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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-05-15 · 20 (15.5.1896) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
20 (15.5.1896)
Date
1896-05-15
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 20 Dr. Bloch'« Wochenschrift. Seite 393 Der muselmännische Papst, der Scheich-nl-Jslam, empfing vor einiger Zeit in Constantinopel den Cvrrespondenten eines deutschen Blattes, und während einer längeren Unterredung, die er mit dem deutschen Journalisten hatte, betonte er ganz besonders die Toleranz, welche die Grundlage der Glaubenslehre des Islam bildet: „Es ist ganz falsch," sagte der Scheich, „wenn man behauptet, daß der Islam Haß gegen das Ehristenthnm predigt. Nichts Aehnliches findet sich in unseren Dogmen, die keinen Religionshaß zulassen. Nach unseren Gesetzen sind alle Unterthanen des moslemischen Staates gleichberechtigt, seien sie Inden, Mohammedaner, Christen u. dergl. Alle, ohne Unterschied des Glaubens, erfreuen sich bei uns gleicher Rechte. Ueberhaupt darf der Islam eine absolut demokratische Religion genannt werden. Die Türken gehen in ihrer religiösen Toleranz viel weiter als die Christen. Es wäre wahrlich Zeit, daß Europa zu der Ueberzeugung käme, wie irrig die Vorstellungen über türkischen Fanatismus und mohammedanisch religiöse Unduldsamkeit sei." Beim Abschied sagte nochmals der Scheich, alles früher Gesagte gleichsam resumirend: „Wann wird Europa endlich einmal zu der Einsicht kommen, wie falsch seine Meinung über die Grundsätze des Islams sind und wie lügnerisch alle die Gerüchte, die über unsere religiöse Versolgungswuth verbreitet werden. Das sind die traurigen Folgen der Ignoranz und der Bvrurtheile." Daß die Duldsamkeit in der Türkei nicht blos in Worten gepredigt wird, sondern sich auch in Thaten ausdrückt, davon kann ich Ihnen einen eclatanten Beweis liefern, den ich nicht nur selbst erlebt, sondern in welchem ich auch eine gewisse active, wenn freilich ziemlich untergeordnete Rolle gespielt habe. II. Bald nach dem Berliner Congreß, nachdem die diplomatischen Beziehungen zwischen den beiden kriegführenden Mächten — Rußland und der Türkei — wieder ausgenommen worden waren, wurde der Mnschir (Generalfeldmarschall) Schakir-Pascha als Botschafter der Pforte bei der Petersburger Regierung accreditirt. Trotzdem daß Schakir-Pascha den russischen Truppen während des Krieges gar manche blutige Schlachten geliefert uub sich besonders durch die heldenmüthige Bertheidigung des Schipkapasses hervorgethan und der russischen Armee, (die sich' da mit Lorbern bedeckt) viel Unheil zugefügt, ward der schneidige türkische Feldherr, der sich plötzlich in einen findigen Diplomaten verwandelt hatte, bei uns sehr gut empfangen, und es währte nicht lange, so war der osmanische Haudegen sowohl bei Hofe als in der Gesellschaft persona uratissima. Dazu trugen seine Urbanität und Liebenswürdigkeit, sein unverwüstlicher Humor und schlagender Witz nicht wenig bei. Er war ein Mann, so in der Mitte der Fünfziger, höchst bescheiden und einfach in seinem Wesen, leutselig und herablassend und hätte inan in ihm nie und nimmer den berühmten Feldherrn sehen können. Er hatte eher das Aussehen eines Rabbiners, dieser türkische Marschall und Diplomat mit den prononcirt ausgesprochenen semitischen Zügen des vollen behäbigen Gesichtes, welches von einem stark mit Grau melirten dunklen kurzgeschorenen Vollbart umgeben war. Beim Himmel! Schakir-Pascha sah einem Juden stark ähnlich und anfänglich spöttelte man über sein jüdisches Aussehen, besonders wenn er bei Hofbällen die Kaiserin zum Tanz führte, zur Polonaise oder zur Quadrille, die Ihre Majestät vorzugsweise mit dem Pascha zu tanzen liebte, da er sehr unterhaltend war und mit seinem kauderwelschen, wenn auch ziemlich fließenden Französisch alle Welt, besonders jedoch die Damen, bezauberte. Wenn er jedoch in der reich mit Gold gestickten Marschallunisorm, die Brust mit strahlenden Brillantsternen und anderen hohen Ordenszeichen bedeckt, jüdisch aussah, umso jüdischer sah Seine Excetlenz aus, wenn er seinen langen schwarzen Rock anzog und sich gehen ließ. Dann sah er in der That einem Rabbiner zum Verwechseln ähnlich, obwohl Schakir-Pascha ein Bollbluttürke ist. Ich machte die Bekanntschaft des türkischen Diplomaten in dem Atelier eines unserer berühmtesten Landschaftsmaler (in der Akademie der Künstler). Beide — der russische Künstler und der osmanische General — liebten das Ballet und — die Ballerinnen. Schakir-Pascha war ein Lebemann und der schneidige Haudegen, der geriebene Diplomat liebte es, den Galant, „den verstuchten Kerl" zu spielen. Dabei war er von einer bezaubernden Liebenswürdigkeit, ein großherziger Beschützer von Kunst und Wissenschaft. Man sah ihn ebenso häufig im Ballet und in der Demimonde, als in Bibliotheken und Museen. Wie gesagt, ich wurde ihm in dem Atelier des Professor K. vorgestellt und als Schakir-Pascha hörte, daß ich Jude sei, so nannte er mich nicht anders als mon cousin. „Sind wir denn nicht Vetternrief er jovial ans, und wenn auch Ihr Urahne Abraham den Einflüsterungen seiner legitimen Ehehälfte (unter deren Pantoffel er stand) Folge leistete und meine Urahnin mit ihrem Söhnchen Jsmael ans dem Hanse und in die Wüste trieb, so daß sie Beide fast vor Hunger und Durst nmgekommen wären, so wollen wir dies geschehen sein lassen und drum „keine Feindschaft nicht" (fügte er deutsch hinzu). Jetzt, mon cousin. Ihre Hand zum Friedensschluß. Und so lernte ich den liebenswürdigen Diplomaten kennen und hochschätzen. Ich besuchte ihn häufig sowohl in seiner Wohnung am Newaquai mit der 'Aussicht ans den herrlichen Newastrom und den Grandvillen der Peter-Paul-Festung mit der dunkel dränenden Schießscharte, als auch in seiner reizenden Billa aus der im Newa-Archipel gelegenen Krestowski-Jnsel. Er war von bezaubernder Liebenswürdigkeit uttü kamen wir oft auf die Judenfrage zu sprechen, welche dazumal (1882) sehr acut geworden war. Er verdammte mit energischem Freimnth die unmotivirten Verfolgungen und sprach sich über die Glaubensduldsamkeit in der Türkei fast in eben demselben Sinne aus, wie eS unlängst der Scheich-nl-Jslam gethan. Schakir-Pascha mißbilligte resolut die Politik der russischen Regierung in Bezug auf ihre jüdische Unterthanen, obwohl er freilich als Diplomat seinen Gefühlen nur in vertranten! Gespräche mit einer zuverlässigen, vertrauenswerthen Person, als welche er mich betrachtete, Luft machen konnte. Mich wunderte es nicht wenig, daß Schakir-Pascha so ziemlich eingehende Kenntnisse liber die Dogmen der jüdischen Religion besaß, was er niir dadurch erklärte, daß er mit verschiedenen Inden befreundet gewesen, die ihn mit den Grundsätzen des Judaismus bekannt gemacht. „Was mir besonders am Jndenthnm gefällt, sagte der türkische Diplomat, ist, daß der Einfluß der Geistlichkeit auf's Volk gleich Null ist, daß im Grunde genommen es eigentlich gar keine geistliche Kaste bei euch gibt. Moses war der größte und weiseste Gesetzgeber aller Zeiten. Dadurch, daß er die Kaste der Geistlichkeit (Brahmen) vom Sterbebette entfernt, daß er den Geistlichen verbot, bei den Todten zu weilen, hat er den Einfluß derselben auf die Menge ganz nentralisirt. Wann ist der Mensch dem Einflüsse des Geistlichen am zugänglichsten, wenn nicht am Sterbebette im Todeskampfe? Das hat die Geschichte aller Völker gelehrt. Und der jüdische Gesetzgeber, der in prophetischer Weisheit das alles voraussah, wollte diesem verhängnißvollen Einfluß von vornherein jeglichen Boden entziehen. Diese Verordnung allein würde genügen, nein legislatives Anrecht auf Unsterblichkeit, auf ewige Dankbarkeit seinem Volke zu geben. So sprach der türkische Mnschir. Ich citire diese Episode nur, um zu zeigen, mit welchem aufgeklärten Manne ich zu thnn hatte, und folgende Thatsache zu erklären, die den eigentlichen Kernpunkt dieses meines Briefes bildet. III. Es war so in der zweiten Hälfte der Achtziger-Jahre, als mich ein armer Glaubensgenosse in einer für ihn sehr wichtigen Angelegenheit besuchte und mich bat, ihm in derselben behilflich zu sein, da das, wie er behauptete, in meiner Macht stünde. Er hat eine einzige Tochter, die nach Bern gegangen war und dort Medicin studirt hatte. Sie hatte ihre Studien glänzend absvlvirt, wurde zum Toctor der Medicin promvvirt; jetzt sei sie nach Petersburg gekommen, in der Hoffnung, ihre in der Schweiz erworbenen Kenntnisse zu verwerthen und den Ihrigen, denen sie so lange zur Last gewesen, jetzt eine Stütze zu werden. Doch hatte die Aermste die Rechnung ohne den Wirth gemacht und sah sich bald in ihren süßen Erwartungen gar herb getäuscht. Man ließ sie nicht nur nicht zum Examen zu, um das Recht zur Ausübung der medicinischen Praxis zu erlangen (ein jeder Arzt, der im 'Anslande studirt hat und in Rußland als praktischer Arzt auftreten will, muß behufs Erlangung dieses Rechts sich einer nochmaligen eingehenden Prüfung an einer russischen Universität unterwerfen, nicht blos in seinem Specialfache, sondern auch aus Lehrgegenständen des Gymnasiums), sondern es wurde ihr auch das Recht bestritten, in Petersburg ihren Aufenthalt zu nehmen. Es lvurde ihr geboten, sich sofort in's Ghetto zurückzubegeben, d. h. in die den Inden zum Aufenthalt gestatteten Gouvernements. Rath- und hilflos stand das junge Mädchen da. Einige Freunde riethen ihr, nach der Türkei zu gehen, wo für einen

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