Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 23 (5.6.1896)
- Date
- 1896-06-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 23 Vr. Vloch's Wochrnschrtfi Seite 455 Barkochbas sagen sie nichts. Er scheint im Kampfe gefalleil zu sein. Merkwürdig ist es aber, daß sich zu der jüdischen Tradition von der qualvollen Krankheit und dem Tode des Titus kein Seitenstück in dem ähnlichen, historisch besser beglaubigten Ende Hadrians findet, lind doch hätte ein frommer gläubiger Sinn auch in seiner langwierigen, schmerzhaften Krankheit das Strafgericht Gottes sehen können. Wiederholt wünschte dieser Kaiser sich den Tod, bat um Gift oder ein Schwert, um seinem Leben ein Ende zu machen. Durch Drohungen und Versprechungen brachte er es endlich dahin, daß ein gefangener Jazygier ihm das Schwert durch die Brust zu stoßen versprach. Er zeigte ihm die Stelle, die er treffen müßte, um ihn mit dem ersten Stoß zu tödten, aber der Sclave wagte doch nicht zuzustoßen und entfloh. Nun brach Hadrian in die lautesten Klagen aus über seine Krankheit, die es ihln unmöglich machte, sich selbst zu tödten. Nach einem mißlungenen Selbstmordversuch suchte er sich durch Enthaltung von Speise und Trank zu tödten uicd dem Hungertode ist er eirdlich anr 10. Juli 138, drei Jahre nach dem Falle Bithers, erlegen.') So eubete der größte Judenfeind auf dem römischen Kaiserthrone. M. L. Beitrag zur Geschichte der russischen Juden. XLVIII. Ein jüdischer Polizeiminister. So unglaublich es auch für unsere Verhältnisse in der Gegenwart klingeil möge — so wahr ist es; der erste jüdische Pvlizeiminifter in Rußland und Oberchef der heiligen Hermandad in der russischen Metropole war ein — Jude. Und über diesen eelatanten Fall berichtet keine geringere Person als unser gegenwärtiger Minister des Aeußern, Fürst Lobanow-Rostowskij, (dessen Autorität doch nicht angezweifelt oder dessen Parteilosigkeit doch nicht verdächtigt werden kann), in einem unlängst erschienenen höchst interessanten historischen Werke. Der Posten eines General-Polizeimeisters, der gleichzeitig Stadthauptmann von St. Petersburg war, wurde im Jahre 1718 durch Peter den Großen ins Leben gerufen und wollte es eure seltsame Schicksalslaune oder die Ironie der Geschichte, daß der erste, der diese Function ausfüllte, ein Jude war, _ ein portugiesischer Jude, der von der niedrigsten socialen Stufe es verstanden hatte, die höchste Sprosse der hierarchischen Leiter zu erklimmen. Die Geschichte dieses merkwürdigen Mannes, der den Namen Diviere, den Titel eines Grafen trug und den hohen Rang eines Generals, Ministers und Favorits des großen Zaren bekleidete, ist höchst interessant und werth, an dieser Stelle reproducirt zu werden, umso mehr, da die Nachkommendes portugiesischen Judenjungen noch jetzt in Rußland leben, einflußreiche Stellungen einnehmen und ihre bescheidene semitische Herkunft ganz vergessen zu haben scheinen und sich als blaublütige Patricier unverfälschten russischen Ursprungs geberden. Peter I. begegnete Diviere zum ersten Male in Amsterdank auf einen» Schiffe. Während er das Fahrzeug befehligte, richtete der Zar seine Aufmerksamkeit aus einen sehr hübschen, schlanken Schiffsjungen, der mit bemerkenswerther Gelenkigkeit die Strickleiter der Masten erstieg, die Segel befestigte oder lockerte und überhaupt sehr schnell und verftändnißvoll alle Anordnungen ausführte, alle möglichst schwierigen Arbeiten verrichtete. Nach Beendigung des Manövers ließ Peter den Jungen zu sich berufen, lobte ihn wegen seiner Anstelligkeit und Behendigkeit, schenkte ihm einen Thaler und fragte ihn, wer und woher er sei. Der Junge antwortete unerschrocken, daß er Anton Diviere heiße, daß er der Sohn eines portugiesischen Juden sei, der nach Holland übergesiedelt und sich daselbst habe taufen lassen, daß sein Vater gestorben sei, ohne ihm etwas zu hinterlassen, und daß er aus Noth Schiffsjunge geworden, da er keine andere leichtere Beschäftigung habe finden können Diese freimüthige Antwort des Jünglings und sein sympathisches Aeußere gefielen den» Monarchen so sehr, daß er sofort Diviere vorschlug, in seine Dienste zu treten, wobei er ihm versprach, im Falle treuen und ehrlichen Dienstes für sein ferneres Schicksal zu sorgen. Selbstredend, daß der junge Mensch mit Begeisterung diesen Antrag des Zaren annahm und am nächsten Tage »vurde er in den kaiserlichen Dienst als Page ausgenommen. ') Dio Cassius 69 e. 17, 22, 23; Gregorovius 240. Peter hatte sich, wie der Biograph Diviere's erzählt, in seiner Wahl nicht getäuscht. Ter portugiesische Judeujunge erwies sich als ein sehr befähigter, energischer und treuer Diener. Obgleich nicht mit gar zu hohen Geistesgaben ansgestattet, war er klug, einschmeichelnd, unbestechlich und unermüdlich. Außerdem besaß er ein aufgewecktes, heiteres Temperament und war ein liebenswiirdiger, unterhaltender Gesellschafter. Dank dieser Eigenschaft erwarb er sich bald die Gewogenheit des Zaren und seiner ganzen Familie und wurde zum kaiserlichen Adjutanten ernannt, dem verschiedene Aufträge ertheilt wurden, die Geistesgegenwart, Verstand und Geschick erforderten. Da er sich dieser, oft außerordentlich wichtigen Missionen stets mit dem größten Pflichteifer und außerordentliche»» Tacte entledigte, so stieg er immer höher in der Gunst des Zaren, erklomm blitzschnell die hierarchische Leiter und schon nach zwei Decennien sehen wir den Schiffsjungen als Generallieutenant und Generaladjutant Seiner- Majestät des Kaisers aller Reussen. Der Emporkömmling, der, trotz der Zarengunst, von der höheren Gesellschaft kühl ausgenomnlen wurde, die in dem Favorit des Kaisers fortftlhr, den portugiesischen Juden zu sehen wollte diese sich vor ihm erhebenden Schranken durch eine aristokratische Heirat beseitigen und warb um die Hand der bejahrten und nicht allzuhübscheu Schwester des Fürsten Menschtschikow, welche jedoch diesen Antrag schnöde zurückwies und ihn für diese Frechheit nicht nur durch insultirende Worte, sondern auch durch thätliche Beleidigungen zu strafen behebt war, wofür sich Diviere seinerzeit rächte. Als Generalpolizeimeister rechtfertigte Diviere (deui Peter den Grafentitel verliehen hatte) die in ihn seitens des Monarchen gesetzten Hoffnungen und war eifrigst bestrebt, den Wünschen des Kaisers gemäß, das von demselben so sehr geliebte „Paradies" (Petersburg, so nannte Peter die von ihm aus den Morasten Jngermanlands herausgestampste Metropole) nach Art der europäischen Städte zu organisiren. Nach Aussage des holländischen Kamnrerjunker Berghelj, der iit Petersburg am Schluß der Regierung Peter des Großen lebte, zeichnete sich Diviere durch außerordentliche Strenge aus und flößte den Residenzbewvhnern eine derartige Furcht ein, daß sie bei bloßer Erwähnung seines Namens bebten. Wenn der Zar in Petersburg weilte, so stattete Diviere persönlich Seiner Majestät täglich Bericht über alle Residenzereigniffe ab. Uebrigens ging der Monarch selbst in Alles ein, was die Ordnung der neuen Residenz anbetraf, beachtete die geringste Kleinigkeit und für die unbedeutendste Vernachlässigung strafte er strenge, wobei auch sein Liebling Diviere sein Theil bekam, wie aus folgender Episode ersichtlich ist: Als Peter einst mit seinem Polizeiminister durch die Stadt fuhr, näherte er sich der Brücke über den Canal. Die Brücke war in Unordnung, da Jemand einige Bretter gestohlen hatte. Der Kaiser befahl seinen Adjutanten die übrig gebliebenen Bretter auseinanderzurücken, damit man herüberfahren könne und selbst zählte er seinen Generaladjutanten Grafen Diviere einige tüchtige Hiebe mit feinem Knüttel ans, wobei er sprach: „Das wird Dir mehr Gedächtniß geben für die Instandhaltung der Brücken zu sorgen; Du mußt Alles selbst besichtigen" Sprach's und gleich nach der recht schmerzhaft an den Polizeimeister öffentlich vollzogenen Execution, wandte er sich freundlich wieder zu Diviere „Steig ein, Brüderchen!" Und so fuhren die Beiden gemüthlich weiter, das auf so drastische Weise unterbrochene Gespräch fortsetzend. XIL. lieber religiöse Toleranz. Jüngsthin, in Veranlassung der Verfolgungen, welchen die katholische Bevölkerung der nordwestlichen Gouvernements Rußlands seitens einer allzu eiftigen Provinzialadministration ausgesetzt worden, haben die russischen Zeitungen die Frage über religiöse Toleranz angeregt und seltsamerweise treten diejenigen Organe der O öffentlich keit ftir absolute Glaubensfreiheit in die Schranken, welche bisher gehetzt, intriguirt, insinuirt und den Samen der Zwietracht zwischen den verschiedenen Consessionen gesäet und die Regierung aufgefordert, gegen alle Andersgläubigen «d. h. welche nicht das alleinseligmachende Dogma der rechtgläubigorthodoxen Kirche anerkennen) streng repressiv vorzugehen. Wir begrüßen diese Erscheinung mit Freuden und wünschen blos, daß die anerkennenswerthe Toleranz, welche unsere nationalen Heißsporne so plötzlich in Bezug auf den Katholicismus bekunden, auch auf den Judaismus angewandt werde. Dieser fromme Wunsch, ist ein so berechtigter, da in der That der russische Gesetzcodex das Princip bedingungsloser religiöser Toleranz auf-