Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 22 (29.5.1896)
- Date
- 1896-05-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 22 Dr. Vlochs' Wochenschrift. stellt. Die ethnographischen Gründe für diese Erscheinung ändern nichts an ihrer Wirrung. Die beiden oben angeführten Thatsachen bezeichnen den Bankerott der Partei nach Außen. Sie hat aber auch in sich selbst einen inneren, moralischen Bankerott erlitten, einen Bankerott an Gesinnung und Freisinn — sie, die liberale Partei, ist insolvent geworden an blankem, barem Liberalismus. Meine Herren! Ich will gerecht sein. Dieser zweite, innere Bankerott, der Bankerott in sich, den ich Ihnen nicht zu schildern brauche, „den wir schaudernd selbst erlebt", — gerade aus diesem mache ich^ ihr keinen Vorwurf, er war, offenbar gesagt, unvermeidlich. Er war in dem Kampfe, welchen die deutsch-liberale Partei zu führen hatte, mit Bestimmtheit vorauszusehen, er ist von einem ausgezeichneten Inden vorausgesehen und vorausgesagt worden, der Jude hieß Adolf Fisch Hof. Die Ursache ist leicht zu erklären. Was ist der innerste Kern alles und jedes Liberalismus? Nichts weiter als die „Gerechtigkeit", die Gerechtigkeit für Jeden und gegen Jeden. Keine „nationale" Partei kann gerecht sein oder b leibe n. Die deutsch-liberale Partei ist natürlich auch und vorwiegend eine nationale und hat darum nicht die liberale Feuer-Probe bestehen können. In einem national einheitlichen Staate wie Frankreich, England, Italien kennt man natürlich keinen Unterschied, dort gibt es mir Classengegensätze, welche sich mehr oder weniger in scheinbar rein politische Kämpfe hüllen. In einem Staate aber, in welchem die verschiedenen Nationalitäten um ihre Existenz heftig ringen, wird auf die Länge keine nationale Partei gerecht, d. h. freifinnig bleiben. Jede wird, sobald es sich um nationale Interessen handelt, die freiheitlichen Principien verschachern. Wir haben in P len er einen Mann gekannt, der entschlossen war, für das obscurste deutschböhmische Mandat alle Inden zu opfern. Handeln heute die Jnngczechen, eine vom Hanse ans wirklich freisinnige, sogar radieale Partei, anders? Nehmen vielleicht diese jetzt Anstand, eine Coalition zu schließen, die noch schmählicher sein wird und werden muß als jene war, die sie selbst bekämpft? Wenn ich also auch gerecht genug bin, um selbst die Erklärung und Entschuldigung für die bisherige „deutsch-liberale Partei" zu finden und vorznbringen, so wäre es auderseis thöricht, deshalb die Consequenz nicht zu ziehen, welche sich für uns Juden nothwendig aus diesem Sachverhalt ergibt. Und diese lautet kurz und biiudig: Bei dieser deutsch-liberalen Partei ist keine Hoffnung mehr für uns. Vernünftigerweise hätte sie sich, diese deutsch-liberale, schon längst in eine „social-liberale Partei" verwandeln müffen. Aber sie ln u ß schon in ihrem Titel zeigen, daß sie das deutsche Interesse voranstellt, sie m u ß eine nationale Partei auch wirklich bleiben, weil sie sonst den Kern ihrer ganzen Existenz, welcher nicht in Wien, sondern in der deutschen Provinz liegt, vernichtet. Und weil sie, um ihren nationalen Interessen, wenigstens nach ihrer Meinung, zu dienen, bald mit der Regierung, bald mit den Deutschextremen, bald mit den anderen Parteien: den Clericalen, den Antisemiten u. s. w., schachern muß, wird sie n i e Anstand nehmen, uns Juden hiebei diesen anderen Parteien als Compensativn zu überlassen. Was spielen auch nach ihrer Meinung — diese Iw, Millionen Juden für eine Rolle gegen solche große Dinge, wie Trantenau, Cilli u. s. w. Was ist praktisch der böhmische Sprachenstreit? Der kleine Jude in den Kleinstädten, auf den Dörfern in Mähren und Böhmen hat seine und seiner Kinder Existenz vernichtet, hat sich boycottiren lassen, damit, wenn die Söhne der Herren deutschböhmischen Abgeordneten, Statthaltereiräthe und Bezirkshauptleute werden wollen, diese jungen Herren nicht nöthig haben sollen — böhmisch, die Sprache der Majorität im Lande, zu erlernen. Zn welchen Conclusionen gelangen wir nun für die hier in Wien bevorstehende Wahl in den niederösterreichischen Landtag und ftir die Reichsrathswahlen, - welche vielleicht sehr bald folgen dürften. Wir haben die zu fassenden Entschlüsse im politischen Comite sehr reiflich erwogen. Ans der Thatsache, daß wir mit der bisherigen „Deutsch-liberalen Partei" nicht mehr gehen können, weil sie allenfalls deutsch, aber nicht wirklich liberal mehr ist, daß aber keine andere Partei besteht, welcher wir uns anschließen könnten, würde sich als logischer Schluß die A b - st inen z ergeben. Und es ist auch gar kein Zweifel, daß vom einzig und allein rein jüdischen Standpunkte ans taktisch dieses Verschwinden ans der Schlachtlinie das Richtigste wäre. Wir könnten beit antisemitischen Führern gewiß nichts Aergeres zufügen, als wenn wir es von nun an vermeiden, wie bisher Seite 431 selbst das Holz weiter 51t dem Brande hinznzutragen, damit er nur ja nicht in sich verlischt. Nichtsdestoweniger ist Jbr Comics, und zwar in allgemeinem freiheitlichen Interesse ent schlossen, diese Abstinenz erst dann zu empfehlen, wenn uns absolut kein anderer Weg mehr übrig bleibt, vorläufig also noch den Kampf fortznsetzen. Aber allerdings nicht mehr für dieselben Götter und Götzen. Praktisch will dies Folgendes sagen. Bisher haben sich die Wahlen in Wien ans unserer Seite vollzogen, sozusagen unter der „Fernleitung" der Parteivorstehung des Parlamentes und der unmittelbaren directen Führung des sogenannten „Central-Wahlcomites". Mit dieser Tradition, meine Herren, brechen wir. Mit diesem Central- Wahlevmitö, das nichts ist als das Centrum einer Clique, gehen wir nicht weiter. Auf diesen alten Grauschimmel steigen wir nicht mehr. Wir Inden werden, ganz unabhängig von diesem Grau schimmel, nur für jene Candidaten stimmen, welche wirklich freisinnig, nicht weil, sondern t r 0 tz d e m sie deutsch sind. Das heißt nur für Candidaten, in denen, wenn sie deutsch sprechen, das vermeintliche deutsche Interesse den Sinn für die Gerechtigkeit noch nicht ersäuft hat und welche in Consequenz bestell unter allen Umständen Recht und Gerechtigkeit höher stellen als alle s Andere, welche rücksichtslos die ganze politische Mitarbeit, mag das der Regierung noch so unangenehm fein, versagen, wenn nicht das Gesetz gehandhabt wird, gelte es auch einmal f ü r das Recht der Inden. Das heißt, wir können, wollen und werden nur fiir Candidaten stimmen, die mit uns den Satz anerkennen : Freiheit und Gleichheit allem voran. Jede Nationalität muß ihr Recht und ihre Entwicklung innerhalb des weiten Rahmens der Freiheit und Gleichheit finden. Und frage ich nach einer bestimmten und bezeichnenden, nach einer klaren prägnanten und cvncreten Bezeichnung für all das, was in diesem Princip liegt, sv heißt es d a s P r 0 g r a m m F i s ch h v f, jenes Programm, welches er in großer voranssehender Weisheit für Oesterreich ausgestellt und welches der damals schon hinfällig gewesen.en und herlte nur mehr traumhaften deutschen Präponderanz zuliebe znrückae wiesen worden ist. Wer sich nicht zu den gleichen Grundstitzerr bekennt, wer noch an den alten Traum mit allen seinen Cvnseqnenzen hängt, mag sich andere Stimmen suchen, unsere erhält er nicht. Aber, meine Herren, es kommt nicht darauf an, was eilr solcher Candidat sagen wird, sondern auf das, was man speciell diesem Candidaten glauben darf. Uno ich kenne viele Mandatare, welche wieder unsere Stimmen suchen werden, denen ich aber gar nichts glaube, sie mögen erklären, was und so viel sie wollen. Allerdings ganz ins Herz kann man Niemanden sehen. Aber es gibt denn doch einen Prüfstein. Sehen Sie, warum war und ist diese deutsch-liberale Partei sv sehr gegen das allgemeine gleiche, directe Wahlrecht. Hauptsächlich weil keine Partei durch dasselbe soviel Man date verlieren würde als sie. Ich bin meiner persönlichen Sympathie nach auch kein Freund des allgemeinen gleichen Wahlrechtes, viele von Ihnen wahrscheinlich gleichfalls. Aber vor Allem ist es ebenso nnstaatsmännisch, Unvermeidlichem zu widerstreben, als etwas Unmögliches anznstrebeu. Und das allgemeine Wahlrecht ist eben unvermeidlich. Weiters müssen gerade in Oesterreich nicht > nur wir Inden, sondern mit uns jeder Vernünftige und wirklich Freisinnige für dasselbe sein. Es ist keine Aussicht ans eine wirklich freisinnige Partei in Oesterreich, insolange diese Nativnalitätenkämpfe die erste Geige spielen, und diese albernen Kümpfe, die Oesterreich zu Grunde richten, sind thatsächlich auf keine andere Weise zu beseitigen. Denn nur, wenn diese bürgerlichen Classen sozusagen ganz andere Sorgen haben werden, werden sich auch diese Nationalitätenhetzen und diese infamen antisemitischen Bestrebungen innerhalb der bürgerlichen Schichten verlieren müssen. Lassen wir uns von den Schlagwörtern, die man uns entgegenschleudern wird, „Svcialismns und die bedrohte deutsche Nationalität", nicht bange machen! Svcialismns! Um was handelt es sich hier in Oesterreich bei der jetzigen socialen Bewegung? Ter vierte Stand will, daß er als solcher von der Gesellschaft anerkannt werde, und daß ihm gestattet sein soll, sich seine Organisation zu geben. Thöricht genug, wenn Staat und Gesellschaft ihm dies weigern und der Maifeier wegen, die er gleichsam zum sichtbaren Zeichen dieser Anerkennung verlangt, lieber die größten Conslicte wagen. Zur Zeit, als am Ende des vorigen Jahrhunderts der dritte Stand von den ersten zwei Ständen, Adel und Geistlichkeit, seinerseits die Emancipation beanspruchte, hielten diese beiden ersteren Classen gleichfalls