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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-05-29 · 22 (29.5.1896) · page 18

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
22 (29.5.1896)
Date
1896-05-29
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Seite 446 Dr. Vlortz's Wochenschrift. Nr. 32 Ach! Diese Worte erweckten ihn aus seinen Träumen. Es war nur die Witwe Finkelsteiu. Und doch! Wahrlich, auch die Witwe war nett und angenehm. Joschi suhlte, daß ihre Erscheiituitg seinen Hof erhellt hätte, wenn nur der Grund ihres Kvmmens ein angenehmerer gewesen wäre. Seine Seele war in letzter Zeit in allen Tiefen aufgewühlt worden, und eine friiher ungekannte Zärtlichkeit, eine neue Kühnheit gegen Frauen leuchtete in seinen Llugen. Er erhob sich, legte den Kopf auf eine Seite, lächelte liebenswürdig und sagte: „Seien Sie nicht so thöricht! Ich habe keinen Dreier eingenommen. Ich bin ein armer junger Mann. Sie haben genug Geld in ihrem Strumpf." „Wieso wissen Sie das?", fragte die Witwe, indem sie nachdenklich den rechten Fuß vorsetzte und das dadurch enthüllte Stück des Strumpfes betrachtete. „Ich weiß es, sagte Joschi, weise den Kopf schüttelnd. „Nun, es ist wahr", gab sie zu. „Ich habe 217 Goldstücke außer meinem Geschäft. Aber deswegen dürfen Sic meine sechs Pence doch nicht behalten. Mcht wahr? Sie stellte diese Frage mit demselben gutmüthigen Lächeln. Die Logik dieses Lächelns war nicht zu beantworten. Joschi öffnete den Mund, aber kein Ton drang daraus hervor. Der Mond segelte langsam über den Himmel, das Wasser floß mit einem leisen, beruhigenden Geräusch in die Cisterne. Plötzlich machte Joschi die Bemerkung, oaß die Gestalt der Witwe derjenigen, die er in Gedanken umfaßt hatte, doch nicht gar so unähnlich sei. Er mußte doch probiren, ob er dabei wirklich die Empfindung haben lvürde, wie er sich es eingebildet habe. Sein Arm stahl sich schüchtern um ihren schwarzverschnürten Mantel. Das Gefühl seiner Kühnheit war wunderbar. Die 1 Witwe Finkelsteiu verschloß seinen Mund mit einem Kuß. . . . Außer der Frau Ansell war Sugarman der Einzige, der sich darüber ärgerte. Joschi's ununterdrückbare Romantik hatte ihn seiner Proceute beraubt. Aber Mekisch tanzte mit Joschi Schmendrik bei der Hochzeit, während die Kalle mit der russischen Riesin zum Tanz antrat. Tie Männer tanzten auf einer Seite des ZiWmers, die Frauen auf der anderen. Siebzehntes C a p i t e l. Mendel Hyams' Flitterwochen. „Binah, hast Du nichts über unseren Daniel gehört? Die Stimme des alten Hyams klang etwas ängstlich. „Nichts, Mendel." „Hast Du nichts über ihn und Sugarman's Tochter reden gehört?" „Nein. Haben die Beiden etwas mit einander?" Die Stimme der gebrochenen alten Frau klang etwas lebhafter. „New. Ein Bekannter hat mir gesagt, daß sein Sohn sah, wie unser Daniel dem Mädchen den Hof machte." „Wo?" „Auf dem Purimball." „Der Mann ist ein Narr.. Ein junger Mensch muß doch mit irgend einem Mädchen tanzen." Mirjam kam, vom Unterricht, erschöpft, nach Hause. Der alte Hyams begann englisch zu reden. „Du hast Recht, er muß." „Und würde er es uns nicht gesagt haben?", meinte Binah in ihrem langsamen, mühsamen Englisch.. „Ja, würde er es uns nicht gesagt haben?", wiederholte Mendel. Sie vermieden es, einander anzusehen. Binah schleppte sich mühsam im Zimmer umher und deckte für Mirjam den Tisch. „Mutter, wenn Du nur nicht mit den Füßen auf den Boden scharren würdest! Es geht mir an die Nerven, und ich bin so abgeplagt. Was würde er Euch gesagt haben, und wer ist er?" Binah blickte ihren Gatten an. „Ich hörte, daß Daniel verlobt sei," sagte der alte Hyams plötzlich. Mirjam fuhr zusammen und wurde roth. „Mit wem?", rief sie ganz aufgeregt. „Mit Bessie Sugarman." „Mit der Tochter von Sugarman??" Mirjams Stimme klang schrill. „Ja." Mirjam brach in ein ungläubiges Gelächter aus. „So eine Idee! Als ob Daniel in eine so elende Familie heiraten würde." „Sie ist gerade so gut, wie die unsere," sagte Mendel mit blaffen Lippen! Seine Tochter sah ihn erstaunt an. „Ich glaubte, daß Dich Deine Kinder schon mehr Selbstachtung gelehrt hätten," sagte sie ruhig. „Herr Sugarman wäre ein netter Verwandter!" „Zu Hause war Sugarman's Familie hochgeachtet," antwortete der alte Hyams mit zitternder Stimme. „Wir sind jetzt nicht zu Hause," sagte Mirjam verächtlich, „wir sind in England! Eine unausstehliche alte Hexe!" „Dafür hält sie mich auch," dachte Frau Hyams, aber, sie sagte nichts. „Hast Du nicht Daniel mit ihr auf dem Ball beisammen gesehen?", fragte Herr Hyams, offenbar noch nicht beruhigt. „Ich habe nicht einmal hingesehen," antwortete Mirjam verdrießlich. „Mutter, Du mußt den Zucker vergessen haben, oder ist der Thee noch fader als sonst? Warum läßt Du Johanna nicht das Butterürod schneiden, statt daß sie in der Küche herumlungert?!" „Johanna hat den ganzen Tag in der Waschküche gewaschen," sagte Frau Hyams entschuldigend. „Hm!", machte Mirjam schnippisch, während ihr hübsches Gesicht übellaunig und versorgt aussah. „Johanna sollte nur dreiundneunzig Mädchen unter sich haben, die ihre Eltern zu Hause ohne Aufsicht herumlaufen lassen und die nicht die geringste Idee von Disciplin haben! Was diese kleine Sugarman betrifft, so wißt Ihr doch, daß Juden jedes Mädchen und jeden jungeil Mann, die sich nur einmal über die Straße ansahen, mit einander verloben und ihre Aussichten für die Zukunft besprechen, ehe die beiden einander vorgestellt sind." Sie trank ihren Thee aus, kleidete sich um und ging mit einer Freundin in's Theater. Die thatsächlich aufreibende Natur ihrer Arbeit forderte eine solche Erholung. Kurz darauf kam Daniel nach Hause und aß sein Abendbrod: es war sein Mittagessen, das die Mutter ihm aufgehoben und im Ofen warmgestellt hatte.; Mendel saß mit einem unhandlichen Folioband auf dem Schooß neben dem Kamin. Als Daniel mit dem Essen fertig war und nun gähnte und sich reckte, sagte Mendel plötzlich, als ob er ihn überraschen wollte: Warum sagst Dir Deinem Vater nicht, daß er Dir Maseltow wünschen soll?" „Maseltow? Wozu?", ftagte Daniel verblüfft. „Zil Deiiler Verlobung." , „Meiner Verlobung?", wiederholte Daniel, während das Herz ihm gegen die Rippen schlug. „Ja. mit Bessie Sugarman." Mendel, der den Blick forschend auf das Gesicht seines f Sohnes gerichtet hatte, sah, wie dieser bald erblaßte, bald er- | röthete. Daniel klammerte sich an den Kaminsims, wie um sich j aufrecht zu halten. i „Das ist eine Lüge!", rief er hitzig. „Wer hat Dir das gesagt?" „Niemand. Es hat nur Jemand darauf angespielt." „Aber ich war mit ihr nicht einmal beisammen." „Ja, auf dem Purimball." i Daniel biß sich in die Lippen. „Die verwünschten j Schwätzer!", rief er. „Ich werde nie mehr ein Wort mit bem Mädchen reden!" Ein paar Secunden herrschte tiefes Schweigen, dann sagte der alte Hyams: „Warum nicht? Du liebst sie!" Daniel starrte ihn an, sein Herz klopfte schmerzhaft, das Blut in seinen Ohren summte eine tolle, süße Musik. „Du liebst sie," wiederholte Mendel ruhig. „Warum hältst Du nicht um sie an? Fürchtest Du, daß sie Dir eineil Korb geben wird?" Daniel brach in ein hysterisches Lachen aus, aber als er seines Vaters halb vorwurfsvollen, halb verwirrten Blick sah. sagte er beschämt: „Verzeih, Vater! Ich konnte mir wirklich nicht helfen, j Daß Du aber auch von Liebe redest! Das kam wir sonderbar J vor, daß ich lachen mußte." j (Fortsetzung folgt.)

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