Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 21 (22.5.1896)
- Date
- 1896-05-22
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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Seile 428 Dr. Vloch's Wochenfchrrst. . Nr. 21 ersten Ranges, der sich würdig seinen Lehrern anschließt; wir ersehen cs deutlich aus dem Buche Poznanski's, der mit großem Fleiß und Geschick die uns erhaltenen Fragmente aus den verschiedensten Quellen zusammengesucht, sie systematisch zusammengestellt hat und darnach ein Bild seiner Persönlichkeit, wie besonders seiner schriftstellerischen Wirksamkeit zu entwerfen sucht. Nach dem vorhandenen Material, das klar und übersichtlich gruppirt ist, wird uns Jbn Chiquitilla als Dichter, Bibelexeget, Grammatiker und Uebersetzer charakterisirl, wie er auf allen diesen Gebieten Originelles und Hervorragendes geleistet. Er blühte um 1050, war wie sein Lehrer Jbn Dschanach in Cordova geboren und nach Saragossa ausgewandert. Ob der Name Chiquitilla, wie der Verfasser mit Jellinek meint, zu schreiben und in der Thal von dem spanischen cbico „klein" abzuleiten sei, scheint doch fraglich, weil „ehico“ modernes Spanisch ist und außerdem der Name fast durchwegs in der Schreibweise „Gikatilla" mit dem arabischen Vorwort „Jbn" zur Familienbezeichnung erscheint. Von seinen gerühmten Dichtungen sind nur zwei ganz allerliebste Zeilen auf uns gekommen; auch von seinem grammatischen Hauptwerk, welches das Genus der hebräischen Substantiva behandelte, hat Jbn Esra. nur einige wenige Cirate uns erhallen. Reicher ist die Ausbeute an bibelexegetischen Trümmerstücken. Im Bereich der Bibelexegese liegt die eigentliche Bedeutung Jbn Chiquitilla's, er war der erste Spanier, welcher fortlaufende, wort- und sinnerklärende Commentare in arabischer Sprache abgefaßt hat; Poznanski bemüht sich, die biblischen Bücher zu ermitteln, mit denen seine Commentare sich beschäftigt haben, wie auch die Methode und Tendenz seiner Erklärungsweise sestzustellen. Es zeigt sich, daß dieser Grammatiker mit scharfem und weitem Blick von der Textkritik zur Bibelkritik übergegangen war, ja, daß Abr. Jbn Esra über die Anschauungen des Chiquitilla gar nicht hinausgekommen ist. Wenn Spinoza in seinem theologischpolitischen Tractat bei der Ausführung seiner bibelkritischen Ideen auf den Schultern Jbn Esra's zu stehen glaubt, so wissen wir es jetzt bester, daß nämlich diese historischen und kritischen Gesichtspunkte von Jbn Chiquitilla ausgegangen sind. Je mehr wir überhaupt von den Arbeiten jener großen und classischen Grammatiker erfahren, umsomehr schrumpft der hohe Ruhm Jbn Esra's zusammen. Derselbe scheint wenig neue oder originale Gedanken geliefert zu haben; man möchte fast meinen, daß er durch seine unruhige, geheimthueriiche, witzelnde und geschraubte Stylweise die gedeihliche Fortbildung der hebräischen Grammatik mehr verwirrt als gefördert habe, und daß ihm nur das allerdings große Verdienst bleibt, die Resultate der grammatischen Forschung und Exegese durch die Benützung der hebräischen Sprache in seinen zahlreichen Büchern den weitesten Kreisen erschlossen zu haben. Ein ähnlich.s Verdienst hat sich auch unser Jbn Chiquitilla erworben, indem er die beiden Schriften des Jehuda Chajudsch über die schwachen uno doppellautige.r Verba in's Hebräische übersetzt und sich auch hierbei als Meister ver hebräischen Sprache bewährt hat. Merkwürdiges Spiel', des Zufalls! gerade diese Uebersetzungen sind das Einzige, was sich von allen seinen Arbeiren zu uns herübergerettet hat. Poznanski will dieses Mißgeschick aus der freien Auffaffung erklären, mit der Jbn Chiquitilla in den eigenen Werken die biblischen Bücher behandelt, und welche in den gläubigen Gcmüthern starke Antipathien gegen seine Schriften hervorgerufen. Doch warum sind dann se ne poetischen Erzeugnisse der Vergessenheit anheimgesallen? Es gilt eben hier wie auf allen Literaturgebieten: babent sna fata libelli. Möge aber der vorliegenden Monographie ein günstiger Stern leuchten! Sie zeigt viel Wissen und ernstes Streben, sie ist angenehm und anregend geschrieben, sie beherrscht ihren Stoff, ordnet ihn mit großer Klarheit und orientirt auch den Unkundigen. Vor Allem trägt sie eine alte Ehrenschuld gegen einen Mann ab, der, mit Unrecht bisher vernachlässigt, den Klassikern der hebräischen Sprachforschung und Bibelexegese zugezählt werden muß. Dr. Philipp Bloch. Unter dem Dr. Steinschneider zu seinem 80. Geburtstage gewidmeten Werken befindet sich auch der von Dr. A. Löwenthal (Kaufmann, Frankfurt am Main, 1896) herausgegebene Neudruck eines Büchleins von Honein ibn Jshak. Honein ibn Jshak, der im Jahre 1873 starb, compilirte im Arabischen eine Reihe von Anekdoten über Alexander den Großen und Aristoteles. Dieses kleine Büchlein trug viel dazu bei, daß griechische Weisheit den Weg nach Europa fand. Den Juden frühzeitig bekannt, wurde es auch von dem spanischen Dichter Judah Alcharizi übersetzt, und diese Uebersetzung ist nun von Dr. Löwenthal neu herausgegeben worden. Man hat Honein oft für einen Juden gehalten und chn sogar als Rabbi Chananya citirt. Honeiir erzählt raut folgende Anekdote von Alexander dem Großen und seinem Lehrer Aristoteles. Aristoteles lehrte einst feinem Schüler, daß der Kummer die Macht habe, das Herz physisch zu verkleinern und endlich Herzschwund herbeiführe. Alexander wollte die Wahrheit dieser Behauptung erproben. Er schloß ein Thier in eine finstere Höhle ein und gab ihm Nahrung, so daß es am Leben erhalten blieb. Nach einiger Zeit tödtete er es und fand, daß das Herz vollkommen verschwunden war. Nun sah er, daß Aristoteles recht gehabt. In der in hebräischer Sprache geschriebenen Geschichte der Juden von Jbn Verga kommt folgerrdes Histörchen vor: Ein mohammedanischer König fragte einst einen gelehrten Rabbiner, lvarurn die Juden, die doch in alten Zeiten wegen ihrer Tapferkeit so berühmt gewesen seien, später weniger Muth, ja sogar Feigheit an den Tag gelegt hätten. Um dem Könige die Wahrheit seiner Behauptung, daß die Ursache dieser Veränderung nur in der Gefangenschaft nnd Verfolgung der Juden zu suchen sei, zu illustriren, schlug ihm der Rabbiner Folgendes vor. Man ließ von zwei gleich alten und gleich starken Löwenjungen das eine in einem großen Garten frei Herumstreifen, das andere setzte man in einen Käfig. Beide erhielten die gleiche Nahrung, nnd nach einiger Zeit tödtete man sie. Und was fand man? Das Herz des gefaugeueu Löwen war kaum ein Zehntel so groß als das des andern, und der Beweis, wie sehr Sclaverei degenerire, war somit gegeben. Briefkasten. A. B Es braucht Sie nicht zu überraschen, daß V e r g a n i jetzt von Feichtinger — dein Grazer Lueger — den er früher so verherrlichte, nichts wissen will. Im umgekehrten Falle hätte Feichtinger nicht anders an Vergani gehandelt. Dr. B. H. Die Variante: Jede Bürgerschaft hat den Bürgermeister, den sie verdient, ist nicht ohne. H—g., Prag. Man muß gegen die antisemitische Pest rechtzeitig ein Cordon ziehen. L. Gr. Die Reden dieses H-tzpriesters würden in der That besser kür Weinals für Gotteshäuser taugen.? Die antisemitische Presse hat nur ihre alte Methode befolgt, als sie den wegen eines Sittlichkeit-Verbrechens verurtheilten Commerzienrath Falk in Nürnberg zum Juden machte. Falk stammt aus einer alten Protestantenfamilie. Z. X. Die eine wahnsinnige Familie macht mehr Aufsehen als die Tausende Verrückten, die mit den blödesten Beschuldigungen gegen die Juden hausiren gehen. H. P. So unglaublich es auch klingt, so ist es doch wahr: Der Antisemit Polz Hofer will Vorstand der Branntweinschank- Genossenschaft werden, besucht die jüdischen Besitzer von Brannlweinschänken und bittet sie um ihre Stimme! Wenn ein Jude zu Antisemiten ginge, was würde man dazu sagen? Leopold N. (II. Bez.) Vergani hat sich für die Maulschellen, die ihm Lueger gab, noch bedankt. Er will auf diese Weise seine christliche Gesinnung documentiren, da er es sonst nicht thut. H—n. Da das „Deutschs Volksblatt" nicht so viel Raum hat, um die Namen aller verurtheilten Gauner zu veröffentlichen, verschweigt es alle. H. G., Brünn. Prinz L i e ch t e n st e i n wird gewiß entzückt sein über das Wort Kaiser Wilhelms: „Christlich-social ist ein Unsinn." Jurist. Dr. Pattaihat die Vertheidigung F e i ch t i n g e r's abgelehnt. Vielleicht wird auch diese antisemitische Leuchte von Dr. L ö w vertheidigt werden. G. L. S t ö ck e r sagte in der That, er wolle kein stummer Hund sein. Er will bellen. Dr. I. K., Budapest. Dr. Lueger würde schwerlich eine Wahl für die Delegation annehmen. Adolf S. War schon in unserem Blatte enthalten. Z. L. Das Wort M o m m s e n's lautet: , Der Antisemitismus ist die Gesinnung der Canaille." W. M. Wenden Sie sich an den Cultusvorsteher Herrn Baurath W. Stiaßny, I., Rathhausstraße 13. C. R. in Mährisch-Ostran. Anonyme Zuschriften werden nicht berücksichtigt. „M. K." Derlei Anfragen wollen Sie an das zuständige Rabbinat richten, in dessen Competenz wir nicht eingreifen wollen. Josef I. Hock, Wien. Wir haben Ihren Vorschlag unterentsprechender Befürwortung der maßgebenden Stelle übermittelt. Jacob Knustadt in Radantz. Der 5. Juni 1881 war Sonntag der 8. Sivan 5641. Philipp Pollak, Budweis. Für diese Woche zu spät. Vom Vorstände der israel. Cultusgemeinde in Wien. Z. 1651 ex 1896. —— Kundmachung. Von Seite der Cultusgemeinde wird verlautbart, dass die nächsten Prüfungen für die Candidaten des israel. ßeligionslehrarntes an Volks- und Bürgerschulen in Wien im December 1. J. stattfinden werden. Tag und Stunde dieser Prüfung werden rechtzeitig bekanntgegeben werden. Die Prüfnngsgegenstände sind in den Approbationsbestimmungen ddo. 11. Februar 1894, Z. 71, bezeichnet. Entsprechend belegte Gesuche unter Anschluss eines Curriculum vitae sind im Einreichungsprotokoll der Cultasgemeinde I, Seitenstettengasse 4, I. Stock, bis 30. September 1896 zu überreichen. Der Vorstand Wien, im April 1896. der israelitischen Cultusgemeinde, Herausgeber u. verantw. Redakteur: Dr. Josef E. Bloch. - Druck v. L. Beck & Sohn Wien, VDI., Lerchenfelderstr. 46.