Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 21 (22.5.1896)
- Date
- 1896-05-22
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Seite 424 Dk Vloch's Wochenschrift. Nr. 31 auf — warum sollten wir ihm nicht folgen? Noch nie standen die Aussichten auf eine Restaurirung so günstig wie heutzutage. Unsere Capitalisten beherrschen den Markt von Europa, unsere Generäle führen Armeen, unsere großen Männer sitzen im Rath aller Staaten. Wir sind überall — tausend und tausend zerstreute Bächlein der Macht, die zu einem einzigen, mächtigen Ozean vereinigt werden könnten. Palästina ist unser, wenn wir es wünschen — das ganze Haus Israel braucht blos mächtig und einig seine Stimme zu erheben. Dichter werden für uns singen, Journalisten für uns schreiben, Diplomaten für uns handeln, Millionäre den Preis für uns zahlen. Der Sultan würde uns morgen unser Land zurückgeben, wem: wir nur kühn den Versuch , dazu machen würden. Kein Hinderniß besteht, außer uns selbst. Mcht die Andersgläubigen halten uns von unserem Lande fern — nein, die Juden sind es, die reichen und wohlhabenden Juden: Jeschurun, das seist und fett geworden und den falschen Traum von der Assimilation mit den Völkern der angenehmen Länder träumt, in die das Schicksal sie geführt. Gebt uns unser Land zurück, das allein wird die Judenfrage lösen! Unsere Bettler werden Ackerbauer werden und gleich Äntäns wird der Geist Israels durch die Berührung mit der Mutter Erde frische Kraft gewinnen. England aber werden wir helfen, die indische Frage zu lösen. Zwischen das europäische Rußland und Indien wird ein starkes, furchtbares Volk gepflanzt werden.- Und wenn wir unser Land nicht mit Gold zurückkaufen können, so müssen wir es mit dem Stahl erkaufen. Bon allen unseren Schätzen nahmen wir nur einen Funken von dem Feuer mit ins Exil, das unseren Tempel, die Wohnstätte unseres einzigen Gottes, umloderte, und dieser kleine Funke erhielt uns am Leben, während die Thürme unserer Feinde zu Staub zerfielen; dieser Funke schlug zu eurer himmlischen Flamme auf und goß sein Licht über das Arrtlitz der Helden unseres Stammes, flößte ihnen Kraft ein, die Schrecken des Todtentanzes und die Martern des Autodafes zu ertragen. Laßt uns diesen Funken wieder anfachen, bis er auflodert und zur Feuersäule wird, welche vor uns einherzieht und uns den Weg weist nach Jerusalem, der Stadt unserer Väter! Wie der Nationaldichter Israels, Naphtali Herz Jmber, so edel sang" — hier stimmte er die hebräische „Wacht am Rhein" an, dann sank er erschöpft auf die Holzbank zurück, seine Augen funkelten, sein Rabenhaar war durch die wilden Bewegungen seiner Arme ganz zerzaust worden; er hatte sich ausgesprochen. Während des übrigen Abends gab er keinen Laut mehr von sich. Die ruhige, gutmüthige Stimme Simon Gradkoski's folgte den erregten Worten Strelitzki's wie ein Regenschauer. „Wir müssen vernünftig sein", sagte er, denn er galt ebenso für einen klugen Weltmann, wie für eine Stütze der Orthodoxie. „Die großen Leute werden sich uns anschließen, aber nicht, wenn wir über sie schimpfen. Wir müssen ihnen schmeicheln, müssen sagen, daß sie die Nachkommen der Makkabäer sind. Dem Führer einer solchen Bewegung steht ein großer, politischer Ruhm bevor, das werden jene auch einsehen. Rom ward nicht an einem Tage erbaut und der Tempel wird nicht in einem Jahre erbaut werden. Außerdem sind wir jetzt keine Krieger. Wir müssen unser Land durchs unseren Verstand, nicht durch das Schwert wiedererobern. Langsam aber sicher und Gottes Segen bei Allem!" So der weise Simon Gradkoski. Gronowitz aber, der hebräische Lehrer, stimmte mit Josef Sirelitzki, ein Anderer mit dem vorsichtigen Simon Gradkoski. Dann nahm der fromme Karlkammer das Wort, aber was er beabsichtigte, war nicht recht verständlich. Offenbar erwartete er das Eintreffen von Wundern. Trotzdem billigte er die Bewegung, aus einem Grunde: je mehr Juden in Jerusalem lebten, desto mehr würden dort sterben können, worin das Ziel jedes guten Juden bestehe. Was beit Messias anbelangt, so werde er, so Gott will, sicherlich kommen. Pinkas, der während dieser Rede geschäumt hatte, denn er hielt Karlkammer für das Prototyp aller Esel, sprang ungeduldig auf, als derselbe einen Augenblick innehielt, um Athem zu schöpfen, und nannte es eine Unterbrechung, als dieser Herr erzürnt seine Rede fortsetzen wollte. Die Versammlung war jedochlauf Seiten des Dichters und Karlkammer wurde zum Schweigen gebracht. Pinkas' Rede war voll erhabenen dithyrambischen Schwungs, von einer Kühnheit, die nur ein Poet wagen kann. Er machte sich in beißendem Hohn über Jmber, der auf den Titel eines Nationaldichters Anspruch erhebe, lustig und erklärte, '.daß seine Prosodie, sein Wortschatz und sogar seine Grammatik unter aller Kritik seien. Er, Pinkas, werde Judäa ein wirkliches patriotisches Gedicht schreiben, das man singen würde von den Höhlen von Whitechapel bis zu den Küsten von Südafrika, von den Mellahs Marokkos bis in die Judengassen Deutschlands, das aller Herzen erfreuen und von den Lippen der armen Auswanderer tönen würde, wenn sie die Statue der Freiheit im Hafen von New- Dork begrüßen. So oft er, Pinkas, am Sonntag Nachmittag im Victoriapark spazieren gehe und die Militärcapelle spielen höre, klängen ihm die Töne des Zinkhorns immer wie die der Posaune Bar Kochba's, welche die Kämpfer zum Streite ruft. Und wenn das Stück aus sei und die Capelle „doodsave the Queen“ spiele, dann töne es wie die Jubelhymne, bei deren Klängen er als Sieger in die Thore von Jerusalem einziehen würde. Daher wollte er, Pinkas, ihr Anfiihrer sein. Hatte ihm die heilige Vorsehung, welche in die Buchstabeit der Thora so viele Offenbarungen versteckt, nicht den Namen Melchisedek Pinkas gegeben, dessen einer Anfangsbuchstabe Messias und dessen anderer Palästina bedeute? Ja, er wollte ihr Messias fein! Aber heutzutage sei die Seele des Krieges daß Geld und der erste Schritt zum Messiasthum wäre das Verwalten des Fonds. Der Erlöser müßte in erster Linie Säckelmeister sein. Mit dieser Anticlimax schloß Pinkas seine Rede; seine Schlauheit wurde von seinem kindischen Wesen und seiner Naivetät weit übertroffen. Noch andere Redner folgten, aber zuletzt drang Gedaljah. der Grünzeughändler, durch. Er wurde zum Präsidenten und Simon Gradkoski zum Säckelmeister ernannt, worauf dieser auf der Stelle 25 Schilling sammelte. Zehn davon spendete der Knabe Raphael Leon. Vergebens erinnerte Pinkas den Präsidenten, daß Einsammler, die von Haus zu Haus gehen müßten, nöthig seien. Drei andere Mitglieder wurden zu diesem Behufe gewählt. Alle Anwesenden fühlten, daß es höchst unpassend wäre, einen Geldbeutel an den Sattelbogen des Pegasus zu hängen. Daraufhin zündete Pinkas seine Cigarre wieder an, brummte, daß Alle Narren seien und entfernte sich ohne Umstände. Gabriel Hamburg sah all' dem schweigend zu, und etwas wie ein Lächeln lag auf seinen verschrumpften Zügen. Einmal, als Josef Strelitzki sprach, schneuzte er sich heftig. Vielleicht hatte er eine zu große Prise genommen. Aber der große Gelehrte sprach nicht ein einziges Wort. Er hätte seinen letzten Athemzug hingegeben, um die Rückkehr ins heilige Land zn. ermöglichen (vorausgesetzt, daß die hebräischen Manuscripte nicht in den fremden Bibliotheken zurückblieben, aber die Einfälle der Enthusiasten spielten eine Rolle in der großen Comödie des einzigen Theaters, an dem ihm etwas lag. Auch Mendel Hyams schwieg, aber er weinte bei Strelitzki's Feuerrede. Als die Versammlung sich vertagte, hob das dürre, kränkliche Geschöpf in der Ecke, das bisher den Tractat Baba Kama ans Höflichkeit nur gemurmelt hatte, fein eintöniges Recitativ von Neuem an. Sechzehntes C a p i t e l. Joschi Schmerrdrik's Brautwerbung. Mekisch war ein Chassid, was im Jargon „ein Heiliger" bedeutet, in Wirklichkeit jedoch ein Mitglied der Secte der Chassidim, deren Centrnm Galizien ist. Im achtzehnten Jahrhundert zog sich Israel Baalschem, der „Meister des Namens", in die Berge zurück, um über philosophische Wahrheiten nachzusinnen. Er gelangte zu einer in jeder Beziehung heiteren und sogar stoischen Anschauung des Weltalls und auch zu der Ueberzeugung, daß der Genuß einer Pfeife dem Schöpfer wohlgefällig sei. Das unvermeidliche Unglück der Religionsbegründer ist es jedoch, apokryphe Wunder zu wirken und eine Armee von Jüngern heraufzubeschwören, welche die Lehren ihres Meisters in die Formen ihres eigenen Geistes pressen und dann bereit sind, für die daraus entstehende Verzerrung zu sterben. Ein großer Mann kann auf seinesgleichen nur Einfluß üben, wenn er von ihnen mißverstanden wird. Baalschem folgte eine Armee von Wunderwirkern, und gewisse wunderthätige Rabbis, welche mit allen Geistern der Luft in Verbindung stehen, genießen die Einkünfte von Fürsten und dieselben Ehrenbezeugungen wie der Papst. Wer ein Stück von der Sabbath-Kugel eines solchen Rabbi an sich zu reißen vermag, sichert sich das Paradies, und die Rauferei darum ist ein sehenswerther Anblick. Der Chassidismus ist der extreme Ausdruck des jüdischen Optimismus. Die Chassidim sind die Korybanten des Judenthums. In England beschränken sie ihre Idiosynkrasien auf lärmende Jubelgottesdienste in ihren „Chewres". wobei die Andächtigen tanzen, sich anlehnen, winden oder die Köpfe gegen die Wände schlagen, wie sie wollen, und gleich glücklichen Kindern vor den. Augen ihres Vaters spielen.