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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-05-29 · 22 (29.5.1896) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
22 (29.5.1896)
Date
1896-05-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 430 Dr. Blvch's Wvchrnschrifl. Nr. 22 Schönerer, der Freund und Gönner Friedjung's, nachdem er gesehen, daß mit der deutschnationalen Idee allein in Wien keine Erfolge zu erzielen sind, nach dem Antisemitismus gegriffen? Dieser Status besteht nun einmal, wir müssen ihn calculiren und unsere Entschließung darnach zu treffen suchen. Vorerst, was haben wir von der nächsten Erscheinung, dem antisemitischen Gemeinderathe, zu fürchten. Der Wirkungskreis des Wiener Gemeinderathes ist ein zweifacher. Borerst der autonome. In einem sehr wichtigen Zweige, in der Ercheilung der Gemeindeangehörigkeit, werden wir durch das neue Heimatsgesetz gegen Willkür geschützt sein. Es gibt aber keinen Sckutz, wenn der Gemeinderath das Offert des Juden nicht berücksichtigt, keine jüdischen Beamten in den Conceptsdienst aujnimmt, keine jiidischen Aerzte mehr anstellen wird. Aus die Leitung der Schulen hat er glücklicherweise keinen directen Einfluß — hier hat der neue Herr Bice-Bürgermeister Tr. Neumayr seine vollständige Unkenntniß gezeigt — sondern nur jenen, welchen er durch die Telegirung in den Bezirksschulrath ausüben kann. Selbst für die Anstellung der Lehrer hat er nur das Präsentativnsrecht an diese Behörde. Umso unbegreiflicher ist es, daß die Fortschrittspartei des Gemeinderathes, um für ihre Mitglieder sechs jämmerliche Stadtrathsmandate zu erjagen, die bisherigen liberalen Delegirten zwingt, zurückzutreten, den Bezirksschulrath preisgibt. Wir haben keinen Ausdruck, scharf und hart genug für ein solches Vorgehen. Kömmt dieser Schacher zu Stande, so darf der Name Derer, die ihn geschlossen haben, neben den Namen anständiger Menschen nicht mehr genannt werden. Mit der zweiten Wirksamkeit als politische Behörde erster Instanz unterstehen Bürgermeister und Magistrat der Regierung genau so wie jede politische Behörde. Der Minister kann die correcte gesetzliche Haltung dieser Herren erzwinge!:. Veranlassung dazu wird oft genug vorliegen. Nicht im Steuerwesen — da werden Jud und Christ ganz gleich geschoren. Dieselbe rührende Gleichberechtigung waltet bei. der Recrutirung. Bleibt noch die Handhabung des Gesetzes in Handel und Gewerbe. Dieselbe ist nicht imr für die ganze Bevölkerung die wichtigste Agende des Magistrates, sondern das Gebiet, wo eine antisemitische Handhabung den Juden am empfindlichsten treffen, seine Existenz geradezu vernichten kann. Ob wir bei dem Grafen Badeni diesen Schutz finden werden? Den Willen hiezu hat er ganz bestinnnt mit nach Wien gebracht. — Aber die Politik verdirbt bekanntlich den Charakter. Es sind sehr bedenkliche Symptome zu bemerken. Das böse Schlagwort der „polnischen Wirthschaft" ist aus den antisemitischen Blättern vollständig verschwunden. Die Czechen sind fülle Leute geworden. Die neue „Coalition": Polen, Jungczechen, Autiliberale, scheint offenbar fertig zu sei::. Immerhin wollen wir uns entschlossen wehren. Ganz ohne Schutz sind wir selbst dem schwachwerdendeil Minister gegenüber nicht? Wir besitzen tu Oesterreich eine letzte Instanz über dein Minister: den V e rw a l t u n g s - G e r i ch t s h o f, dessen Judicatur sich bisher sachlich vielleicht nicht immer richtig, aber ganz sicher von allen eonfessionellen und politischen Influenzen vollständig frei gezeigt hat und den wir nicht ohne Erfolg anrufen werden. Hier beginnt für das von Ihren! Vorstande seinerzeit eingesetzte Rechtsschutz-Eomitü jene Bedeutung, welche dasselbe, wenn die rechten Männer in seiner Mitte sitzen, erlangen niuß. So viel über das, was wir auf jenem Gebiete thun können, welches ich als den ersten Theil der „Wiener actuellen Frage" bezeichnet habe. Der zweite Theil derselben ist identisch mit der Frage, wie wir Juden uns gegenüber der allgemeinen politischen Bewegung,!vie sie sich jetzt innerhalb Wiens Mauern vollzieht, verhalten sollen, d. h. welche Stellung sollen wir bei den politischen Wahlen einnehmen? Oder, deutsch und deutlich gesprochen, da die antisemitische und die Arbeiterpartei außer Rechnung stehen, wie stellen wir uns zu der „deutsch-liberalen Partei?" Die Frage ist schon actuell. Wir haben vor uns die Landtagswahl. Wir dürfen es nicht mehr darauf ankommen lassen, daß wir Juden, wie es bisher immer geschehen, im letzten Momente knapp vor den Wahlen von den bisherigen bürgerlich privilegirten Wahlmachern mit Pauken und Trompeten und Trommeln schnell — schnell aufgerufen und in Reih und Glied gestellt werden, daß wir, bevor es uns noch gelungen ist, zur Besinnung zu kommen, dem Cvmmando schon gehorchen müssen. Also nochmals, erwägen wir ruhig jetzt diese Frage. Meine sehr verehrten Freunde! Ich war durch nahezu 30 Jahre ein verläßlicher, und wenn ich deir Führern glauben darf, kein ganz werthloser Parteigenosse der Deutschliberalen. Eine Reihe von persönlichen Beziehungen knüpft mich an zahlreiche Mitglieder derselben, die ich hochschütze. Aber ich weiß mich ftei von jedem Vorwurfe für das, was ich Ihnen nun sagen will. Wenn ich heute eine andere Stellung einnehme, so bin ich es ja nicht, der seinen Platz, seine Gesinnung gewechselt hat, sondern die Partei, und nur um diese als Ganzes handelt es sich, nicht um die Einzelnen. Wie stehen nun wir Juden zu der Partei? Nun, wir wissen Alle, daß in dieser selbst eiste Bewegung ausgebrochen ist. Was bedeutet dieselbe? Eine wirkliche aufrichtige Regeneration? Ich bin, rund herausgesagt, nicht dieser Ansicht, ich halte diese Partei einer wirklichen Wiedergeburt für ganz unfähig. Ich weiß, daß ich damit manchem werthen Freund unter den Juden wider den Strich rede. Das ist doch ganz natürlich. Es ist nicht blos die Dankbarkeit, die uns an die deutsch-liberale Partei fesselt. Wir sind mit ihr bisher sörmlich verwachsen gewesen. Das Bildungsbedürfniß der Juden war am Ende des vorigen und am Anfänge dieses Jahrhunderts ein außerordentlich starkes, der Bildungstrieb war zu jener Zeit nur in deutscher Sprache und Cultur zu befriedigen. Weiter sind die Inden sozusagen geborene Centralisten, denn sie wußten sich nur durch die Staatsmacht vor den Bestialitäten, die sie im Mittelalter erlitten hatten, geschützt. Und der Centralismus in Oesterreich war gleichfalls ein ganz deutscher. Auch heute noch sind die Juden die Einzigen in Oesterreich, welche gar nichts Anderes sein wollen als nur „Oesterreicher", was man weder von den Polen noch von den anderen Slaven und am allerwenigsten von jenen Deutschen sagen kann, die gerade auf das Deutschthum in Oesterreich ein Monopol zu haben beanspruchen. Alle diese Momente, die ausschließlich deutsche Bildung der jungen, die centralistische Neigung der alten Juden wurden noch außerordentlich verstärkt durch die erste glanzvolle Epoche der deutsch-liberalen Partei bei Begründung des Verfassungsstaates, durch die grundlegenden Principien des Liberalismus, welche hiebei unstreitig wenn auch in stellenweise beschränktem Maße mit in Verwendung kamen. Gar kein Zweifel, von den damaligen Führern waren auch diese Principien ganz ehrlich gemeint. Wie steht es aber heute mit dieser Partei? Sie hat eine doppelte Insolvenz erlitten. Sie war insolvent geworden als „führende politische Staatspartei". Sie hat sich als solche unfähig erwiesen, einmal der obersten Macht im Staate gegenüber, als sie, hauptsächlich durch die Beschränktheit ihres Führers Herbst in der bosnischen Affaire, trotz dem Beispiele der Schwesterpartei in Ungarn für die auswärtige Politik und für die Stellung Oesterreichs in derselben nicht mehr Verständniß zeigte als der letzte Spießbürger. Ihre parlamentarischen Mißerfolge aber haben auch weiter klar gemacht, daß es mit der lange gehegten Illusion einer ausschließliche!: Führung der inneren Politik Oesterreichs durch die Deutschen zu Ende ist. Und dieser uns Allen so lieb gewesene Traum ist aufzugeben für immer. Zwei Jahrhunderte la::g haben die Deutschen die volle Macht des Staates zur Verfügung gehabt, und sie waren dennoch nicht nur nicht im Stande, die Erblande wirklich zu germanisiren — Alles, was sie schon erreicht hattei:, war bei dem ersten Anstnrn: des nationalen Aufschwunges der anderen, um so viel kleii:erei: Nationalitäten zerstoben. Warum es ihnen unmöglich war, zu erreichen, was den „halbbarbarischen" Magyaren ohne Staatshilfe nicht nur den Slaven, sondern gerade am allerersten und leichtesten den ungarischen Deutschen gegenüber gelungen, ist nicht gar so schwer zu erklären. Die österreichische!: Deutschen sind eine ganz besondere Spielart. Sie haben nicht das ernste Wissen und Streben, nicht die Zähigkeit und Ausdauer, nicht die Kraft der Reichsdentschen, aber ihre sämmtlichen Fehler. Das wird allerdings am deutlichster:, wenn wir gerade die Führer der „nationaldeutschen" Männer, vor: denen gar nichts übrig bleibt, wenn man ihnen das Mandat wie eine Haut herunterzieht, mit der SNmme von Intelligenz vergleicht, die im deutschen öffentlichen Leben ihren Platz hat. Aber das Verhältnis; bleibt ganz das gleiche. Der Absta::d bleibt iinmer derselbe, wenn man die ganze Stufenleiter hindurchgeht und Aristokratie, Bürgerthnrn, wie Svciald emokratie ii: ihren Repräsentanter: hüben und drüben einander gegenüber-

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