Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-05-22 · 21 (22.5.1896) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
21 (22.5.1896)
Date
1896-05-22
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3020846-3021115-3021137--05637-3029882
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 414 Vr Vloch's Wochenschrift Nr. 31 gleich, daß sie wenige Dogmen haben und daß diejemgen, welche sie haben, Jeder verstehen kann. „Höre Israel, der Ewige, unser Gott, der Ewige ist einzig", „Du sollst lieben den Ewigen, Deinen Gott", „Du sollst lieben Deinen Nächsten wie Dich selbst", „Durch Dein Licht sehen wir das Licht". Lehren und Dogmen, in Versen so wie diese enthalten, welche der gemeinsame Besitz Beider, von Deisten und Juden sind, scheinen zugleich an den Weisen und an beit Armen im Geiste sich zu wenden und im Stande zu sein, Beide tatsächlich in eine einzige Gemeinschaft zu bringen. Der Arme im Geiste sieht nicht, daß seine Religion anders ist, als die des Weisen, und der Weise sieht wieder nicht, daß seine Religion so hoffnuugslos fern liegt von der des Geistesarmen. Der Philosoph wird diese einfachen und großen Sätze mit einer weitern und tiefern Bedeutung ausfüllen, aber indem er sie als seine eigenen annimmt, wird er sie nicht hinweg interpretiren. Einfachheit und zusammenfassende Einheit auf diese Weise erklärt und definirt, wird also dem Judenthum zu entlehnen sein. 6. Eine sechste und letzte jüdische Vortrefflichkeit mag in einer Eigenschaft gefunden werden, die ein wenig schwer zu erklären, aber demwch vollkommen real ist. Wir wollen sie umschreiben als die religiöse Umwandlung des natürlichen Lebens. Religion im alltäglichen Leben ist ein charakteristisches jüdisches Ideal. Die tiefe Aeußerung des Midrasch, daß der Mensch Gott dienen müsse mit seinen bösen Neigungen nicht weniger als mit seinen guten, enthält ein wesentliches jüdisches Element in sich. Sie will sagen, daß die Seiten und Elemente des Lebens, welche blos von thierischen Impulsen geleitet sind, wie Essen und Trinken, die Fortpflanzung, das Erwerben von Reichthümern, durch die Religion umgewandelt werden müssen und so selber Theile und Stücke unseres Gottesdienstes werden. Sie sollen keineswegs, insofern als sie für sich ein Vergnügen dem natürlichen Menschen sind, aufhören, für den verwmrdelten Menschen ein Vergnügen zu sein. Das Judenthum ist wesentlich eine Religion der Freude, und die Juden haben immer in ihrem Gottesdienst, wenn dies auch ftemden Augen oft sonderbar zu Tage trat, eine Freude empfunden uird eine Seligkeit, die im Durchschnitt aller Wahrscheinlichkeit nach tiefer, dauernder und allgemeiner waren, als es bei dem Gottesdienste irgend einer anderen religiösen Bruderschaft oder Gemeinschaft der Fall war. Es ist in Büchern christlicher Theologen hergebracht, die casuistische Dialektik des h. Paulus oder andere Züge seiner Lehre anzuführen, welche als specifisch jüdisch diesen Schriftstellern unsympathisch sind. Und doch gibt es keinen jüdischeren Vers — und wir können ihn in einem weitern oder mehr allgemeinen Sinne aufsassen, als er es ursprünglich meinte — in all seinen Episteln als den: „Ob Ihr esset oder trinket, oder was immer Ihr thut, thuet Alles zur Verherrlichung Gottes." Sogar der Schlaf wird zum Gottesdienst gemacht, wie Maimonides sagt, indem er das Sprichwort der Talmudlehrer anführt: „Laß all Deine Handlungen gethan sein im Namen des Himmels." Ich gehe jetzt zu denjenigen Elementen dieses theistischen Glaubens über, welche die Mitglieder unserer imaginären Gemeinschaft dem Einflüsse und Ansehen des Christenthums zuschreiben dürsten. 1. Vor Allem wird eine hohe und geisttge Schätzung des Leidens und der Sorge kommen. „Unglück ist der Segen des Neuen Testamentes." Keine Race hat eine so hohe Fähigkeit zum Martyrium gezeigt oder hat so viele Märtyrer hervorgebracht, als die Juden. Wenn es eine Stufenleiter von Leiden gibt, so hat Israel den höchsten Staffel erstiegen; wenn die Dauer der Schmerzen und die Geduld, mit welcher sie erttagen werden, adeln, so nehmen es die Juden mtt dem Hochgeborenen aller Länder aus"?) Dessenungeachtet ist die vollkommene Würdigung von Sorgen und Leiden und von ihrer Stelle und ihrem Werthe im menschlichen Leben mehr den Christen als den Juden zuzuschreiben. Der philosophische Idealismus von Plato, welcher lehrte, es ist besser Unrecht leiden, denn Unrecht thun, daß das Unglück der Gottlosigkeit viel größer ist als das Unglück von Schmerzen, und daß die größte Freude sich in einem Leben von Leiden verwirklicht, die bewußt der Güte und Wahrheit zu Liebe getragen werden, ward als religiöser Glaube zuerst von Jesus seinen Jüngern gepredigt. 2. Und zweitens würden sie entscheiden, daß ihre Auffassung von Opfer oder Selbstaufopferung ursprünglich und vornehmlich christlich war. Diese zwei Glaubensartikel sind auch von Paulsen angeführt in seinem köstlichen System der Ethik, unter den 3 bis 4 großen Wahrheiten, welche das Christenthum in. das geistige Leben der Menschen eingegraben hat. Um die Ehre der andern zwei mögen Juden und Christen miteinander hadern, aber wenn, wie Paulsen sagt, die Welt es als wahr zeigt, daß sie durch die fteiwillige Selbstaufopferung des Unschuldigen und Gerechten sich erhält, so muß dies, wie ich mir vorstelle, vorzüglich dem Ruhme des Christenthums zugesprochen werden. Es ist wahr, daß, wenn, wie Paulsen sagt, die Geschichte der Menschheit die Geschichte des Martyriums ist, und wenn den Text der Predigt, welche in dieser Geschichte liegt, das 53. Capitel des Jesaja bildet, die letzte Quelle, welche wir suchen, im Alten Testament und nicht im Neuen ist. Doch es ist eine eigene Thaya che, daß dieses wunderbare Capitel — wie es fast unvorbereitet durch das, was ihm vorangeht, erscheint und das nicht beeinflußt, was folgt, in vergleichsweise nur geringe Einwirkung auf die allgemeine Entwicklung und Richtung der jüdischen Theologie und Religion gehabt zu haben scheint. Wenn die Quelle daher aus jüdischem Boden entspringt, so ist der beftuchtende Sttom — das Christenthum. 3. Vielleicht würdeunsereGemeindealsdrittenGlaubenssatzvon christlicher Herkunft die religiöse Auffassung gegenüber dem Feinde aufstellen. Sie würden nicht ermangeln, zuzugeben, daß der Satz : „Du sollst Deinen Nächsten lieben und Deinen Feind hassen," eine unrichtige Darstellung der Lehre des Alten Testamentes bilde, wer immer sie auch begangen hat. Doch sie würden zugeben, daß -die Vorschrift: „Segne, die Dir fluchen," „Thue Gutes denen, die dich hassen," „Bete für diejenigen, die Dich mißhandeln und die Bitte des Sterbenden: „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie thun!" ein Ideal der Lebensführung aufstellen, welches, obzwar es von Niemandem sichtbarer vernachlässigt wurde, als von den sogenannten Schülern ihres Meisters, tief in das menschliche Bewußtsein sich eingesenkt hat ünd niemals seinen Werth und seine Wahrheit im Geiste der civilisirten Menschen verlieren wird. 4. Als vierten Posten, der aus die christliche Seite der Rechnung zu stellen ist, würden sie den Werth ansetzen, welchen ihre religiösen Grundsätze jeder Menschenseele zuzuschreiben zwingen, sie sei weise oder dumm, schlecht oder gut, gesittet oder ausgestoßen. Jeder Mensch, ob schwarz oder weiß, ob civilisirt oder wild, ist ein Kind Gottes und muß daher einen selbstständigen Werth in unseren Augen und in denen Gottes haben. Bor Gott schwindet der Unterschied zwischen Heiligen und Sündern dahin. Wie eine Einheit oder eine Million von der Unendlichkeit abgezogen unendlich ergibt, so fühlen wir, wenn wir unser Bestes ihm darbringen, daß wir unnütze Diener sind, denen keinerlei Verdienst zukommt. Das erbarmende Mitleid mit dein Sünder und dem Ausgestoßenen, die Demuth des wahren Retters der Seelen, der, obzwar er nie aufhört, die Scheu vor der Sünde zu betonen, selbst die moralische Kluft zwischen dem niedrigsten Verbrecher und sich selbst überbrückt und vernichtet, dies waren kostbare Züge von beiden großen Zweigen des Christenthums in ihren höchsten und reinsten Formen. 5. Als fünften Posten werden sie bestimmt, die absolute Freiheit ihrer Religion von jedem Zusammenhang mit der Race ansehen. „Da ist weder Jude, noch Grieche, da ist weder Sclave noch Freier, da ist weder Mann noch Frau, alle sind gleich vor Gott." Vor Gott, pflegen die Anhänger unserer vorgestellten Religion zu sagen, und sie stellen es noch höher als die Worte des Originals, aber nichtsdestoweniger erkennen und bekennen sie die Entlehnung. 6. Endlich ist als sechster und letzter Posten, obwohl die Majorität hier kleiner sein mag, den sie dem Christenthum zurechnen würden, die sehr untergeordnete Rolle des Rituals in ihrer Religion und die complete Vermeidung aller Consusionen zwischen innerer und äußerer Reinheit in ihrem Glauben anzusehen. Sie würden fteimüthig zugestehen, daß die ursprüngliche Triebfeder, ja, der richtige Ausdruck ihres Glaubenssatzes prophetisch und jüdisch ist: „Ich wünsche Erbarmen und nicht Opfer mit seinen vielen Parallelen in der Literatur des Alten Testaments enthält die ganze Lehre in einer Nußschale. Aber gleichwohl war es diesem großen Satze nicht gestattet, einen Einfluß auf die Gesetze und Gewohnheiten und das Ritual der Juden zu üben bis auf unsere moderne Zeit. Christus übernahm die Lehre und erweiterte sie, so daß im Allgemeinen sein größter Lehrsatz: „Nicht das, was in den Mund hineingeht, entehrt den Menschen, sondern das, was aus dem Munde *) Zunz, die synagogale Poesie des Mittelalters S. 9.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.