Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 23 (5.6.1896)
- Date
- 1896-06-05
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 456 Vr. Vloch's Wochrnfchrist. Nr. 23 stellt. Leider werden die Gesetze durch willkiirliche Verordnungen lahmgelegt und die Praxis befindet sich im grellen Widerspruch mit der Theorie. Als Ausgangspunkt dieser höchst bemerkenswerthen Polemik, die in unserer Presse entbrannt ist und wobei der Provinzialadulinistration herbe Wahrheiten gesagt werden, die jedoch eigentlich aus die höchste Regierung gemünzt sind (den Sack schlägt man, den Esel meint man), diente das Verbot des Wilna'schen Generalgouverneurs, Crucifixe auf den Kreuzwegen aufzustellen und baufällig gewordene katholische Kirchen zu restauriren. Fast sämmtliche Preßorgane sprachen sich einmüthig gegen den Charakter dieser Verordnung aus, welcher die Grundgesetze über religiöse Toleranz roh verletzt. Selbst der eingefleischte Judenhasser und Vertreter des Obscurairtismus und Fanatismus Fürst Meschtscherskij ließ in der letzten Nummer seines Organs „Graschdanin" einen geharnischten Artikel zu Gunsten der religiösen Toleranz los, er, der sonst alle Völker Rußlands unter einen Hut der Rechtgläubigkeit bringen wollte. Das ist ein symptomatisches Zeichen der Zeit, der Vorbote eines baldigst bevorstehenden Umschwungs. Obgleich der fürstliche Journalist die Lanze für den Katholicismus bricht, so kann ein jedes seiner Worte auch Bezug auf die Juden haben, dürste als eine Philippika zu unseren Gunsten betrachtet werden, wie es auch der bekannte Gelehrte und Publicist Professor Medestow betont und hervorhebt. Aus diesen Gründen verdient der von Fürst Meschtscherskij im „Graschdanin" ^rröffnete Feldzug zu Gunsten der religiösen Toleranz außergewöhnliche Beachtung, umsomehr, da derselbe Verbündete gefunden und ein sympathisches Echo wachgerufen auch in der von dem Fürsten Uchtomskij redigirten „Petersburgskija Wjedemosti" (dies älteste von Peter den Großen noch gegründete und einige Zeit von dem Zaren selbst redigirte Zeitung Ruß- . lands) und sogar in der „Nowoje Wremja", diesem antisemitischen Blatte par excellence. Wenn man der ewigen Wahrheit nicht gutwillig Einlaß gewährt, so erzwingt sie sich denselben. Sie klopft zumeist bescheiden an die Thüre, bittet demüthig um Zulassung. Wenn sie aber tauben Ohren begegnet, so wird sie immer dringender und „bist Du nicht willig, so brauch' ich Gewalt". So scheint es jetzt auch bei uns so ziemlich der Fall zu fein. Die Wahrheit muß und wird die Siege davon tragen über die Lüge, das Licht über das Dunkel. Fürst Meschtscherskij sagt der Regierung bittere Wahrheiten, macht ihr geradezu den Vorwurf, daß sie durch systematische religiöse Verfolgungen gewissermaßen den abscheulichen Grundsatz aufftellt „Besser an nichts Glaubende, als anders wie an die griechische Kirche Glaubende, d. h. besser Atheisten heranziehen, als gestatten, daß man an einen Gott glaube, den die orthodoxe Kirche nicht anerkennt". Nicht wahr, das ist ziemlich stark gesagt, doch Fürst Meschtscherskij fährt in seiner Philippika fort, indem er die Person des Monarchen aus dem Spiele zu lassen bestrebt ist. „Seit lange", sagte er, war es der austichtige und beständige Wunsch des russischen Monarchen, daß alle unter seinem Scepter lebenden Bekenner verschiedener Religionen ruhig uud friedlich chren Glauben bekennen, je nach den Dogmen ihrer Confession. Leider haben jedoch diese edlen Bestrebungen des Monarchen Widerstand seitens allzueisriger Apostel der Orthodoxie gefunden, welche von Zeit zu Zeit, angeblich im Namen der Kirche und zu ihrer Verherrlichung, mehr politische als kirchliche, mehr persönliche als göttliche Anforderungen an die Andersgläubigen stellten. Und in ihrem Unfehlbarkeitsdünkel gingen diese Apostel so weit, daß sie solche Paradoxen als unfehlbar betrachteten, welche nur Unruhen hervorriefen und die Beziehungen der Unterthanen zum Herrscher lockerten, anstatt Liebe Haß säeteu. Und um diese verabscheuungswerthen Ziele zu erreichen, logen sie, daß sie den Wunsch des Monarchen erst'illten, verleumdeten den Gesalbten des Herrn und verbreiteten die lügnerischen Ansichten, daß es dem Zaren ganz gleich sei, ob seine Unterthanen an Gott glauben und nach Grundsätzen ihrer Religion leben, wenn sie nur in den statistischen Tabellen figuriren, mögen sie Heiden oder sonst was sein. Das sei für ihn angeblich irrelevant. Da jedoch ein jeder der 120 Millionen russischen Unterthaneu fest überzeugt ist, daß in der Seele des Zaren solche Gedanken unmöglich vorhanden sind, vorhanden sein können, da er für die Ruhe und den Frieden, die religiöse Eintracht aller seiner Unterthanen, ohne Unterschied der Confession, bedacht ist, so folgt daraus, daß das Volk alle diejenigen, welche im Namen der rechtgläubigen Kirche die Ansicht verbreiten, daß es besser sei, Atheist zu sein, als nicht an die Grundsätze der Rechtgläubigkeit zu glauben, Gegner des Zaren sind und das Volk gegen de^ Monarchen aufhetzen." Schärfer ist die Regierung noch nicht verurtheilt worden, als es hier geschehen. Alles, was Fürst Meschtscherskij hier sagt, ist buchstäblich wahr, doch hatte bisher Niemand den Muth, das so steimüthig auszusprechen. Jetzt ist der Zauber gelöst und alle sprechen sich in diesem Tone aus, verurtheilen die Willkür verschiedener Regiernngsacte und deuten auf die russischen Grundgesetze hin, welche eine absolute Religionsfreiheit feststellen, welche keinen Unterschied zwischen Nationalität und Confession russischer Unterthanen zulassen und absolute Gleichheit für Alle ohne Ausnahme proclamiren. Diese erfreuliche und höchst tröstliche Bewegung, die sich in unserem gesellschaftlichen Leben und unserer Presse bekundet, ist zwar blos durch Verfolgungen hervorgerufen, denen jüngsthin der Katholicismus unterworfen wurde, kann aber mit gleichem (wenn nicht noch weit größerem Rechte) in Bezug auf die jüdische Bevölkerung Rußlands angewendet werden. Wenn sich jetzt Fürst Meschtscherskij beifallen lassen sollte, wieder ein Mal auf die Juden zu Hetzen, Beschränkung ihrer Rechte zu verlangen, so dürfte es genügen, ihm seinen hier blos im Auszug gebrachten Artikel vor die Augen zu halten, um ihn zum Schweigen zu bringen. Was den Einen recht, ist dem Andern billig. Daß die Frage über religiöse Toleranz jetzt so in Fluß gekommen, ist unzweifelhaft eine symptomatische Frage der Zeit, und wenn man auch keine allzu optimistischen Schlußfolgerungen daraus ziehen dürste, so dient dieser Umstand doch als Zeichen, daß sich in den höchsten Sphären ein allgemeiner Umschwung vollzogen oder vollzieht, der auch uns zu Gute kommen dürste. Fürst Meschtscherskij, der mit dem Hofe Fühlung hat, würde nie und nimmermehr gewagt haben, so schonungslos gegen die höchsten Provinzialbeamten vorzugehen, wenn er nicht gewußt hätte, daß dieses sein Vorgehen an betreffeirder Stelle gebilligt werden würde. Auch Fürst Uchtomskij, dessen nähere persönliche Beziehungen zum jungen Monarchen (den er auf seiner großen Orientreise begleitete) gar zu bekannt sind, würde sich nicht erlaubt haben, in diesem liberalen Fahrwasser zu segeln, wenn er nicht früher das Terrain soudirt hätte. Mau ist nun bei uns liberal oder conservativ, reactionär oder fortschrittlich, tolerant oder fanatisch par orär« äa wankt!. Vom Jahrmarkt des Lebens. Offener Brief an Seine Excellenz den Herrn Präsidenten des Abgeordnetenhauses Baron Chlumeeky. Euere Excellenz! Ein Kleinbürger Ihres Wahlkreises wagt es, seinem Herzensbedürfnisse folgend, auf diesem ganz ungewohnten Wege an Sie, Herr Präsident, wenige Worte zu richten. In kürzester Frist wird Euere Excellenz, umtost von den Beifallsstürmen und Acclamationen Ihrer Wähler im Brunner Redoutensaale zum so und so vielten Male zum bewährten Reichsrathsvertreter des deutsch-liberalen Brünn gewählt werden. — Wie so oft werden sie auch diesmal das Bertranensmandat Ihrer Wähler mit der bündigsten Versicherung dankend entgegennehmen, daß Sie als deutsch - liberaler Mann die Interessen dieser Stadt und aller ihrer Bürger wahren werden im Rahmen und auf dem Boden der Staatsgrundgesetze, vor welchem alle — ohne Unterschied des Standes, Ranges und des Glaubens, gleich sein sollen und gleich sein müssen. Auch meine Wenigkeit, die vom politischen Leben so entfernt ist, als Euere Excellenz vom Webstuhle, wird seine parlamentarische Bürgerpflicht erfüllen und nach altgewohnter Weise seinen Stimmzettel ausgefüllt mit den jeden Zweifel ausschließenden Namen: Johann Ritter v. Chlumecky und Friedrich Wanniek zur Urne tragen. — Mein wolliger Beruf läßt mir zum Weben parlamentarischer Gedanken wenig Zeit; allein einmal auf diesem politischen Spaziergange begriffen, setzen sich in meinem Kopfe allerlei bunte Fragen und Erinnerungen fest. Es ist nicht lange her, als ich der gleichen Pflicht ftoh und resolut, elastischen Schrittes nachging, ja ganz unverdrossen zwei bis dreimal des Namensauftufes wegen gehen mußte. Was hemmt heute meinen Schritt, warum der schleppende Gang, kühl, überlegt, das Wühlen der Gedanken in tiefer Erinnerung? Was ist seither geschehen? Meine Gedanken weilen bei jenen Erstlingsversuchen einer neuen Partei, die ihre buntbefederten Clowns und scheckigen Vorplänkler in die politische Arena herabsandten, wo selbe ihre Sprünge und Purzelbäume zum Gaudium der Herren des hohen Hauses von rechts und links zum Besten