Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 22 (29.5.1896)
- Date
- 1896-05-29
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/3020846-3021115-3021138--05663-3029909- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 22 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 439 sich die 0fficiere entfernt hatten, rief der Kaufmann aus : „Es ist unerhört, was mau sich als C'vilist gefallen lassen muss. Man ist im Gasthause vor Insulten nicht sicher. Man kann ohne Revolver gar nicht mehr ansgehen." Auch von anderer Seite wurde das Vorgehen des antisemitischen Oificiers einer scharfen Kritik unterzogen. An einem Tische in der Nähe der Offieiere saßen drei junge Leute, welche den antisemitisch'!! Auslassungen am Officierstische lebhaft zngestimmt hatten. Es w aren dies Karl Bagner, Erzieher im Hanse des Herrn Bezirksrichteas Wilhelm H ermann in Stecken, der Sohn des genannten Herrn Bezirksrichters und der Prakticant des sürstl. hcOenzollernschen Rentamtes E. D ö t s ch m a n n. Als nun jene Kritiken fielen, sprang der Herr „Erzieher" ans die Gesellschaft los und verlangte in brüsker Weise von dem erwähnten Kanfmanne die Namensnennung. Die Frage des Kanimanes, ob Bagner Reserveosficier sei, bejahte dieser (Bagner ist kein Reserveofsicier! Anmerkung des Berichterstatters.? Der angebliche Neserveofsieier wurde nun aber vom anwesenden Kanfmanne Max N. in schneidigster Weise zurechtgewiesen. Herbeigeholte Polizisten brachten den ungestümen Erzieher aus die Wachstube. Dort hat Herr N. zu ihm gesagt: „In einer derartigen Weise, wie dieser Herr kann ein anständiger Mensch eine Gesellschaft nicht stören." Merkwürdiger Weise hatte Herr Bagner gegen diese Aeußerung, die gewiß sehr beleivigenü ist, die Klage nicht erhoben. Es ist eben in diesem Falle der W a h r h e i t s.v e w e i s zulässig. Er behauptete vielmehr, Herr N. habe ihn mit den Worten: „Besoffener Bub!" „Dummer Bub!" „Grobian!" beschimpft. Ein Wahrheitsbeweis ist da nicht zulässig. Herr N. hatte die Gegenklage erhoben, da auch er und zwar mit den Worten „Flegel" und „Grobian" beschimpft worden zu sein angibt. Herr Bagner behauptet, er könne nicht deutsch, habe daher diese Worte nicht gebrauchen können. Der Richter erwidert, das; das Wort Grobian auch im Czechischen gebraucht werde. D e beiden Zeugenaussagen sind nicht gleichlautend. Der Sohn des Bezirksrich-.ers will die Worte vernommen haben, die in der Anklage stehen, während der andere Zeuge dieselben nicht vernommen zn haben erklärt. Herr N. habe gesagt: „Halt's Maul! Sie sind besoffen!" Heber Antrag des Bertheidigers Herrn Dr. Ed. Kraus wnree nun noch der Polizeicorporal vernommen, der das Protokoll ausgenommen. Er vermag nicht zu behaupten, daß Herr Neuwirth die in der Klage enthaltenen Worte gesprochen. Der Richter — der während der Verhandlung über die Provocationen in schärfster Weise sich geäußert hatte — sprach den Geklagten der Uebertretnng gegen die Sicherheit der Ehre nach § 496 schuldig und verurtheUte ihn zu 6 fl. Geldstrafe. Die Verhandlung gegen den Herrn „Erzieher" wird erst nach Einvernahme eines derzeit auf der Reise befindlichen Zengen erfolgen. Interessant ist es immerhin, zn wissen, daß der Bezirksrichter eines deutschen Bezirkes einen Erzieher hält, welcher bei Gericht behauptet — nicht deutsch zu können. 8. Iv. Diesöszentmarton. Auch hier wurden die Mitleuuiumsfeierlichkeiteu in äußerst imposanter Weise begangen. Nicht wenig trug dazu die hiesige orthodoxe israelitische Gemeinde bei. Am 9. b. M. hatten alle Schulen Feierlichkeiten veranstaltet, während der 11. Mai den Dankgottesdiensten gewidmet war. Im festlich deeorirten jüdischen Gotteshause hielt unser hochgeachteter und geliebter junger Rabbiner Herr Martorr Miksa in ungarischer Sprache eine patriotische, geistig durchdachte, formvollendete Rede, welche die Zuhörer wahrhaft begeisterte. Erschienen waren auch hier, wie in allen anderen Kirchen unter Anführung des Obergespans sämmtliche Comitats- und Staatsbeamte, der Lehrkörper der Staats- und Bürgerschule, das Personal der Creditbank, sowie alle hiesigen Behörden und Corporationen. Am 11. Mai hielt das Cvmikat seine Festsitzung, in deren Verlaufe zwei, von der hiesigen Gräfin Blldi und Baronin Rothenthal, dem Comitate gewidmeten Fahnen durch sämmtliche Geistliche der Stadt eingeweiht wurden. Ailf Ansuchen des Obergespans hielt auch unser Herr Rabbiner bei dieser Gelegenbeit eine Einweihnngsrede und sprach mit solcher Begeisterung, daß die nach vielen Tausenden zählende Menge, in deren Reihen außer dem Obergespan und anderen Honoratioren auch mehrere Reichstagsabgeordnete zu sehen waren, oft in stürmische Eljenrufe ansbrach, und nach dem Schlüsse der Rede wurden ihm zahlreiche Ovationen dargebracht. Die Inden unseres Comitates, wo auch bisher eine religiöse Toleranz herrschte, sind seit diesen Tagen bei den Andersgläubigen in Achtung in hohem Maße gestiegen und die. Vaterlandsliebe der Inden, welcher unser Rabbiner in so beredten und hinreißenden Worten Ausdruck verlieh, haben das brüderliche Baud mit den anderen Eonsessionen noch enger geschlungen. Bei der vorgestern stattgehabten Comitatssitznng wurde nun auf Antrag des Obergespans dem Rabbiner der Dank des Eouritates in sehr anerkennenden Worten ansgedrückt. Neustadt!. Die Firma: Josef Mazel, Porzellanfabrik Nenstcdtl bei Friedland, versendet an ihre jüdische Kundschaft folgendes vertrauliche Schreiben: VI e u ü a D 11, am 20. Mai 1896. Euer Wohlge b o r e n! In Folge der Agitation eines mir i'nbekannten Comitös in Prag gingen mir von mehreren jüdischen Knuden, und darunter auch von Ihnen, Schreiben zu, in welchen mir m.t Entziehung der Kundschaft gedroht wird, wenn ich meinen Procnrisren Herrn August Urban nicht entlasse, oder wenigstens dessen Thätigkeii als angeblicher a n t i s e m i t i s ch e r Agitator einstelle. Es wird nämlich in ullen diesen Briefen darüber Beschwerde geführt, das; Herr Urban eine äußerst rührige rhätigkeit als Agitator der antisemitischen Sache entfalte. Wenn ich auch nicht in Abrede stellen will, daß Herr Urban viel in deutschnarionalen Kreisen verkehrt und für die semichnationale Sache wirkt, so kann ich jedoch mit gutem Gewissen bezeugen, das; derselbe keineswegs eine einseitig antisemitische Agitation entTalut hat. Die gegen ihn verbreiteten Gerüchte dürsten nur ans Verleumdung beruhen und rheilweise noch durch eine nnlnmere tioncurrenz hervorgerufen worden sein, weil ich Herrn Urban, — der bereits mehr als 10 Jahre in meinem Geschäfte in vorulglichster Weise ihätig ist — bisher stets nur als einen allerdings gm deutschen Mann kennen gelernt habe, dem jedoch der Nus und die Ausbreitung meines Geschäftes immer über Alles gegolten hat. Uebrigens dürsten Sie wohl selbst während unserer bereits längeren Geschäftsverbindung die Erfahrung gemacht haben, daß ich mich weder mit politischen Angelegenheiten überhaupt noch mir antisemitischen Agitationen befaßt habe. Bei der dargestellten Sachlage hoffe ich auch in Zukunft ans Ihre werthe Kundschaft rechnen;u können, und zeichne H o ch a ch t n n gs v o ll ergebenst A n t o n M a z e l in Firma Josef Uta;:!. Ein Gouimeutav ist wo bl überflüssig! Berlin, 20. Mai. Am 2«>. Mai öffnet eine neue Ab' tlieiliuig der Berliner Gewerbe-Ausstellung ihre Pforten. In der Special-Ansstellung Kairo, also in einer orientalischen Ilnigebnng hat eine A u s st e l l n n g der jüdischen E o l o n i e!l i n P a l ä st i n a ibren Platz gefunden. In einer Weinstube kann man den Wein, den jüdische Bauern im heiligen Lande geballt und gekeltert haben, kosten und sich davon überzeugen, daß Rothwein wie Weißwein, süßer Wein und ganz besonders Eognae den entsprechenden Dorren am Rbein oder Bvrdeaur-Weincn .v. vollständig gleichwerrlstg sind, sie znm Theil an Güte, fast immer an Wohlfeilheit übertreffen. In einem Anssteilnngsranni findet dann der Besucher die anderen Produete des heiligen Landes aufgestellt, Weizen, Gerste, Sesam und andere Gerreidearten, Honig, Oel, Seide in Eoeons und im Faden, allerlei wohlriechende Essenzen und Oele, sogar dorr fabrieirres Ean de Evlvgne. Außerdem sind die Erzeugnisse jüdischer Handwerker in Jerusalem, Schnitzereien in Olivenbolz und Sleinarbeiren, zum Verkaufe ausgestellt, und eine Menge Photographien aus dem heiligen Laude zeigen uns die denkwürdigen Stätten ruhmreicher Vergangenheit wie die Plätze, auf denen die heutigen Inden wieder den Boden ihrer Väter bebauen. Sicher ist diese Ausstellung für Jedermann, ganz besonders aber für jeden Inden hochinteressant, und wer zur Ausstellung nach Berlin kommt, wird nicht verfehlen, sie aufzilsuchen. Hagen, 16. Mai. Von bn hiesigen Slrajka in m e r ist eine Entscheidung von g r u n d s ä n l i ch e r Wi ch t i gk e 11 gefällt worden. Einige Zeit vor Weihnachten vorigen Jahres erschien hier ein vom hiesigen deutsch-socialen Verein herausgegebenes, im Wortlaut von der deutsch-socialen Partei verfaßtes, auch anderwärts viel verbreitetes Flugblatt, das von Haus zu Hans colportirt wurde und in der Forderung gipfelte, die Weihnachlseinkäufe nicht bei Juden zu machen, deren Geichästsgebahrung mit Lug- und Trug durchsetzt sei. Bier hiesige jüdische Kanstente fühlten sich beleidigt und stellten Strafantrag gegen zwei Mitglieder des dentich-socialen Vereins. Die Strafkammer lehnte die Eröfsnung des Hanplverfahrens ab, weil der Inhalt des Flugblattes sich allgemein auf die Juden, nicht speciell ans die in Hagen beziehe, und diese nicht zur Stellung des Strafantrages legitimirt seien. Das T b e r! a n d e sgericht ordnete hierauf die Strafverfolgung a n. In der Verhandlung vor der Strafkammer lvurde nunmehr die Stellung des Strafantrages für berechtigt erachtet, und es erfolgte die B e r u r t h e i l u n g der Angeklagte n z u je 50 Mark Geldstrafe. München, 10. Mai. Ter Finanz-Ausschuß der A b g e o r dn etenkammer beschäitigre sich bei Berathung des Cultusetats auch mit den P e n s i o u s v e r h ä l t n i s i e u der R a bb i n e r u n d R e l i g i o n s l e b r e r in Baiern. Der Referent Dr. ® a I 1 e r beantragte, über die Perition des Religivnslehrers M. Rosenberg in llliteraltertheim um Bewilligung von A l t e r s; u l a g e n f ü r die geprüften israelitischen R e l i g i o n s l e h r e r zur Tagesordnung überzugehen, weil der Bewilligung verfassungsmäßige Bedenken entgegenseheu. Trotzdem mehrere Abgeordnete warm für die Petition eimraten, entschied die Mehrheit, für Uebergang zur Tagesordnung. Das Gesuch der