Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 21 (22.5.1896)
- Date
- 1896-05-22
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 418 Dr. Vlortz's WortzrnsttzrM Nr. 21 Hirten gelten nämlich unter der polnischen und ruthenischen Landbevölkerung als „zauberkundig", und zu ihren geheimuißvollen Praktiken verwenden sie mit Borliebe Bestandtheile von Leichen, meist Kinderleichen, die sie aus frischen Gräbern aus dem „Krrkuf" (jüdischen Friedhof) stehlen, um damit die Fruchtbarkeit von den Herden ihrer Feinde abzuwenden und auf ihre eigenen hinüberzusühren." Wie viele Leichenschändungen mögen auf diese Weise verübt worden sein, denen man nicht aus die Spur gekommen ist! Die Berliner Antisemitenvereine. Berlin. 18. Mai. Der „Post" zusolge hat das Po lizei- Präsidium die antisemitischen Vereine auf - g e s o r d e r t, eine neue, ganz genaue Mitgliederliste e i n z u r e i ch e n. (Dieser Mittheilung sei beigefügt, daß nach einer Annahme in antisemitischen Kreisen durch die Maßregel ausfindig gemacht werden soll, welche königliche Beamte innerhalb der antisemitischen Bewegung und in den Vereinen sich befinden und welche besonders eine hervorragende Stellung einnehmen. Man befürchtet in antisemitischen Kreisen zahlreiche Maßregelungen.) Die „Staatsbürger-Zeitung" veröffentlicht einen Erlaß des preußischen Staatsministeriums, der den Beamten jede agitatorische Thätigkeit gegen die Politik der Regierung untersagt. Der Erlaß hat folgenden Wortlaut: „Es ist neuerdings die Wahrnehmung gemacht worden, daß Staatsbeamte Petitionen unterzeichnet haben, welche darauf abzielen, die parlamentarische Körperschaft zu einer ablehnenden Haltung gegenüber Regierungsvorlagen, oder zu einer wesentlichen Abänderung derselben zu bestimmen. Auch an öffentlichen Versammlungen, in denen solche Petitionen berathen worden sind, haben Staatsbeamte einen Antheil genommen, welcher erkennen läßt, daß es ihnen nicht um eine Abwehr, sondern vielmehr um eine Förderung der gegen Regierungsvorlagen unteriwmmenen Agitation zu thun war. Ein solches Verhalten ist unvereinbar mit den Pflichten eines Staatsbeamten, welche ihn: gebieten, sich der Theilnahme an Bestrebungen zu enthalten, die darauf gerichtet sind, der Durchführung der Regierungspolitik Schwierigkeiten zu bereiten. Das Staatsministerium hält es für angezeigt, die Beamter: sämmtlicher Ressorts hierauf mit dem Bemerken hinzuweisen, daß die Regierung Willens ist, dieser ihrer Auffassung eintretendenfalls unnachsichtig Geltung zu verschaffen. B e r l i n, der: 18. April 1896. Königliches Staatsministerium." Zur Anwendung des Schulgesetzes. Sadagora. Die hier bestehende öffentliche vierclassige Volksschule wird größtentheils von Kindern mosaischer Confession besucht. Demgemäß soll auch der Leiter dieser Schule dem mosaischen Glaubensbekenntniß angehören, was im § 48 des Reichsvolksschulgesetzes ausdrücklich vorgeschrieben ist. Der löbliche Bezirksschulrath aber ist anderer Ansicht und beabsichtigt — man höre und staune — diese Stelle sogar ohne Concursausschreibung mit einem Oberlehrer christlicher Cons ssion zu besetzen. Hieße das nicht dem bestehenden Rechte direct einen Faustschlag ins Gesicht versetzen? Wir lenken die Aufmerksamkeit unseres Herrn Landeschefs auf diese Angelegenheit und wolle:: hoffen, daß er zwischen Recht und Unrecht am Besten wird zu unterscheiden wissen. Auswanderuugsschwindel. Seit dem Eintritt der warmen Jahreszeit hat die Auswanderung unter den galizischen Bauern, nameicklich im Osten des Landes, wieder stark zugenommen. .Wiederholt wurden ganz wohlorganisirte Banden von Agenten eingefangen, ausnahmslos Bauern, welche ihre Glaubens- und Stammesgerwssen durch gleißnerische Vorspiegelungen zuu: Verlassen des Landes verleiten, vielfach auch betrügen und prellen. Unter diesen Agenten befindet sich nicht ein einziger Jude, die drastischste Widerlegung der Lüge, welche zu dem festen Bestand des antisemitischen Verleumdungsregisters gehört, daß die Juden die Bauern zum Verlassen des Landes verleiten. Daß nur zum ganz geringen Theil wirkliches Elend die Bauern über's Wasser treibt, beweist die Thatsache, daß viele derselben :nit bedeutenden Summen ausgerüstet die Heimat verlassen, um dorthin zu gehen, „wo man ohne Mühe und Arbeit reich werden und in Frieden leben kann!" Dabei sollen die Juden die Bauern ruiniren und zur Emigration zwingen! Thatsächlich bedeutet diese Laudesflucht, da sie den Handwerkern und Kleinhändlern die Kunden entzieht, für unsere Glaubensgenossen den materiellen Ruin. Nichtsdestoweniger bemüht man sich in gewissen Kreisen, die Inden als die einzige Ursache der Bauern-Auswanderung hinzustellen; jüngst geschah dies auch von amtlicher Seite, indem der Bezirkshauptmann von Tarnopol, Herr von Zawadzki, in einem Rundschreiben an die Gemeinden seines Bezirkes die Bauernschaft vor den „jüdischen" Auswanderungsagenten, von denen man noch niemals auch nur einen einzigen zu Gesicht bekommen hat, und vor den „jüdischen" Bodenspeculanten warnt. Nun beklagten sich aber die Ruthenen über masurisch-polnische Speculanten, welche aus dem Westen kommen, zu Spottpreisen den Besitz der Auswanderungslustigen an sich bringen und so die ruthenischen Bezirke polnisiren. Aber das genirt die Herren nicht, den Haß und die Erbitterung, welche sich gegen den Adel kehren, auf die Inden abzulenken. Zun: Lohn für seine Beschützung der ruthenischen Landbevölkerung wurde der besagte Herr v. Zawadzki im Abgeordnetenhause bei der jüngsten Polendebatte als das M u st e r eines adeligen b u r e a u k r a t i s ch e n Volksbedrückers und Volksfeindes hingestellt, und zwar von keinem Anderen als von dem ruthenischen Abgeordneten R o m a n c z u k. Zola gegen den Antisemitismus. Paris, 16 Mai. Im „Figaro" publicirt Zola unter dem Titel „Für die Juden" einen Artikel gegen den Antisemitismus. Man macht, schreibt der berühmte Romancier, den Juden zum Vorwurfe, daß sie eine Nation sind, daß sie in der Nation das Leben einer religiösen Kaste führen, daß sie eine Art internationaler Secte sind ohne ein wirkliches Vaterland und daß sie wohl im Stande wären, eines Tages die Hand auf die Welt zu legen. Die Juden, schreibt Zola, wie sie heute existiren, sind unser Werk, das Werk einer 1800jährigen blöden Verfolgung. Heute erschrickt man vor diesem Werke der Blindheit und denkt dennoch daran, in das Mittelalter zurückzukehren, die Verfolgungen wieder aufzunehmen und neuerlich den heiligen Krieg zu predigen. „Heute noch," schreibt Zola, „kommt die wahre Macht der Juden von euch. Man höre doch auf, eine Gefahr heraufzubeschwören, indem man jeden Morgen erklärt, daß sie existirt. Sprecht doch nicht fortwährend von den Juden und sie werden nicht mehr sein. An dem Tage, an dem der Jude nur ein Mensch sein wird wie wir, wird er unser Bruder sein. Oeffnet ihm euere Arme, verwirklicht auch gesellschaftlich die von dem Gesetze anerkannte Gleichheit, umarmet die Juden, um sie zu absorbiren und mit uns zu vermengen. Bereichern wir uns mit ihren Eigenschaften, beendigen wir den Racenkrieg, indem wir die Racen vermischen. Der A n t i s e m itismus ist in den Ländern, wo er eine Bedeutung hat, niemals etwas Anderes gewesen, als die Waffe einer politischen Partei oder das Resultat einer schweren ökonomischen Situation. In Frankreich aber, wo es absolut nicht wahr ist, daß die Juden Herren der Macht und des Geldes sind, besitzt der Antisemitismus keine Wurzeln im Volke." Der Artikel schließt mit den Worten: „Lassen wir die Narren und die Böswilligen und Diejenigen, welche glauben, durch Messerstiche Gerechtigkeit zu üben, in die Barberei der Wildniß zurückkehren." Germain S6e und Napoleon. In Paris starb vor drei Tagen der berühmte Dr. Germain Säe. Er war 76 Jahre alt und zählte zu den Großen der wissenschaftlichen Welt Frankreichs; einer der gründlichsten Kenner der medicinischen Literatur Deutschlands, wurde er andererseits von den deutschen Aerzten sehr hoch geschätzt. Eine Reihe bedeutsamer Schriften, die noch heute in Frankreich für clafsische Werke gelten, enthält ein reiches Resultat von Arbeiten und Erfahrungen. Es wurde aber dem Dr. See nicht leicht, sich eine Stellung zu machen; man warf ihm vor, daß er seine Stelle als Professor an der medicinischen Facultät ausschließlich der kaiserlichen Gunst verdanke. In Wirklichkeit lernte ihn Napoleon erst vier Jahre nach seiner Ernennung kennen, einige Tage vor der Kriegserklärung an Preußen. Es war am 20. Juni 1870, als er, auf den dringenden Rath der Herzogin von Monchy zur Consultation nach St. Club berufen wurde. Seit Jahren schon litt Napoleon schweigend, und vermied es, die Aufmerksamkeit seiner Leibärzte auf sein Leiden zu lenken. Keiner hatte auch bis dahin den eigentlichen Sitz der Krankheit des Kaisers erkannt. Germain See gegenüber war der Kaiser merkwürdigerweise offenbar. Er gestand frei die Art seines Uebels, ließ sich untersuchen, und, entschlossen zu erfahren, was ihm fehle, bat er seinen neuen Arzt, ein Consilium zu berufen. Am 1. Juli, zeitlich Früh, versammelten sich Nelaton, Ricard, Fauvel, See und Corviiart bei dem Dr. Conneau, welcher in den Tuilerien wohnte. Zum großen Erstaunen seiner College« stellte Dr. Germain See vor diesen Koryphäen der Wissenschaft seine Diagnose dahin: „Meine Herren, der Kaiser hat die Steinkrankheit." Dann führte er seine Gründe an und Ricord, sofort seiner Meinung, bemühte sich, die Anderen zu überzeugen, welche hartnäckig die Achseln zuckten. Nelaton besonders schien unruhig und unentschlossen, so sehr, daß man sich entschloß, den Kaiser mittels der Sonde zu untersuchen, um Gewißheit zu er-