Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 20 (15.5.1896)
- Date
- 1896-05-15
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 20 Dr. Vloch's Wochrnfchrist. Seite 395 Macht feiner Arbeit, sowie der productiven Thätigkeit. welche die Grundlage seines eigenen Reichthums ward. O, wie herrlich ist es, wenn man in Fülle die Güter der Erde besitzt, um für die Unglücklichen, die ans der untersten Stufe stehen, sorgen und ihnen die hilfreiche, stets zum Geben offene Hand reichen zu können. Wir können es laut sagen, meine Herren, es waren vornehmlich seine Religionsgenossen, welche diese seine Thatkraft so mächtig anregten. Das Feld seiner Thätigkeit war leider nur all zu groß. Baron Hirsch kannte die Thatsache, die keinem gewissenhaften Beobachter entgeht, daß die Juden in den Ländern, wo sie zahlreich sind, dem bejammernswerthesten Elend verfallen. Ihnen ist das historische Schicksal beschieden, zu verkümmern infolge hundertjähriger Leiden in einer Armuth, die jeder Beschreibung spottet. Wenn hie und da einmal Reichthümer austanchen, welche den Neid engherziger und mißgünstiger Geister erwecken, so gähnt dafür ringsumher ein ungeheuerer Abgrund von Nebeln, Dürftigkeit und unsagbares Leiden, welche die ausgiebigste Mildthütigkeit kaum auszufüllen vermag. Dorthin lenkte er in kluger Berechnung seine Kräfte und seine mächtigen Hilfsmittel. Zweifelsohne betrachtete er es, in seinen innersten Gefühlen verletzt, durch jene Art von religiöser Verfolgung, die von mancher Seite mit wilder Leidenschaft entfacht wird und über die unser zur Neige gehendes Jahrhundert nur erröthen kann, als seine heilige Pflicht,' soweit es in seiner Macht lag, den Ungerechtigkeiten der Geschichte und der Grausamkeit der Menschen zu steuern. Begabt mit einem feinen Verständnisse für die Bedürfnisse der menschlichen Natur, fand er, daß man, um die materielle Lage dieser enterbten Volksmassen zu verbessern, weniger an die Gegenwart, als an die Zukunft denken müsse, und daß es die beste Bürgschaft des Erfolges sei, wenn vor Allem ihr moralisches Niveau gehoben wird. Er verfolgte somit ein dreifaches Ziel: Er sicherte der jüdischen Jugend in jenen Gegenden, wo sie am meisteil der Verwahrlosung überliefert ist, jenes primitive Maß der Bildung, die nothwendig ist, um in dem Menschen das Gefiihl seines Werthes und das Bewußtsein seiner Würde zu heben. Er erleichtert ihr die Erlernung des Handwerkes, welches das sicherste Mittel für ein bescheidenes, aber nützliches und ehrenvolles Leben ist; endlich erweckte er, anknüpfend an die ältesten Traditionen des Judenthnms, in der jüdischen Bevölkerung den Sinn und die Geschicklichkeit für den Ackerbau, um an der Hand der Erfahrung zu zeigen, daß wir trotz aller Vorurtheile geeignet sind in jeder Richtung den vitalsten Interessen der menschlichen Gesellschaft zu dienen. Daher stammt die große und werkthätige Sympathie, die er den von der „Alliance Jsraelite Universelle" im Orient erhaltenen Schulen und Unterrichtsanstalten entgegenbrachte, deren Programm so sehr seinen eigenen Ideen entsprach mrd die von der Vorsehung im Voraus gleichsam zum nützlichen Werkzeuge seiner großen Ziele gemacht wurden. Daher stammen seine großen Stiftmlgen, mit denen er Galizien und die Stadt New-Pork bedachte; daher die großen Opfer, die er sich auferlegte, um die voll den russischen Juden in Nordamerika mrd Canada gegründeten Ackerbaucolonien zu erhalten; daher endlich der großartige Plan einer ausgedehnteil Colonisation in der argentinischen Republik zum Wohle tausender Unglücklicher, denen er nicht blos ein neues Vaterland, sondern auch eine neue Existenz geben wollte. Zn unserem tiefen Schmerze war es ihm nicht gegönnt, noch bei Lebzeiten die volle Entwicklung seiner wunderbaren Schöpfungen, die seinen Geist so sehr beschäftigen, zu sehen; aber der Same ist ansgestreut, der Grundstein ist gelegt, und wir haben die Gewißheit, daß die Zukunft die Hoffnungen des Baron Hirsch rechtfertigen werde. Obgleich er auf diese Weise für eine niehr oder minder entfernte Zukunft wirkte, blieb er dennoch nicht unempfindlich für die Leiden, die eine unmittelbare Hilfe erheischten. Gott allein kennt all das Gute, das er für Nah und Fern geübt. Wie viele Unglückliche wurden aus der Noth befreit durch sein mit vollen Händen ausgestreutes Gold. Wie viele trostlosen Familien, die in Verzweiflung lebten, verdanken ihm bessere Tage. So oft Unglücksfülle, wie Kriegsverwüstungen, Epidemien, Hungersnoth, Ueberschwemmungen, Brände, eine Gegend heimsuchten, wandten sich alle Blicke zu ihm empor, wie zu einem prädestinirten Helfer, die Opfer aller Schicksalsschläge setzten ihre Hoffnung auf seine Güte, kein Berzweiflungsschrei verhallte ohne Echo in seinem Herzen und die Größe der Hilfe richtete sich stets nach der Größe des Unglücksfalles. Seine Delegirten, wahrhafte Apostel des Friedens und der Mildthütigkeit, gingen überall hin, wo man litt, brachten Hilfe, flößten mir ihren Worten Math und Hoffnung ein, richteten die niedergedrückten Gemüther auf, heilten die blutenden Schläge, ohne sich im Geringsten um die ^Abstammung und das Glaubensbekenntniß Derjenigen zu kümmern, die um Hilfe und Beistand flehten. Herr v. Hirsch wußte es, daß im Angesichte des Unglückes die Menschen Brüder sind, ebenso, wie sie es vor Gott sind. So, meine Herren, ist Baron Hirsch bekannt, geehrt und gesegnet in der ganzen Welt. Diese allgemeine Dankbarkeit war eine gerechte Vergeltung für solche Seelengröße und solchen Edelmuth. Sie trat in allen Formen und in allen Sprachen zu Tage und mit Recht müssen wir hinzufügen, daß diese Dankbarkeit sich mit derselben Intensität auch auf diese edle und Gott ergebene Gattin erstreckte, welche an das biblische Ideal des wackeren Weibes gemahnt auf diese mit solcher Hochherzigkeit und so erhabenem Geiste begabte Frau, welche alle großen Schöpfungen ihres Mannes förderte und seine guten Werke unterstützte. Unsere traurigen Gedanken weilen selbstverständlich während dieser erschütternden Trauerfeierlichkeit bei ihr und aus tiefem Herzen bezeugen wir ihr die Huldigung einer achtungsvollen Sympathie und unser innigstes Beileid. Ja, wir theilen ihren Schmerz, ihre Trauer ist eine Trauer für uns alle, weil der Schicksalsschlag, der sie traf, einen mächtigen Wiederhall in unseren Seelen hervorrief. Das Hinscheiden des Baron Hirsch läßt eine unermeßliche und unausftillbare Leere zurück. Allein es bedurfte nicht erst dieses Tages um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Man kann sagen, daß für ihn der Nachruhm schon bei Lebzeiten begann. Sein Name war schon von Vorbedeutung, der Name Moses. Dies ist der glorreiche Name vieler Männer, die eine tiefe Frirche in die Geschichte des Jndeuthums eingegraben. Wir beugen uns in Ehrfurcht vor dem Andenken Moses, des großen Propheten, des unsterblichen Gesetzgebers : vor Moses Maimonides, dem erhabenen Denker, der mit unvergleichlichem Glanze in der jüdischen Geschichte strahlt; vor Moses Mendelssohn, dem die Vorsehung einen ersten Platz in unserer modernen Geschichte zugewiesen, gleichsam, um ihr Morgenroth zu verklären: vor Moses Montefivre, dem muthigen Vorkämpfer für Gewissensfreiheit und dem verehrten Wohlthäter feiner Mitbürger. Der Name Moses Hirsch setzt in würdiger Weise die Reihe fort und die Geschichte wird sein Andenken erhalten durch die künftigen Jahrhunderte. Dank seinen Wohlthaten, hat er selbst seinem Andenken ein unverwüstliches Denkmal errichtet, welches den Zeiten trotzen und, wie die heilige Schrift sagt, für sein Andenken mehr wirken wird, als zahlreiche Nachkommenschaft. Wenn er sich die Unsterblichkeit seines Andenkens unter den Menschen gesichert, so hat er in gleicher Weise jene glückselige Unsterblichkeit erworben, die nach dem Glauben der Menschen und den Lehren unserer Religion den Erhabenen, Edlen und Mildthätigen verheißen wurde, die berufen sind, ihr Wesen in der Welt der Gerechtigkeit und höchsten Wahrheit fortzusetzen, wo sie sich an dem Anblicke der Gottheit, dem ewigen Principe des Guten, der Milde und der Liebe erfreuen. Was uns betrifft, meine Herren, können wir ans dem Leben und dem Tode unseres Bruders eine zwar alltägliche, aber dennoch bedeutungsvolle Lehre ziehen, welche die Richtschnur der Lebensführung eines jeden Menschen sein sollte, der bestrebt ist, in edler Weise seine Bestimmung zu erfüllen. Das Leben bedeutet nur wenig; das Uebergewicht, welches der Reichthnm gewährt, der Glanz der Größe und die Fülle der Ehren, sie fehlten Herrn v. Hirsch wahrlich nicht. Doch alles das ist geringfügig. Der Tod ist es, der darauf lauert und in einem Augenblicke uns aller dieser äußeren Bortheile beraubt. Was aber bleibend ist, und uns überlebt, das ist das Gute, das wir geübt, das sind unsere Bestrebungen, die Leiden unserer Mitmenschen zu erleichtern, um denjenigen, die mit Ungemach kämpfen, ein wenig Muth, Licht und Hoffnung zu bringen, um die socialen Gegensätze zu mildern, kurz um der Menschheit zu dienen. Gutes den Menschen zu thun, heißt Gott dienen und im Sinne der Vorsehung wirken, sich die Achtung und Liebe der Menschen erwerben, kurz, den Segen des Himmels verdienen im Leben und im Tode, Amen! Vom Jahrmarkt des Lebens. Unter falscher Stampiglie. Gefälschte Stampiglien spielen in der Entwicklungsgeschichte der antisemitischen Partei eine bedeutsame Rolle; mir gefälschten Stampiglien hat sie ihren Aufstieg zur Macht begonnen und mit falschen Stampiglien tritt sie die Herrschaft im Rathhause an. Das ist wörtlich und bild-