwesentlicher Bedeutung waren, verloren, dafür aber 250 tüchtige Mitglieder gewonnen, wobei sich der Secretär des Vereines. Herr A m st l e r , sowie di? Herren Doctoren H a u m e rschlag, Eichhorn uno F l e i s ch n e r besonders verdient gemacht haben. (Beifall.) Der Präsident brachte sodann der Versammlung zur Kenntniß, das oas um den Verein hochverdiente Vorstandsmitglied, der frühere Vicepräsident General Mingazzi de M o d i g l i a n o, sich genöthigt sah, seine Stelle niederzulegen und aus dem Vereine auszutreten, weil er als Präsident des Beteranen-Reichsbundes nach den Statuten desselben keinem nichtmilitärischen Vereine angehören dürfe. Der Austritt des allverehrten und sür den Verein rastlos thätig gewesenen Vicepräsidenten Generals Mingazzi müsse mit lebhaftestem Bedauern ausgenommen werden. (Allgemeiner Beifall.) Schließllich erinnerte der Präsident noch an die ins Leben gerufene Rechtsschutzabt h e i l u n g, welcher die Advocaten Dr. Alfred Schmidt nnd Dr. Benedict mit besonderer Thatkraft sich widmen, und forderte die Mitglieder des Vereines, aber auch außerhalb desselben stehende Personen auf, antisemitische Insulten nicht stillschweigend über sich ergehen zu lassen, sondern die Rechtshilfe dieser Institution in Anspruch zu nehmen. (Lebhafter, allgemeiner Beifall.) Sodann erstattete der Vereinscassier Herr B e i l i n g den Cassabericht. Derselbe wurde einhellig genehmigt. Es folgte die Neuwahl des Vorstandes. Auf Vorschlag des Vereinsmitgliedes Stört wurden gewählt: zum Präsidenten A. G. Freiherr v. Suttner, zu Bice-Präsidenten Reichsraths-Abgeocdneter Professor Dr. Eduard S u e ß und Dr. Kart Reichsritter v. K i ß l i n g. nun Caffier Herr August B e i l i n g, zu Schriftführern die Schriftsteller Ernst Victor Z e n k e r und Balduin Groller, weiters zu Vorstandsmitgliedern die Herren Ludwig H e t s e t). Reichsratbs-Abgeordneter Dr. Ferdinand Krona w e t t e r, Schriftsteller Viucenz Chiavacci, Reichsraths- Abgeordneter W r a b e tz und Dr. Karl Z i m m e r m a u n. In das Schiedsgericht wurden berufen : Reichsraths-AbgeordNtier Hofrath Professor Dr. E x n e r. F r a u e n b e r g e r und Gemeinderath Leopold Seiler. Universitüts-Docent Tr. Feilbogen hielt hieraus einen interessanten Bortrag, in welchem er den Nachweis führte, daß die Bekämpfung des Antisemitismus im eigensten Interesse des österreichischen Staates gelegen sei. Dr. Feilbogen beantragte am Schluffe seines Vortrages nachstehende Resolution: Die Generalversammlung des Vereines zur Abwehr des Antisemitismus ermächtigt das Präsidium, bei paffender Gelegenheit an die gesetzgebenden Körperschaften und an die Regierung mit dem Ansuchen heranzutreten, es habe in den von den öffentlichen Behörden ausgestellten Documenten oder für öffentliche Behörden bestimmten Anmeldungen die Angabe der Confession zu entfallen, da es nach den Staatsgrundgesetzen den Behörden nicht erlaubt ist, die Angabe der Zugehörigkeit zu einer Confession zu fordern. Nachdem diese Resolution angenommen worden war, entspann sich noch eine lebhafte Debatte. Herr Frankl protestirte gegen die Verleumdungen und Beschimpfungen Ungarns durch die Antisemiten, welche nur das freundschaftliche Verhältniß beider Reichshälften stören können. Herr Mi ßlap stattete dem Vorstande sür seine unermüdliche Thätigkeit im Interesse des Vereines den herzlichsten Dank ab. Herr Störk bedauert es, daß jüdische Chefs Leutein ihren Diensten behalten, welche offene und entschiedene Antisemiten sind. Herr Ro t hz i e g e l wünschte den Anschluß des Vereines an die Socialdemokratie, wogegen aber Bezirksausschuß Waldstein energisch Einsprache erhob. An die Versammlung reihte sich ein geselliger Abend, der einen animirten Verlauf nahm. Unter den Zuschriften, die anläßlich der Generalversammlung an den Verein gelangten, befand sich auch der bereits mitgetheilte Brief C a r n e r i's, ferner ein sympathisches Schreiben des Consistorialrathes Dr. Schöpf aus Guggenthal bei Salzburg in welchem er dem Wunsche Ausdruck gibt, die Geistlichkeit möge sich auf die Seite der Freiheit stellen und die Regierung den obersten Grundsatz der Verfassung, die Gleichberechtigung, energisch durchführen. Etwas über RoLnau. Bor Allem bitte ich, meine werthen Leser, nicht zu erschrecken, wenn Sie vielleicht glauben, daß es sich diesmal um eine Wiederholung der vorjährigen antisemitischen brutalen Excesse gegen die jüdischen Curgüste handelt. Soweit sind wir Heuer gottlob vorläusig noch nicht; allerdings, was nicht ist, kann noch werden. Damit dies eben nicht geschehe, ist es eine unerbittliche Nothwendigkeit, an diese rohen, pöbelhaften Ausfälle und Verhetzungen der Antisemiten gegen die jüdischen Curgüste, wie sie sich voriges Jahr in sv trauriger Weise abgespielt Haben, zu erinnern, um dieselben als ein eindringliches Memento unseren Glaubensgenossen ans Herz zu legen und ihr Denkvermögen darauf zu lenken. Du wirft Dir sicherlich, lieber Leser, dabei denken, wozu braucht es erst eine Erinnerung? Hat man nicht genug in den meisten Zeitungen von den Beschimpftrngen, Jnsultirungen und Gewaltthätigkeiten der Antisemiten gelesen, denen die Juden ausgesetzt waren, wobei es so weit gekommen ist, daß dieselben sich genöthigt sahen, auf telegraphischem Wege um Schutz und Recht für die an Leben und Ehre bedrohten und attakirten israelitischen Curgüste bei der hohen mährischen Statthalterei anzusuchen. Und im Grunde genommen, wäre ja dieser voraussichtliche Gedankengang unseres lieben Lesers angesichts solch' außer-