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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-05-22 · 21 (22.5.1896) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
21 (22.5.1896)
Date
1896-05-22
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 21 Vr. Vloch's Wochenschrift Seite 413 Ein rein göttliches Wesen ohne Mittler und Fürsprecher lag außer ihrem Bereich und Berständniß. In anderer Beziehung zeigt das Christenthum, wie das reine Gold des Judenthums mit geringerem Edelmetall vermischt wurde. Eine Mischung mag nothwendig gewesen sein, aber sie war nichtsdestoweniger eine Mischung. Das Jndenthum ringt kühn mit dem Problem des Bösen und bleibt mit absoluter idealer Treue bei der Güte Gottes stehen. Seine Hoffnung ist bedingungslos, obwohl da nichts waltet zwischen dem Bösen und der göttlichen Allgegenwart, doch das Christenthum versucht dem Bolksgeist die Dinge leichter zu machen durch die Fiction eines Teufels, der als Satan oder Beelzebub oder Fürst dieser Welt in der christlichen Religion und Theologie eine so bedeutende und wichtige Rolle spielt. Der mosaische Opferdienst wurde eingeführt, weil Niemand zu dieser Zeit Opfer. oder Blut entbehren konnte, doch das Judenthum hat sich über all' diese Auffassungen erhoben und stieg imntei* höher in der Lehre der Propheten. Das Christenthum war gezwungen, zu dem allgemeinen und populären Gesichtspunkt der heidnischen Welt zurückzukehren; ohne Blutvergießen kann keine Vergebung der Sünden stattfinden". Daher bvt es dem heidnischen Sinn die materialistische, aber anziehende Lehre von der Sühne durch Christus. Ter Schlüssel der jüdischen wie rabbinischen Theorie der Sühne ist die Rene; der Schlüssel der christlichen Theorie heißt Blut. Sv erblickt der Jude dieselbe Unreife und Vorstufe, welche der Christ im Jndenthum wahrnimmt, im Christenthum. Bei allen hier von uns betrachteten Mißverständnissen würde, wie ich denke, von einem unparteiischen Historiker der Religion gezeigt werden, wie sehr Wahrheit und Falschheit hier miteinander vermengt sind. Doch wenn Sie als Christen vollkommen davon überzeugt sind, daß in dieser Beurtheilung des Christenthums, welche ich Ihnen vorzulegen wagte, ein großer Percentsatz von Jrrthnm, Vorurtheil und directer falscher Darstellung liege, so bitte ich -sie, auch zu glauben, daß ein mindestens ebenso großer Percentsatz davon in den landläufigen Urtheilen christlicher Theologen und Forscher über das Jndenthum vorhanden ist. Wir werden Recht ihnn, zu sagen, daß keine von beiden Parteien die andere zn verstehen sucht. Jede derselben scheint sich auf einer separirten Bahn zn bewegen, und die hohe Würdigung des eigenen Glaubens, die nur durch einen Proceß von Ausscheidung und Auslese erreicht worden ist, scheintkeinen Bezug nnd keine Antwort zu enthalten ans die gewichtigen Angriffe, die in der Kritik des anderen liegen. Und doch kann ein Geschöpf wie der unparteiische Historiker der Religion, aus den ich eben augesvielt habe, kaum existiren. Können Sie eine Religion richtig schätzen und verstehen, wenn Sie nicht in ihr ausgewachsen sind oder nicht daran glauben? Sind nicht gewisse Ansichten von Personen oder Religionen nur durch Liebe und Vertrautheit zn gewinnen? Hat nicht die Liebe eine zwingende Macht über die Kritik? Selbst Fehler mögen eine gute Seite haben und werden geliebt, ebensosehr kür das, was sie bewirken, als für das, was sie scheinen und sind. Müssen wir nicht in gewisser Beziehung aus unsere Religionen anwenden, was die Frau von ihrem Manne sagte: Der Mann war meine ganze Welt, so wie er war, mit seinen Blumen wunderhvld, wie mit dem Unkraut selbst, hold für niich beide allzngleich. Doch jetzt lassen Sie mich in den mir noch bleibenden wenigen Minuten von den Mißverständnissen zu Etwas übergehen, was zugleich mehr zweifelhaft nnd doch positiv ist. Wir wollen uns nämlich vvrstellen, daß jetzt hier eine religiöse Gemeinschaft existirt oder existiren wird, deren Anhänger sich weder Christen noch Juden nennen, sondern einfach Theisten, so wie Voysey's Gemeinde in London, oder eine andere ähnliche Benennung wählen. Wir wollen ferner annehmen, daß diese Gemeinde sich , gleichmäßig aus ehemaligen Inden und ehemaligen Christel! recrutirt und daß dieselben festzustellen versuchten, unter den verschiedenen Grundsätzen ihres Glaubens zu entscheiden, welche dem Christenthum und welche dem Jndenthum entnommen rvären. Ich bilde mir ein, daß in Betreff einiger sie sehr schwer endlich zu einer Uebereiustimmuug kommen würden. Bei einer Vertheilung würden die Zahlen auf jeder Seite gleich sein. Bei der Voraussetzung, daß jede Gruppe anch eine besondere Anhänglichkeit für ihren Mntterglanben besäße, ist es wahrscheinlich, daß jede Gruppe die Quelle gewisser gemeinsamer Grundsätze für ihren ursprünglichen Glauben in Anspruch -nehmen würde. So würde die Liebe zu Gott, die tiefe Auffassung von der Sünde, das Bedürfniß und die Natur eines wahren Sühnopfers in gleichem Maße von Juden lvie auch von Christen in Anspruch genommen werden. Doch mit Rücksicht auf gewisse andere ihrer Grundsätze könnten wir vielleicht eine hinreichende Ablösung von den Religionen ihres früheren Lebens voranssetzen, die sie befähigte, durch eine hinreichende Majorirät zu einem zufriedenstellenden Eiuverstäudniß zu gelangen. 1. Die erste Eintragung auf der Liste der Inden lvürde der Begriff der Gottheit sein, die Liebe Gottes, welche anch Gerechtigkeit ist, die Gerechtigkeit Gottes, welche auch Liebe ist, die Einheit gleich sehr dargestellt in Gottes Erhabenheit über die Welt nnd in seiner immanenten Wirksamkeit in ihr, aber vor Alleni in seinen! Selbstbewußtsein, die ewige Harmonie und Unveränderlichkeit der göttlichen Natur, die Abwesenheit eines Vermittlers einerseits oder einer feindlichen Macht andererseits, zwischen dem Menschenkind und dem göttlichen Vater. Diese Dinge, an welche unsere eben vorausgesetzte Gemeinschaft glaubte, würde dieselbe als Schuld betrachten, die sie nicht dem Christenthum, sondern deui Jndenthum entlehnt hat. 2. Nebst diesem fundamentalen Begriffe ihres Glaubens werden sie auch als jüdisch den Zusammenhang zwischen Religion und Moral betrachten. Nicht im Glauben, sondern in der guten Führung liegt die sicherste nnd beste Annäherung an Gott nnd im letzten Grunde, so gefährlich auch die Gegenliberstellung ist, ist der Mensch mehr durch Handlungen, als durch den Glauben gerechtfertigt. Religion, sagt Robertson irgendwo, ist Güte. Gott nnd die Menschen zu lieben, ist Christenthum, alles 'Andere ist nur „Schale und Hülse". Ein jüdischer Robertson würde genau dasselbe sagen, indem er das Jndenthum an Stelle des Christenthums setzte, und im Sinne unserer neuen Theisten würde er es niit größerem Rechte sagen. An Gott zn glauben, gemäß gewisser metaphysischer Formeln, zu glaube» an die Genauigkeit gewisser Erzählungen oder an die besonderen 'Auslegungen ihrer am meisten zweifelhaften und schwierigen Theile an drei oder besser zwei oder vier feste Seiten, Hypostasen der Gottheit, zu glauben, diese Dinge constitniren nicht das Wesen der Religion, vielmehr ist Religion „Gerechtigkeit üben, Erbarmen haben und demüthig mit Deinem Gotte wandeln". 3. Daher ist als dritte Forderung von jüdischer Seite der praktische Wnnsch aufznstellen, das sociale Unrecht gut zn machen nnd das sociale Recht ansrecht zu halten und zu entwickeln, was ein so durchgängiges Charakteristikon unseres eigenen Zeitalters ist. Ich weiß, daß christliche Schriftsteller jetzt fleißig damit beschäftigt sind, diese Züge einer freien, titel- und namenlosen Religion als rein christlich darzustelleu, während ein wahrer historischer Blick dieselben als wesentlich jüdisch bezeichnen würde, reflecrirt und manifeftirt in der jüdischen Gesetzgebung und der jüdischen Prophetie wie im jüdischen Leben und Schriftthum der späteren und nachbiblischen Epochen. „Suchet Gerechtigkeit, stehet den Bedrückten bei, stützet die Waise, vertheidiget die Witwe". „Lasset den Urtheilssprnch herabfließen wie Wasser nnd Rechtlichkeit wie einen mächtigen Strom." Ja, Gerechtigkeit und ewig wieder Gerechtigkeit, ja, Rechtlichkeit nnd ewig wieder Rechtlichkeit, dieses Losungswort der Religion ist wirklich nnd wesentlich jüdisch zu nennen. „Die reine, unbefleckte Religion vor Gott nnd dem Vater ist diese: Die Vaterlosen und Witwen in ihrer Trauer zu besuchen und sich schuldlos vor der Welt zn halten", so sagt der heilige Johannes, doch sagt nicht Luther, daß der heilige Johannes ein Jndaisirer sei? 4. Ein viertes Element, welches die jüdischen Mitglieder unserer imaginären Religion beigesteuert zu haben scheinen, ist die Liebe zur Gemeinschaft. Ihr Ideal des Lebens ist social; zuerst das Haus mit allen seinen Heiligthümern — und der Jude brüstet sich stets mit dein Zusammenhalt und der Reinheit seines häuslichen Lebens — und dann die Erweiterung des .Hauses zu der weiteren Bruderschaft der religiösen Gemeinschaft. Die jüdische Auffassung und das Ideal der Beziehung des Individuums zur Gemeinschaft kommt genau den hellenischen Ideen und Idealen von der Beziehung des Bürgers zum Staate nahe. Da ist Niemand nnd nichts zwischen Gott und dem Menschen und doch ist der Mensch kanni Mensch in der Vereinzelung, weder vom politischen, noch vom religiösen Standpunkte. Der Einsiedler, oder Asket, oder Mönch haben niemals religiöse Ideale einer reinen Entwicklung des Judenthums werden können, die von äußeren ftemden Einflüssen unbehindert geblieben ist. 5. Es gibt ferner eine Eigenschaft, deren sich moderne Juden, was ihre Religion anbelangt, rühmen, welche aber viele Denker als gar keine Eigenschaft ansehen würden, und doch durste unsere deistische Gemeinschaft geneigt sein, dieselbe als etwas Gutes aus dem jüdischen Glauben zu entlehnen. Das ist die Schlichtheit. Unsere Deisten nnd modernen Juden sind darin

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