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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-05-15 · 20 (15.5.1896) · page 17

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
20 (15.5.1896)
Date
1896-05-15
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Nr. Sv Sr. »loch's wochenschrM Seite 405 ebensowenig Gehör wie Herz. Daun schreibe ich ihm eine Rede auf, eine wundervolle Rede, die er bei der Tafel vor seinen Eltern und der ganzen Gesellschaft halten soll, und lasse ihn darin auch den Dank an die Eltern sagen, daß er mit Gottes Hilfe ein guter Jude werden und die hebräische Literatur und die hebräischen Gelehrten gleich seinem verehrten Meister Melchisedek Pinkas großmüthig unterstützen wolle. Und der Bub zeigt sie seinem Vater, und der Vater sagt, es ist kein gutes Englisch, und ein anderer Gelehrter wird ihm die Rede schreiben. Gutes Englisch! Gideon weiß soviel von Styl wie Se. Hochwürden Herr Elkan Benjamin von Anstand. Aber ich werde sie Beide vernichten! Ich kann nicht Englisch sprechen wie ein Engländer, das weiß ich, aber was siir eine Sprache in der Welt kann ich nicht schreiben? Französisch, Deutsch, Spanisch, Arabisch — Alles fließt aus meiner Feder wie Honig aus der Wabe. Und Hebräisch! Sie wissen, Gedaljah, ich und Sie sind die zwei einzigen Leute in London, die die heilige Sprache grammatikalisch schreiben können. Trotzdem wagen diese elenden Bankiers, diese Amrazim, zu sagen, daß ich nicht Englisch kann, und schicken mich fort — mich, der den Knaben echtes Judenthum und den Werth der hebräischen Literatur lehrte." „Was?! Man läßt den Jungen nicht mehr im Hebräischen unterrichten, weil Sie nicht Englisch schreiben können?" „Nein, sie hatten eine andere Ausrede. Eines von den Dienstmädchen sagte, daß ich sie küssen wollte — Lüge, niederträchtige Lüge! Und was jetzt? Der dumme Bub lvird einen ganzen Laden kostbarer Geschenke bekommen und eine dumme Rede von einem Narren von Engländer halten und alle Damen werden weinen. Wo aber wird da das Judenthum sein? Wer wird ihn gegen Freigeisterei impfen, wie ich es gethan hätte? Wer wird ihm den echten Patriotismus, die Liebe zu seiner Race, die Liebe zu Zion, dem Lande seiner Väter einflößen?" „Oh, Sie sind ein Mann nach meinem Herzen!", rief Gedaljah, der Grünzeughändler, von Bewunderung überwältigt. „Kommen Sie doch heute Abend in mein Beth-Hamidrasch, zu der Berathnng über die Begründung einer Palästina-Liga — der Blumenkohl kostet vier Penze liebe Frau!" „Ah, was planen Sie?", fragte Pinkas. „Ich habe eine Idee. Ein paar von den Unserigen kommen heute Abend zusammen und werden sie besprechen." „Ach ja, Sie haben immer neue Ideen. Sie sind ein Weiser und ein Heiliger, Gedaljah. Ihr Beth-Hamidrasch ist der einzige Mittelpunkt der echten Frömmigkeit und der jüdischen Literatur in London. Die Ideen, die sie in den jüdischen Blättern behufs Verbesserung des Loses unserer armen Brüder veröffentlichen, sind wirklich staatsmännisch. Aber was siir eine Hilfe kann man von diesen Dummköpfen, diesen reichen Engländern erwarten? Sie verstehen nicht einmal Ihre Pläne, sie haben nur Theilnahme für die Bedürfnisse des Magens." „Sie haben Recht, ganz Recht, Pinkas," bekräftigte Gedaljaha, der Grünzeughändler, eifrig. Er war ein großer, gelenkiger Mann, kleidete sich recht reducirt und plante in seinen Mußestunden, in den Intervallen seines Gemüsehandels eine Regeneration Judas. „Eine solche Idee beginnt mir auch jetzt aufzugehen, Pinkas," fuhr er fort. „Unsere reicheren Leute sind sehr wohlthätig, sie haben ein gutes Herz, aber kein jüdisches Herz, wie geschrieben steht — Ein Bündel Rhabarbar und zwei Pfund Brüsseler Sprossen? So, danke! Beehren Sie mich bald wieder! — Ich dachte also, warum helfen wir uns nicht selber? Nur die Seelen der Armen, der Unterdrückten, der Verfolgten schreien nach dem Lande Israels wie der Hirsch nach dem Wasser. Helsen wir uns selbst, senken wir die Hand in unsere eigene Tasche! Mit unseren Groschen werden wir Jerusalem und den heiligen Tempel wieder aufbauen. Wir werden einen Fond sammeln, langsam, aber sicher; die Frommen in ganz London und den Provinzen werden beisteuern. Mit dem ersten Gelde werden wir eine kleine Gruppe verfolgter Juden nach Palästina schicken, dann eine zweite und dritte; die Bewegung wird wachsen, wie ein rollender Schneeball, der zuletzt zu einer Lawine wird.";,Ja, und dann werden auch die Reichen zu Euch kommen", prophezeite Pinkas schrecklich aufgeregt. „Oh, das ist eine großartige Idee, wie alle Ihre Ideen! Ja, ich werde kommen, ich werde eine große Rede halten, denn meine Lippen wurden gleich denen des Jesaias mit der brennenden Kohle berührt. Ich werde die Herzen Aller entflammen, damit sofort ein Anfang gemacht wird. Ich werde noch heute die „Marseillaise" dieser Bewegung schreiben, mein Lager mit Dichterthränen benetzend. Wir werden nicht länger stumm sein, wir werden brüllen wie die Löwen des Libanon. Ich werde die Posaune sein, die die Zerstreuten ans allen vier Ecken der Welt herbeirnst, ja, ich werde der Messias selber sein!", ries Pinkas, auf den Schwingen seiner Beredsamkeit immer höher steigend und ganz an seine Eigarre vergessend. „Es freut mich, daß Sie so eifrig sind, aber erwähnen Sie das Wort Messias nicht, denn ich fürchte, unsere Freunde werden erschrecken und sagen, daß jetzt nicht die Zeit für den Messias ist, daß weder Eliahn noch Gog, König von Magvg, oder sonst ein Vorzeichen bisher erschien. — Ja, Schoten oder ausgeschotete Erbsen, mein Kind?" „Das dumme Volk! Hillel sagte sehr weise: 'Wenn ich mir nicht selbst helfe, wer wird mir helfen? Erwarten Sie, daß der Messias vom Himmel fallen wird? Wer weiß, ob ich nicht der Messias bin? Bin ich nicht am nennten Ab geboren?" „Still, still!", mahnte Gedaljah, der Grünzenghändler. „Wir müssen praktisch sein. Vorläufig sind wir noch nicht reis für Marseillaisen oder Messiasse. Das Erste ist, so viel Fonds zusamnlenzukriegen, daß wir eine Familie nach Palästina schicken können." „Ja, Ja", gab Pinkas zu, eifrig an seiner Eigarre ziehend, um sie wieder in Brand zu bringen, „aber wir müssen auch an die Zukunft denken. Ich sehe schon 'Alles vor mir: Palästina in den Händen der Juden, der heilige Tempel wieder erbant, ein jüdischer Staat, ein Präsident, der mit dem Schw rt und der Feder gleich gut umzugehen weiß — der ganze Feldzug breitet sich vor mir aus. Ich sehe Alles voraus wie Napoleon, der General und zugleich Dietatvr war." „Freilich, das ist unser Wunsch", sagte der Grünzeughändler vorsichtig. „Aber heute Abend handelt es sich nur darum, daß wir paar Leute eine Gesellschaft zum Sammeln der Gelder gründen." „Natürlich, natürlich, das verstehe ich! Sie haben Recht — es gibt Viele, die sagen, daß Gedaljah, der Grünzeughändler, immer Recht hat. Ich werde schon früher zu Ihnen kommen, zum Abendbrot, unl Alles zu besprechen, und da werde ich Ihnen zeigen, was ich für die Zeitung „Mizpeh" und für den „Arbeiterfreund" schreiben will — Sie wissen, alle diese Blätter reißen sich um mich - an ihr Lesepublieum müssen Sie sich wenden, dort werde ich meine flammenden Verse und Leitartikel zu Gunsten der großen Sache erscheinen lassen. Ich werde Euer Tyrtäus, Euer Mazzini, Euer Napoleon sein! Was für ein Glück, daß ich gerade jetzt in England bin! Ich habe im heiligen Lande gelebt, der Geist des Bodens hat sich mit dem meinen vermählt. 'Niemand vermag seine Schönheiten so zu beschreiben wie ich. Ich bin der richtige Mann im richtigen Moment. Und trotzdem werde ich mich nicht überstürzen — langsam, aber sicher. Mein Plan besteht darin, kleine Beiträge von den armen Leuten zu sammeln und zuerst immer eine Familie nach Palästina zu schicken. So müssen wir es machen. Was sagen Sie dazu, Gedaljah? Sind Sie einverstanden?" „Ja, ja, der 'Ansicht bin ich auch!" „Sie sehen also, ich bin nicht nur in großen Ideen ein Napoleon, ich verstehe mich auch ans die kleinen Einzelheiten, obwohl ich sie als Dichter verabscheue. Ah, nur der Jude hat große Ideen und führt sie mit geringen Mitteln aus! Tie Anderen sind so dumm, so dumm! . . „Ja, Sie werden beim Abendbrot sehen, wie praktisch ich bin. Ich werde Ihnen auch zeigen, was ich über Gideon, den Teputirten, diesen Hund von einem Bankier, geschrieben habe - ein satyrisches Gedicht habe ich über ihn geschrieben, ans hebräisch, ein Akrostichon, das seinen Namen deni Spott der Nachwelt überliefern wird. Aetien und Papiere habe ich in's Hebräische übersetzt, mit ganz neuen Worten, die von allen Hebraisten sofort aeceptirt und dem Lexikon der modernen hebräischen Sprache einverleibt werden. Oh, ich bin furchtbar in der Satyre! Ich steche wie die Horniß — ich bin witzig wie Immanuel, aber beißend wie sein Freund Dante. Es wird morgen in der „Mizpeh" erscheinen. Ich werde diesen englischen Juden zeigen, daß ich Keiner bin, mit dem zu spaßen ist. Ich werde sie zertreten — nicht sie mich!" „Aber sie bekommen ja die „Mizpeh" nie zu Gesicht und könnten sie doch auch nicht lesen." „Schadet nichts! Ich werde es in's Llusland schicken — ich habe Freunde, große Rabbinen, große Gelehrte überall, die mir ihre gelehrten Manuseripte, ihre Commentare, ihre Ideen zur Durchsicht und Verbesserung schicken. Mag die englische Jndenheit sich in ihrem dummen Wohlstand wälzen, ich werde sie zum Gespött von ganz Europa und 'Asien machen. Aber ein Tag wird kommen, da sie ihren Jrrthum erkennt; dann wird sie nicht Prediger haben wollen,

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