Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 21 (22.5.1896)
- Date
- 1896-05-22
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 21 Seite 415 Dr. Vloch's Wochenschrist. kommt, das beschmutzt den Mensche als ihm allein angehörig betrachtet und die Doctrin, die davon abgeleitet ist, ganz auf das Conto des Christenthums gesetzt werden muß. Die Mitglieder unserer imaginären Gemeinschaft würden nun weise daran thun, keine weitere Debatte herauszubeschwören, was den vergleichenden Werth und die Vorzüglichkeit dieses halben Dutzends von Glaubensartikeln betrifft, welche sowohl jüdischen als christlichen Quellen zugeschrieben werden müssen. Sie werden lieber beiden Religionen dankbar sein für die Elemente des Guten und Wahren, die sie znm allgemeinen Wohle beigetragen haben. Manche darunter werden sie als einander ergänzend, keinen — wie ich annehme — als widerstreitend ansehen. Viele von ihnen, in einem kleineren oder größeren Grade von Reinheit sind jetzt ein Gemeingut der beiden Religionen geworden, die sie zuerst hervorgebracht haben, und wenn eine daraus erpicht ist, sie als ihre eigenen Kinder und ihren Besitz in Anspruch zu nehmen, so beweist das nur, in welch' hohem Grade sie von beiden Religionen ausgenommen wurden. Lassen Sie uns den Schluß der ganzen Sache hören: Der Weg, den der eine Pilgrim wandert, erscheint dem anderen fremd und schroff, und doch ist es vielleicht gut für ihn, etwas von dem Pfade seines Mitpilgers zu erfahren. Er mag wenigstens den Gedanken fassen, daß diese vielen Wege alle zu Gott führen und daß die Welt umso reicher ist, als sie solcher Pfade nicht wenige besitzt. Die Freihritskämpfe der Juden;u den Zeiten der Kaiser Trajan und Hadrian. (Forlsekuna von Ar. 19) Die geringste Besserung in der Lage der Provinzbewohner' jede Erleichterung des auf ihnen lastenden schweren Druckes, welche ihnen die kaiserliche Regierung brachte, ward von der herrsch- und ausbeutungssüchtigen Adelspartei mit scheelen Angen angesehen. Wie klagte nicht zur Zeit Neros der von Tacitus so hoch gepriesene Paetus Thrasea über den „neuen Hochmuth der Provinzialen", wenn diese sich freimüthige Aeußerungen gegen einen Proconsul erlaubten, und wie sehnten diese Aristokraten nicht die Zeit zurück, da „die Nationen vor einem römischen Privatmann zitterten".') Selbst als Sclaven und Speichellecker eines Nero wollten sie noch die Provinzbewohner tyrannisiren und ausbeuten, und wenn ihnen ein Nerva oder Trajan wieder Antheil an der Regierung gewährte, da ließen sie ihrem Uebermuth erst recht die Zügel schießen. Trajan zeigte sich auch, obwohl er aus Spanien stammte, ^mit seiner Vorliebe für die blutigen Kämpfe des Amphitheaters als echter und rechter Römer, wofür er auch von Plinius (Paneg. XXXIII) gebührend belobt wurde. Nach seiner Rückkehr aus dem dacischen Kriege gab er 123 Tage dauernde Kampsspiele, wobei 11.000 Thiere getödtet wurden und 10.000 Gladiatoren gegen einander kämpften. Auch erfreute er die tugendhaften Römer wieder mitdenschamlosenProductionender Pantomimen,deren öffentliches Auftreten Domitian verboten hatte, und sein eigener Lustknabe producirte sich im Theater?) Um das Glück und die Zufriedenheit der Römer, deren Toleranz Voltaire nicht genug preisen konnte, voll zu machen, ließ es der gute Trajan auch nicht an Verfolgung Andersgläubiger fehlen. Obwohl man bei ihm von einer eigentlichen Christenverfolgung im Großen noch nicht reden kann, — vielleicht weil die Zahl der Christen überhaupt eine geringe war — so begann doch unter ihm die systematische Gesetzgebung gegen die Christen. Durch sein Rescript an Plinius wurde vorgeschrieben, daß die des Christenthums „Beschuldigten" angehalten werden sollten, die Götter anzubeten, und wenn sie sich dessen weigerten, bestraft werden sollten. Dieses Rescript blieb maßgebend für die Behandlung der Christen im Römerreiche bis Septimus Severus im Jahre 202 noch strengere Gesetze und Verfügungen gegen sie erließ?) Aus dem Berichte des Plinius an den Kaiser ersehen wir, daß mitunter die des Christenthums Angeklagten gezwungen wurden, Christus zu fluchen, die Bilder der Götter und des Kaisers anzubeten. Zwei Christinnen ließ der sanfte Plinius, der Freund des Tacitus und der Volksaufklärung, foltern, konnte ') Tacitus, Annal. XV. 20, 21. Dio Cassius LXVIII 10, 15, 3) C. Plinn Caeeilii Secundi Epist. X 97. Wieseler, Die Christenverfolgungen der Cäsaren, Seite 17. aber außer dein Geständniß ihres „ungeheuren Alwrglaubeus" (superstitionem pravam et iuiiiioilicaiijj nichts voll ihnen erpressen. (Epist. X, 96? Dies geschah in Bithynien, wo Plinius Statthalter war, wird aber wohl auch in anderen Provinzen, aus denen keine Statthalterberichte erhalten sind, vorgekommen sein, und in ähnlicher Weise mögen wohl auch Juden behandelt worden sein.') Wenn der philosophisch gebildete, gelehrte, als edelherzig gepriesene Plinius die Leute, welche Götzenbilder und Menscher: nicht anbeten wollten, so behandelte, wie mögen erst rohere nnd strengere römische Beamte mit ihnen umgesprungen sein. Nebrigens war dieser Plinius der richtige Repräsentant der feingebildeten reichen, genußsüchtigen römischen Aristokratie, die Philosophie so gut mit Intoleranz, Hochmuth gegen Niedrige so gut mit Kriecherei vor Hochstehenden zu verbinden wußte. Dieser tugendhafte, edle Römer, der es so gut verstand, mittelmäßige Schriftsteller zu loben, um vou ihnen wieder gelobt zu werden, den man wohl den Erfinder der wechselseitigen Lobesassekuranz nennen könnte, der Schulen errichtete und Gespenstergeschichten gläubig nacherzählte, verstand es sehr gut, sich beim „bösen" Domitiair wie beim „guten" Trajan einznschmeicheln. Von Domitian mag er vielleicht einige Bedrohung erfahret: haben, aber dem vorsichtigen Manne widerfilhr nichts Böses. Er aber bauschte es zu erlittener: Verfolgungen auf, als die Gegner dieses Kaisers zur Macht gelangten, ::nd schrneichelte dem Trajan, indem er Domitian eine wilde, grausame Bestie nannte?) llitb doch ging er selbst mir Andersgläubigen nicht viel sanfter um, als der vielgeschmähte Domitian mit dem römischen Adel. Wenn aber Trajan einmal aus dem den Provinzialer: abgepreßten Gelde den: römischen Volke Getreide austheilte oder arme Kinder unterstützte, da erschöpfte sich der Schmeichler Plinius irr Lobpreisung der rureirdlichen Milde und Freigebigkeit des Kaisers, als ob Trajan das verschenkte Geld und Getreide aus seiner Tasche genommen, aus seinen: Geburtsstädtchen in Spanien mitgebracht hätte. Während der Kümpfe der Römer ir: Mesopotamien waren das benachbarte Syrier: und Palästina ruhig geblieben, vielleicht weil sie starke Besatzungen hatten: aber in dem weil entfernten Egypten und den: daran grenzenden Gebiet vor: Kyrerre brach bald darauf der Judeuaufstand ans, der auch r:ach der Insel Cyperr: hinübergriff. Sehr ausführlich und in grauenerreger:der Weise schildert Dio Cassius die von den Juden angeblich begangenen Grar:samkeiten, verwendet aber r:ur zrvei Zeilen, im: ihre Besiegung zu erzählen. In er:tgegengesetzter Weise schildert die jüdische Legende ausführlicher die über die Inder: verhängte grausame Strafe, die aber gar rächt Folge eines Aufstandes, sondern einer Berleumdurrg oder eirres Mißverständnisses gewesen sein soll: Trajans Frau wurde in Egypten arr: neunter: Ab, gerade als die Jrrden den Jahrestag der Zerstörrrrrg Jerusalems mit Fasten und Wehklagen begingen, von einem Knaben entbunden, und einige Monate später, als die Inder: das Charmkafest mit lauter Lust und Fröhlichkeit feierte!:, starb der kleine Prir:z. Dies faßte die Kaiserin als Verhöhnung seitens der Juden auf nnd schrieb daher voll Zorn ihrem Gatter:: „Dr: schlägst Dich ir: der Ferne uüt Barbaren herrnn, während ich hier im eigenen Lande von den Juden beschimpft urrd verhöhnt werde." Daraufhin eilte Trajan schnell mit feinen Schiffer: und Legionen nach Egypten und ließ alle Inder: tödterr. Der: Frarren ließ er die Wahl zwischen Tod nnd Entehrrurg durch die Soldaten. Sie wählten den Tod, worauf ihrer so viele hingemordet wurden, daß das Blut bis Cyperr: floß.? So phantastisch diese Erzählur:g klingt, so scheiner: ihr doch einige wahre Umstände zu Grrrrrde zu liegen: Trajan starb wirklich kinderlos, nnd seine Gemahlin Plvtina hat bei seinem an: 7. dtugust 117 in Selirms (ir: Cilicien) erfolgter: Tode ur:d bei dem Regierungsantritt des vor: ihrr: angeblich adoptirten Hadrian eine eigeuthümliche, etrvas verdächtige Rolle gespielt?) Daß sie den Kaiser auf den: parthischer: Feldzuge begleitet hatte, erscheint rächt wahrscheinlich; wie fand sie sich also ar:f einmal in Selirms ein, als Trajan dort auf seiner Heim- ') Unter der Regierung Trajans (ami9 107) und auf seinen speciellen Befehl wurde der Bischof vo.l Antiochia, der später heilig gesprochene Ignatius, der sich offen und unerschrocken zum Christenthum bekannte und die Heidengötter böse Dämonen nannte, in Ketten nach Rom geschleppt und dort den wilden Thieren vorgeworfen. 2) Panegyricns Trajano dictas 48. 3) Talmud Jerus. Sukkoth V. E. 55 v. Midrasch Esther E. 1. 4) Dio Cassius 69, 1, Spaniern im Leben Hadrian'S e. 4; Gregorovius 29.