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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-05-22 · 21 (22.5.1896) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
21 (22.5.1896)
Date
1896-05-22
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 410 Nr. 21 Dr. Vlvch's Wochenschrift. Ruhmes nicht nur seine Kunst, sondern in und mit dieser auch das Judenthum zu Ehren gebracht! In dem Kranze, den ihm die Bewunderung und Liebe der Mitwelt reicht, soll ein Blättchen Immergrün nicht fehlen, welches die Treue Adolf Sonnenthal's zu seinem väterlichen Glauben und zu seinen Glaubensgenossen versinnlicht. Und nicht zum Glauben allein! Wir haben in den begeisterten Festartikeln, welche dem Künstler gewidmet wurden, viel von der Tradition des Burgtheaters gelesen, an der sich der strebsame Jüngling herangebildet, zu deren Hüter und Bewahrer der gereifte Mann geworden ist. Aber wenn diese hundertjährige Tradition der ersten deutschen Schauspielbühne an der Bildung und Vollendung der künstlerischen Persönlichkeit Adolf Sonnenthal's einen gewaltigen Antheil hat, so hat die tausendjährige Tradition des Judenthums gewiß nicht geringeren Antheil an seinen künstlerischen Anlagen und au der glänzenden Ausgestaltung derselben. Die Tradition des Burgtheaters ist die harmonische Vereinigung der Schönheit mit der Wahrheit; das ist jener classische Styl, den Sonnenthal selbst mit den Worten kennzeichnet: „Die Wahrheit und die Natur selbst, ohne die Grenzen des Schönen auch nur mit einer Linie zu überschreiten". Und die Tradition des Judenthums? Sie ist die Vereinigung des Göttlichen mit dem rein Menschlichen! Und wenn nun der berufenste Beurtheiler Sonnenthal's, wenn Ludwig Speidel von ihm sagt: „S o n n e n t h a l's K u n st ruht auf dem Grunde edler M e n schlich k e i t", dann hat er in Wahrheit mit einem Worte die ganze Tiefe seines Wesens erschlossen, dann hat er jene erhebende und erschütternde Macht gekennzeichnet, zu welcher sich in Sonuenthal die Traditionen der Kunst mit den Traditionen der Religion verbinden. Edle Menschlichkeit! Ach, dieses Wort thut wohl in unseren Tagen des Kampfes und des Hasses. Kann es eine große Kunst und kann es einen großen Künstler geben ohne tiefes menschliches Empfinden, ohne Mitgefühl für alle Lust und alles Leid, für alle Hoffnungen und Enttäuschungen, welche die Menschheit je erfüllten? Und wenn Adolf Sonnenthal ein großer Künstler ist — eine Wahrheit, die selbst unsere schlimmsten Hasser bestehen lassen müssen — dann enthält diese Thalsache die siegreichste Widerlegung aller Vorwürfe und Anklagen, welche gegen das Judenthum geschleudert werden. Nur mit schmerzlicher Selbstüberwindung gehen wir daran, auch diesen festlichen Anlaß zur Vertheidigung des Judenthums zu benützen. Im Reiche der Kunst sollte es keine Unterschiede des Stammes und des Glaubens geben. Aus der reich belebten Götterwelt der Griechen entsprangen die unsterblichen Werke Homer's und Sophokles', Phidias' und Praxiteles, und Goethe wurde ein „Heide" genannt. Auf der anderen Seite hat die christliche Weltanschauung die unvergänglichen Schöpfungen des Nibelungenliedes und der „Göttlichen Comödie", Raffael's und Murillo's hervorgebracht. Und diesem Besten und Herrlichsten des sinnenden Meuschengeistes reihen sich als künstlerische Blüthen des Judenthums die Psalmen David's und das Hohelied Salomo's, die Lieder Heiue's und die Melodien Mendelssohn's an. So gleicht die Culturmeuschheit einem Baume, dessen vielfach gegabelte Aeste doch alle aufwärts streben und sich in der herrlichen Laubkrone wieder vereinigen. Nicht uns mache man einen Vorwurf daraus, wenn wir heute in der hoch über allen Zwist des Tages emporgewachsenen künstlerischen Gestalt Adolf Sonnenthal's den Einflüssen nachspüren, welche seine jüdische Abstammung und sein treues Festhalten am Judenthume auf die Entfaltung seiner reichen Gaben genommen. Der Vorwurf trifft Jene, die nicht müde werden, auch auf diesem Gebiete den confessionellen Haß zu schüren, die von der rein materialistischen Weltanschauung des Judenthums sprechen und demselben jeden Kunstsinn und jedes Kunstverständniß absprechen. Wie Heine und Mendelssohn, so straft sie auch Adolf Sonnenthal Lügen. Als ein armer ungarischer Judenjunge, in gedrückten Verhältnissen, mit Nadel und Scheere in der Hand, empfing er die ersten Anregungen seiner Kunst. Mau kann nicht sagen, daß er ein Ausnahmsjude war, daß er durch glückliche Verhältnisse, wie Heine und Mendelssohn, hinausgehoben war über die Trüb- und Mühsal, über das durchschnittliche Denken und Empfinden seiner Glaubensgenossen. Wenn aus solchem Milieu heraus ein Mann wachsen konnte, als dessen beste und grundlegende Eigenschaft Ludwig Speidel „edle Menschlichkeit" preist, dann muß ein gut Theil dieser Menschlichkeit, aber auch ein gut Theil künstlerischer Veranlagung und Entwicklungsfähigkeit schon in dem Stamme selbst liegen, dem er entsprossen. Und nebenbei sei bemerkt: Auch mit dem wilden Betyürenthum, mit dem „Stepp eng eiste" und der Culturfeindlichkeit der sogenannten Judäo-Magyaren, die ja immerhin einen Vörösmarty, einen Aranyi, einen Petöfi, einen Eötvös, einen Jokai, einen Munkacsy hervorgebracht, kann es nicht so arg sein, von denen Sonnenthal selbst schreibt: „Meine ungarischen Collegen waren es, die den ersten Keim der Schauspielkunst in mir gepflanzt und späterhin durch muster- und meisterhafte Darstellungen reichlich genährt haben." In Adolf Sonnenthal hat jener kosmopolitische Geist, der das Judenthum erfüllt und auf die Vereinigung aller Völker im Dienste der höchsten geistigen Interessen gerichtet ist, einen stolzen Triumph gefeiert. Selbstlos und mit der Bescheidenheit wahrhafter Größe rühmt er den nachhaltigen und tiefgreifenden Einfluß, den die bedeutendsten Vertreter der Schauspielkunst aller Nationalitäten auf seine Entwicklung genommen. In pietätvoller Dankbarkeit gedenkt er Fichtner's und Loewe's, Coquelin's und Got's, Salvini's und Roffi's, Adridge's und Booth's. Beim ihm ist keine Spur jener bornirten Selbstüberhebung und Selbstberäucherung des teutonischen Chinesenthums, welches nur eine deutsche Cultur, eine deutsche Kunst, eine deutsche Wissenschaft kennen will. Und dennoch hat der Jude Sonnenthal die deutsche Kunst zu höchster Ehre gebracht und seinen Namen in unverlöschlichen Zügen in die deutsche Kunstgeschichte eingeschrieben. An diesem Namen wird der Antisemitismus vergeblich radiren; er wird ein immerwährendes Zeugniß dafür bilden, daß die Geistesarbeit des deutschen Volkes der Mitwirkung unserer Glaubensgenossen nicht mehr entrathen kann. Befriedigt darf Adolf Sonnenthal auf die durchmessene Bahn zurückblicken. Noch ehe die Gnade des Kaisers ihm den Adelstitel verlieh, hat er bewiesen, daß er den echten Adel des Geistes und des Herzens besitzt. Ausgezeichnet von seinem Monarchen, bewundert von seinen Zeitgenossen, geachtet und geliebt von seinen Freunden, darf er von sich sagen, daß er ehrlich und wahrhaftig stets nach dem Höchsten: gestrebt, daß er zur Erhebung und Veredelung seiner Mitmenschen nach Kräften beigetragen. Die Treue aber, die er uns, die er dem Judenthum gehalten, rechnen wir ihm doppelt und dreifach zum Ruhme an und wir danken ihm dafür aus frohbewegtem Herzen! Vom goldenen Horn. (Original-Corresyondenz der „Oesterreichischen Wochenschrift".) Das schwere Unglück, das eine ungeheuer große Anzahl jüdischer Familien der türkischen Hauptstadt eine Woche vor Ostern betroffen, hat von Neuem gezeigt, welch' ein unversiegbarer Quell der Güte und des Mitleids das jüdische Herz ist! Bevor noch Hilfe vom Auslande kommen konnte, hat die hiesige Judenschaft, unterstützt von steigebigen Reichen, besonders vom Vereine der „vame8 äe kera", alles Mögliche gethan, um den armen Abgebrannten die nöthigste Hilfe angedeihen zu lassen. Man vertheilte unter sie Wäsche, Kleidungsstücke und Decken, abgesehen von den Lebensmitteln. Während der Woche, die den hohen Feiertagen voranging, wurde dafür Sorge getragen, daß die unglücklichen Leute, die

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