Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 22 (29.5.1896)
- Date
- 1896-05-29
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 22 Seite 445 Or. Blortz's Wochenschrift. Am nächsten Sabbath statteten Herr und Frau Belkowitsch Joschi's Eltern einen formellen Besuch ab, um ihre Bekanntschaft zu machen, und wurden dort mit Thee und Kuchen bewirthet. Becky begleitete sie nicht, noch mehr, sie erklärte trotzig, daß sie am Sonntag nicht mehr zu Hause sein werde, bis Joschi verheiratet sei. Marc überlistete sie, indem man ihn bewog, an einen Wochentag zu kommen. Das Bild Becky's war nun so oft in seinen Gedanken, daß er beim zweiten Male an ihre Erscheinung gewöhnt tvar. Er hatte sogar davon geträumt, den Arm um ihre Taille zu legen, aber in der Praxis, da sah er, konnte er vorläufig nicht weiter gehen, als bis zu einem gewöhnlichen Gepräch. Als Joschi eintrat, nähte Becky Knopflöcher. Die übrige Familie war ebenfals anwesend; Herr Belkowitsch bügelte Röcke, Fanny erschütterte das Zimmer mit ihrer schweren Nähmaschine, Peßach Weingott schnitt ein Kleidungsstück zu, und Frau Belkowitsch schüttete sich sorgfältig Eßlöffel voll Medicin ein. Sogar einige Gehilfen waren zugegen, da ungewöhnlch viel Arbeit war, weil die Händler mit fertigen Kleidern einen Strike voraussahen. Durch die Gegenwart so vieler Leute ermnthigt, ward Joschi kühn. Er beschloß, diesmal nicht fortzugehen, ohne mit dem Gegenstand seiner Liebe wenigstens eine Bemerkung gewechselt zu haben. Er grinste der Gesellschaft im Allgemeinen statt der Begrüßung liebenswürdig zu und schritt direct auf Becky's Ecke los. Die schrecklich feine Dame schnaubte bei seinen Anblick, sie errieth, daß sie überlistet worden war. Belkowitsch überblickte die Situation, ohne in seiner Beschäftigung einen Augenblick innezuhalten. „Nun, wie geht's, Becky?", murmelte Joschi. „'Gut, und Ihnen?", antwortete Becky. „Gott sei Dank, ich habe nicht zu klagen", sagte Joschi, von dieser warmen Begrüßung ermnthigt. „Meine Augen sind noch ziemlich schwach, aber viel besser als voriges Jahr." Becky antwortete nicht, Joschi fuhr daher fort: Aber meine Mutter ist immer krank, sie muß ganze Eimer mit Leberthran austrinken. Sie wird wohl nicht mehr lange von dieser Welt sein". „Unsinn, Unsinn!"/ fiel Frau Belkowitsch ein, die plötzlich hinter den Liebenden erschien. „Meinen Kindern soll es nie schlechter gehen! Es ist lauter Einbildung von ihr, sie hat sich zu ftd)".-r .. . „Oh nein, ich weiß, daß es ihr viel schlechter geht als Ihnen," platzte Joschi heraus, indem er sich zu seiner zukünftigen Schwiegermütter umdrehte. „Wirklich?" sagte Cbaje zornig. „Meinen Feinden gesagt, wie krank ich bin! Wenn ihre Mutter meine Zustände hätte, würde sie den ganzen Tag im Bett liegen. Ich aber gehe als eine so schwer Kranke herum. Ich kann kaum herumkriechen. Sehen Sie doch meine Beine an! Hat Ihre Mutter solche Beine? Eins ist dick, das andere ist dünn." Joschi wurde scharlachroth, er fühlte, daß er einen großen Fehler begangen hatte. Das war wirklich der erste Schatten, der auf seine Brautwerbung fiel. Er wandte sich zu Becky, um bti ihr Theilnahme zu suchen, aber Becky war nicht mehr da. Sie hatte sich das Gespräch zu Nutze gemacht, um davon zn huschen. Freilich fand er sie einen Moment später am anderen Ende des Zimmers wieder. Sie saß vor einer Nähmaschine. Er schritt kühn durch das Zimmer und beugte sich zu ihr herab. „Ist Ihnen bei der Arbeit nicht kalt?" B—r—r—r—r—r—r—! Becky hatte das Trittbrett in Bewegung gesetzt und riß ein Stück Tuch unter der Nadel hin. Als sie innehielt, sagte Joschi: „Haben Sie schon Reb Schemuel predigen gehört? Er hat voriges Mal eine sehr lustige —" B—r—r—r—r—r—r—r—r—! Unverzagt erzählte Joschi die „lustige Geschichte", und da der Lärm der Maschine Becky hinderte, ein Wort zu hören, empfahl sich Joschi in sehr gehobener Stimmung, indem er versprach, einige Musterstücke seiner Arbeit zu ihrer Auferbauung mitzubringen. Bei seinem nächsten Besuch war er mit allerlei auserlesenen Tischlerarbeiten beladen, welche er vor Becky auf den Tisch ausbreitete. Es waren lauter Bestandtheile von polnischen Wiegen! Das Roth auf Becky's Wangen verbreitete sich über ihr ganzes Antlitz wie ein rother Tintenklex auf einem großen Stück Papier. Joschi's Gesicht spiegelte die Farbe in noch blutigeren Tinten wieder. Becky stürzte aus dem Zimmer, und Joschi hörte, wie sie auf der Treppe wie wahnsinnig kicherte. Es ging ihm ein Licht auf, daß er in seiner Auswahl einen schlechten Geschmack bewiesen hatte. „Was haben Sie meinem Kinde gethan?", fragte Frau Belkowitsch. „Ni—ch—ts", stammelte er. „Ich wollte ihr nur meine Arbeit zeigen." „Was?!" Solche Sachen zeigt man einen jungen Mädchen?!" ries die Mutter empört. „Es sind ja nur Stücke von Wiegen", sagte Joschi. „Ich dachte, daß sie gern sehen wird, was für nette Sachen ich machen kann. Sehen Sie nur, wie glatt diese Schaukeln geschnitzt sind! Das hier ist eine dicke, und das hier ist eine dünne." „Ah, schamloser Narr! Machst Du Dich auch über meine Beine lustig?!" kreischte Frau Belkowitsch. „Hinaus, Unverschämter , Hinaus mit Dir!" Joschi raffte seine Sachen zusammen und floh. Draußen stand Becky noch und lachte wie toll. Ihr Anblick erhöhte seine Verwirrung. Die Schaukeln rollten donnernd die Treppen hinab, Joschi stolperte ihnen nach, hob sie unterwegs aus und wünschte sich den Tod. Alle Ansttengungen Sugarman's, die Sache wieder zusammenzuflicken, mißlangen. Joschi ging einige Tage mit gebrochenem Herzen umher. So nahe dem Ziel gewesen und es doch nicht erreicht zu haben! Der Mißerfolg war noch bitterer, weil er sich seiner Eroberung gegen seine Bekannten gerühmt hatte, besonders gegen die Beiden, die am Sonntagen rechts und links von ihm ihren Stand hatten. Nun machten sie sich über ihn lustig; er fühlte, daß er es nicht einen ganzen Vormittag zwischen ihnen aushalten und sich attisches Salz aus seine Wunden streuen lassen könne. Er beschloß, seinen Stand zu verändern, und der Witwe Finkelstein für die Erlaubniß, vor ihrem Laden stehen zu dürfen, jedesmal sechs Pence zu zahlen. Dieser Laden befand sich an der Ecke einer Sttaße, die Lage war daher sehr günstig. Die Witwe Finkelstein hatte einen Kramladen und machte sehr gute Geschäfte, indem sie hellerweise kochendes Wasser verkaufte. Zwischen ihr und Joschi konnte daher keine Concurrenz entstehen, denn dessen Waaren bestanden aus Holzleuchtern, kleinen Schaukelstühlen, Sesseln, Aschbechern rc., die er künstlerisch auf einem Schubkarren aufschichtete. Aber der Umzug brachte Joschi kein Glück. Seine Clientel suchte ihn an seinem alten Stand auf und fand ihn nicht. Er nahm keinen rothen Dreier ein. Um zwei Uhr begann er seine Artikel mit einem complicirten Stricksystem auf seinem Schubkarren gii befestigen. Die Witwe Finkelstein watschelte aus ihrem Laden heraus und verlangte ihre sechs Pence, Joschi antwortete, daß er keine sechs Pence eingenommen habe, das sei kein Glücksgeld. Die Witwe trat für ihre Rechte ein und hing sich sogar zu deren Bertheidigung an den Schubkarren. Ein kurzer, heftiger Streit entbrannte. Es war, wie wenn zwei Affen gleichzeitig plapperten. Joschi Schmendrik's sinnige Züge zuckten in heftiger Erregung; über das kiffenarttge Gesicht der Witwe Finkelstein schossen Wogen gerechter Empörung. Plötzlich fuhr Joschi zwischen die Gabel des Schubkarrens und versuchte damit in die Seitenstraße einzubiegen; aber die Witwe Finkelstein drückte ihn mit aller Macht nieder, indem sie das Gefährte gleich einem Hemmschuh zurückhielt. Joschi, von dem Gelächter der Zuschauer wahnsinnig gemacht, zog, was er konnte, an der Gabel, schubste die Witwe in die Höhe, daß sie gleich einem Ball himmelwärts flog, aber sich so grimmig wie zuvor an denk Schubkarren festhielt. Joschi versetzte sich in Gallopp, während die hölzernen Dinger klapperten und seine Muskeln durch das todte Gewicht seiner lebenden Last schmerzten. Bis an's Ende der Sttaße schleppte er sie, von einer jauchzenden Menge verfolgt, dann mußte er erschöpft stehen bleiben, „Werden Sie mir die sechs Pence geben, Sie Gaues?"*) „Nein, ich habe sie nicht! Gehen Sie lieber in Ihr Geschäft zurück, sonst wird man es ausstehlen?" Das war wahr. Die Witwe Finkelstein fuhr sich entsetzt in die Perrücke und eilte zurück, um Syrup zu verkaufen. Mer am selben Abend, nachdem sie den Laden geschlossen hatte, eilte sie zu Joschi, dessen Adresse sie in der Zwischenzeit ermittelt hatte. Sein kleiner Bruder öffnete ihr und sagte, daß Joschi im Schuppen sei. Er war eben dabei, den dickeren Theil jener Schaukel all den Rumpf einer Wiege zu nageln. Seine Seele war voll bitter-süßer Erinnerungen. Plötzlich erschien die Witwe Finkelstein im Mondlicht. Einen Augenblick klopfte Joschi's Herz in wilden Schlägen. Er glaubte, daß die nahende Gestalt Becky sei. „Ich komme um meine sechs Peirce." *) Dieb,