Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 21 (22.5.1896)
- Date
- 1896-05-22
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 21 Dr. tzlvch's Wochenschrift. Mekisch tanzte auch zu Hanse und sang in einer wunderlichen Melodie „Tiddiriddiroi, tiddiriddiroi, toi, toi, toi, toi", abwechselnd mit „Rom, Pvm, pom" und „bim, bum", iun seine persönliche Zufriedenheit mit dem Leben auszudrücken. Er war ein eingeschrumpfter, kleiner Witwer mit tiefgelber Haut, hervorstehenden Backenknochen, Höckernase und stachlichem Bärtchen. Jahrelange Uebung als Bettler hatte seiriem Gesichte ein ängstliches, flehendes Lächeln aufgedrückt, das er jetzt nicht einmal nach den Geschäftsstunden verwischen konnte. Vielleicht wäre es vor Seife und Wasser gewischen, aber dieses Experiment wurde nicht versucht. Ans dem Kopfe trug er ständig eine Pelzkappe mit Ohrläppchen. Bon seinem Hals hing ein Korb voll steifer, grauer Schwammstücke herab, welche kein Mensch kaufte. Mekisch's gangbare Maare bestand in etwas ganz anderem. Erhandelte mit sensationellen Schauspielen. Während er mit großer Mühe und nur mit Hilfe eines Stockes einherwankte, sahen seine unteren Gliedmaßen halb gelähmt aus, und wenn seine seltsame Erscheinung die Aufmerksamkeit erweckte, knickten seine Beine plötzlich ein, und er lag aus dem Pflaster, wo er liegen blieb, bis theilnehmende Zuschauer ihn aufhoben und Silber- und Kupfermünzen über ihn regnen ließen. Nach einer unbestimmten Anzahl solcher Ausführungen eilte Mekisch im Dunkeln nach Hans, um zu tanzen und „Tiddiriddi, toi, toi, bim, bam, bum" zu singen. Sv lebte Mekisch im Frieden mit Gott und den Menschen, bis ihm eines Tages der verhängnißvolle Gedanke in den Kopf kam, daß er eine zweite Frau benöthige. Das war nicht schwer — sein Freund Sugarman, der Schadchen, lieh ihm seine bereitwillige Hilfe — und bald sah der kleine Mann seine Habe durch den Besitz einer fetten russischen Riesin vermehrt. Mekisch wandte sich nicht an die Behörden, um sich von ihnen trauen zu lassen; er hatte eine „stille Hochzeit", die nichts kostete. Ein künstlicher Trauhimmel, aus einem Leintuch und vier Besenstangen gebildet, wurde in einem Winkel neben dem Ofen errichtet, und neun Freunde heiligten die Ceremonie durch ihre Gegenwart. Mekisch und die russische Riesin fasteten an ihrem Hochzeitsmvrgen, und Alles war in ehrenhaftester Ordnung. Aber Mekisch's Glück und Ersparnisse waren von kurzer Dauer. Die russische Riesin erwies sich als eine Tartarin. Sie bekam seine Ersparnisse in die Klauen und schmückte sich mit feinen Shawls und goldenen Halsbändern. Noch mehr, sie bestand darauf, daß Mekisch ihr Gesellschaft verschaffen und ein offenes Haus halten müsse. Demzufolge wurde das Schlaf- und zugleich Wohnzimmer in einen Empfangssalon verwandelt, und hier erschienen eines Freitag Abends Peleg Schmendrik und Frau und Herr und Frau Sugarman. Beim Sabbathmahl theilte sich das Gespräch in einen niäunlichen und einen weiblichen Zweig. Die Damen sprachen über Hüte, die Herren über Talmud. Alle drei Männer naschten, obwohl in sehr bescheidenen Umfange, von Actien und Papieren; aber um nichts in der Welt härten sie am Sabbath von Geschäften gesprochen, obwohl alle von den lockenden Reclamen der Saphirminen-Llctiengesellschaft, welche eine ganze Seite in der „Jüdischen Chronik" einnahmen, schrecklich aufgeregt waren. Die Liste der Aktionäre sollte Montag Mittag geschlossen werden. „Aber als Moses, unser Lehrer, auf den Felsen schlug", sagte Peleg Schmendrik im Verlauf der Discussion, „hatte er das erste Mal Recht, aber das zweite Mal Unrecht; denn, wie der Talmud sagt, rann ein Kind gestraft werden, solange es klein ist, aber wenn es groß ist, muß mau ihm Vernunft zuführen." „Ja", sagte Sugarman, der Schadchen, rasch, „aber wenn sein Stab nicht aus Saphiren gewesen wäre, wäre der zersplittert, statt des Felsens." „War er aus Saphir?", ftagte Mekisch, der ein ziemlicher „Amhorez" war. „Natürlich, nur ein sehr feiner Stein war es auch", antwortete Sugarman. „Meinen Sie?", fragte Peleg Schmendrik eifrig. „Der Saphir ist ein Zauberstein, er schärft den Blick und stiftet Frieden zwischen Feinden", antwortete Sugarnlann. „Jsaschar, der gelehrte Sohn Jakob's, wird ans dem Brustschild des Hohenpriesters durch den Saphir dargestellt. Wißt Ihr nicht, daß der nebelartige Mittelpunkt des Saphir die Wolke symbolsirt, die den Sinai bei der Gesetzgebung umgeben?" „Das wußte ich nicht", gestand Peleg Schmendrik. „Aber ich weiß, daß Moses' Stab im Zwielicht des ersten Sabbaths geschaffen wurde, und daß Gott später Alles mit diesem Seepter bildete." „Ja, aber wir sind nicht Alle stark genug, um Moses' Stab zu schwingen. Er wiegt nicht weniger wie vierzig Seahs", sagte Sugarman. Seite 425 „"Wie viel Seabs, meinen Sie, könnte man vertragen?", fragte Mekisch. „Fünf oder sechs -- mebr nicht", antwortete Sugarman. „Man könnte sie sonst fallen lasten, und sogar Saphire können zerbrechen. Die ersten Gesetztafeln bestanden aus Saphiren, und doch fielen sie aus einer sehr großen Höhe herad und zerschellten in Stücke". „Gideon, der Abgeordnete, muß wohl einen Mosesstock haben wollen, denn feilt Seeretär erzählte mir. daß er 4<> nehmen wird", sagte Schmendrik. „Sch! Was reden sie da?" rief Sugarman. „Gideon ist ein reicher Mann und außerdem ist er ein Direktor." „Es scheinen ganz gute Direktoren zu sein", murmelte Mekisch. „Gut zum Ansehen, aber wer weiß?", meinte Sugarman kopfschüttelnd. „Die Königin von Saba brachte Salvmon wahrscheinlich Saphire, aber sie war keine tugendhafte Frau." „Ach, Salomo", seufzte Frau Schmendrik, das Gespräch unterbrechend. „Wenn er tausend Töchter gehabt hätte statt tausend Weiber, hätte es nicht einmal sein Schatz ausgehalten. Ich hatte nur zwei Mädchen — gelobt sei Gott und doch hat mich ihre Verheiratung beinahe ruinirt. Kommt so ein schmutziger Pvlack daher, ohne ein Hemd am Leibe, und sofort will er nicht weniger als 200 Pffind auf die Hand. Und dann muß man noch auf ihn anspaffen, daß er seine Hose nicht in die Hand nimmt und nach Amerika durchgeht! In Polen wäre er froh gewesen, ein Mädchen zu bekommen und hätte noch „schönen Dank" gesagt." „Ja, aber was ist's mit Ihre m Sohn?", ftagte Sngarman. „Warmn fordern Sie mich nicht auf, für Jofchi eine Frau zu suchen? Es ist eine Sünde gegen die Mädchen in Israel! Er muß schon lange über das talmudische Alter hinaus sein." „Er ist 24 Jahre", sagte Peleg Schmendrik. „Tu, tu, tu, tu, tu", machte Sugarman, entsetzt mit der Zunge schnalzend. „Haben Sie vielleicht etwas dagegen, daß erheiratet?" „Chaß weschvlaum!"*), rief der Vater erschreckt. „Aber Jvschi ist sehr schüchtern. Sie wissen auch, daß er nicht hübsch ist. Gott allein weiß, wem er nachgeräth." „Peleg, ich schäme mich für Dich", sagte Frau Schmendrik. „Was fehlt dem Jungen? Ist er taub, stumm, blind, ohne Beine? Wenn Jvschi gegen Frauen ungeschickt ist, so kommt das daher, weil er so viel lernt, wenn er nicht bei der Arbeit ist. Er verdient sich durch seine Kunsttischlerei ein hübsches Geld, und es ist wirklich Zeit, daß er selbst ein jüdisches Haus iut> fängt. Wie viel werden Sie verlangen, wenn Sie ihm eine Kalle aussuchen?" „Still!", mahnte Sugarman streng. „Vergessen Sie, daß heute Sabbath ist? Seien Sie ruhig, ich werde nicht mehr verlangen, als das letzte Mal, außer wenn die Braut eine besonders gute Mitgift hat." .... Samstags Abends, gleich nach „Hawdolvh" begab sich Sugarman zu Herrn Belkowitsch, der eben wieder die Arbeit anfnchmen wollte, und theilte ihm mit, daß er jetzt einen richtigen Choßen für Becky hätte. „Ich weiß", sagte er, „Becky hat immer eine Menge junger Leute hinter sich, aber sind das nicht lauter Habenichtse? Wieviel Mitgift würden Sie eineni soliden jungen Mann geben?" Nach langem Feischen willigte Belkowitsch ein, unmittelbar vor der Trauung zwanzig Pfund und nach "Ablauf eines Jahres weitere zwanzig zu geben. „Aber merken Sie sich, dann gibt es keine Ausreden, daß Sie das Geld nicht bei sich haben, wenn wir schon in Schul sind, oder daß wir warten sollen, bis wir nach Hause kommen!", sagte Sugarmann. „Ich nehme meinen jungen Mann wieder mit, und wenn er schon unter der Chuppe steht! Wann soll ich ihn Ihnen herbringen, damit Sie sich ihn anschauen können?" „Morgen Nachmittag, wenn Becky mit ihren jungen Leuten im Park ist. Es ist besser, wenn ich ihn zuerst sehe. " Sugarman bettachtete Jvschi jetzt als einen verheirateten Mann; er rieb sich die Hände und suchte ihn auf. Er fand ihn in einem kleinen Schuppen im Hof, wo er seine häuslichen Extraarbeiten verrichtete. Jvschi war eifrig damit beschäftigt, kleine *) Gott behüt!