Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 21 (22.5.1896)
- Date
- 1896-05-22
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 416 Dr. Vlortz's Wochrnptzrist Nr. 21 kehr vom Feldzug erkrankte? Ist es nicht möglich, daß sie sich während des Feldzuges in Egypten oder Cypern aufhielt und auf die Nachricht von seiner Rückkehr ihm entgegenreifte? Und da wir nicht einmal sicher wissen, ob der Aufstand noch bei Lebzeiten Trajans gänzlich niedergeschlagen wurde, so ist auch nicht die Möglichkeit ausgeschlossen, daß es ihre Mittheilungen über die Vorgänge in Egypten waren, welche den Nachfolger Trajan's, den ihr so nahestehenden Hadrian, zu der grausamen Verfolgung der Juden veranlaßten. Wie dem auch gewesen sein mag — der Aufstand war jedenfalls ein sehr bedeutender, wenn auch die Angaben des Dio Cassius, die Juden hätten in Kyrene 220.000, in Egypten und Cypern 240.000 Menschen getödtet, höchst übertrieben sind. Der Geschichtschreiber Appian, der selbst vor den Aufständischen entfloh, weiß nichts von diesen Zahlen. Die Insel Cypern scheint eine kurze Zeit ganz in den Händen der Juden gewesen zu sein; in Egypten schlugen sie den Procurator Lupus im offenen Felde, worauf er sich mit seinen Truppen nach Alexandrien zurückzog, wo die griechische Bevölkerung die dort befindlichen Juden erschlug. Die Juden belagerten hierauf die Stadt,_ bei welcher Gelegenheit sie den „Hain der Nemesis", wo der Kopf des Pompejus, des Eroberers von Jerusalem, begraben war, umhieben und das Holz zu den Belagerungsarbeiten verwendeten.') Es gelang ihnen aber nicht, die Stadt einzunehmen, da inzwischen der von Trajan mit frischen Truppen gesandte Marcius Turbo eintraf, die Juden besiegte und mit furchtbarer Strenge bestrafte. Dann schiffte er nach Cypern und schlug auch dort den Aufstand nieder. Ja, es scheint, daß damals alle Juden auf der Insel getödtet wurden; denn, wie Dio Cassius erzählt, durfte sich seitdem kein Jude in Cypern sehen lassen, und wenn einer durch Sturm dahin verschlagen wurde, so tödtete man ihn. Das Auffallendste bei diesen Vorgängen ist, daß die heidnische Bevölkerung dieser Länder, die doch sieben oder acht Mal so stark als die jüdische war, sich von dieser fast widerstandlos Niederschlagen ließ und daß die Griechen, nur hinter den Mauern Alexandrias und von einer römischen Besatzung geschützt, sich ermannten, über die Juden herzufallen.') Oder vielleicht waren diese Arier so tapfer wie die deutschnationalen Studenten und fanden es unter ihrer Ehre, sich mit Juden zu schlagen? Vorsicht ist der bessere Theil der Tapferkeit, sagt Falstaff. Den Kämpfen in Adiabene und Mesopotamien, den Aufständen in Egypten und Cypern folgte der große Judenaufstand erst nach einem halben Menschenalter. Es scheint aber, daß er früher geplant war, aber der Ausbruch durch die Maßregeln Hadrian's verhindert wurde. Ein römischer Historiker schildert die bedenkliche Lage des Reiches beim Regierungsantritte dieses Kaisers in folgender Weise: „Die Mauren beunruhigteil es, die Sarmaten drohten mit Krieg, die Britannier konnten nicht inehr in Unterwürfigkeit erhalten werden, Egypten war von Aufständen beunruhigt, Lycien und Palästina drohten mit Empörung"?) Um die Juden in Palästina im Zaume zu halten, war von Trajan der wilde uird grausame Maure Lusius Quietus, der sich schon in den Kämpfen gegen die Juden in Mesopotamien ausgezeichnet hatte, zum Statthalter von Palästina ernannt worden. Wie Eusebius berichtet, hatte er Myriaden von Juden getödtet. Dies bezieht sich wohl auf die Vorgänge in Mesopotamien, aber wir können daraus schließen, in welchem Geiste er in Palästina die Regierung führte. Und wenn es ihm ailch durch seine Strenge und Energie gelang, den Ausbruch des Aufstandes für den Moment zu verhindern, so vermehrte er damit nur die Erbitterung der Juden, die sich später um so stürmischer äußerte?) Hadrian, der den Lusius Quietus haßte, hat ihn zwar später unter ■ einem falschen Vorwände hinrichten lassen, aber damit wurde die Lage der Juden nicht besser. Sie ward vielmehr unter diesem launischen, eitlen und bösartigen Kaiser immer schlimmer. Auf schmutzigen Wegen und durch Frauenintriguen zunr Throne gelangt, begann Hadrian seine Regierung mit heuch- *) Appian, Römischer Bürgerkrieg II, 90. 2) In des Eusebius Ehronicon übersetzt von Hieronymus (eä A' Schöne, Seite 164) heißt es: Uadr. Alexandriam a Romanis subi versam publicis instauravit expensis, was jedenfalls nicht richtig ist. In der armenischen Uebersetzung steht Juden statt Römer, mir aber scheint die Lesart Zonga's — Jerusalem statt Alexandria — die richtigere zu sein. 3) Spartianns vita Adriani 5. 4) Eusebius Chron., Seite 168 zum 18. Jahre Trajan's; vergleiche auch Ad. Hausrath, Neutestamentliche Zeitgeschichte III, 373. lerischen Reden, zuckersüßen Proclamationen und Hinrichtungen und endigte sie mit Hinrichtungen. Mit artistischen Liebhabereien wie Nero, aber künstlerisch weniger begabt als dieser, blieb er in Poesie und Musik, iit Malerei und andern Künsten stets nur schwacher Dilettant. Dabei war er aber neidisch und eifersüchtig auf Begabtere, die ihr besseres Verständniß mitmrter schmerzlich büßen mußten. So konnte er es dem Baumeister Apollvdorus nicht verzeihen, daß er sein geringes Verständniß des Bauwesens lächerlich gemacht hatte und ließ ihn unter einem nichtigen Vorwände hinrichten. Verfasser herzlich schlechter, schmutziger Gedichte, wagte er es, Homer zu tadeln, den er fteilich nicht mehr hinrichten lassen konnte?) Eigensinnig, voll Neugierde und Unruhe, überall Spione haltend, boshaft und liederlich, gelang es ihm zwar, seine Laster mit der Maske der Heuchelei zu bedeckeir; aber oft brach die angeborne Grausamkeit und Bosheit durch, und der Lüstling und Tyrann zeigte sich iit seiner ganzen Abscheulichkeit. Wegen seiner häufigen Uebergänge von Strenge zur Milde, von Ernst zu ausgelassener Lustigkeit konnte man mit Recht von ihm sagen, daß an ihm nichts beständig sei als die Veränderlichkeit. Bald bestieg er einen hohen Berg, um den Sonnenaufgang zu sehen, bald machte er Pläne zu Bauten; von einer beständigen Unruhe herumgetrieben, war er beständig auf Reisen, eilte von einem Orte zum andern. Nach Allem fragend, von Allem redend, aber nichts ernst nehmend, nichts gründlich verstehend. Voll Eitelkeit gründete er in verschiedenen Gegenden Städte, denen er seinen Namen gab, ließ überall seine Statiken aufrichten. In Athen ließ er den Tempel des olympischen Jupiter vollenden, stellte seine eigene Statue darin auf und ließ dort eine aus Indien gebrachte heilige Schlange füttern. _ Er beobachtete genau alle Ceremonien der römischen Staatsreligion, verachtete alle anderen Religionen und war dabei voll des unsinnigsten Aberglaubens. Aus wüstem Aberglauben trieb er seinen Lustknaben, den schönen Antinous, in den Tod, ließ ihn dann znm Gott erklären, überall dessen Statuen aufstellen und benannte nach ihm eine neuerbaute Stadt. Ja, er scheint ganz ernsthaft geglaubt zu haben, daß ein neuer Stern am Himmel der Wohnsitz seines neuen Gottes geworden sei. Griechen und Egypter, denen es auf einen Gott mehr nicht ankam und die vor seinem schmutzigen Ursprung keinen Ekel hatten, leisteteil den unsinnigen, "abergläubischen Ideen Hadrians den weitesten Vorschub, mrd iroch lange nach seinem Tode ward der Gott Antinous verehrt. Das Benehmen Hadrians nach dem Tode des Antinous, dessen Vergötterung, die strenge Einschärfung seiner Anbetung haben auffallende Aehnlichkeit mit dem Benehmen Alexander des Großen nach dem Tode seines Lieblings Hephästion, und es ist nicht unwahrscheinlich, daß der eitle Kaiser den großen Macedonier nachahmen wollte. Diese Uebereinstimmung tritt noch deutlicher hervor in Lncians Erzählung von Alexander und Hephästion (in der Abhandlung „Gegen die Verleumdung"), so daß es mir vorkommt, der Spötter von Samosata habe in seiner Schilderung mehr den römischen Kaiser als den griechischen König im Auge gehabt, es aber, da er während der Regierung Marc Aurels schrieb, nicht gewagt, den Namen Hadrians zu nennen. Nicht ohne Bedeutung ist es, daß Lucian sagt, Alexander habe den Hephästivn aus eigener Machtvollkommenheit zum Gotte gemacht, (wie Hadrian den Antinous) während sonst erzählt wird, Alexander habe beim Orakel des Jupiter Ammon angefragt und erst auf desseik Geheiß die Verehrung Hephästions anbefohlen. Die Neugierde und Spvttsucht Hadrians veranlaßten ihn, auch sich niit Juden über Verschiedenes zu unterhalten. Er ließ sich von R. Josua b. Chananja einen Traum aus legen und Bibelstellen erkläreir und amüsirte sich cut einer Disputation zwischen diesem Rabbi und einem Christen?) Bon einer Unterredung des R. Josua mit der Tochter des Kaisers (Hadrian?) berichten noch zwei Talmudstellen (Taanith 7r Nedarim 50 v.) und eilte hübsche Anekdote von Hadrian und ') Dio Cassius 69, 4; Apulejus Apologia ed. 1623Ld. II 410. Gregorovius (S. 499) will an die Hinrichtung des Apollodor nicht glauben, gibt aber zu, daß dieser von der Laune des Kaisers zu leiden hatte. 2) Chagiga 5 Der Talmud spricht zwar an dieier Stelle nur vom Kaiser, ohne einen Namen zu nennen, aber nach Grätz (IV 460) ist Hadrian gemeint, zu dessen Zeiten R. Josua lebte. S. auch Midrasch Koheleth II 8.