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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-05-22 · 21 (22.5.1896) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
21 (22.5.1896)
Date
1896-05-22
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 412 Dr Bloch's Wochenschrift Claude G. Mvntestore über einige Mißverständnisse zwischen Iudenthum und Christenthum *). Deutsch von I—a K—nn. (Lchluß von Nr. 19.) Was bedarf es noch der Arbeit und des Schweißes in der Hitze und im Ltaube des socialen Dienstes und des sittlichen Bemühens?_ Für sie ist das Ziel erreicht, der Preis gewonnen. Sie sind erfüllt von lauterer und von puritanischer Genugthuung in der Gewißheit ihres eigenen Heiles, in der Sicherheit der Berdammniß ihres Nebenmenschen. Selbstgerechtigkeit oder Selbstverzweiflung, dies sind die logischen Folgen der christlichen Theologie. Der Gegensatz ist, wie Sie bemerken, in diesen: Beispiel fiir Christen und Inden beinahe genau derselbe. 4. Ein viertes interessantes und dabei höchst lehrreiches Mißverständniß kann ferner in den Ansichten des Judenthums und Christenthums, wie sie gegenseitig erklärt werden, gefunden werden, in Betreff des Verhältnisses des Diesseits zum Leben nach dem Tode. Es wurde gewöhnlich von christlichen Theologen behauptet, daß das Judenthum, in rein geistigem Sinne, von einem zukünftigen Leben so viel als Nichts wisse. Der wahre Wunsch und das Sehnen des Juden sei Erfolg und Glückseligkeit auf Erden, sein Zukunftsideal sei die Zeit, wo sein Volk in Palästina wieder hergeftellt sein und mit dem Fuß auf den Rücken seiner Feinde Besitz nehmen würde von allen erdenklichen Gütern, wirklichen, greifbaren, materiellen Gütern, ein Capital- Gegenftück zu der Sehnsucht des Christen nach dem Himmel, zn seinem Verlangen nach jenem überirdischen Leben, wo sein Schatz ewig dauert und wo sein Herz auch jetzt schon ist. Der jüdische Theologe andererseits war und ist noch immer gewohnt, zn behaupten, daß das Judenthum jedem Leben seinen eigenen Werth und Platz anweise. Diese Welt, sagt der alte jüdische Rabbi, und,'unsere jüdischen Autoritäten sagen uns, daß er damit der allgemeinen Doctrin des Judenthums Ausdruck verleiht: „Diese Welt ist wie ein Vorraum zur kommenden Welt, bereite Dich vor im Vorgemach, damit Du eintreten könnest in den Saal/' Doch obwohl das künftige Leben, geistig aufgefaßt und ausgelegt, ebenso ein Dogma des Judenthums wie des Christenthums ist, darf das Leben im Borraum durchaus nicht leicht genommen werden. Wir sind in die Welt gesetzt, um sie besser zu machen, sie ist nicht und sollte nicht sein, wie das Christenthum es auffaßt, ein irdisches Thränenthal. Es ist kein Verdienst, wie es das Christenthum lehrt, die unschuldigen Freuden des Lebens zu verachten oder düster und sorgenvoll zu sein; es ist ebenso unsere Pflicht, zn lachen mit denen, die lachen, als zu weinen mit denen, die da weinen, den Brautzug zu begleiten, als neben der Todtenbahre zu schreiten. Vor Allem darf kein Gedanke an den künftigen Himmel uns abhalten, Alles zu thun, was nur können, um irdische Leiden zu mindern und gegen Bedrückung und Grausamkeit zu kämpfen, sociales Unrecht/zu bessern sund^ sociales Wohlbefinden herzuftellen. Ein Königreich des Himmels auf der Erde muß das Ziel des Menschen auf der Erde fein, und das ist eben seine beste Vorbereitung für das künftige Leben. Das war bis ganz vor Kurzem die Art der Gegensätze, die von christlichen und jüdischen Theologen in der Frage des Lebens auf dieser und in jener Welt aufgestellt tvordeu sind. Auf christlicher Seite jedoch wechselt allmälig der Gegensatz, so daß die Juden, die ihr Stichwort von den Nachbarn nehmen, ihr Gegenbild, glaube ich, ebenso ändern werden. Denn der wahre Inhalt des Christenthums, wird jetzt gesagt, besteht nicht in einem kommenden Leben im gewöhnlichen Sinne des Wortes, das wäre für unsere jetzige Gemüthsart etwas zu übernatürlich, sondern in einem regenerirten Leben auf der Erde. „Das Königreich des Himmels ist in Euch," „das Königreich des Himmels ist unter Euch," solche Sätze, wird erklärt, bedeuten, daß das neue christliche Princip darin besteht, langsam in geordneter fester Fortentwicklung das Leben der Menschen auf der Erde neu zu gestalten. Ein neuer Contrast ist also nöthig und in diesen Fällen, wo ein neuer Gegensatz nöthig ist, ist er auch schnell gefunden. Das Judenthum verzweifelt an dieser Welt, es konnte und kann nur auf eine Verbesserung und Erlösung hoffen, durch eine gewalt¬ *) Vorlesung, gehalten vor der Theologischen Gesellschaft der Universität Glasgow am 25. November 1895. Nr. 21 same übernatürliche Einmischung eines äußern Deus ex machina. Diese Welt ist schlecht, der Mensch ist verderbt, die Zukunft ist hoffnungslos, wenn nicht Gott in einer willkürlichen und ungesetzlichen Weife Plötzlich von Außen dazwischen tritt und mit seiner neuordnenden Hand einen neuen Himmel und eine neue Erde schafft. Der göttliche Geist und die Gnade, von Innen wirkend und langsam die Welt und die Menschen umbildend, durch methodische Anordnung und verntinftige Gesetze, das menschliche Drama betrachtet als eine stufenweise Fortentwicklung des Gottes im Menschen zu besserem und vollerem Selbstbewußtsein, all dieses, das unterscheidende Kennzeichen und die Lehre des wahren Christenthums, fehle im Judenthume völlig. Das Judenthum, das vor Kurzem noch diese Welt zu sehr liebte, verzweifelt jetzt an ihr; und das Christenthum, das ehedem an diese . Welt oder au das Morgen nicht dachte, wird nun für die Religion erklärt, die da fortschreitende Entwicklung und regelmäßigen socialen Fortschritt lehrt. Es ist wahrscheinlich, daß der frühere und der jetzige Contrast sich so versöhnen werden; man wird sagen, daß da Abstraction nach der einen Seite leicht in Abstraction nach der andern überschlägt, die jüdische Weltverzweiflnng in der That eine materielle Liebe zu ihr in einer andern Form war, denn Alles, was die Juden durch eine ausnahmsweise, mechanische Einmischung Gottes zu erlangen hofften, war nur eine andere Erde, auf welcher sie rechtschaffen gemacht durch Wunder, aber mit ungeläuterten und nicht wiedergeborenen Herzen, ihre Füße im Blute ihrer Feinde baden und trinmphiren sollten ob der Reichthümer und der Wohlfahrt in alle Ewigkeit. 5. Als mein fünftes und letztes Beispiel in der Liste der Jrrthümer lvill ich einen anführen, welcher eigentlich weithin verbreitet ist, aber von welchem ich jetzt nur einen Saum berühren kann. Ich habe schon die Thatsache angeführt, daß der christliche Theologe gewohnt ist, das Jndenthum als den Schauplatz der Vorbereitung eines religiösen Prvceffes zu betrachten, dessen Höhepunkt oder Erfüllung er im Christenthum erblickt. Den: Judenthum also kleben, als einem nur vorbereitenden Glauben, alle charakteristischen Mängel der Unvollkommenheit an. Christus erfüllte das Gesetz. Und das ist das Beste schließlich, was noch davon gesagt werden kann. Christus war ein wahrer Prüfstein, die Erkenntniß seiner Göttlichkeit, seiner höheren Lehre, der Thatsache, daß er das Gesetz erfüllte und dadurch unnöthig machte, schied zur Zeit seiner irdischen Laufbahn den demüthigen, vorurtheilslosen, freiblickenden Juden, von seinem stolzen, dummen und voreingeuommenen Landesgenoffeu. Ebenso wie die wenigen guten Juden seines Zeitalters an Christus glaubten, so wurden rie wenigen guten Elemente des Judenthums vom Christenthum aufgesogen, während die übriggebliebenen Elemente, welche nicht derart darin aufgegangen waren, fortfuhren, die Kennzeichen des rabbinischen Judenthums darzustellen, vom ersten Jahrhundert bis zur gegenwärtigen Stunde. Lassen Sie mich hier hinzufügen, daß als ein großes und vorzügliches Beispiel der Mangelhaftigkeit des durch. Christus überholten Judenthums die trostlose Vermengung zwischen Ritualismus und Religion gilt, wie sie seine Speisegesetze, die Beschneidung dem Fleische nach und sein Abscheu vor äußerer körperlicher Unreinheit beweisen. Inwieweit hier Wahrheit mit Jrrthum verniischt ist, will ich nicht weiter untersuchen. Ohne Bemerkung stelle ich an die Seite einer solchen kritischen Beurtheilung des Judenthums die folgende kritische Beurtheilung des Christenthnms. Dem jüdischen Theologen zufolge beruht das Christenthum auf einer Verkehrung der Schrift, die nur bei Unwissenden und Ungelehrten zu entschuldigen sei. Als Gott sein Gesetz als eine Vorschrift „für ewig" gab, so trieb er kein Spiel mit Worten und glaubt damit nicht: für eine bestimmte Zeit. Wenn Gott sagte, die Ankunft des Messias sollte die dauernde Herrschaft der Gerechtigkeit und des Friedens verkünden, spielte er nicht trugvoll auf eine zweite Ankunft an, in der der Messias vielleicht das Fiasco der ersten gut machen würde. Das Christenthnm ist ein Anpassungsmittel, ein befruchtender Niederschlag des reinen ethischen Monotheismus zum Nutzen der Heiden. Es war von Gott als eine Stufe der Nationen auf dem Wege zum Judenthum, beabsichtigt. Der Gottmensch, die Jungfrau Maria und ihr Cultus, die Anbetung der Heiligen, der Bilder und Reliquien sind alle nur Anpassungsmittel. Die Lehre des Judenthums war zu geistig und zu rein, um von den Heiden angenommen zn werden.

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