Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 23 (5.6.1896)
- Date
- 1896-06-05
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 454 Dr. Vwch's Wochenschrift. Nr. 33 nützt hätte? Thatsächlich konnten die Juden von den in Palästina und Syrien stehenden Truppen nicht besiegt werden, es mußten Verstärkungen von allen Seiten herbeigezogen werden. Das hätte nicht geschehen können, wenn die Römer gleichzeitig am Rhein und an der Donau zu kämpfen gehabt hätten. Aber die Gallier verhielten sich ruhig und der große markomannische Krieg, in dem die germanischen Völker bis nach Aquileja vordrangen, brach erst ein Menschenalter später aus. Die Juden begannen ihren Ausstand bald nachdem Hadrian Syrien verlassen hatte (*. 132) mit einer Art Guerillakrieg. In Höhlen und unterirdischen Gängen sammelten und bewaffneten sie sich mrd überfielen von dort einzelne römische Abtheilungen oder von Römern besetzte Orte. Der römische Statthalter Palästinas, Tineus Rufus, scheint dem Aufstande anfangs keine Bedeutung beigemeffen zu haben. Als er aber immer weiter um sich griff und die Juden zahlreichen Zuzug von auswärts erhielten, versuchte er ihm vergebens mit strengen und grausamen Maßregeln Einhalt zu thun. Selbst die Verstärkungen, welche die römische Armee erhielt und die Hilfe des Statthalters von Syrien, Publius Marcellus, hatten keinen Erfolg. Der Aufstand griff immer weiter um sich, so daß, wie Dio Caffius sagt, fast das ganze römische Reich dadurch erschüttert wurde, und die Verluste der Römer waren so stark, daß Hadrian in dem Berichte an den Senat die übliche Formel „ich und die Armee befinden uns wohl" wegließ. Noch ein Menschenalter später lag der Schrecken des jüdischen Krieges den Römern in allen Gliedern, und ein vornehmer Römer verglich ihn mit den größten Niederlagen römischer Heere: „Wie war es denn in der Schlacht an der Allia gegen die Gallier, bei Caudium gegen die Sammten, bei Cannae gegen die Punier .... und um nicht blos von alten Geschichten zu reden, will ich Beispiele aus deiner eigenen Familie anführen" — schrieb Ai. Cornelius Fronto seinem Schüler, dem Kaiser Marc Aurel — „wieviel Soldaten wurden nicht unter deinem Großvater Hadrian von den Juden und Briten getödtet!" Aber schließt der trostbringende Hofmann, schließlich wurden Schrecken und Mühsal der Römer stets mit Ruhm und Sieg belohnt!') So ist es im jüdischen Kriege auch geschehen, aber erst nach dreijährigen blutigen Kämpfen und nachdem die Römer von allen Seiten Truppen herangezogen hatten; ein Detachement afrikanischer Cavallerie (Ala Gaetulorum) ging sogar von Deutschland, wie es scheint von ihrem Standorte Wien, nach Judäa. Aus Arabien und Mösien, aus Syrien und Egypten rückten die Legionen heran und aus einer in Algier gefundenen Inschrift wissen wir, daß selbst der Admiral der syrischen Flotte sich im jüdischer: Kriege auszeichnete und dafür von Hadrian belohnt wurde. Nach und nach wurde die römische Armee in Judäa auf fünf Legionen gebracht, welche mit Einrechrmng der Cavallerie und der Flottenmannschast wohl 30000 Mann ausmachten, zu deren Befehlshaber der aus Britannien herbeigerufene beste Feldherr Hadrian's, Julius Severus, ernannt wurde. Aber auch dieser wagte es nicht, den Juden in offener Feldschlacht entgegenzutreten, weil er, wie Dio Caffius sagt, die Menge und den verzweifelten Muth der Gegner fürchtete. Er griff nur einzelne Abtheilungen an, schnitt ihnen die Lebensmittel ab und schloß sie in ihre Höhlen und befesttgte Orte ein, wo er sie aushungerte. So gelang es ihm, nach drei Jahren dem Aufstande, nicht durch Besiegung, sondern durch fast völlige Ausrotttlng der Juden, ein Ende zu machen, wofür chm von Hadrian und dem Senat die Triumphinfignien (oraamenta trinmpbalia) verliehen wurden?) Von Manchen ist auch behauptet worden, daß Hadrian persönlich am Kriege theilgenommen habe; aber es wäre doch sonderbar, wenn die Römer und Griechen, welche über diesen Krieg berichteten, einen so wichtigen Umstand nicht erwähnt hätten. Jedenfalls war der Kaiser schon im Mai 134 wieder in Rom?) Er hat über das besiegte Judäa keinen Triumph gefeiert, und das mtt Recht. Es war ja kein feindliches Land, das die römischen Legionen eroberten, sondern eine Provinz des Reichs 0 M. C. Fronto, Episfcolae II 96. 2) Darmestetter in Rerue des stades juives I 54. Andere aus Anlaß des jüdischen Krieges ertheilte Auszeichnungen S. Gregorovius 20i, 206. 2) Für die Anwesenheit des Kaisers auf dem Kriegsschauplätze sind Schiller (Römische Kaiserzeit I 613), Hausrath und Darmestetter, dagegen: Graetz und Gregorovius. Der Talmud nimmt die Gegenwart Hadrians bei der Belagerung von Bither an. die sie völlig ruinirt hatten. Wie Dio Caffius berichtet, wurden fünszig befestigteSchlöffer und 985 Dörfer und Flecken völlig zerstört; 580.000 Juden verloren ihr Leben im Kampfe und unzählige kamen durch Feiler, Hunger und Seuchen um. Ganz Judäa ward fast zur Wüste Unter den zerstörten Orten scheint Bither der bedeutendste oder derjenige, in welchem Barkochba sich am längsten vertheidigte gewesen zu sein. Die Einnahme dieser Stadt, welche unweit der Meeresküste, vier Meilen südlich von Caesarea lag,') erfolgte in: Jahre 135, angeblich am 9. Ab, wie der Talmud (Jerus. Taanith IV S. 68) berichtet, zur Strafe weil Barkochba den R. Eleasar den Modäer tödtete. Nach dem Buche Josua der Samariter (citirt in Gastfreunds Rabbi Akiba) fiel die Stadt durch Berrath zweier Samariter, welche den Römern den geheimen Weg verriethen, auf dem die Belagerten sich verproviantirten. Colossal übertreibend lauten die talmudischen Berichte über Bither und dessen Belagerung: „Es befanden sich dort 400 Schulen mit je 400 Lehrern, von denen jeder 400 Schüler hatte, die mit ihren Schreibgriffeln gegen die Römer kämpften und von diesen nach der Einnahme in Schrifttollen eingehüllt und verbrannt wurden. Das römische Heer hatte 160.000 Trompetenbläser, deren jeder eine zahlreiche Mannschaft befehligte. Die Pferde der Römer wateten bis zu den Mäulern im Blute und der Blutsttom schwemmte 40 Pfund schwere Steine in's Meer."^) Den Juden wurde nicht gestattet die Todten zu begraben. Jahrelang lagen die Leichname der Gefallenen, die Luft verpestend bis endlich der Nachfolger Hadrians (Marcus Antoninus seit 138) die Beerdigung gestattet, welche Gnade im jüdischen Gebetbuche verewigt wurde. Zahllose jüdische Gefangene wurden auf allen Sclaven- . Märkten zum Verkaufe ausgestellt und viele von ihnen gingen durch Schiffbruch und Hunger zu Grunde. Biele Jungfrauen stürzten sich in's Meer, um der Entehrung zu entgehen, die ihrer in der Gefangenschaft wartete, während die Angesehensten unter den Gefangenen auf die grausamste Weise getödtet wurden. Dem Rabbi Akiba, der sich noch im Gefäugniß mit Auslegung des Gesetzes beschäftigte und fteudig dem Märtyrertode entgegensah, wurde die Haut mit eisernen Striegeln von: Körper gerissen. Mit den Worten „Gott ist einzig" hauchte er sein Leben aus, und die Engel, sagt die Legende, warfen Gott den Tod dieses vollkommen Gerechten vor?) Rabbi Chanina b. Teradjon, der sich am Aufstand gar nicht betheiligt und nur, entgegen dem kaiserlichen Verbot, Vorträge über die Bibel gehalten hatte, wurde bei langsamen Feuer verbrannt. Man umhüllte ihn mit einer Bibelrolle, die man mit Rebschnüren festband, zündete sie an und legte nasse Wolle auf sein Herz, damit er länger leiden sollte. Als feine Tochter seine Qualen sah, rief sie: „Ist dies der Lohn der Frömmigkeit?" Darauf erwiderte er: „Wenn man mich allein verbrannt hätte, so wäre es mir schwer zu erttagen gewesen, da man aber Gottes Thora mit mir verbrennt, so wird der, welcher seine Thora rächen wird, auch mich rächen". Die Legende erzählt weiter, der Henker habe den Rabbi geftagt, ob er ihn ins Paradies mitnehmen werde, wenn er durch Entfernung der nassen Wolle seine Qualen abkürzen wiirde. Als ihm Chanina dies zusicherte, nahm er die Wolle weg und vermehrte das Feuer, worauf der fromme Märtyrer seine Seele aushauchte. Darauf stürzte sich der Henker ins Feuer und eine Stimme ertönte vom Himmel: „Chanina und sein Henker sind eingegangen ins ewige Leben!"4) Die christliche Legende erzählt Aehuliches von dem h. Tiburtius und dem Officier, der (a 229) dessen Hinrichtung zu überwachen hatte, sich zum Christenthum bekehrte und mit ihm den Märtyrertod erlitt. Auch von anderen Märtyrern aus der Zeit Hadrians berichten die jüdischen Sagen und Legenden, aber vom Tode *) Nach Grcitz, Ewald und Tobler. Andere Bermuthungen über die Lage von Bither sind bei Gregorovius 191 Akg. 3 zufammmgestellt. Obadja aus Bartenoro, der im Jahre 1487 das heilige Land besuchte, schilderte Bither, „die einst große Stadt", als eine von Hirten bewohnte Ortschaft mit ungefähr zwanzig Häusern, eine halbe Tagesreise von Jerusalem. (Jahrbuch für Die Geschichte der Juden und des Judenthums, Leipzig 1863, S. 219.) ') Talmud bab. Gittin 58 v., Jerus. Taanith IV 68. 69. An letzterer Stelle ist jedoch nur von 500 Schulen mit je 500 Schülern die Rede. b) Talmud bab. Jebamoth 108 v. Berachoth 61 v. 4) Talm. bab. Abod. Sarah 18.