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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-05-29 · 22 (29.5.1896) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
22 (29.5.1896)
Date
1896-05-29
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 434 Dr. Bloch's Wochenschrift Religion befindet und daß Ihr nicht von dem Ench durch Eueren Gott vermachten Geiste der Liebe beseelt seid, sondern von dem Geiste der Habgier und der Gewaltthätigkeit, der allen schlechten Menschen eigen ist. Daraus folgt, daß entweder Euere Religion bei all ihrer inneren Vorzüglichkeit sich im praktischen Leben nicht bewährt, deren Lehren sich nicht verwirklichen lassen uitb folglich, daß sie für Euch selbst, die Ihr sie bekennt, nichts taugt; oder daß Ihr selbst so schlecht seid und das nicht erfüllen wollt, was Ihr auf Grund Euerer Glaubenslehre könnt und müsset. In dem einen oder dem anderen Falle habt Ihr demnach nichts vor uns voraus und solltet uns daher unbehelligt lassen". Professor Ssolowjew erkennt die in diesen Sätzen sich bergende herbe Wahrheit bedingungslos an und fügt hinzu, daß auf diese Worte man überzeugend mir durch Thaten antworten könnte Leider ist es jedoch mit der That sehr schlecht bestellt und die heidnischen Völker Asiens sind vollauf berechtigt, den Bekehrungsverfuchen der christlichen Völker Asiens energischen Widerstand zu leisten und ihnen zuzurufen: „Arzt, heile Dich zuvörderst selbst Bevor man Andere bekehren will, sollte man sich erst selbst bekehren. Jedoch ist an diese Selbstbekehrung, an diese Einkehr in sich selbst einstweilen gar nicht zu denken. Der Haß triumphirt auf allen Punkten und feiert geradezu Orgien. Die Verfolgungswuth kennt keine Grenzen, und während bei uns sich in den höchsten Sphären, langsam aber stetig,-unzweifelhaft ein Umschwung zum Bessern vollzieht, fährt man in den niederen Beamtenkreiseil fort, an dem Inden sein Müthchen zu kühlen. Man fühlt es in dieser Tschinownik-Sphäre instinctiv, daß die seligen Zeiten der letzten dreizehn unseligen Jahre, während welcher der Jude ganz rechtlos war und fast für vvgelfrei erklärt wurde, bald der grauen Vergangenheit angehören werden, und man sucht, die kurze Frist zu benützen, um sich auf Kosten der Juden zu bereichern, das heißt ihnen Schutz und Gerechtigkeit so theuer als möglich zu verkaufen. Durch dieses habgierige Streben erklärt es sich auch, daß in der jüngsten Zeit die gewaltsame, unmotivirte Austreibung der jüdischen Bewohner aus den Dörfern abermals mit erneuter Heftigkeit begonnen, obgleich seitens des Ministeriums die Frage über Revision der verhänguißvollen Maigesetze von 1883 airgeregt worden, obgleich den Behörden vorgeschrieben wurde, Rücksicht zu üben und den Status quo nicht zu ändern. Dank der Centralifation der Administrativgewalt ist bei uns jede rohe Willkür möglich und der niedrigste Beamte ist im Stande, die Anordnungen der höchsten Würdenträger zu neutralisiren, ganz aufznheben. Ich habe Ihnen vor einiger Zeit eclatante Beispiele citirt, wie ein Kaiserukas, der einen Gnadenact für die jüdische Bevölkerung enthielt, von der Kreispolizeibehörde derartig mißdeutet wurde, daß er zur Quelle neuer Verfolgungen und Austreibungen ward. Und solche Fälle stehen durchaus nicht vereinzelt da. Und da kommen die judenfeindlichen Organe unserer Oeffentlichkeit und verhehlen durchaus nicht ihre boshafte Schadenfreude über derartige brutale Acte schreiender Vergewaltigung, wobei sie ganz außer Acht lassen, daß sie die sociale Basis untergraben, daß sie die staatliche Organisation unterminiren. Und wenn die rohe Gewalt 'des Bureankratiedespoten sich an ihnen selbst vergreift und die arischen Elemente deren Opfer werden und das ernten, was sie so eifrig gesät, da erheben sie ein jämmerliches Geschrei, beschweren sich bitter über die Beamtencorrnption, den sittlichen Niedergang, wobei sie ganz außer Acht lassen, daß sie das Alles selbst zu Wege gebracht. Besonders demoralisirend hat auf die öffentliche Meinung die „Nowvje Wremja" gewirkt, ein Blatt, welches eine große Verbreitung im Lande hat. Es ist unglaublich, was diese Zeitung in Judvphobie bietet; sie watet förmlich in Antisemitismus und das ganze große Blatt trieft von koscherem Judenfett. Ueber dem Strich und unter dem Strich, Leitartikel und Feuilleton, große und kleine Chronik, Localnachrichten und Börsenberichte — Alles ist von Judenhaß inficirt, ja sogar in den Annoncen wimmelt es von Juden, die da erbarmungslos abgeschlachtet und dem Lesertäglich in verschiedenen Gestalten und unter verschiedenen Saucen heiß servirt werden. Bald mit einer weißen Brühe, der kleine Schnitten Rettig und Knoblauch etwas Pikantes und Penetrantes verleihen, bald ä ia Rothschild mit goldgelben Ananasscheiben flankirt und mit Kapernfance übergossen; bald mit Trüffeln gespickt und madeiragetränkt, bald wieder blutig au uatnreJ. Mit einem Worte, eine der cnlinarischen Kunst des literarischen Koches alle Ehre machende Abwechslung, was umso höher anznrechnen ist, da die eigentlichen Bestandtheile aller dieser Gerichte, welche die „Nowvje Wremja" ihren Lesern täglich servirt, stets Nr. 22 dieselben bleiben, immer dasselbe magere, unappetitliche, zähe Judenfleisch, wie lecker man es auch immer zubereite, wie köstlich auch die Jngredenzien seien, die man dazu verwendet, wie eifrig man auch das Feuer des Hasses geschürt, wie sehr man auch zur besseren Erreichung dieses Zweckes den Blasebalg der Racenvorurtheile in Bewegung gesetzt. Doch eben das Uebermaß des Judenhasses, den besagtes Blatt bekundet, discreditirt den von ihm propagirten Antisemitismus, und das ist unser Glück. Bekanntlich stößt der Organismus eine gar zu große Dosis Gift von sich, er rebellirt gleichsam gegen eine derartige extravagante Zumuthnng, die man an seine Verdaunngsfähigkeit stellt. Ebenso ist es mit dem bei uns so eifrig colportirten Judenhaß. Man wird dessen ä Ja lona^ie überdrüssig. Selbst Rebhuhn und Gänseleberpastete, indische Vogelnester und Flensburger Austern und andere ähnliche Delicatessen können zum Ueberdrnß werden, wenn man sie stets genießt, so daß man ernstlich beginnt, sich in Sehnsucht zu verzehren nach einem Stück Schwarzbrot mit grobkörnigem Salz und einer Knackwurst.'ll-offaurs penkix! seufzt der bekannte Gastronom beim lucullischen Diner. Toujours juit! stöhnt das Publicum beim Lesen der „Nowvje Wremja". Der Herausgeber und die Seele dieser antisemitischen Zeitung par excelkuce ist Herr Ssuworin, der mich an einen Acrobaten in fleischfarbenem Tricot gemahnt, mit einem dummen, nichtssagenden Gesicht, der sich dieser Tage auf offener Scene in einem Vergnügungsgarten unter der Begleitung einer rauschenden Militärmusik präsentirte und uns mit der edlen nnd geheimnißvvllen Knust des Schwerterschluckens bekannt machte. Der exotische Künstler schluckte scharfgeschliffene Schwerter mit derselben Leichtigkeit, mit welcher ein anderer Sterblicher Austern schluckt, oder der obenerwähnte russische Publicist Inden verschlingt, ungesäuert, ungesalzen, ungepfeffert mit Haut und Haar und Schmachtlocken. Zum Frühstück muß dem Herausgeber der „Nowvje Wremja" ein Jude halb roh, auf langsamen Feuer gebraten, servirt werden. Von Judvphobie bis zur Judophagie ist ebenso weit, wie vom Capitol zum Tarpejischen Felsen; Menzel war ein Franzvsensresser, Ssuworin ist ein Judenfresser. Vom Jahrmarkt des Lebens. Deutsch «der liberal? c Schneller als wir selbst gedacht, tritt an die deutsch-liberale Partei die Nothwendigkeit heran, zwischen Deutschthum und Liberalismus zu wählen. Kaum hatten wir unsere Ansicht hierüber niedergelegt, und schon zeigte sich an vielen Stellen, daß sich innerhalb dex. Partei zwei Richtungen finden, von welchen die eine mehr das Deutschthum, die andere mehr die freiheitlichen Grundsätze in den Vordergrund rücken will. Das „Fremdenblatt" (24. Mai) bemerkt ganz richtig, daß der Abgeordnete Ruß mit der Partei mehr unter dem nationalen Gesichtspunkt unzufrieden ist, während Sneß nnd Wrabetz mehr den liberalen Gesichtspunkt hervorkehren. Das ist ganz natürlich, innerhalb Wiens spielen die fortschrittlichen Fragen eine größere Rolle, in Böhmen die nationalen, oder genauer gesagt, die wirthschaftlichen Gegensätze zwischen Groß- und Kleinbetrieb, die in Wien das -Ansehen eines Kampfes zwischen Reaction und Liberalismus tragen, spielen sich im Lande, wo der Großbetrieb überwiegend in deutschen Händen ist, als nationale Wahlkämpfe ab. Auch ein Grazer Blatt hob hervor, daß die Deutschen im Lande mehr für die Erhaltung des Deutschthums zu sorgen, und nicht wie die Wiener Parteigenossen gegen den Antisemitismus zu kämpfen hätten. An diesem Dualismus krankt die deutsch-liberale Partei, wie in Deutschland die nationalliberale dadurch gelitten hat, daß sie zwischen nationalem Enthusiasmus und liberaler GrnndanschaunNg hin und her schwankte. Es ist eben nicht möglich, zwei gleichberechtigte Ideale zu haben, deren praktische Forderungen sich leicht widersprechen können. Daß zwei Seelen in ihrer Brust lebten, eine deutsche und eine liberale, das hat die Actionsfähigkeit der Partei gehemmt. Die Herren wenden,-sich an eine falsche Stelle, wenn sie in der zu großen Regierungssrenndlichkeit der Partei die Ursache ihres Niedergangs finden. Mag sein, daß man, wie Gemeinderath Schlechter im politischen Bvlksverein ausführte, aus den Vorgängen die Lehre gewinnt, man müsse lärmend, rücksichtslos nnd mit kolossaler Grobheit auftreten. Aber darf man diese Lehre nnr aus dem Verhalten der Regierung ziehen? Nicht auch aus dem Vorgehen der deutsch-liberalen Partei? War nicht Cilli der einzige Punkt den sie tapfer vertheidigte? Hat sie nicht in Böhmen „im Interesse des Deutschthnms" dauernd mit ihren Feinden, den Dentschnationalen, paktirt? Es ist eben unrichtig, daß die natio-

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