Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 21 (22.5.1896)
- Date
- 1896-05-22
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 21 Seite 4! 7 Dr. Vlortz's Wochenschrift. einem Inden findet sich ini Midrasch Rabb. zum 3. Buche Moses Cap. 25. Den Spott des Kaisers konnten die Juden leicht ertragen, aber sein grausamer Ernst machte sich ihnen nur zu schmerzhaft fühlbar. Jahrhundertelang haben die Juden die Bedrückungen und Grausamkeiten der Römer zu ertragen gehabt; aber nur aus zwei ihrer Kaiser hat sich ihr Haß concentrirt, nur auf zwei Namen haben sie länger als ein Jahrtausend alle ihre Verwünschungen gehäuft, nur Titus und Hadrian haben sie als die ärgsten Feinde des Judenthums unvergeßlich im Andenken behalten. Von diesen Beiden ist vielleicht Titus der minder Schuldige, weniger Bösartige. Er stand den Inden im offenen Kampfe gegenüber, _ er besiegte sie, erstürmte ihre Hauptstadt, behandelte aber die Besiegten nicht ärger, als die grausamen Römer ihre Feinde überhaupt zu behaudelu pflegten, und ihre Religion ließ er unangetastet. Hadrian stand aber den Juden nicht mehr als einem be- Jvaffneten Feinde gegenüber. Es waren römische Unterthanen, die er mit der Wildheit eines Barbaren und dem systematischen Fanatismus eines Ketzerrichters verfolgte. Nicht die jüdische Nationalität, sondern die jüdische Religion bekämpfte er, und das mit einem Raffinement, mit einer bis in die intimsten Vorgänge des Familienlebens eindringenden Polizeiquälerei, die an Bosheit und Kleinlichkeit nur von den spanischen Jnquisitionstribunalen wieder erreicht wurden. Es waren jüdische Helden, die für ihr Vaterland gegen Titus kämpften und mit ihrem Vaterlande unterlagen, was auch den Freiheitskämpfern anderer Völker oft widerfahren ist, aber die Opfer Hadrians waren Märtyrer, und aus ihrer Asche ist die jüdische Religion wie der Phönix verjüngt wieder auserstanden. Die Regi'rungsznt Hadrians war die Schule, in der die Juden vorbereitet und unterrichtet wurden, alle späteren Verfolgungen auszuhalten. Die furchtbare Enttäuschung, welche ihnen der falsche Messias bereitete, hat bewirkt, daß sie, alle Aspirationen nach politischer Unabhängigkeit aufgebend, umso zäher und eifriger an ihrer Religion festhielten. (Schluß folgt.) Vom Jahrmarkt de» Lebens. Der Onkel des Fürsten Liechtenstein. Wir erhalten von einem Freunde unseres Blattes folgende Zuschrift: Es scheint, daß es in den Sternen geschrieben steht, jede Antisemiten-Familie solle ihren — Schmul Leeb Kohn haben, der wie ein dräuendes Gespenst austaucht, wenn die liebe Familie allzusehr ihrenl Judenhasse stöhnt. Dieser Gedanke tauchte in mir auf, als ich dieser Tage im „Deutschen Volksblatt" den enthusiastischen Bericht über die große Antisemiten-Versammlung im Musikvereinssaale las, in welchem besonders betont wurde, daß die Fürstin Hanna Liechtenstein und deren Mutter Frau v. Klinkosch nicht genug Beifall den antisemitischen Hetzreden klatschen konnten. Natürlich war Fürst Liechtenstein einer dieser Hetzredner und seine Ausführungen fanden offenbar in dem Herzen seiner Gattin und seiner Schwiegermutter einen fteudigen Widerhall. Zog da nicht der Schmul-Leeb Kohn der Familie Liechtenstein gespensterhast durch den großen Musikvereinssaal? Denn der edlen Familie fehlt es an diesem nicht. Prinz Liechtenstein kann seiner Gattin auch das Glück danken, daß er nunmehr eines jüdischen Onkels sich rühmen dürfte. Ich habe den Schwager der Frau v. Klinkosch, also den Onkel ihrer Kinder persönlich gekannt. Er war ein Jude Namens Breisach, der aus einer alten, frommen Judenfamilie stammte und in Wien es zu Geld, Ansehen und vornehmer Verwandtschaft brachte. Dieser letzteren brachte Breisach das Opfer der Taufe. Aber daß er sich° hiedurch dem Judenthum nicht entfremdet fühlte, weiß ich genau, und ich bin in der Lage, hiefür zwei ganz interessante Thatsachen anführen zu können. Der „Meschumed" Breisach unterließ es erstens niemals, zur „Jahrzeit" seiner einst so strenggläubigen, jüdischen Eltern nach Eisenstadt — wo sie begraben sind — zu fahren, um dort an ihrem Grabe sich mit frommen Gebeten in hebräischer Sprache an den Gott seiner Väter zu wenden. Bis in sein hohes Greisenalter kam der getaufte Jude Breisach dieser Kindespflicht pietätvoll nach und er hat daftir gesorgt, daß das Andenken seiner Eltern auch nach seinem Tode in derselben frommen, jüdischen, pietätvollen Weise geehrt werde. Er hat eine Stiftung gegründet, die dazu dienen soll, daß alljährlich in Eisenstadt am Todestage seiner Eltern, fromme, gelehrte Juden das „Kadischgebet" für ihr Seelenheil verrichten. L-o ehrte der getaufte Jude das Andenken seiner Eltern, aber sein 'Andenken wird raum mit derselben Pietät in der Familie Klinkosch, respective in der ftirstlichen Familie Liechtenstein gefeiert. Wenn Prinz Liechtenstein, der doch als guter Christ für die Angehörigen seiner Gattin ein ganz besonderes Gefühl hegen müßte, an seinen jüdischen Onkel dächte, dann würde er wohl sich hüten, mit so viel Hohn und Mißachtung über die Juden zu sprechen. Die Pietät für seinen jüdischen Onkel allein schon müßte ihn davon abhalten. Aber auch die Prinzessin Hanna Liechtenstein, die vielleicht ihren jüdischen Vornamen dem Umstande verdankt, daß die ftvmme Mutter ihres Onkels so hieß, hat gewiß schon längst an den guten, jüdischen Onkel vergessen. Und auch ihre Mutter gedenkt nicht mehr des Schwagers, der Jahrzehnte hindurch ihr so nahe wie ein Bruder stand. Wie würden sonst diese edlen, zartfühlenden Damen es ertragen, daß in ihrer Gegenwart alle Juden, und nicht minder alle Judenstämmlinge als 'Abschaum der Menschheit, als verächtliche, unwürdige Menschen gekennzeichnet werden. Schon wegen des einen guten Juden in ihrer eigenen Familie würden sie, wenn sie überhaupt noch seiner gedächten, bei solchen kränkenden und beschimpfenden 'Ausführungen zu einem flammenden Protest sich angeregt fühlen. Aber die pietätvolle Erinnerung an den ihrem Herzen einst so nahe gestandenen Juden ist wohl im Laufe der stürmischen antisemitische:: Zeiten' ganz eingeschlummert, und es war daher nöthig, dieselbe wieder wachzurnfen. 'lieht, edler Prinz Liechtenstein, nein edle Prinzessin Hanna, wenn man wie Sie eines gutett jüdischen Onkels sich rühmen könnte, dann geziemt es sich Ihnen auch für die Stammesgenossen dieses guten, jüdischen Onkels ein wenig Schonung und Rücksicht zu üben. Es ziemt sich daun nicht, daß Sie, edler Prinz, die Juden öffentlich verhöhnen ltnd verspvrtett, und es ziemt Ihren Damen dann nicht, daß Sie Ihnen bei solchem Thun noch Beifall klatschen. Man sollte die Juden überhaupt in Ruhe lassen, ganz besonders aber, wenn man seinen eigenen Schmul-Leeb Kohn in der Familie hat. B. St. Der Vater des Dr. Max Anton Löw. K r e m s i e r, 12. März. Wie alljährlich wurde heute am Sterbetage Wilhelm Löw's iVater des Tr. Max Löw*) Geld unter die Armen vertheilt und einem jüdischen Studenten ein Stipendium verliehen. Ter darauf sich beziehende Passus im Stiftsbriefe ddo. 27. Februar 1859 lautet: Ich legire 500 fl. zu dein Zwecke, daß die Interessen dieses Capitals alljährlich einent armen und braven Studenten gegeben werden. Kinder ans meiner Familie haben vor allen andereit den Vorzug. Die Bestimmung hierüber hat bis zur Großjährigkeit meines Sohnes Max mein Ehewcub Philippine und mit dem mündlichen Zusatze: daß diese Stiftung, wie es sich von selbst versteht, nur Kinder jüdischer Confession zu Gute haben sollert, und daß der Sohn Max die Macht habe, das Präseutationsrecht an ein Mitglied seiner Familie zu übertragen. Der Testator sah selbstverständlich voraus, daß Max dem väterlicheir Glauben treu bleiben werde. 'Allerdings wäre Vorsicht bei der Abfassung angezeigt gewesen, nachdem Max schvit als Kind sehr exaltirt war. Arischer Blutaberglaube. Lemberg, 10. Mai. Die Tageszeitungen berichten übereinstimmend folgendes sehr bezeichnende Borkommniß: „In dem Städtchen Jzbica fand man unlängst auf dem jüdischen Friedhöfe ein G r a b geöffnet, und daraus fehlte die Leiche eines kurz zuvor beerdigten 5jährigen Kindes. Tie Nachforschungen der Behörde bliebeit längere Zeit erfolglos. Später fand man auf dem Felde in der Nähe einer Schafhürde einen Kochtovf mit den Resten einer ftemdartigen Flüssigkeit, daneben lagen Kinderkttochen und Fetzen, die nur voit Leichengewändern herrühren kvmtten. Diese Jndicien führten auf die Spur der Verüber jener scheußlichen Leichenschändung. Es sind dies zwei Schafhirten Namens K u b a und B u c z a k, welche die Leiche entwendet und daraus unter „Zauberformeln" eine Flüssigkeit gebraut haben. Die Schaf- *) In der Geschichte der Juden Kremsiers S. 178 Anmerk 1. bat der Drucker irrthümlich diese eingeklammerten Worte statt nach Wilhelm, nach Samuel Lew gesetzt. Beide waren Kinder des Ber Köllns, Urenkel der Machzis Haschekcl und Schwiegersöhne Raphael Kohn's. (Nach der freundlichen Berichtigung des L. R. Dr. Placzek und Em. Baumgarten.)