Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 22 (29.5.1896)
- Date
- 1896-05-29
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 22 Dx. Blvch's Wochenschrift. Seite 435 nalen Fordermigeil der Deutschen zu sehr zittuckgestellt tuorbeit seien. Sie sind ans Kosten der liberalen Ideale der Partei geltend gemacht worden. Denn die Dentschnationalen waren organisirt, sie traten mit anderem Selbstbewußtsein aus, als die demokratischen oder die jüdischen Wähler der Partei. Und deshalb hat diese auf die deutschnationalen Wählerkreise inehr Rücksicht genommen, der Gefolgschaft der Juden war man ohnehin sicher. Die Inden sollen daher auch ihrerseits der Worte des Herrn Schlechter eingedenk sein und sich thatkräftiger als Inden an der Politik betheiligen. Wo alle Parteien im Lande kirchlich oder national sind, ist es ohnehin ein Unsinn, daß die Inden, die passiv eine so bedeutende politische Rolle spielen, sich zu einer Partei nicht zusammengeschlossen haben. Nachdem die deutsch-liberale Partei von ihren Führern verlassen wird, sind wir durch vermeintliche Pflichten der Dankbarkeit nicht mehr zurückgehalten. Und wenn man uns vorhält, daß es Unrecht sei, eine besondere jüdische Partei zu bilden, weil unsere Rechte als Staatsbiirger im Rahmen einer liberalen Partei wahrgenommen würden, so läßt sich, abgesehen davon, daß dieser Schutz manchmal recht viel zu wünschen übrig ließ, dasselbe Argument gegen eine deutsche Partei ins Feld führen. Wozu eine besondere deutsche Partei bilden, da die Rechte der Deutschen ohnehin im Rahmen einer liberalen Partei wahrgenvmmen werden? Glauben die Deutschen aber trotzdem eine besondere deutsche Partei bilden zu müssen, weil die anderen Stämme des Reiches nicht aus dieser Höhe politischer Reife stehen, so bleibt uns eben auch nichts iibrig, als ihrem Beispiele zu folgen. Uns als Juden einer speeifisch deutschen Partei anzuschließen, haben wir keine Veranlassung. Käme es allerdings zur Bildung einer freiheitlichen Partei, die von nationalen Stänkereien und Zänkereien absieht, so wiirden wir einer solchen uns gerne anschließen können. Denn im Rahmen einer solchen Partei wären unsere Rechte als Staatsbürger thatsächlich geschützt, was sie bisher nicht waren. Die Vorgänge an der Wiener Universität. Der Abgeordnete Ebenhoch („Vaterland", 14. Mai) ist mit den Vorgängen an der Wiener Universität nicht zufrieden. Er beklagt die Zurücksetzung der katholischen sarbentragenden Studentenschaft, der man Auszüge mit Schlägern nicht gestattet hat. Das ist nichts Neues — wir sind schon früher für die katholischen Studenten eingetreten und haben hervvrgehvben, daß sie ans den überwiegend protestantischen deutschen Universitäten ulehr Schutz genießen, als bei uns. Umso weniger ist es verständlich, daß der Abgeordnete Ebenhvch bei seinem Eintreten für seine religiösen Gesinnungsgenossen sich einen Seitenhieb aus die Inden nicht versagen kann. Er findet die Zurücksetzung der katholischen Verbindungen umso schlimmer, da man die' wehrhaften deutschen Verbindungen wegen ibres Auftretens gegen die Satisfaetionsfähigkeit der jüdischen Studenten ansgelöst habe. „Das katholische Volk empfindet bitter die Zurücksetzung seiner Söhne hinter ein nichtchristliches Volk." Es liegt eine tiefe Ironie darin, daß die „Znrückführnng zum Christenthum" zu einer Zurücksetzung der katholischen Verbindungen geführt hat. Der Vorgang ist, lute gesagt, nicht neu, aber kein Mitglied der sonst mit Interpellationen fv freigebigen „katholischen" Parteien hatte sich bisher zur Besprechung der Angelegenheit veranlaßt gesehen. Das ist die wahre Zurücksetzung, über welche die katholischen Studenten sich zu beklagen haben, die Zurücksetzung im eigenen Lager. Und wie kleinlich ist das Eintreten für sie. Nicht, daß man Katholiken schlecht behandelt, sondern daß man ausnahmsweise einmal Juden weniger schlecht behandelt hat, das ist der Stachel. Nicht darüber beschwert man sich, daß man Unrecht erlitten, sondern daß ausnahmsweise Andere nicht nur ihr Recht betrogen worden sind. Oder sollte der Abgeordnete Ebenhvch der Meinung sein, daß man in der Universität, in welcher der Schloßherr von Rosenau doch noch einiges mitzureden hat, antisemitisch kommen muß, wenn man katholisch wirken will. Wahrhaftig, wir haben trotz aller Anfeindungen keinen Grund, unsere Gegner zu beneiden, die selbst ihrer Liebe durch Haß. Ausdruck geben müssen. Der Abgeordnete Ebenhvch geht zudem von falschen thatsächlichen Voraussetzungen ans. Die Zustände an der Universität waren und sind trotz der Auflösung der „Wehrhaften Deutschen" derartig, daß jeder Antisemit seine Freude und jeder Oesterreicher an ihnen seinen Schmerz haben kann. Die Auflösung der „Wehrhaften" und die Ausweisung des Herrn atud. Osthaus erfolgte durch die politischen Behörden — nicht von der Universität. Trotz des Reetvrates, des liberalen Herrn Menger, scheint mau an der Universität seit den pöbelhaften Angriffen gegen Professor 'Nothnagel nichts gelernt zu haben. Wtr entnehmen über die Vorgänge an der Universität der „dienen Freien Presse" folgende Thatsachen: Herr Menger hat mit den Unruhestiftern verhandelt. Er bat sie — wie er erklärte, zum letzten Mal — ans die Eommilitonen einzuwirten, da die Evnseqnenzen etwaiger Demonstrationen hochernste sein würden. Herr Menger erinnert dabei etwas an den bekannten sächsischen Wirth, der seinem studentischen Miether kündigeit zit müssen erklärte, falls dieser bis nächsten Mittwoch nicht'anshöre, seine Frau zu küssen. Der sächsische Zimmerherr ist allerdings insofern vernünftiger, als er beut Schuldigen kündigen will. Heer Menger aber, falls die Demonstranten nicht artig sind dritten Personen mit Schließung der Universität Wien droht. Mit anderen Worten unter dem Unfug der Demonstranten sollten dritte Personell leiden. Daß eine derartige Hilflosigkeit des Rectorats den Studenten nicht imponirte, ist natürlich. Sie erklärten, sie konnten eine Verantwortung für eventuelle Zwischenfälle rticht übernehmen, falls eine Relegirung österreichischer und Ausweisung ausländischer Studenten erfolgen würde. Die politische Behörde war augenscheinlich der Meinung, daß der österreichische Staat auch ohne die Mitwirkung der Demoitstranten nicht unmittelbar gefährdet sei, denn sie wies wie bemerkt, den deutschen Unterthan Osthaus trotz alledem ans Oesterreich aus. Zur selben Zeit, in der diese Vorfälle spielten, wurden Arbeiter wegen der Vorgänge am 1. Mai zu schweren Strafen vernrtheilt. Diese Arbeiter hatten nicht mit Vorbedacht Unruhen geplmtt — schlimmsten Falls haben sie Staatsbehörden Widerstand geleistet. Die Studenten, welche mit Gewalt einen der Ihrigen ans den Händen der Pedelle befreiten, haben zum mindesten sich derselben strafbaren Handlung schuldig gemacht, wie die bestraften Arbeiter. Justitia fmuUmeutnui regnornui. Herr Ebenhvch hat also keilten Grund zur Klage, es geht ans der Universität ungerecht genug zu. Daß schließlich ausnahmsweise Freunde von ihm unter den Mißbräuchen zu leiden haben, muß er mit in den Kauf nehmen. Die Universität ist eben mehr dentschnational als christlichsocial. Darum hat man dort Herrn Ebenhvch's Freunde nicht nöthig. So wird es ihm nichts helfen, daß er seine katholische Elegie mit antisemitischer Betonung vorträgt. Damit wird er den Herren feinen Eindruck machen. Im Gegentheil! welch ein Triumph für die Deutsch nationalen, daß der Katholik nur im antisemitischen Kleide an die Studentenschaft sich ztl wenden wagt! Indische Arbeitgeber. Am 24. d. M. begingen die Arbeiter der Glasfabrik in Gaja das Fest der Fahnemveihe, welches nur durch die Unterstützung der Firma, welche zur Anfertigung der Fahne 100 fl. und außerdem einen größeren Betrag' für Beistellnng der Musik und der Unterhaltung widmete, zu Stande kam. In welcher Art die Inhaber dieser Fabrik ihren Arbeitern auch in materieller Beziehung stets die größte Unterstützung zntheil werden lassen, zeigt die große Liebe und Anhänglichkeit der Arbeiter für ihre jüdischen Chefs, was allgemein weit und breit bekannt ist. Ferner gab der hiesige Dampfmühlenbesitzer F. Mayer, so wie alljährlich, ein Pfingstfest. Unter Musikklang zogen die Arbeiter zur Kirche und von da in das Hans ihres Arbeitsgebers, wv sie fürstliche Ausnahme und Bewirthnng fanden. Ein opulentes Mahl und reichliche Getränke wurden den Arbeitern vorgesetzt und bei Sang und Klang ging es bis spät Nachts hinein. Ter zur Unterhaltung erschienene Chef, Herr Mager mit seiner Familie wurde von den zahlreichen Arbeitern umjubelt. Die Toaste vieler schlichter Arbeiter, welche mit warmen Worten dem Chef dankten, liefern aber den Beweis, daß jüdische Fabrikanten mtd Arbeitgeber stets mir Liebe für ihre Arbeiter gerne sorgen. Ein Arier Stückchen Man schreibt uns aus Brünn: Nordmährische Leinwand ist weit und breit bekannt. Das nvrdmährische Heilv-Blättcheu dagegen erfreut sich minderen Rufes und geringerer Verbreitung: deshalb aber verdient doch ein echt arisches Stückchen, das sich der dentsch-volkliche Antisemiten-Monitor von Mährisch-Schönberg am 1. Mai b. I. gestattete, weiter bekannt gentacht zu werden.