Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 20 (15.5.1896)
- Date
- 1896-05-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 20 Seite 392 Aus dem uns vorliegenden Jahresberichte der Israelitischen Allianz entnehmen wir nachstehende Mittheilungen, die allgemeines- Interesse beanspruchen dürsten: Der Bericht gedenkt zunächst der Thätigkeit in Bezug auf den Schulunterricht, namentlich mit Rücksicht auf die religiöse Ausbildung in hilfsbedürftigen israelitischen Cultusgemeinden und Cultusvereinen. Tie noch immer zum großer: Theile in Durchführung befindliche Constituirung israelitischer Cultusgemeinden nach dem neuen Gesetze dürfte nach ihrer Vollendung viel zur Festigung der Verhältnisse beitragen, nainentlich eine strengere Ueberwachung des Religionsunterrichtes und voraussichtlich auch eine Erhöhung der materiellen Leistungsfähigkeit der einzelnen Gemeinden nach dieser Richtung zur Folge haben. Indessen wird rroch immer einer Anzahl von Cultusvereinen, namentlich solcher, die von ihren Muttergemeinden zu entlegen sind, zur Bestreitung der Kosten des Religionsunterrichtes, sowie netter Cultusgemeinden, die nicht in der Lage sind, aus eigener Kraft allen ihren Verpflichtungen gegenüber den zu ihnen gehörenden Cultusvereinen nachzukommen, Beihilfe zu gewähret! sein. Einer Anzahl von Vereinen und Anstalten, die Bildungszv ecke verfolgen, wurden ebenso Subventionen gewährt, wie literarischen Erzeugnissen, die in hervorragendem Maße geeignet erscheinen, jüdischen Unterrichtszwecken zu dienen. Tie Action zu Gunsten der vertriebenen und verfolgten russischen Glaubensbrüder, welche seit einer Reihe von Jahren mit dem Aufgebot aller Kräfte unterhalten worden war, ist auf ein bescheidenes Maß zurückgegangen, da eigentliche Ausweisungen nur noch vereinzelt stattfinden, wenngleich sonst ständig mannigfache Ausschreitungen und Vexationen Juden gegenüber vorzukommen pflegen und die hievon Betroffenen häufig mittelbar zur Auswanderung in ftemde Länder gedrängt werden. Schon im Anfang des Vorjahres war der russische Hilfsfond erschöpft und die Auslagen für die Opfer russischer Verfolgungen mußten aus Vereinsmitteln bestritten werden. Sollte eine neuerliche Action erforderlich sein, so stehen nur geringfügige Mittel zur Führung einer solchen Hilfsthätigkeit zur Verfügung. Ueberaus düster lauten die Berichte aus Rumänien. Die rumänische Regierung machte 250.000 Bürger jüdischer Confession, trotzdem die Vorfahren der heutigen Juden seit Jahrhunderten m jenen Gebieten ansässig und eitlheünisch waren, durch gesetzliche Verfügungen zu Fremdlingen, denen die Eigenschaft rumänischer Bürger nicht zuerkannt und der ungeschmälerte Genuß der Bürgerrechte voreuthalten wird. Man verfolgt daraufhin die rumänischen Juden als angebliche Ausländer unter Außerachtlassung der zu Gunsten dieser Juden getroffenen Bestimmungen des Berliner Vertrages; man beraubt sie der Reihe nach ihrer Erwerbszweige, schließt sie vom Dorfaufenthaltsrechte aus und verkürzt sie um das Recht, Grundeigenthum zu erwerben. Man ertheilt bereitwilligst einheimischen Juden Pässe zur Reise nach den: Anslande, doch ist in der Regel solch ein Schriftstück gleichzeitig ein Auswanderungsschein, der dem Inhaber eine Rückkehr in die Heimat unmöglich macht. Das rumänische Parlarnent hat im Frühjahr 1893 auch eine Reihe gesetzlicher Bestimmungen getroffen, durch tvelche israelitischen Kindern nicht blos der Besuch der Mittel- und höheren Schulen, sondern sogar der Volksschulen verschlossen wird. Jüdische Kinder können nur nach Entrichtung einer Taxe (christliche sind von einer solchen befreit), falls überhaupt freie Plätze nach Aufnahme christlicher Kinder übrig bleiben, iir die Schule ausgenommen werden. Nachdem jedoch die Zahl der öffentlichen Lehranstalten selbst für die christliche Jugend unzureichend ist, muß die jüdische von einer Aufnahme absehen, und somit müssen Tausende jüdische Kinder einen zeitgemäßen Schulmrterricht entbehren. Die Bildung voir Cultusgemeinden ist in Rumänierr nicht gestattet und die Cultusvereine sehen sich daher bemüssigt, für ihre Jugend eigene Volksschulen zu errichten und zu erhalten, doch vermögen die wenigsten Vereine die Mittel hiefür aufzubringen. Die Allianz bewilligte vorläufig zur Hebung und Erhaltung neuer jüdischer Schulen in Rumänien einen namhaften Betrag, sich vorbehaltend, nach Möglichkeit in dieser Richtung eine umfassendere Action einzuleiten. Da den bekannten Verhältnissen in Oesterreich nach und nach eine ansehnliche Zahl bürgerlicher Existenzen wirthschaftlich zum Opfer fällt, indem Leute in ihrem Erwerbe nur tvegen ihres Judenthums empfindlichste Schädigung erleiden, so muß die Allianz in solchen Fällen jedesmal hilfteich einzuschreiten in der Lage sein, und dazu müssen ihr vor Allem die erforderlichen Mittel werden. Im abgelaufenen Jahre wurden 12.000 Beitrittseinladungen an österreichische Cultusgemeinden und deren Mitglieder, namentlich an die der Wiener Cultusgemeinde, versandt und der Verein gewann auf diesem Wege 178 (!) neue Mitglieder. Der Vorstand wendet sich darum neuerdings mit einem Appell an die bisherigen Gönner und Förderer des Vereines mit der nachdrücklichsten Bitte, es möge jeder innerhalb des Kreises seiner Freunde und Bekannten für die Werbung neuer Mitglieder thätig wirken. Zum Schluß des Berichtes wird dem tiefen Bedauern über den Verlust zweier um den Verein vielfach verdienter Männer Ausdruck gegeben, nämlich des Beirathes Wilhelm Ritter von Gutmann, eines der Begründer des Vereines, dem er allezeit ein treuer Gönner und Förderer war, und des langjährigen Vorstandsmitgliedes Dr. Hermann Grünbaum. An Stelle des Letzteren wurde ftir die restliche Functionsdauer Herr Wilhelm Pappenheim cooptirt. Die Vermögensgebahrung weist an Eingängen aus: Jahresbeiträge 12.400 fl., Spenden 1200 fl., Zinsen 5300_ fl. Verwendet wurden ftir Schulzwecke 3100 fl., für literarische Subventionen 1700 fl., für die russische Action 6000 fl., für diverse Unterstützungen 340 fl. Die Verwaltung beanspruchte 6300 fl. Auch im abgelaufenen Jahre standen uns unsere Filialen voll Aufopferung mit Ausdauer und Hingebung in unserer Thätigkeit zur Seite. Wir fühlen uns verpflichtet, insbesondere das unermüdliche Wirken des Obmannes unserer Filiale in Triest, Herrn G i a c o m o Z e r k o w i tz, hervorzuheben. Wir können dem Berichte nur den dringendsten Wunsch hinzufügen, es mögen sich recht zahlreich unserer bemittelten Glaubensgenossen als Mitglieder der Israelitischen Allianz anschließen. Wir erklären uns zugleich mit größtem Vergnügen bereit, Anmeldungen für den Verein entgegenzunehmen mrd die Namen der nenbeitretenden Mitglieder in der „Oesterreichischen Wochenschrift regelmäßig auszuweisen, obgleich unsere Zeitschrift in keinerlei näherein Berhältniß zu der Israelitischen Allianz steht. Wir betrachten es eben als unsere heiligste journalistische Pflicht, die Tendenzen gerade dieses Vereines zu fördern, der noch bei jeder Gelegenheit auf's Wirksamste und Nachhaltigste nach Außen und nach Innen zum Culturfortschritt des Judenthums wesentlich beigetragen und gewaltige Aufgaben ständig zu bewältigen hat. Beitrag zur Geschichte der russischen Juden. XLV. Der türkische Diplomat und die russische Jüdin. i. Unlängst hat der Negus von Abessynien, Menelik, ein Schreiben an einen evangelischen Geistlichen gerichtet, in welchem er eine so aufgeklärte Toleranz bekundete, die wahrhaftig manchen Monarchen gewisser Culturstaaten beschämen könnte. Bei dieser Gelegenheit attestirte der schwarze Monarch die unter seinem Scepter lebenden 300.000 Juden auf die beste Weise und fügte die denkwürdigen Worte hinzu, daß, wenn in der That. wie behauptet wird,, die Juden anderer civilisirter Länder schlecht seien, es dem Umstande zuzuschreiben sei, daß die Christen derselben schlecht seien. Menelik sprach ein großes Wort gelassen aus und paraphrasirte, höchst wahrscheinlich ohne es zu wissen, den bekannten Ausspruch, daß ein jedes Land die Juden hat, die es verdient. Wir können noch eine andere höchst bemerkenswerthe Kundgebung registriren. die von einer Seite ausging, von welcher man sie wahrlich am wenigsten hätte erwarten dürfen. Es geschehen in der That Wunder. Der barbarische legendere Negus Negeschkir, der angebliche Nachkomme des weisen Judenkönigs Salomo und der Königin von Saba, predigt den christlichen Völkern und Herrschern Duldsamkeit und Nächstenliebe und der Nachfolger Mahommed's, das Haupt der fanatischen mohammedanischen Geistlichkeit, spricht Worte der Liebe und Versöhnung, so daß allen christlichen Nationen die Blutwellen der Scham ins Gesicht steigen müssen. Ex Oriente lux.