Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 21 (22.5.1896)
- Date
- 1896-05-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 21 Dr. Vloch's Wochenschrift Seite 411 für den Augenblick nur so irr allen nröglicherr Räunrerr untergebracht wurden, neue Wohnungen bekommen. Das war eine schwierige Sache; denn es stellte sich ein Mangel an billigen und geeigneten Häusern heraus. Biele abgebrannte Familien haben daher nach anderen Vierteln ziehen müssen. Da aber die Unterstützungen ziemlich rasch von allen Seiten flosserr, so hat auch die nöthige Hilfe schnell gewährt werden können. Es hatten sich gleich rrach dern Unglücke zwei Unterstützungscommissionen gebildet: die eine unter dem Vorsitze Sr. Ehrw. des Großrabbiners der Türkei, die andere stand unter dem Präsidenten des Bezirkscomites der Alliance. Beide Ausschüsse haben in jeder Beziehung Großartiges geleistet. Die Nothrufe, die sie in alle Welt haben hinaustönen lassen, haben, wie der Erfolg zeigte, entsprechenden Widerhall gestmden. Mit Genugthuung constatire ich, daß auch meine Mittheilung in der „Oesterreichischen Wochenschrift" über den Brand von Balata zum Besten der unglücklichen Abgebrannten beigetragen hat. Auch an mich persönlich wurden Spenden für die Armen geschickt, über die ich hiermit quittire: (Alle Zeitungen, die meinen Ausruf für die Abgebrannten von Balata abgedruckt haben, werden gebeten, auch diese Quittung zu veröffentlichen.) Von Herrn Joseph Sachs, Wien 3 fl., Jakob Bodek 50 Kreuzer, Siegmund Wolf, Baden-Schweiz 2 Frcs., Bezirksrabbiner Adolf Löwy, Ibbs a. D. 2 fl., I. Ettlinger u. Wormser, Karlsruhe, Baden 16 Mark, Ettlinger, Kauftnann, Karlsruhe, Baden 4 Mark, Jonas Ettlinger, Karlsruhe Baden 3 Mark, Abraham M. Ettlmger, Karlsruhe Baden 2 Mark; von den Frauen Bertha Lewin-Brodsky, Karlsruhe, Baden 3 Mark, Regina Ettlinger, Karlsruhe, Baden 2 Mark, von N. 9t., Constantinopel, 20 Piaster, zusammen 254 Piaster. Diesen Bettag habe ich auf Vorschlag des Herrn Rabbiners Zebi dem Comite für die abgebrannten Schüler der Talmud-Thora-Schule übergeben. Bei dieser traurigen Gelegenheit hat die „Alliance IsraeliteUniverselie" wieder bewiesen, wie sehr ihr das Wohl und Wehn der Israeliten des Orients am Herzen liegt. Kaum wurde ihr Kenntniß von dem schrecklichen Ungemach, das viele derselben gettoffen, als sie sich beeilte, Hilfe zu schaffen. Wenn die mir gemachten Angaben richtig sind, so haben ihre Spenden allein über 5000 Francs ausgemacht. Auch von London lief hier eine nicht unbedeutende Summe ein. Leider ist nur unbekannt geblieben, welchen Antheil Deutschland und Oesterreich - Ungarn an dem Unterstützungs werke genommen haben. Diese sind jetzt umso mehr von Nöthen, da unser größter Wohlthäter nicht mehr unter uns weilt. Die Nachricht vom Ableben des seligen Baron von Hirsch hat in unserer Stadt den schmerzlichsten Eindruck gemacht. In der That! Constantinopel zählt zu den Städten, welche die unermeßliche Güte des großen Menschenfreundes oft in ihrem ganzen Umfange kennen gelernt haben. Darum hat hier auch der frühe, plötzliche Tod des seligen Baron von Hirsch die größte Bestürzung und tiefsten Schmerz hervorgerufen. Aber nicht blos von Juden, auch von nichtjüdifcher Seite wurden allgemein aufrichttge Sympathiekundgebungen für den edlen Philantropen verlautbar. Die jüdischen Schulen blieben einen Tag geschlossen; in den spanisch - jüdischen Vierteln begaben sich die Schüler fammt ihren Lehrern ins Bethaus, um Psalmen zu singen und Mischuajoth zu lernen. Die Chachamim verrichteten das Kadischgebet. Eine öffentliche imposante Trauerfeierlichkeit hat erst Sonntag den 3. Mai stattgefunden. Die höchsten Persönlichkeiten der Stadt waren zu derselben geladen und erschienen. Der Trauergottesdienst wurde im großen Asrida-Tempel von Balata, dem größten von Constantinopel, abgehalten. Man bemerkte von kirchlichen Persönlichkeiten: drei hohe Abgesandte des Scheich-ul-Jslam, eine gleiche Anzahl würdiger Vertteter des griechischen, des armenischen und des syrischen Patriarchen, Brüder des Loyola- Ordens und Mitglieder anderer religiöser Gesellschaften. Die jüdische Geistlichkeit, mit dem Oberrabbiner der Türkei an der Spitze, war vollzählig erschienen. Es waren auch weltliche Würdenttäger gekommen: Vertreter der hohen Pforte, wie solche, die im Namen der Bevollmächtigten der ausländischen Mächte sich einstellten. Unter den hochgestellten jüdischen Persönlichkeiten seien folgende hervorgehoben: I. E. Elias-Pascha, Isaak Molcho- Pascha, Vitalis-Pascha in ihren glänzenden ordensgeschmückten Gala-Uniformen, die Herren Bohor Effendi, Dr. de Castto Bey, Dr. Fried, Dr. d'Almedino. Den Lehrkörper der hiesigen Alliance- Schulen sah man vollzählig. Der Tempel war übervoll und Tausende fanden überhaupt keinen Platz. Der Großrabbiner hielt in spanischer Sprache eine ergreifende, tiefdurchdachte Trauerrede. Nachdem die ehrwürdige pattiarchalifche Gestalt die Kanzel wieder verließ, nahm Herr Danon, Directvr der Knabenschule der Alliance von Balata, deren Platz ein, um dem verstorbenen Freunde und Wohlthäter der Juden der Türkei in französischer Sprache einen sehr beredten Nachruf zu widmen. Die tiefgefühlte, wirkungsvoll vorgetragene Rede, die allseitig fesselte, wurde von allen Zuhörern mit großem Beifall ausgenommen und es wurde Herrn Danon die ttefste Befriedigung kundgegeben. Hierauf wurden Gebete für das Seelenheil des unsterblichen Todten und seines leider in der Blüthe der Jugend dahingerafften Sohnes gesprochen. Das Kadischgebet schloß die wahrhaft großarttge Feier. Acht Tage später hat die deutsche (österreichische) Gemeinde einen würdigen Trauergottesdienst fiir den seligen Baron Hirsch veranstaltet. Herr Hermann David, Bruder des Rabbiners Tr. David von Düsseldorf, schilderte in einem weihe- und geistvollen Vorttage das Schaffen und Wirken des Baron von Hirsch. Soll ich zum Schlüsse noch mit einem Worte die hiesigen Gemeindeverhältnisse streifen? Die Verhältnisse der italienischenJuden könnenden anderen Gemeinden als Vorbild dienen. Denn man versicherte mich, daß die aschkenasischeGemeinde unsererStadt während der letzten zwanzig Jahre sehr unansehnliche Fortschritte gemacht habe. Liegt das Nebel vielleicht in der Abnahme des Interesses an religiösem Judenthume? Der Jndifferenttsmus ist leider sehr groß. Ich persönlich habe die Sache noch nicht ergründet, erlaube mir daher keine Meinung zu haben. Die Thatsache steht jedoch fest, daß die deutsche Gemeinde viel, viel könnte, wenn sie wollte. Der beste Beweis hiefür ist die deutsch-israelitische Schule, die eigentliche Schöpfung des Herrn Dr. Fried. Trotz vieler Unannehmlichkeiten und häufiger Mißerfolge, veranlaßt von böswilliger Seite, hat dieser energische Mann den Muth nicht verloren, dem gewünschten Ziele entgegenzusteuern: Die Anstalt nach dein Muster der besten Volksschulen des Mutterlandes einzurichten und sie auf dieselbe Sttlfe zu heben. Es bleibt uns nur noch über zwei bedeutsame Ereignisse, die am selben Tage vor sich gegangen sind, zu berichten. Es handelt sich zunächst um die Feier der Grundsteinlegung zum neuen israelitischen Krankenhause. Während alle Nationen hier großartige Hospitäler besitzen, die allen Anforderungen höchlichst genügen, ermangelten bislang die Juden allein einer anständigen Krankenanstalt. Zwar unterhielt der Verein Or Hachaim ein Spital, aber in so geringem Umfange, daß man wegwerfend über die Beschränktheit feiner Thättgkeit sprach. Nun hat der Or Hachaim- Verein gezeigt, daß man sein Wirken und Stteben verkannte. Mit Freude gewahrt man jetzt, daß er sich im Süllen die größte Mühe gegeben, eine Schöpfung vorzubereiten, deren Vollendung ihm alle Ehre machen wird. Der erste Stein ist schon gelegt worden. Zu diesem Ende wurde eine große Feier begangen, an der alle unsere Glaubensgenossen von Constanünopel mit großem Interesse theilgenommen haben. Denn Tausende waren am Festorte erschienen. Der Großrabbiner der Türkei hatte seine Gala-Uniform an; die Brust war mit Orden geschmückt. In einer meisterhaften Ansprache dankte Seine Ehrwürden mit feierlichen Worten Seiner Majestät dem Sultan für die gütige Erlaubniß, den Neubau aufführen zu dürfen und versicherte den Kaiser der ewigen Dankbarkeit der Juden. Der Präsident des Vereines Or-Hachaim hielt eine Rede, in der er sagte: „Kühn ist das, was wir unternehmen, aber wir unternehmen es, weil wir die Freigebigkeit kennen, die Euch immer für dieses Werk beseelte. Das Comite hat die Arbeiten angefangen, an Euch liegt es, dieselben zu vollenden. Wir bedürfen Eurer Anstrengungen, Euerer Freigebigkeit, besonders Euerer Einigkeit, um dieses unseres Volkes würdige Denkmal in einigen Monaten sich erheben zu sehen!" Die Zeichnungen, die hierauf vorgenommen wurden, haben sofort bewiesen, daß der Redner nicht in den Wind gesprochen. Die gezeichnete Summe beläuft sich auf 25.000 Francs. Auch andere Spenden wurden gemacht. Einer versprach 10.000 Ziegel, ein Anderer 20 vollständige Betten, ein Dritter die ganze Heizeinrichtung u. s. w. Das zweite Ereigniß war das vom hiesigen Vereine der „Alliance Israelite Universelle" veranstaltete Wohlthätigkeitsfest. Die „Französische Union" hatte zu diesem Zwecke ihre Festsäle güüg zur Verfügung gestellt. Das Fest war großartig gelungen. Oscar H o r o w i tz.