Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 21 (22.5.1896)
- Date
- 1896-05-22
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021115-3021137--05642-3029887- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 21 Dr. Vlortzs' WortzenrltzrtN. Seite 419 langen. R-cord und Germain See wollten die Sache beenden und schlugen eine Consultation für den zweitnächsten Tag vor; Nelaton indeß, sowie Fauvel und Corvisart erklärten, daß es dem Kaiser seit einigen Tagen besser gehe und beschlossen, da sie die Majorität hatten, daß die Untersuchung bis zum September verschoben werde. Germain See indeß, um sich zu decken, redigirte das Protokoll der Aerztesitzung, trug es am 3. Juli zur Unterschrift zu Dr. Conneau, bat ihn, es auch von den übrigen Aerzten signiren zu lassen und dann der Kaiserin vorzulegen. Dr. Conneau that dies aber nicht. Man behauptet, daß Nelaton, noch erschreckt durch den Mißerfolg der Lithotritie, die er ein Jahr vorher an den Marschall Niel versucht hatte, seine Unterschrift verweigert habe, in der Besorgniß, daß er mit der Operation an dem Kaiser betraut werden würde. Sicher ist, daß die Kaiserin nicht benachrichtigt wurde, daß auch die Minister nichts erfuhren und daß der Kaiserzehn Tage später Preußen den Krieg erklärte. „Die Enthüllung der wahren Diagnose", so schreibt heute ein Anonymus im „Figaro", „hätte vielchtlei unser Unglück verhütet." Heinrich von Treitschke. Im Jahre 1894 gab ein rheinischer katholischer Schriftsteller, Joseph Schrattenholz, eine Anthologie über Jtlden und Judenthum aus der Weltliteratur unter dem Titel „Autisemiten-Hammer" heraus. In diesem Werke bildet die Rubrik „Zeitstimmen über den Antisemitismus" den wichtigsten Theil. Für diese erbat sich der Herausgeber von den angesehensten Gelehrten und Schriftstellern der Gegenwart ihre Urtheile über die Juden. Er schrieb auch an Heinrich von Treitschke. Und dieser sandte ihnl — man höre und staune! — nur die folgenden Exeerpte ans einer seiner Schriften: „Es wäre sündlich, zu vergessen, daß sehr viele Juden, getaufte und ungetanste, Felix Mendelssohn, Veit, Rießer u. A. — um der Lebenden zu geschweigen — deutsche Männer waren im besten Sinne des Wortes. — Unser Zeitungswesen verdankt jüdischen Talenten sehr viel. — Von einer Zurücknahme oder auch nur Schmälerung der vollzogenen Emancipation kann unter Verständigen gar nicht die Rede sein. Heine's unsterbliche Werke sind wahrhaftig nicht jene internationalen Witze, um derentwillen er le seul poete vraiment parisien genannt wurde, sondern die schlichtweg deutschempfundenrn Gedichte: so die Loreley, dies echte Kind deutscher Romantik, fo jene herrlichen Verse: „Schon tausend Jahr in Graecia", die noch immer Alles zusammenfassen, was die Deutschen seit Winckelmann's Tagen über die Schönheit der hellenischen Welt gesungen und gesagt hatten. Heine ist sogar in seiner Sprache wie alle unsere großen Schriftsteller nicht ohne leisen, landschaftlichen Anklang. Wie Goethe den Franken, Schiller den Schwaben nicht verleugnen kann, wie Lessing und Fichte, so grundverschieden unter sich, doch beide unverkennbar Obersachsen sind, so zeigt sich Heine, wo seine Kraft rein zutage tritt, als der Sohn des Rheinlandes — Heute haben die wirklich bedeutenden und gesunden Talente unter unseren jüdischen Künstlern und Gelehrten längst eingesehen, daß sie nur ans den Bahnen deutschen Geistes Großes erreichen können. Und sie handeln darnach. — Unsere Sorglosigkeit und Schwerfälligkeit könnte von den wirthschaftlichen Tugenden des jüdischen Stammes Manches lernen". Das ist Treitschke's Nrtheil über das Judenthum im Jahre 1894. Leider ist es aber verhallt im Vergleiche zu dem Beifallslärm, den seine antisemitischen Schlagwörter von den „hosenverkaufenden Jünglingen", „die Juden sind unser Unglück" re. verursacht haben. Verhaftung eines antisemitischen Pastors. Aus Berlin wird uns telegraphirt: Der christlich-sociale Pastor Rauch aus Cladow in Pommern, der wegen Angriffe auf Stumm in einen vielbemerkten Conflict mit der Kirchenbehörde gerieth, wurde gestern wegen Unterschlagung verhaftet. Es sollte bei ihm eine Revision der Kirchencasse stattfinden. Darauf theilte Rauch dein Superintendenten mit, die Revision müsse unterbleiben, da er die Kirchencasse um 35.000 Mark zu seinem Nutzen betrogen habe. Außer der Verhaftung erfolgte die sofortige Amtsentsetznng. Correspondenzen. Vom „Ferienheim." Ter Zeitpunkt, an welchem die armen und erholungsbedürftigen Schulkinder dem „Ferienheim" zugewiesen und von den Vereinsärzten nach ihrem körperlichen Befund genau ausgewühlt werden, rückt immer näher, und noch immer ist die Leitung des Vereines auf der Suche nach einer passenden Unterkunft für seine Schützlinge, wo dieselben in hygienischer Weise, begleitet von Lehrern, eine Kräftigung für die Ferialzeit finden sollen. Die mannigfachsten und beschwerlichsten Reisen werden unternommen, und da nur das Beste für die Kinder gut genug ist und die verantwortungsvollen Beiräthe oder Vorstandsdamen in ihrer Wahl die größte Vorsicht walten lassen, so befindet man sich noch immer im Zustande der peinlichsten Befürchtung, die Zahl der Heuer zu entsendenden Kinder wegen Mangels einer Unterkunft herabsetzen zu müssen. Schloß Theresienfeld, welches im Vorjahre 109 Knaben beherbergte, ist leider seither verkauft worden und die Leitung des Vereines mußte während der zeitraubenden Suche um Ersatz für dasselbe, den sofortigen Umzug der Mobilien veranlassen, ohne zu wissen, wo sie die Sachen bergen soll. Da kamen die Wiener-Neustädter Hilfstruppen, unter deren Patronanz im Vorjahre die Theresienfelder Eolvnie stand, als wahre Rettnngsengel. Der dortige Eassier der Ehewra-Kadischa Herr A. Mayer, stellte kostenfrei die Wagen zur Verfügung und Herr Grünwald dortselbst beherbergt in seinen Magazinen so lange das ziemlich reiche Inventar des „Ferienheim." bis der Verein eine passende Unterkunft für seine Schützlinge gefunden hat. — In seiner Unterstandslosigkeit, in seiner Rathlosigkeit wandte sich nun der Verein an die hochherzige Gattin des wohl größten, leider viel zu früh verstorbenen Philantropen der Jetztzeit, Frau Baronin Clara Hirsch in Paris mir der Bitte um eventuelle Ueberlassung des leerstehenden Schlosses in Eichhorn, und es ist berechtigte Hoffnung vorhanden, daß die edle Dame, eine Ausländerin, die Retterin unserer „Wiener Kinder" werden wird. Was uns in Wien trotz eiftigsten Suchens und Petitionirens bei unseren begüterten Glaubensgenossen nicht gelingt, das müssen wir im Auslande bei hilfsbereiten Wohlthütern uns erbitten, die wohl eine andere Zunge sprechen, aber doch das jüdische Herz am rechten Fleck haben. Ob diese Reflexion nicht auch Schlüsse ziehen läßt aus die jetzige sociale Lage der Juden in Wien? Ob man sich nicht leise versprechen soll, bester zu werden, auf daß es uns besser gehe! Wer weiß es? Jedenfalls drängt sich dem Beobachter unwillkürlich die Erkenntniß auf, daß jede Zeit die Männer hat, die sie verdient! Wien, 19. Mai 1890. Während des heutigen Morgengottesdienstes im Tempel der israelitischen Cultusgemeinde Wien, XVIII., Schopenhauerstraße, wurde die Nachricht vom Tode Sr. königlichen Hoheit des Herrn Erherzog Carl Ludwig dort bekannt. — Der Betrübniß und der Andacht des Augenblickes entsprechend, veranlaßte der dort fungirende Vorstand eine von der Kraft der ersten Unmittelbarkeit getragene, erschütternde Trauerkundgebung auf der Kanzel und im Gebet. Beides hörte die versammelte Gemeinde stehend an. Von da mittelst einleitenden Ueberganges von der Trauer im Allerhöchsten K a i s e r h a u s e zur Trauer im Hause Jakobs folgte ein Nachruf nach Baron Moritz Hirsch. — Es war ein Bild in sehr engem Rahmen, aber in sehr markigen Zügen gezeichnet, darin so Mancher sich deutlich und erkennbar beschauen könnte. — Darauf folgte eine Haskarah für Baron M. Hirsch. Diese Doppel-Trauerfeier, vorangehend dem Haskarah- Neschamoth, war als patriotische, wie philantropische und celigiöse wahrhaft ergreifend. Em. H—n. Holleschau, 17. Mai 1895. Am 15. d. M. ist unser Cultuspräses Herr Carl Beer von seiner Reise, die er vor 6 Wochen unternommen, um Jerusalem und die uns heiligen Stätten zu besuchen, glücklich zurückgekehrt. Der ob seines segensreichen Wirkens allseits geehrte Herr Cultusvorsteher hat es auch in Jerusalem nicht unterlassen, ein bleibendes Werk seines pietätvollen Woblthätigkeitssinnes zu schaffen. Bor wenigen Wochen erschien hier bei dem Buchdrucker L. Klabusey eine Flugschrift über die „jüdische Sittenlehre nach dem Talmud". Es ist dies ein kurzer, aber saftiger Auszug des famosen Rohling'scheu Werkes „Der Talmudjude". Dieses Machwerk wurde nun c o n f i s c i r t, nachdem es bereits in Tausenden von Exemplaren verbreitet worden ist. Jedenfalls hat der hinter dem Pseudonym Nebesky «zu deutsch Himmlischer!) sich bergende Nach- und Abschreiber ein hübsches „Geschäftchen" gemacht. An dem Nachbeter Rohling's scheint sehr viel Irdisches zu haften. Am 10. d. M. fand im hiesigen Tempel ein feierlicher Trauergottesdienst für den verblichenen Philantropen Baron Hirsch statt; die von dem Rabbiner Herrn Dr. I. Freimann bei diesem 'Anlässe gehaltene Rede war von actueller Bedeutung mti> erzielte wie jede Ansprache des genannten Redners den nachhaltigsten Erfolg. Besonders lehrreich waren die historischen Rückblicke in dieser Rede, und e» wäre sehr zu bedauern, wenn dieselbe der großen Oeffentlichkeit vorenthalten werden sollte.