Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 20 (15.5.1896)
- Date
- 1896-05-15
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 406 Dr. Vlortz's Wochenfchrist. Nr. 20 wie Se. Hochwürden Herrn Elkan Benjamin, wird sie das Stück Fleisch, das über sie herrscht, absetzen und den Zaum meines Rockes ergreifen und mich anstehen, ihr Rabbi zu werden." „Freilich, wir brauchten einen orthodoxen Oberrabbiner", gab Gedaljah zu. „Orthodox? Dann und nur dann werden wir in London ein echtes Judenthum haben, nur dann wird die Literatur einen Aufschwung ' nehmen und die spanische Schule übertreffen, die man weit über ihr Verdienst lobt, denn keines ihrer Mitglieder besaß jene echte lyrische Begabung, die dem Jubellied des Vogels in der Paarzeit gleicht. Oh, warum besitze ich nicht auch die Vorrechte des Vogels, so wie ich seine Sängergabe besitze? Warum kann ich nicht paaren nach meinen Gefallen? Die thörichten Rabbis, die die Polygamie verboten! Wahrlich, wie es heißt: Das Gesetz Moses ist vollkommen und erfreuet das Auge — Ehe, Scheidung, Alles wird mit höchster Weisheit geregelt. Warum müssen wir die dummen Gebräuche Fremder nachmachen? Gegenwärtig habe ich nicht einmal eine Gefährtin. Aber ich liebe — oh, Gedaljah, ich liebe! Die Frauen sind so schön! Sie lieben die Frauen doch auch?" „Ich liebe meine Riwka", sagte Gedaljah. — „Ein Penny Pfand für jede Bierflasche!" „Ja, aber warum habe ich keine Frau?", fragte der kleine Poet zornig und seine schwarzen Augen funkelten. Ich bin ein feiner, großer, schöngebauter, hübscher Mann. In Palästina und auf dem Continent würden die Mädchen nach mir seufzen und mir Augen machen, denn dort lieben die Juden Poesie und Literatur. Aber hier! Hier kann ich in ein Zimmer eintreten, wo ein Mädchen sich befindet, und es thut so, als ob sie nicht sieht, daß ich da bin. Zum Beispiel Reb Schemuel's Tochter, ein feines, schönes Mädchen. Ich küsse ihr die Hand, meine Lippen küssen Eis. Oh, wenn ich nur Geld hätte! Und Geld würde ich haben, wenn diese englischen Juden nicht so dumm wären, wenn sie mich zum Oberrabiner wählen würden. Dann würde ich heiraten — zwei, drei, vier Mädchen." „Reden Sie nicht solche Narrischkeiten!", sagte Gedaljah lachend, denn er glaubte, daß der Dichter scherze. Pinkas sah ein, daß seine Begeisterung ihn zu weit geführt habe, aber seine Zunge war nicht zu bändigen und ging oft mit der Wahrheit durch. Er war ein wirklicher Dichter und besaß eine außerordentliche Gewalt über die Sprache und den Reiin. Er schrieb nach mittelalterlichen Mustern, wendete häufig Akrostichons und die Doppelreime an und verschmähte die bloßen Verdoppelungen der primitiven hebräischen Poesie. Vieles errieth er wie eine Frau, mit wunderbarer Schnelligkeit, Schlauheit und Ungenauigkeit. In gleicher Weise sprudelten sinnreiche Erklärungen der Bibel und des Talmud, neue Ansichten über Geschichte, Philologie, Medicin, über Alles und Jedes nur so aus ihm heraus. Er glaubte an seine Ideen, weil sie seine Ideen waren, und er glaubte an sich, weil er solche Ideen hatte. Manchmal kam es ihm vor, daß seine Natur ins Unendliche wachse, bis sein Kops die Sonne berührte — das geschah jedoch zumeist nach dem Wein — und von dieser Berührung blieb eine beständige Glut in seinem Kopf zurück. „Mn, Friede sei mit Ihnen," sagte Pinkas. „Ich überlasse Sie Ihren Kunden, die Sie belagern, wie mich die Mädchen belagerten. Mer was Sie mir erzählten, hat mich hoch erfreut. Ich habe Sie immer lieb gehabt, aber jetzt liebe ich Sie wie ein Weib. Wir, ich und Sie, werden diese Palästina-Liga gründen. Sie werden der Präsident sein — ich verzichte zu Ihren Gunsten — und ich werde Säckelmeister sein, wie?" „Wir werden sehen, wir werden sehen", wich Gedaljah, der Grünzeughändler, aus. „Nein, das dürfen wir nicht dem Pöbel überlassen, das müssen wir früher festsetzen. Also abgemacht, nicht wahr?" Er legte den Finger schmeichelnd au die Nase. „Wir werden sehen," wiederholte Gedaljah, ungeduldig. „Nein, sagen Sie ja! Ich liebe Sie wie einen Bruder. Gewähren Sie mir diese Bitte, und ich werde nie wieder etwas von Ihnen verlangen, solange ich lebe." „Nun, wenn die Anderen —" „Sie sind ein Fürst in Israel!", rief Pinkas begeistert. „Wenn ich Ihnen nur zeigen könnte, was in meinem Herzen vorgeht, wie ich Sie liebe!" Er tänzelte, den Kopf von nrächtigen Ranchwolken umhüllt, munter davon. Gedaljah, der Grünzeughändler, beugte sich über einen Korb Kartoffeln. Als er davon aufblickte, sah er zu seinem Schrecken einen Kopf in der Oeffnung des Ladenfensters. Es war ein schmales, schwarzbärtiges, von einem schmeichelnden Lächeln verzerrtes Gesicht. Ein schmutzig umränderter Zeigefinger war an die rechte Seite der Nase gedrückt. „Sie werden nicht vergessen", sagte der Kopf schmeichelnd. „Nein, ich werde nicht vergessen!", rief der Grünzeug- Händler ärgerlich. Die Versammlung fand um 10 Uhr Abends in dem von Gedaljah gegründeten Beth-Hamidrasch statt. Es war ein großes, ungefegtes Zimmer, zu dem man auf einer rauchigen, gleich der übrigen Nachbarschaft wenig aromatisch duftenden Treppe gelangte. In einer der letzten Bänke stand ein junger Mensch mit sehr langem Haar und dürren, fleischlosen Gliedern und schüttelte sich hin und her, während er in dem traditionellen Tonfall die Mischnah he^ableierte. In der Nähe der erhöhten Plattform, welche die Mitte einnahm, befand, sich eine Gruppe von Enthusiasten, unter denen die Figur des Frommen Karlkammer mit seinem dünnen, asketischen Körper und der Masse rothen Haares, das seinen Kopf wie ein Leuchtfeuer krönte, besonders auffiel. „Scholaum Alechem, Karlkannner!", begrüßte ihn Pinkas auf Hebräisch. „Alechem Scholaum!" antwortete dieser. „Ach", fuhr Pinkas fort, „süßer als Honig — ja als feiner Honig — ist es mir, wenn ich Jemanden treffe, uiit dem ich mich in der heiligen.Sprache unterhalten kann. Wehe, solche Kundigen werden immer weniger in unseren Tagen. Ich und Du, Karlkannner, sind die einzigen zwei Leute auf dieser Insel im Meere, die die heilige Sprache grammatikalisch sprechen können! Ah, heute kommen wir zu einer großen Sache zusammen. Ich sehe Zion, wie er aus seinen Bergen lacht und seine Feigenbäume vor Freude hüpfen. Ich will der Säckelmeister sein, Karlkammer — stimme für mich, dann wird unsere Gesellschaft blühen wie der grüne Lorbeerbaum." Karlkammer grunzte etwas Unverständliches und Pinkas ging weiter, um Gabriel Hamburg zu begrüßen. Für Hamburg bedeutete Pinkas die Quelle halb respectvvller Belustigung. Er konnte nicht umhin, das Genie des Dichters zu verehreil, selbst wenn er über seine Ansprüche auf Allwissenheit und seine kühnen, laienhaften Hypothesen lachte. „Bvruch habv!"*), sagte er, als er Pinkas bemerkte, um -dann auf Deutsch fortzufahren: „Ich wußte nicht, daß Sie beim Wiederaufbau Zion's mithelsen würden." „Warum uicfjt?", fragte Pinkas. „Weil Sie so viele Gedichte darüber geschrieben haben." „Unsinn", sagte Pinkas ärgerlich. „Hat König David nicht ebenso gut gegen die Philister gekämpft wie Psalmen geschrieben?" „Hat er die Psalmen geschrieben?", fragte Hamburg ruhig lächelnd. „Nicht so laut! Natürlich nicht. Die Psalmen wurden von Judas Maccabnus geschrieben, wie ich in der letzten Nummer der Stuttgarter „Zeitschrift" bewies. Aber das verstärkt meinen Vergleich noch mehr. Sie werden sehen, wie ich Schwert und Rüstung anlegen werde, imd auch Sie werde^ich noch im Vordertreffen der Schlacht erblicken. Ich werde L-äckelmeister jciu; stimmen Sie für mich, Hamburg, denn ich und Sie sind die zwei einzigen Leute, die die heilige Sprache wirklich kennen. Wir müssen Schulter an Schulter gehen und dafür sorgen, daß die Bilanz in der Sprache unserer Väter ausgestellt werde." In ähnlicher Weise sprach Melchisedek Pinkas mit Hiram Lyon und Simon Gradkoski. Der Erstere war ein blutarmer Schwärmer, der Tag für Tag an einem nutzlosen Commentar über das erste Capi'tel der Genesis arbeitete, der Letztere der stattliche Modewaarenhändler, in dessen Geschäft Daniel Hyams angestellt war. Gradkoski rivalisirte mit Reb Schemuel in der genauenLocalkenntniß von Talmudstellen — Seite soundso und Zeile soundso — und obwohl er im Geheimen ein toleranter Freigeist war, freute ihn sein Ruf als Bollwerk der Rechtgläubigkeit so sehr, daß er ihn nicht aufgeben wollte. Es war Gradkoski ein Leichtes, jetzt eine Factura und im nächsten Augenblick einen gelehrten Artikel über hebräische Astronomie zu schreiben. Pinkas ignorirte Josef Strelitzky, dessen Rabenlocke wild wie eine Piratenflagge über seiner hohen Stirn flatterte, obwohl Hamburg, den das Erscheinen des schweigsamen jungen Mannes in einer Versammlung etwas überraschte, ihn ins Gespräch zu ziehen versuchte. Der Mann, an den sich Pinkas zuletzt wandte, lvar ein Mann blos in dem Sinne seiner religiösen Mannbarkeit. Es war ein Knabe, namens Raphael Leon, der Sproß einer sehrwohlhabenden Familie, welcher ein seltsames, frühreifes Interesse für jüdische Literatur empfand und, da er Hamburg's Namen oft in gelehrten Fußnoten gesehen und später erfahren hatte, *) Gesegnet sei, der kommt!