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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-05-29 · 22 (29.5.1896) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
22 (29.5.1896)
Date
1896-05-29
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 22 Dr. Vloch'^ Wochenschrift. Er empfing mich in einem schönen, großen Gemach in Bath House, Piccadilly, seinem palastartigen Absteigequartier in London. Er saß in einem bequemen Lehnstul; ein hübscher Mann von stattlicher, rüstiger Gestalt, schien er seine sechzig Jahre kaum als eine Last zu empfinden. Der erste Eindruck, den ich empfing, war — eine angenehme Enttäuschung. Ich hatte mir Baron Hirsch ein wenig als Poseur vorgestellt, Alles, was ich über ihn gehört, hatte mir ein kleines Borurtheil gegen den Leviathan von einem Philantropen eingeflößt. Ich stellte mir unter ihm den, Erztypus eines Renanfichen Koheleth vor, etwas gemildert durch moderne Bildung, aber wohl auch vergröbert durch die Anmaßung des Millionärs. Der erste Händedruck zeigte mir, daß ich mich geirrt hatte. Zunächst hatte er absolut nichts von einem Poseur an sich. Wenn er etwas älter und weniger distinguirt aussah, als ans seinen Photographien, so sah er andererseits viel warmherziger aus. Noch mehr, er war entschieden jüdisch in seinem Benehmen sowohl, als in der Conversation. Es ist wahr, daß ich einen Vortheil vor andern Interviewers voraus hatte. Es braucht einen Juden, um einen Juden zu verstehen, und kein Jude, was immer auch seine sociale Stellung sein mag, thut einem andern Juden gegenüber vornehm, außer er besitzt keinen Humor oder ist ein „Spanier". Es dauerte nicht lange, bis wir diesen gemeinsamen Boden herausfanden. Ich hatte kaum Platz genommen, als der Baron mich fragte, in welcher Sprache ich die Unterredung zu führen wünsche, Englisch, Französisch oder Deutsch. Ich erwiderte, es sei mir einerlei und erinnerte ihn an die Antwort, die Dr Blovitz der Königin von Rumänien gegeben, als sie ihn fragte, welcher Nationalität er angehöre: „Men Gott, Majestät, das weiß ich selber nicht; ich bin in Böhmen geboren und lebe in Frankreich, wo ich Englisch schreibe". Ich fügte hinzu, daß ich -fast dasselbe sagen könnte, denn ich wäre fast in Böhmen geboren worden, sei in Frankreich erzogen worden und sei ein englischer Journalist. Der Baron sah scharf auf. Seine Augen blinzelten, als sie auf meiner Nase haften blieben. Es schien ihm ein Licht aufzugehen, denn indem er mit dem Kopfe nickte und die Augenbrauen in die Höhe zog, sagte er zögernd: „Sie sind — Jude — nicht?" Ich lächelte bejahend. „Ah", rief er aus, „was sind wir für Kosmopoliten!" Wir plauderten länger als eine Stunde über seinen argentinischen Plan und jüdische Angelegenheiten im Allgemeinen. Daß sein Herz ganz bei dem Plane war und daß es ein durch und durch jüdisches Herz war, davon bin ich überzeugt. Ich werde nicht sobald die Weichheit vergessen, mit welcher er, als er meine Photographien betrachtete, sagte: „Du lieber Gott, wie interessant ist es doch, diese alten jüdischen Gesichter unter argentinischer Sonne zu sehen! Sehen Sie nur den Mann mit dem traurigen Gesicht, der ein Bündel Holz trägt, er hat noch seinen langen, polnischen Rock an, und diese kleinen jüdischen Viehhirten, die aus dem Ghetto in die freie Luft der Neuen Welt hinübergegangen sind!" Als er von den Verfolgungen in Rußland sprach, sagte er mit eindringlichem Ernste: „Wenn mein Plan gelingt, daun wird er die Wange jedes Russen mit Schamröthe färben. Die Zeit wird kommen, daß ich drei- oder viermalhundertlausend Juden in Argentinien haben werde, friedliche und geachtete Bürger, eine werthvolle Quelle nationalen Reichthums, nationaler Beständigkeit. Dann erst werden wir im Stande sein, auf sie hinzuweisen, auf den Contrast zwischen ihnen und ihre durch die Verfolgung demoralisirten Brüder". Was werden die Judenhasser dann sagen? — „Ich bin entschlossen", fügte er hinzu, „in diesem Werke nicht auf halbem Wege stehen zu bleiben. Wenn meine Kraft oder mein Vermögen es durchführen könnte, glauben Sie mir, die ganze jüdische Bevölkerung Rußlands würde morgen das Land verlassen". Seite 433 Er schien mir in Bezug auf seinen Plan durchaus nicht von Illusionen erfüllt zu sein. „Bis nun", sagte er, habe ich nur experimentirt; aber wenn ich auch vom Ideale noch weit entfernt bin, so weiß ich jedenfalls, was ich nicht thun darf". Von Argentinien sagte er: „Es ist nicht gerade ein Land, in dem Milch und Honig fließt, aber eines, in dem ehrliche Arbeit glänzend belohnt wird". Bo» den Emigranten hatte er die beste Meinung. „Sie haben keinen Begriff davon", sagte er, „mit welche gutem Willen sie an die Bearbeitung des Bodens gehen. Die Prophezeiungen unserer Feinde, daß die Juden niemals zum Ackerbau zurückkehren würden, haben sich als falsch erwiesen. Der russische Jude hat Verstand, Fleiß. Mäßigkeit: er arbeitet gern. Was immer er auch zu Hanse gewesen ist, er gewöhnt sich sehr bald an den Spaten." Dann erzählte er mir von einer Familie, die er hinausgeschickt hatte; der Vater war Professor, die Töchter waren vortrefflich erzogene Mädchen, musik- und sprachkundig, und sie alle folgen nun dem Pfluge in Entre Rios. „Ja', sagte er, „ich setze die größte Hoffnung in sie". Die Hauptschwierigkeit, erzählte er mir ferner, bestehe darin, willige und geistesverwandte Mitarbeiter zu finden. „Die armen Juden", meinte er, „wollen Alles thun, aber sie können mir keine Garantien bieten; die Mittelclassen-Leute mit 20- oder LOtausend Rubeln — sind zufrieden und apathisch; die Reichen — wenn ein Jude reich wird, ist er nicht länger Jude" Er sagte das mit einen! Seufzer und einem Lächeln und fügte nach einer Panse hinzu: „Ich denke, ich werde mein ganzes Vermögen für diesen Plan ausgebeu, und dann werde ich hinüber gehen und die ganze Sache selber in die Hand nehmen Vergangenes Jahr besuchte ich ihn in Paris, blieb aber nur wenige Minuten. Er fragte mich lächelnd, ob ich ihn wieder interviewen wollte. Ich verneinte, fügte aber hinzu, daß ich ihn gerne einmal über die Gefühleines Millionärs sondiren möchte. „Alles, was darüber zu sagen ist", antwortete er, kann ich Ihnen sogleich sagen. Die Armen glauben, daß man mit Geld Alles erkaufen kann, der Reiche weiß, daß es nicht der Fall ist. Der Gedanke ist nicht neu; aber seine ganze Tragik ist eben nur in der Praxis zu ermessen. Lucien Wolf. Beitrag;ur Geschichte der russischen Juden. XLVII. Ein russischer Professor und ein russischer Publieift Der berühmte russische Historiker und Philosoph, Professor Wladimir Ssolowjew, hat unlängst eine Art von Manifest erlassen, in welchem er energisch und rücksichtslos gegen den Racenhaß und Religionshader anftritt und der gesummten christlichen Welt die bittersten Vorwürfe über ihre nationale und confessivnelle Unduldsamkeit macht. Die 'Ausgabe der christlichen Cnltnr sollte darin bestehen, daß die christlichen Völker mehr im Geiste des Stifters ihrer Religion handelten, daß sie christlicher würden, daß sie sich durch weit moralischere Grundsätze leiten und daß sie sich nicht von egoistischen und ökonomischen Interessen beeinflußen ließen, um Zwist und Hader zwischen den verschiedenen Nationalitäten und Confessionen zu säen und blutige Zwietracht und Ruin zu ernten. Bei dieser Gelegenheit erwähnt Professor Ssolowsew des universellen Religionseongresses in Chicago, wo mehrere Repräsentanten vstindischer Religionen, Buddhisten und Brahminen, sich an die Vertreter der europäischen christlichen Confessio n mit Worten wandten, welche für die sich so erhaben und unfehlbar dünkende christliche Cnltnr geradezu beschämend sind. Der Autor citirt unter Anderem folgende Sätze, welche 'Asien Europa ins Gesicht schleuderte: „Ihr sendet zu uns Missionäre, um fiir Euere Religion Propaganda zu machen. Wir wollen die Verdienste Eueres Glaubens durchaus nicht in Abrede stellen, jedoch, nachdem wir während der letzten zwei Jahrhunderte mit Euch bekannt geworden, so kommen wir zu der Ueberzengung, daß Euer ganzes Leben sich in grellem Widerspruche mit den Satzungen Euerer

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