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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-05-15 · 20 (15.5.1896) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
20 (15.5.1896)
Date
1896-05-15
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 394 Dr. Blvch's Wochenfchrifi Nr. 20 weiblichen Arzt sich eine sehr gute Zukunft eröffnen kann, da bekanntlich türkische Frauen nach den Grundsätzen des Korans sich nie oder nur ausnahmsweise männlichen Aerzten anvertrauen. Also, es hieß: Auf nach der Türkei, nach dem gelobten Lande der weiblichen Acrzte, wo ein von der Berner Universität ausgestelltes Zeugniß über die glänzend beendeten medicinischen Studien als genügender Ausweis betrachtet wird. Doch konnte man nicht in Abrede stellen, daß es für eine junge Dame (sie möge noch so sehr Doctor der Medicin sein), ziemlich gewagt sei, in ein fernes, fremdes Land zu gehen, ohne jegliche Empfehlung. Und da kam man auf die Idee, sich an mich zu wenden, um durch meine Vermittlung beim türkischen Botschafter Empfehlungen zu erlangen, da es in der hiesigen jüdischen Colonie sehr gut bekannt war, daß Schakir-Pascha mir gewogen sei und ich in seinem Hanse auf freundlichem Fuße verkehre und auch mit seinen beiden Söhnen (die hier im Seecadettencorps erzogen wurden) sehr intim war. Und so kam der weißbärtige Vater des jungen weiblichen Doctors zu mir und trug mir sein Anliegen vor. Ich übernahm sehr gerne diesen Auftrag. Obgleich ich bei Schakir-Pascha me um etwas gebeten hatte, so kannte ich doch seine außerordentliche Herzensgüte und Liebenswürdigkeit gar zu sehr, als daß ich einen Augenblick an der Erfüllung meines Gesuches hätte zweifeln können. Meine optimistische Vorahnung hatte mich auch nicht getäuscht. Kaum hatte ich Schakir-Pascha mitgetheilt, worum es sich handle, als er sich sofort an den Schreibtisch setzte, um die Empfehlungen fertig zu schreiben. „C<mnnent douc!“ sagte er, es handelt sich doch um eine Cousine und außerdem werde ich unseren Haremsbewohnerinnen einen außerordentlichen Gefallen erweisen, wenn ich ihnen einen tüchtigen weiblichen Arzt empfehle." Eine halbe Stunde darauf hatte ich zwei Briefe in Händen : einen an den Großvezier und einen zweiten an den Minister der auswärtigen Angelegenheiten. Er übersetzt mir den Inhalt beider Briefe, in welchen er die Ueberbringerin wärmstens empfahl und bat, derselben nach Kräfte;: behilflich zu sein; er würde jede ihr erwiesene Gefälligkeit als eine ihm persönlich angethane betrachten, da ihm die junge Dame durch einen Freund sehr angelegentlichst empfohlen worden, zu dem er das bedingungsloseste Zutrauen habe. Er kenne zwar die junge Dame nicht, übernehme jedoch trotzdem eine jede Garantie für sie. Die junge Dame reiste bald darauf nach Constantinopel und hat daselbst Carriere gemacht. Sie ist nicht nur Hausarzt in den Familien des Großveziers und des Ministers des Auswärtigen geworden, sondern auch noch in zahlreichen anderen vornehmen türkischen Häusern; sie hat ihren greisen Vater und ihre zahlreichen Geschwister (die irgendwo im Ghetto ein elendes Dasein ftisteten) zu sich genommen. Wenige Monate darauf sagte mir Schakir-Pascha: „Mon cousin, ich bin mit Ihnen zuftieden, Ihre Proteg«, meine Cousine, hat meiner Empfehlung Ehre gemacht und alle Welt ist ihres Lobes voll. Wenn ich Ihnen noch mit Derartigem dienen kann, so stelle ich mich ganz zu Ihrer Disposition. Ich kam nicht dazu, die Liebenswürdigkeit des türkischen Diplomaten in Anspruch zu nehmen. Zu allgemeinem Bedauern wurde Schakir-Pascha bald darauf abberufen und habe ich ihn seit der Zeit nicht mehr wiedergesehen. Er bekam eine hohe Stellung bei Hofe, ward der Vertraute des Sultans, fiel dann in Ungnade, um dann wieder die Sonne der Huld des Padischas leuchten zu sehen. Während der jüngsten armenischen Unruhen in Kleinasien ward Schakir-Pascha abdelegirt, um den Aufstand niederzuschlagen. Man sagt, er sei mit beispielloser Grausamkeitgegen die armenischen Insurgenten vorgegangen. Ich glaube das nicht, denn Schakir-Pascha war ein herzensguter Mensch, fteilich ä Ja guerre comine ä Ja gnerre, und eine Jnsurrection kann man nicht mit Glacehandschuhen Niederschlagen. Rede des Grotzrabbiners von Frankreich, Herrn Zador-Rahn sm Sarge des Baron Hirsch.*) M eine Herren! Wenn der israelitische Cultus, wie andere große Religionsgenossenschaften, ein gemeinsames Oberhaupt au der Spitze *) Es gereicht uns zur besonderen Befriedigung, den Lesern dieses Blattes, sei es auch nur in matter Wiedergabe des französischen Textes, den Nachruf bringen zu können, welchen der gefeierte Kanzelredner, der als Mensch und Seelsorger so hervorragende Großhätte, welches sein Vertreter, sein bevollmächtigter Dolmetsch und svzttsagen sein lebendiges Gewissen wäre, so käme diesem das Recht und die Pflicht zu, bei diesem schmerzvollen Ereignisse das Wort ztl ergreifen. Baron Moriz Hirsch . gehörte nicht dieser oder jener jüdischen Gemeinde, er gehörte nicht den Juden dieses oder jenes Landes an, er gehörte dem gesummten Judenthume au, dessen unermüdlicher Wohlthäter, dessen allenthalben gar sehr anerkannter Beschützer er war. Deshalb hat die Nachricht von seinem Tode in allen Kreisen der jüdischen Bevölkerung tiefe Bestürzung und aufrichtigen Schmerz hervorgerufen; deshalb sind aus allen Weltgegenden Kundgebungen der Trauer, der Theilnahme und der Dankbarkeit erfloss'en; deshalb ist dieser Sarg von zahlreicher! und hervorragenden Vertretern der einflußreichsten europäischen Gemeinden umringt, deren Anwesenheit dieser Leichenfeier den wahren Charakter verleiht und von der Größe unseres Verlustes zeugt. Ich bin nicht berufen, in deren Namen zu sprechen, aber ich bin überzeugt, daß meine Worte ein Echo in Ihren Herzen finden werden; gleichwohl darf das religiöse Oberhaupt der französischen Judenschaft, das Recht in Anspruch nehmen, die Gefühle Aller zum Ausdrucke zu bringen. Denn h i e r war es, wo erdacht und entworfen, beschlossen und verwirklicht wurden die Pläne jener großartigen Stiftungen, welche den Namen des Baron Hirsch so populär machten, von hier ans ergossen sich, wie aus einer unversiegbaren Quelle, die Wohlthaten seiner unvergleichlichen Mildthätigkeit. Wir waren deren tiefbewegte Zeugen, wir waren die ersten Vertrauten und hatten wiederholt Gelegenheit, dein Schöpfer so vieler edler Entwürfe die Bewunderung und die Dankbarkeit der Gesammtheit unserer Religionsgenossen auszudrücken. Baron Hirsch, meine Herren, und er war sich dessen stets bewußt, huldigte den den Traditionen des Judenthums innewohnenden leitenden Gedanken: daß eine außerordentliche Stellung auch außerordentliche Pflichten a u f e r l e g e, daß die durch unsere Kraft und den Segen von oben erworbenen Güter nicht anderes sind, als ein von der Vorsehung in unsere Hände gelegtes Vermächtnis; welches dem allgemeinem Besten dienstbar gemacht werden müsse. Dies war das leitende Princip seiner Handlungsweise und das Geheimnis; seiner verschwenderischen Wvhlthätigkeit, die wir von dem Tage a n, wo er sich in unserer Mitte niederließ, bewundern lernten. Ach! ein schrecklicher und unerwarteter Schlag, der ihm mitten ins Herz traf, gab dem Drange seines Herzens, die menschlichen Leiden zu lindern, einen neuen Antrieb. Neun Jahre sind es her, daß wir wie heute hier vereint waren unter dem Banne eines niederschmetternden Schlages. Wir beweinten mit den verzweifelten Eltern den vielgeliebten Sohn, den ihnen Gott entrissen. Wir mußten im ersten Augenblick befürchten, daß unser Mitbruder unter der Wucht eines Schlages, der so viele Hoffnungen vernichtete, zusammenbrechen wird. Aber er bewährte eine solche Charakterstärke, eine so außerordentliche Spannkraft, daß er sich bald aufrichtete. Er gab seinem natürlichen Schmerze eine Weibe und lenkte ihn in der edelsten Weise ab, indem er sich noch mehr als früher seinem menschenfreundlichen und wohlthätigen Wirken hingab. Nach dem Verluste seines Sohnes, der seinen Namen erben und sein Haus fortsetzen sollte, schuf er eine große Familie seiner unglücklichen Religionsgenossen. Von da ab bot er das wahrhaft bewunderungswürdige und in der Geschichte vielleicht einzige Schauspiel: daß ein Mann, der den Gipfel des Reichthums erklommen, ohne Unterlaß seinen Blick auf die Enterbten wandte und sie verschwenderisch mit seinen Gütern überhäufte, um ihnen zu helfen und sie zu erheben. Er machte das Wohlthun zu seinem wissenschaftlichen Lieblingsstudium, es ward seine Hauptbeschäftigung, der Gegenstand des Nachdenkens in schlaflosen Nächten; er übte seine von großartiger Conception zeugende und einen hohen Gesichtspunkt verrathende Wvhlthätigkeit mit der Fülle der Erfahrung und der rabbiner von Frankreich, Herr Zadoc-Kahn dem verewigten Philantropen gehalten. Die Rede machte auf alle Anwesenden einen mächtigen und unauslöschlichen Eindruck. Sie ist auch in der Thal ein Meisterstück und muß von denjenigen ganz besonders bewundert werden, die sich die nach mancherlei Richtung hin höchst merkwürdige Persönlichkeit, der sie galt, vergegenwärtigen und die Zeitverhältnisse, in welchen diese markante Persönlichkeit zu wirken berufen war, in Betracht ziehen.

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