Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 20 (15.5.1896)
- Date
- 1896-05-15
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 396 Dr Vloch's Wochenlchrist. Nr. 20 lich zugleich zu nehmen. Herr Lueger hat dem Mechaniker Schneider die ersten und wichtigsten Erfolge unter den Wiener Gewerbetreibenden zu verdanken. Der Meister Stampiglius verstand es, unter falscher Marke zu arbeiten. Er ist der Repräsentairt des leichten Gewissens innerhalb der antisemitischen Partei, er ist das Werkzeug der Jesuiten und der Vertreter der Jesuitenmoral. Wie er selbst seine politische Laufbahn mit der Fälschung von Stampiglien begann, so drückte er auch der antisemitischen Partei einen falschen Stempel auf, indem er unter dem Scheine der Gewerbefreundlichkeit die Geschäfte des Clericalismus besorgte. Es ist eine ironische Fügung des Schicksals, daß auch die letzte christlich-sociale Versammlung im großen Musikvereinssaale, in welcher Dr. Lueger über die deutschnationalen Meuterer Gericht hielt, unter dem Zeichen der falschen Stampiglie stattsand. Die „Ostdeutsche Rundschau" nagelt die Geschichte fest. Herr Lueger war der alleinige Einberufer, die Eintrittskarten trugen jedoch sämmtlich die Stampiglie des gemeinderäthlichen „Bürgerclubs", ohne daß dieser einen formellen Beschluß über die Einberufung der Versammlung gefaßt hätte. Im Bürgerclub sitzt ja auch Herr Pacher, der Freund Schönerer's und Wolf's, an welchen da ein „Volksgericht" vollzogen werden sollte. Die Stampiglie des Bürgerclubs sollte den Schein der Einigkeit in dieser Körperschaft erwecken, obgleich in derselben tiefgreifende Gegensätze bestehen, obgleich sich der Regierungsantritt der antisemitischen Partei unter den heftigsten Kämpfen im eigenen Lager vollzieht. Eine falsche Stampiglie war es, als in den vorausgegangenen Wahlschlachten Dr. Lueger, um die Stimmen der Deutschnationalen zu gewinnen, sich mit stolzer Emphase einen nationaldeutschen Mann nannte, mit den Vertrauensmännern Schönerer's eimge Händedrücke wechselte und sie seines unvergänglichen Dankes versicherte. Kaum war der Sieg errungen, ging er hin und verrieth seine Bundesgenossen von gestern. Wie hätte auch ein Mann, der all' feine Erfolge den Clericalen zu danken und sich ihnen vollständig verpflichtet hat, die freisinnigen Vertreter des nationalen Gedankens in seinen Reihen dulden können! Der Abgeordnete Geßmann hat in einem unbewachten Augenblicke aus der Schule geschwatzt, als er am Tage vor der Versammlung im großen Aürsikvereinssaale erklärte, daß fünf Sechstel des christlich-socialen Wahlfonds aus den Beiträgen der Pfarrer und Cooperatoren bestanden und daß der Wahlsieg in der Leopoldstadt ausschließlich der Agitation des Cooperators Dittrich zu danken sei. Und trotz diesem Geständnisse gebraucht auch Herr Geßmann wieder eine falsche Stampiglie, indem er sich gegen die Zumuthung verwahrt, daß er und feine Freunde die christlich-sociale Bewegung „verclericalisiren" wollen. Es ist nichts belustigender als das Duell, welches da die Herren Geßmann und Pacher in Wort und Schrift, in Versammlungen und Zeitungen miteinander ausfechten. Die Herren wissen genau, welcher Schimpf am schmerzlichsten trifft, welche Hiebe am blutigsten sitzen. Nach bewährten Mustern sind plötzlich Herr Geßmann und Herr Pacher „Judenstämmlinge" geworden. Der Letztere erklärt, Herr Geßmann „mauschle nicht nur mit der Zunge, sondern mit seiner ganzen Gestalt", und der Erstere revanchirt sich mit der Behauptung, die jüdische Abkunft sei Herrn Pacher in's Gesicht geschrieben, denn er könne für den Zwillingsbruder des Herrn — Alexander Scharf gehalten werden. Aber wo bleibt denn da die Unanfechtbarkeit der Rassentheorie? Es sind sonderbare Erscheinungen, welche der Antisemitismus zu Tage fördert! Trotz der Rassentheorie vermag ein Tr. Max L ö w und ein Dr. P o r z e r in den Reihen der antisemitischen Partei eine hervorragende Rolle zu spielen, und trotz der Superiorität der arischen Rasse, trotz dem Adel des arischen Blutes können einander die Herren Geßmann und Pacher zu politischen Schacherjuden stempeln. Ist die Rassentheorie vielleicht auch nichts - anderes als eine falsche Stampiglie? Und eine falsche Stampiglie war es auch, wenn die antisemitische Partei der Wählerschaft Jahre hindurch die lockendsten Versprechungen gemacht, wenn sie ihr die Vernichtung des angeblichen jüdischen Einflusses, die Befteiung des christlichen Volkes von aller Art von Ausbeutung verheißen hatte. Jetzt, wo sie am Ruder ist, will sie die Früchte des Sieges genießen, will sie selber nach Herzenslust ausbeuten. Noch in ihren Wahlaufrufen vom 23. Februar, 3. und 4. März d. I. haben die Antisemiten dem christlichen Volke die „Beseitigung des schädlichen „Zwischenhandels", die „größte Sparsamkeit im Gemeindehaushalte", die „wirthschaftliche Befteiung des christlichen Volkes", die „Abschaffung des' bezahlten Stadtrathes" und tausend andere schöne Dinge verheißen. Aber in der am Montag stattgefundenen Wählerversammlung mit Neubau erklärte bereits Herr Geßmann, es sei ein Unsinn zu glauben, daß nur 96 antisemitische Gemeinderäthe in die Rathsstube einziehen müßten, um die Erwartungen des christlicheil Volkes zu erfüllen, die wirthschaftliche Befteiung desselben hänge von hundert anderen Factoren ab, die außerhalb der Gesetzgebung ständen. Ja mehr noch, er leugnete direct und mit gewohnter Ungenirtheit, daß die antisemitische Partei all' diese Versprechungen gemacht, dieselben seien den Antisemiten nur von der „Judenpresse" unterschoben worden. Man sieht, der Volksverrath und die Corruption im eigenen Lager haben bereits begonnen, die falschen Stampiglien versagen schon ihre Wirkung. Der „kleine Mann" wird um die Früchte seines Sieges gründlich betrogen werden und die Zeit ist nicht mehr ferne, wo man die Aera des sogenannten „Judenliberalismus" noch als eine goldene preisen wird gegenüber dem schamlosen Beutehunger der antisemitischen Herrschaft. Der einzige Triumphator ist der Clericalismus! Für ihn hat Herr Schneider seine erste Stampiglie gefälscht, für ihn haben die Lueger und Geßmann der christlich-socialen Bewegung eine falsche Marke aufgedrückt. Aus dem Taumel dieser Tage wird das „christliche Volk" in Bälde zu einer schrecklichen Erkenntniß erwachen! Das Beileid des Ministers. Cultusminister Jnlius W l a s s i c s hat an den Präsidenten-Stellvertreter der orthodoxen israelitischen Centralkanzlei Leopold L i p s i c z folgendes Schreiben gerichtet: „Geehrter Herr Präsident! Aus Anlaß des Ablebens des Präsidenten der ungarländischen autonomen orthodoxen israelitischen Confession Ignaz Reich bitte ich Sie, vor der Commission mein Beileid zu verdolmetschen." Von der Universität. Die beiden clerilalen Verbindungen, die dentschkatholische „N o r i c a" und die schwarzgelbe „A u st r i a", die bekanntlich eine Genugthuung mit Waffen verweigern, beabsichtigen, anläßlich ihrer Stiftungsfeste am kommenden Montag, beziehungsweise Samstag, in voller Wichs mit Schlägern vor der Aula aufzufahren. Wie wir erfahren, hat aber der Rector ihnen dies untersagt, mit dem Bedeuten, daß er nicht für die Ordnung bürgen könne. Nun wendeten sich die genannten Verbindungen ans Unterrichtsministerium, ihr Recurs wurde jedoch abweislicki beschießen. So müssen Noricaner und Austrianer für diesmal ihre Prachtschläger daheimlassen. In Preußen haben die katholischen Studenten einen ungleich größeren Schutz gegen die Deutschnationalen. Ei» verurtheilter Antisemitenführer. Aus Baden wird uns geschrieben : Vor dem Einzelrichter Dr. L i n d n e r des Badener Bezirksgerichtes hatte sich unlängst der bekannte Antisemitenführer, Gemeinderath und Weinhauer Franz Schwab! wegen Ehrenbeleidigung zu verantworten. S ch m a b l hatte in der Gemeinde-Ausschußsitzung vom 17. März d. I. den Vorsitzenden Bürgermeister Josef W > tz m a u n als Lügner bezeichnet, so daß dieser klagbar gegen ihn auflrat. Der Geklrgte, welcher durch Dr. Vineenz von Berger vertreten war, erbot sich, für seine Behauptung den Wahrheitsbeweis zu führen, was demselben jedoch nicht gelang. — Der Richter verurtheilie den Geklagten zu einer Geldstrafe von 50 Gulden, eventuell fünf Tagen Arrestes. Der Grazer Lueger. Graz, 6. Mai. Die Untersuchung gegen den gewesenen Jnstitntsinhaber und späteren Redacteur eines christlich-socialen Blattes in Graz, Josef F e i ch t i u g e r, ist bereits abgeschlossen. Die Anklage wird auf Krida und Veruntreuung lauten. Feichtinger bleibt bis zur Verhandlung in Hast. Der Abgeordnete Dr. P a t t a i wurde ersucht, dessen Vertheidigung zu übernehmen, hat aber abgelehnt, ebenso hat sich bisher kein Grazer Advocatzur Uebernahme der Vertheidigung bereit gefunden. Ludwig Aeuerback und Rabbiner Dr. Wassermcimt. Feuerbach stand mit dem Vater des Kirchenrathes Dr. Moses v. Wassermann in Stuttgart und mit diesem selbst so lange diese Familie in Ansbach lebte, in freundschaftlicher Verbindung. In dem vor Kurzem im Verlage von I. G. Cotta erschienenen Buche: „Ludwig Feuerbach, sein Wirken und seine Zeitgenossen" von Will). Bolin in Helsingfors theilt (Seite 12) der Verfasser aus selbstbiographischen Aufzeichnungen Feuerbach's mit, daß sich derselbe als Gymnasiast eifrig mit der Bibel beschäftigte und wie der „Schwäbische Merkur" auszüglich mittheilt, um des Hebräischen Meister zu werden, sich nicht mit dem gewöhnlichen Gymnasialunterricht in der hebräischen Sprache für künftige Theologen habe genügen lassen, sondern zugleich bei einem Rabbiner Privatstnnden genonrmen habe. In einer der