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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-05-29 · 22 (29.5.1896) · page 19

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
22 (29.5.1896)
Date
1896-05-29
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Nr. 22 i Vloch's Wochrnfchrifi Seite 447 Bogumil Kwierinski, rsvle Berl Blum. Reminiseenzen aus dem Polenaufstande 1863. Von D m u ch a l s k i. IV. Les extremes se tonchent und so sieht man den armen, unbedeutenden Arendarz Moszko, neben der hochgeborenen und hochmögenden Gräfin G. stehen. Jedes, bittere Thränen vergießend um den Einzigen, der vielleicht nicht wiederkehrt. Beide einander Trost zusprechend und als Staffage zu dieser rührenden Scene, säst alle Bewohner des Edelhofes. Die'Gräfin hat sich nach langem Ringen aus den Armen ihres Sohnes losgerissen und stürzt auf Bogumil zu, von dem sie in gleicher Weise wie von ihrem Sohne Abschied nimmt und stets die Bitte wiederholt, er solle Wladyslaw nicht von der Seite weichen und, wenn dieser getödtet werden sollte, seinen Leichnam unter allen Umständen, und sollte es was immer kosten, nach Hause schaffen. Moszko wagt es kaum seinen Sohn zu berühren, so vornehm und schneidig sieht dieser in der llniform aus. Endlich mußte doch geschieden sein. Moszko hängt seinem Sohne noch eine Kmöe (Amulett) tun den Hals, segnete ihn mtb schon fliegen die Schlitten mit ihren Insassen und dem Gepäck über die glatte Schueefläche dahin. In einer Lichtung des Waldes bei Wegrvw ist aus einem Hügel ein Altar improvisirt, vor dem ein noch sehr junger Priester im Meßgewande eine Messe celebrirt, bei welcher ein an der Grenze des Greisenalters stehender Graubart als Ministrant dient. Rund um den Hügel, schlingt sich ein Wald von Sensen an langen Stangen angebracht, welche von Männern geschwungen werden. Es ist dieses die der Anführung Wladyslaws anvertraute Schaar Kvssyniery. Bei der „Wandlung," reißen alle wie aus Cvmmandv die Kousederatka vom Haupte, und Jeder kreuzt mit seinem Hintermanne die Waffe. Bei dieser Gelegenheit kann man die Gesichter der ganzen Schaar genau mustern. Welch eine gemischte Gesellschaft! Man sieht da halbwüchsige Jungen, deren Oberlippen noch nicht die geringste Spur eines Bartanfluges zeigen neben einigen Greisen mit sinstern verwitterten Gesichtern, aus welchen sich der Ernst der bereits durchgemachten Känipse ums Dasein deutlich ausprägt, ferner schöne zierliche Gestalten, bei denen die auffallend hohe Brustwölbung nicht durch Watta hervorgebracht zu sein scheint und deren edle Gesichtszüge sofort verratheu müssen, daß auch ein anderes Geschlecht hier vertreten ist. In einiger Entfernung, hinter dem Carre, stehen bedeckten Hauptes zwei junge Männer in feinerer Uniform, mit Pallasch und Revolver bewaffnet. Die schweren Sporen an den hohen Stiefeln deuten an, daß es die Reiter der hinter ihnen an einen Baumstrnnk gebunden feurigen Rösser sind. — Die Reiter sehen wohl dem Gottesdienste zu, bleiben aber bedeckten Hauptes stramm stehen intb betheiligen sich nicht an der Waffenweihe durch den katholischen Priester, den sie gehören einer anderen Confession an. Der geneigte Leser wird gewiß in einem dieser Männer, unseren Bogumil Kwiecinski, recte Berl Blum erkannt haben, dem es bisher gelang, blos seinen Cousin zum „Mitgehen" zu bewegen. Kaum tvar die Waffenweihe und Eidesleistung vorüber, nahte dem Lager ein Mann im Kaftan, das Reitpferd Wladyslaws am Zügel führend. Dieser blieb neben Kwiecinski und dem Anderen stehen und erwartete hier den Grafen G., welcher auch sofort herbeikam, als er den Vertrauensmann Szloma erblickte, um von ihm, die ausgegebene Ordre de Bataille in Empfang zu nehmen. Szloma entledigte sich seiner Mission, drückte dem Grafen G. und den Glaubensgenossen die Hand und verschwand. Bald setzte sich die Schaar in Bewegung und nach zweistündigem Marsche begann sie ihr Werk mit der Zerstörung der Eisenbahn, die durch den Wald führt und legte sich in den Hinterhalt. Ein trauriges Bivouak! Ohne Lagerfeuer, ohne Obdach, bei dieser grimmigen Kälte! Zu einer solchen Ausdauer gibt wohl blos die Begeisterung Kraft. Die Leute schaufelten in einer Schlucht Löcher im Schnee, in welchen sie sich dicht aneinander geschmiegt, niederkauerten. Hierauf ein Schluck Branntwein ans der Plaska (Zeltflasche) und einige Bissen Brodes mit sehr wenig Speck und man versuchte abwechselnd einzuschlafen. Die ausgeschickten Streifpatrouillen kehrten gegen Morgen ins Lager zurück, ohne irgend welche Meldung erstatten zu können, da sie absolut nichts bemerkt haben. Auch an den folgenden Tagen ließ sich kein Gegner sehen, und die Leute benützten die Zeit, um ein wenn auch sehr primitives Obdach herzustellen. So überdeckten sie eine schmale aber tiefe Schlucht mit jungen Baumstämmen und Aesten, legten darauf eine leichte Schichte Erde und bedeckten diese mit Schnee, so daß das Versteck von Außen gar nicht kenntlich war. Hier konnten sie Feuer anzünden, eventuell auch etwas braten oder kochen. Das erlegte Wild lieferte jedoch sehr schmale Bissen und man mußte auf ausgiebigen Proviant bedacht sein. Air der Herstellung der zerstörten Eisenbahnstrecke wurde eifrig gearbeitet und die zur Entdeckung der Zerstörer ausgeschickten Gendarmen kehrten unverrichteter Tinge zurück. Eines Tages wurde ein Transport Mastvieh, welches zum Markte nach Warschau gebracht werden sollte, von den Aufständischen abgefangen. Der Schaffer geberdete sich wie wahnsinnig, da erschien hoch zu Roß der Anführer — es war Wladyslaw —, welcher an den Schaffer die Frage richtete: Wieviel Stück waren es? Nach Angabe der Stückzahl durch den Schaffer schrieb Wladyslaw eine Zahl auf ein Blatt seines Notizbuches, riß dasselbe heraus, und indem er es dem Schaffer übergab, bedeutete er dieseni, nach Warschau zu fahren, wo ihm Alles bezahlt werden würde. Auf die Frage des Schaffers, an wen er sich in Warschau zu wenden habe, erhielt er die Antwort, daß ihn dieses nichts angehe — er rvird schon das Richtige finden. Der Reiter gab dem Pferde di' Sporen und verschwand im Waldesdickicht. Bald bestieg der Schaffer seinen Schlitten, um nach Warschau einem unbestimmten Schicksale entgegenznfahren. Vorerst betrachtete er genau den erhaltenen Zettel, auf welchem blos eine Zahl gezeichnet war, und an Stelle der Unterschrift prangte ein Spielkartenfragment, ähnlich dem uns bereits vom Bahnhofe in Krakau her bekannten. In Warschau angelangt, streifte er planlos durch die Straßen, sich nach allen Seiten umsehend und jedem Vorübergehenden das Zeichen auf dem Zettel vorweisend, bis er ans einen höheren Polizeibeamten traf, der sich mit ihm in ein Gespräch einließ und geduldig seine Leidensgeschichte anhörte. „Mein Lieber," sprach er dann. „Seit wann weilst Du hier?",, Ich bin gestern Mittag hier angelangt!" „Und an einem Tage willst Du finden, was wir bereits seit Monaten vergebens suchen? Suche nur fleißig weiter, und wenn es Dir gelingen sollte, Etwas zu entdecken, so komme sofort in mein Bureau und hast Du das Richtige getroffen, so sollen 10.000 Rubel Dein Lohn sein." Der vornehme Herr übergab deni Inden seine Karte und entfernte sich. __ _ Auch am nächsten und zweitnächsten Tage traf der Schaffer den „freundlichen Herrn" wie zufällig aus der Straße, von welchen ihm stets eifriges Nachfvrfchen empfohlen wurde. Aller Eifer nützte jedoch nichts und der Schaffer wollte eben sich zur Heimreise anschicken, als er in einer Passage einem jungen Soldaten begegnete. „Jude! Hast Du den Zettel?" Der Gefragte war wie gelähmt und vor Schreck einer Ohnmacht nahe. Dem Soldateir entging die Aufregung seines Partners nicht, und uni diesen zu beruhigen, sprach er weiter in hebräischer Sprache; „Folgen Sie mir, ich will ihnen den Betrag für die ihnen abgenvmmenen Mastthiere bezahlen." Der junge Marssohn — es war Blum — schlüpfte in ein Closet, wohin ihm der Schaffer auf dem Fuße folgte. Kurz danach tänzelte unser Schaffer freudig erregt über die Nowinarska, wo er den öfters erwähnten freundlichen Herrn wieder wie zufällig antraf, jedoch diesen nicht zu bemerken schien, bis er nach dem Grund seiner freudigen Stimmung befragt wurde. Wie soll ich mich nicht freuen, da ich doch zu meinem Herrn zurückkehren und ihm das Geld für das Vieh bringen kann?" „Was sprichst Du da?" fragte jener erstaunt. „Wann und wo hast Du das Geld bekommen? Warum kamst Du nicht sofort in meine Kanzlei?" t „Herr! Verzeihen Sie! Ich hatte noch nicht Zeit dazu, denn ich wurde erst vor wenigen Minuten ausbezahlt." „Aber um Gvtteswillen wo denn?" „Kommen Sie, ich will sie hinführen." Wie erstaunte der noble Herr, als er in das Clvset geführt wurde, Noch mehr bestürzte ihn die Nachricht, daß der Ueberbringer des Geldes ein Soldat in voller Montur war.

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