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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-05-29 · 22 (29.5.1896) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
22 (29.5.1896)
Date
1896-05-29
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 432 Dr VLortz's Wochenschrift Sir. 22 das Ende aller Dinge gekommen, waffneten unter Führung der Torys ganz Europa gegen Frankreich, riefen die ärgste Revolution und die größte Kriegsepoche der Welt hervor. So wenig die Befreiung des Bürgerthums die Welt zertrümmert hat, ebensowenig werden die Arbeiter der Welt ein „Ende mit Schrecken" bereiten. Dafür lassen wir ruhig die unbeugsame Mathematik des wirthschaftlichen Verkehrs sorgen. Der sociale Staat, wie ihn die Socialisten sich denken, ist ein Traum, der, ach wie oft schon, geträumt worden ist und sich ebensowenig verwirklichen wird, wie die Gütergemeinschaft, welche nach den Evangelien die ' ersten Christen errichteten, wie das neue Jerusalem, das die Wiedertäufer ausbauen wollten. Aber auf alle jene sociale Reformen, die innerhalb des Rahmens der heutigen Gesellschaft zu Gunsten der arbeitenden Elasten gethan werden können, haben die Mitglieder dieses vierten Standes ein gutes — das beste Recht, das sich denken läßt: Die Nothwendigkeit. Diese Entwicklung wird sich vollziehen, einerlei natürlich, ob wir Juden damit einverstanden sind oder nicht. Aber es wäre doch der Helle Wahnsinn, wenn wir uns wegen dieser bürgerlichen Elasten, welche sämmtlich die Juden zurückweisen, gegen das allgemeine Wahlrecht erklären, unserer ganzen Zukunft präjudiciren wollten. Was immer für Sorgen diese socialen Reformen uns bringen könnten, die stärkste Belastung unseres Erwerbs für die Jnvaliditätsversicherung, die stärkste progressive Einkommensteuer selbst die Aushebung des indirecten, eine stärkere Belastung, des directen Erbrechtes — wenn wir gezwungen sind, zu wählen zwischen all diesen mehr oder weniger gewiß sehr zweifelhaften Schrecken des Socialismus und den ganz gewissen Cvnsequenzen des siegreichen Antisemitismus, so bin ich ganz sicher, für welche Eventualitäten sich Jeder von uns entscheiden wird. Daß der Sohn des letzten Arbeiters das ganz gleiche Recht hat, die gleiche Fürsorge des Staates genießt wie der Sohn des reichsten Juden, das ist wahrlich zu ertragen. Nicht zu ertragen ist, daß das bravste unserer Kinder weniger Recht haben soll, wie jenes des letzten Vagabunden, weil es ein Judenkind ist. Und der Schutz der Deutschen Nationalität! Wir, denen die Deutschen sie abstreiten, sollen für sie eintreten! Für welche Art von „Nationalität" sollen wir eintreten? W..s verstehen denn die Herren unter ihr? Nichts als die Gleichartigkeit von Muskeln und Knochen. Das ist die Nationalität der Rinderzüchtung, die Nationalität, welche den ungarischen Ochsen vom polnischen, das märkische Schaf vom ungarischen scheidet. Bei dem Culturmenschen besteht sie in der Gemeinsamkeit der Culturarbeit, in der Gemeinsamkeit der Culturinteresten innerhalb eines bestimmten Landes. Ist den Juden hier die deutsche Nationalität zu bestreiten auch nur möglich? Streicht, wenn Ihr könnt, Spinoza aus der Philosophie, Heine aus der Poesie, Börne aus der geistigen Geschichte der Dreißiger- Jahre, Lassalle und Marx aus jener der Gegenwart. Eine andere Auffassung würde Tibauth, Savigny, Dubois - Raymond Rouqette und Chamisso zu Franzosen, Vangerow und Birchow zu Wenden und Krzpek — st licet cüiijpouere — unb Chlumecky zu Slaven, Ed. Greger zu einem Deutschen machen. Die Herren wollen der Nationalität den Rasseninstinct substituiren, während gerade umgekehrt die ganze Culturarbeit der Menschheit darin besteht, diesen thierischen Jnstinct dem Menschthum unterzuordnen. Schrecken wir darum vor einem durch das allgemeine gleiche Wahlrecht gewählten Volkshause nicht zurück! Und fehlt den Deutschen dann in einem solchen Parlamente die geistige Kraft, als erste unter den Nationen die übrigen zu führen, so verdienen sie diese Führung überhaupt nicht. Mit Militär und Polizei, mit künstlichen Wahlen und Wahlschacherei läßt sich Derartiges heute nicht erreichen. Die Candidaten, für welche die Juden heute stimmen, sollen, müßten sich also verpflichten, für das allgemeine Wahlrecht einzutreten: ftir den Reichsrath, für den Landtag, für den Gemeinderath. Dr. Lueger hat für den Gemeinderath diese Erweiterung des Wahlrechtes in Aussicht gestellt! Selbst in der von ihm gebrauchten Verklausulirung kann man über dieses Versprechen von seiner Seite nur lächeln! Ich zweifle ganz und gar nicht, meine Herren, daß, wenn es durch unseren heutigen Beschluß seststeht, daß solche wirklich fteisinnige Candidaten aus jene nicht unbedeutende Unterstützung, wie sie die jüdische Wählerschaft in 3 Bezirken gewährt, rechnen können, sie auch kommen werden. Gibt es doch auch unter der christlichen Wählerschaft genug fteisinnige Elemente. Die Herren sind ja nicht alle verrückt geworden! Und wie viele. Wähler haben mit den Antisemiten thatsächlich nur gestimmt, einzig weil sie mir der „Liberalen Partei" und deren Candidaten nicht mehr gehen wollten. Sollten sie aber, ich kann es nicht glauben, ich hoffe das Gegentheil, wirklich nicht kommen, dann, meine Herren, ist thatsächlich jener schmerzliche Moment gegeben, wo, wie wir schon in unserem letzten Rechenschaftsbericht angedeutet haben, die Juden die Frage der Passivität, der vollen Abstinenz in ernste actuelle Erwägung werden ziehen müssen, eine Eventualität, die ich heute nicht glaube näher beleuchten zu sollen; sie steht noch nicht vor uns. Heute handelt es sich' umgekehrt und vorläufig noch um die Wahlparole für einen Wahlkampf. Ich habe mir erlaubt, sie Ihnen vorzuschlagen : Die Rückkehr zu dem Programme F i s ch h o f's! Als dieser edle Mann dasselbe aufgestellt, waren wir Juden seine Hauptgegner. Das war ein schwerer Jrrthum, den noch unsere Enkelkinder büßen werden, aber der uns nicht zur Unehre gereicht. Diese Deutschen, denen wir mit unserem Halse und Kopfe jene Treue gehalten, die Keiner von ihnen verdient hat, haben nicht das Recht, uns zu tadeln, wenn wir heute diesen Fehler einsehen. Und ein Fehler wird nicht besser, wein: man ihn fortsetzt. Das sagt ein weiser deutscher Dichter, Rückert, in einem Verse, mit dem ich schließen will: „Das sind die Weisen, Die durch Jrrthum zur Wahrheit reisen, Die im Jrrthum beharren, Das sind die Narren." (Lauter stürmischer Beifall.) Abstinenz! Der Wiener Gemeinderath fesselt noch immer die allgemeine Aufmerksamkeit und bietet täglich neue Ueberraschungeu. Die liberale Minorität hätte wohl klüger gehandelt, wenn sie jedes Zusammenwirken mit der Partei Lueger-Schneider aus Selbstachtung von Anfang an entschieden abgelehnt und den Eintritt in den Genleiuderath überhaupt abgelehnt hätte. Der Entwicklungsgang der Wiener Frage hätte sich in anderen Formen vollzogen. Indessen die liberale Minorität wollte „Staatspartei" in der Opposition spielen, die Automie retten und erleichterte den Gegnern die Uebernahme der Verwaltung. Entgegen eindringlichen Warnungen kluger Politiker ließ sie sich in Compromißverhandlungen ein, um aus den Händen dieser erbitterten rachsüchtigen Feinde 6 Stadlrathsmandate?anzunehmen und als Compensatio» dafür drängte sie 14 Parteigenossen im - Bezirksschulrathe, auf ihre Stellen zu verzichten, um antisemitischen Agitatoren Platz zu machen. Um in den Stadträth zu gelangen, wird die Schule preisgegrben. Aber auch um den Lohn dieses Schachers wird sie schließlich betrogen. Die antisemitische Partei erklärt sich gerne bereit, den Liberalen 6 Stadtrathsmandate einzuräumen, wenn diese zuvor auf den Boden des antisenritischen Programmes sich stellen und keinen Juden als Candidaten nominiren und präsentiren. Schneider und Geßmann stellen der liberalen Partei die Zumuthung, das politische Bekenntniß der Antisemiten anzunehmen, sonst wollen sie mit ihr im Stadtrath nicht zusammen arbeiten. „Austritt ans dem Gemeinderath" wäre die einzig würdige und logische Antwort ans diese Insulte. Entweder die Partei greift zur Abstinenz oder die Wähler werden sich, entsprechend den Ausführungen des Herrn S. Mayer, dazu entschließen. Persönliche Erinnerungen an Baron Hirsch. „Ich habe den berühmten Baron Hirsch überhaupt nur dreimal und davon ein einziges Mal in längerer Unterredung gesprochen, doch empfing ich einen so deutlichen Eindruck von seiner Persönlichkeit, daß es nicht uninteressant sein mag, ihn festzuhalten, solange er noch frisch in meinem Gedächtnisse ist. Das erstemal sah ich den Baron vor zwei Jahren. Mr. Elkan Adler hatte mir einen Stoß Photographien geschickt, welche Scenen aus den jüdischen Colonien in Argentinien darstellten, und ich hatte sie meinem Freunde und Collegen Mr. Gilbert Thomas, dem Redactenr des Daily Graphic’1 übersendet. Eine Auswahl dieser Photographien nun sollte herausgegeben werden, ich schrieb an Baron Hirsch und bat ihn um einige Aufklärungen; da hatte er die Güte, mich einzuladen, ihn zu besuchen.

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