Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 21 (22.5.1896)
- Date
- 1896-05-22
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 21 Dr. Blortz's Wochenschrift den Stifter, Joel Wolf, auf den Präses Primarius Tr. Fischer, auf den überaus verdienstvollen Oekonvmen Rose nzweig, dem das hübsche Arrangement des Festes in erster Linie zu danken war, die Herren N a ß und W i e n e r sowie auf die übrigen Mitglieder des Verwaltungsausschusses toastirt wurde. Ueberaus rührend wirkten die von zwei greisen Pfleglingen selbst ausgebrachten Danktrinksprüche. Gegen 8 Uhr endete die vom blauen Maienhimmel begünstigte erhebende Feier. Lipto-Szt.-Miklos. Während des Festgottesdieustes in der katholischen Kirche ereignete sich heute ein Zwischenfall, welcher einzig in seiner Art dasteht. Die Behörden, mit dem O b e r g e s p a n an der Spitze, verließen das Gotteshaus, während der Seelsorger auf der Kanzel ein Gebet verrichtete. Der junge Caplan Andreas Jenö rechnete nämlich darauf, daß während des Gebetes sich kein guter Christ entfernen werde. In dieser Voraussetzung mengte der Caplan in sein Gebet eine wahre Philippika gegen die Civilehe und deren Schöpfer. Er geißelte das verkommene Geschlecht der Magyaren u. dgl. Die Behörden und die patriotischen F e st gäste v erließen d ie kat h o li s ch eKirche wie ein Mann und begaben sich in den israelitischen Tempel, wo Oberrabbiner Wilhelm Singer eine schwungvolle, von patriotischem Geiste getragene ungarische Festpredigt hielt. Obercantor Schwalb sang mit einem guten Chor patriotische Gesänge. Das distingnirte Publicum verließ den Tempel irr gehobener Stimmung. Baeau, 6. Mai. Eine unerhörte Gewaltthat der hiesigen Polizei, die selbst unsere an derartige Willküracte gewöhnte und, zumal wenn Juden davon betroffen werden, nicht eben leicht zu erregende öffentliche Meinung in Harnisch gebracht hat, spielte sich hier vor etwa vierzehn Tagen ab und hat noch keine befriedigende Lösung gefunden. Der Sohn eines hiesigen jüdischen Handwerkers, Namens Fischets o h n, saß mit einigen Freunden in einem Wirthshaui'e, wo auch ein Gerichtsbeamter Platz genommen hatte. Dieser „Pfleger des Rechts" entfernte sich nach einiger Zeit, aber nicht, ohne die Astrachaumütze des Fischelsohn mitgehen zu beißen. Als dieser später seinen Verlust bemerkte und seine Mütze, vielleicht etwas heftig, reclamirte, entstand zwischen ihm und einigen Gästen ein Streit, zu dessen Schlichtung ein Polizeicommissär herbeigerufen wurde. Dieser, Namens Mottian, ließ Fischelsohn zur Polizei abführen, allein unterwegs machte die Escorte vor dem „Cafe Central" Halt, und hier gelang es Fischelfohn, durch eine zweite Thür das Local zu verlassen und zunächst seine Freiheit zu gewinnen. Kurz entschlossen, ließ Mattian nun den Wirth, Chajim Josephs, festnehmen und zur Wache bringen, wo er zwei Tage festgehalten und furchtbar mißhandelt wurde. Ueberdies ließ der Polizeimeister Tillian am Abend das „Cafe Central" von Polizisten besetzen, bedrohte die anwesenden Gäste, falls sie aufständen, mit Erschießen, durchsuchte alle Räume nach dem Entflohenen und ließ endlich fünfzehn Personen fe st nehmen und zur Wache abführen. Vierzehn, welche Geld bei sich hatten, erkauften damit ihre Freilassung, der eine, G o l d st e i n, der kein Geld besaß, wurde in Haft behalten. Am folgenden Tage begab sich der Polizeigewaltige zu der Frau Fischelsohn, bedrohte sie und suchte von ihr das Versteck ihres Mannes zu erpressen. Die geängstigte Frau lief zum Procurator und zum Präfecten, und Beide riethen ihr, den Mann zu veranlassen, sich freiwillig zu stellen, da ihm doch nichts Ernstliches geschehen könne. In der That stellte sich Fischelsohn denn auch, und nun ließ der Polizeimeister an den drei Verhafteten seine volle Wuth aus. Sie wurden mit Säcken, welche mit Sand ,ind kleinen Steinen gefüllt waren, so lange geschlagen, bis sie zusammenbrachen und ohnmächtig liegen blieben. Die Frau des Fischelsohn lief zum Procurator, welcher Zeugen vernahm und den Sachverhalt, wie geschildert, feststellte; aber trotz seines Einspruches vermochte er erst am dritten Tage durchznsetzen, daß die Gefangenen als Polizeikranke an das Gericht ausgeliefert wurden. Inzwischen hatten angesehene Christen, darunter viele Ofsiciere, sich an den Exminister Fleva mit der Bitte q wandt, dafür zu sorgen, daß die Opfer der PolizeiwiNkür in das H ospital gebracht wurden. Das versucht? aber die Polizei zu verhindern, und nur dem energischen Einschreiten des Generals Krifinski war es zu danken, daß die Todtkranken endlich fortgeführt werden konnten. Die Entrüstung wurde nachgerade so allgemein, daß der Ministerpräsident S t u r d z a sich entschließen mußte, Präfect, Polizeimeister und einige Commissäre zu suspendiren. Aber diese rühmen sich trotzdem öffentlich ihrer Schandthat und erklären, in wenigen Wochen wieder im Amte zu sein. Und wer Herrn S t u r d z a kennt, zweifelt keinen Augenblick, daß sie Recht behalten werden. Köln, 16. Mai. Der Petersburger Correspondent der „Kölnischen Zeitung" bestätigt, daß der jetzige Z a r in letzter Zeit wiederholt sich gegen die B e r f o l g u n g A n d e r sgläubiger ausgesprochen habe. Eingeweihte Kreise haben eine Aeußerung des Zaren wiedergeben, die dieser that, als .ihm jüngst eine Anzahl von Bittschriften der unter der vorigen Regierung stark bedrückten unirten Polen vorgelegt wirrde. Der Kaiser sagte: „E s sei wirklich an b er Seite 421 Zeit, a u ch in R n ß l a n d an die Gewissen sf r e i y e i t z u denke u". Ter Correspondent versichert, selbst bei P o b e d o u o s z e s s habe sich eine Wandlung vollzogen. Bon den Ufern der Newa. Per e r s b nr g, ll. Mai 1896. Unter den Vorgängen verflossener Woche verdient die Ausnahme unseres Glaubensgenossen Herrn M. L. T itton in die Corporation der Petersburger beeidigten Rechtsanwälte besonders hervvrgehoben zu werden. Wie ich in einem meiner früheren Briefe bereits erwähnt habe, kann eine ähnliche Ans nähme laut Gesetz vom 8. November 1889 nur nach einer vorangegangenen Genehmigung des Jnstizministers erfolgen und hat letzterer seit sieben Jahren sactisch rein einziges diesbezügliches Gesuch genehmigt. Diese Ernennung nun könnte als günstige Wendung in dieser Richtung gedeutet werden. Mir scheint es aber nicht der Fall zu sein; ich betrachte es einfach als Ausnahme, „nicht zum Beispiel für Andere", wie es hier oft gesagt wird. Und zwar deshalb, weil Herr Titton zu beit wenigen Glücklichen gehört, die ihre Aintscarrisre unter der Regierung des nicht genug gewürdigten Kaisers Alexander11. begonnen und noch vor Ausgang derselben einen gewissen Grad in der Staatshierarchie erreicht haben. Mit diesen Herren, deren noch einige Zehntel in verschiedenen Ticasterien als Staats- und wirkliche Staatsräthe fortwirken, pflegen unsere Administrativbehörden zu rechnen. Herr Titton hat die Moskauer Universität im Jahre 1887 beendigt, war schon im Jahre 1872 Ober-Secretär^ im Senat, wurde 1874 znm Mitgliede des Kreisgerichtes, zuerst in Perm, zuletzt in Kasan, wo er bis Februar 18'lli functivnirte, ernannt, ist wirklicher Staatsrath und Besitzer mehrerer Orden. Ein zweites Factum ans der Advvcatensphüre möchte ich au dieser Stelle ebenfalls nicht unberührt lassen. Es ist dies die vor einigen Tagen abgelaufene fünsundzwanzigjährige Thätigkeit im Bereiche der Jurisprudenz des in ganz Rußland bekannten beeideten Rechtsanwaltes Alexander Passvwer - Herr Passvwer ist Jude - und da er durch seine Gelehrsamkeit, Rechtschaffenheit und praktischen Sinn schon manche Ehre der Corporation, der er angehört, eingebracht hat, ist es kein Wunder, daß der Corporatiousvorstand sein Jubiläum entsprechend zu feiern beabsichtigte. Allein der Jubilar, höchst bescheideil von Natur, bat inständigst, diese Feier zu unterlassen, was ihm auch der Vorstand unter der Bedingung gewährte, eine der beim hiesigen Kreisgerichte prakticirenden drei Rechtsauwaltsgebilsengrnppen nach seinem, Passower's, Namerr benennen zu dürfen. Ich muß noch hinznfügen, daß in einein Zeiträume voir 92 Jahren, d. h. seit der Einführung des neuen 'Gerichtswesens, eine ähnliche Auszeichnung nur dreien namhaften russischen Juristen zu Theil geworden ist: der erste ist Butzkvwski, einer der Hauptredacteure des neuen Gerichtsverfahrens, der zweite Spassovitsch, der talentvolle Schriftsteller, Rechtsvrofessor und Vertheidiger, der dritte — war Glaubensgenosse Passvwer. Lallt Gesetz hatten bis jetzt jüdische Soldaten während ihrer Urlaubszeit das Recht, sich im ganzen Reiche, ohne Unterschied, anszuhalten. Am 9/2l. März 1896 aber wurde auf 'Antrag des Kriegsministeriums ein allerhöchster Befehl erlassen, wonach^ obiges Gesetz insofern beschränkt wurde, daß nur denjenigen Soldaten freies Wohnrecht in allen Provinzen ohne Ausnahmen gestattet wird, die irgend einen anderen Titel darauf besitzen ,z. B. Universitätsbildung, Kaufleute erster Gilde n. s. w.st alle anderen hingegen dürfen nicht das Gebiet des Ansied lnngsrayons überschreiten. — 'Auch ein 3 i g n n m t e m p o r i »! Die für die altrussische Nischnp-Nowgoroder 'Ausstellung bestimmten Exponate der hiesigen Gesellschaft zur Verbreitung der 'Aufklärung unter den Juden wurden schon vor ein paar Tagen an den Bestimmungsort versandt. Bevor aber dies geschah, waren alle betreffenden Gegenstände der Besichtigung seitens des Pnblicums zugänglich. Besonderes 'Aufsehen erregten die 'Arbeiten der Schüler der voll der Gesellschaft subventiönirten Handwerkerschulen zu Krementschk und Symferopvl, sowie der Talmud-Thora zu Lodz (Polen), die Stühle, Tische, Bürsten u. s. w. lieferte. Ebenfalls interessant sind die Collectionen der speciell jüdisch-russischen Schulbücher und Photographien der Schüler und des Lehrerpersonals in der Provinz. Tie Probeausstellung wurde unter 'Anderem von dem Gehilfen des Curatvrs des hiesigen Lehrbezirks Herrn Murvmceff besucht, der dem Vorstand seine 'Anerkennung aussprach. In der bevorstehenden Herbstsitzung des Reichsrathes soll ein Entwurf einer neuen Organisation jüdischer Wvhlthätigkeirsanstalteu zur Verhandlung kommen. Wie verlautet, folt_ diese neue Organisation hauptsächlich darin bestehen, daß die besagten