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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-05-15 · 20 (15.5.1896) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
20 (15.5.1896)
Date
1896-05-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 20 Dr. Vloch's Wochenschrift. Seite 391 Aber gerade darin lag das Gefährliche seines Wirkens. Denn er blendete diese Jünglinge durch die Macht seiner Warte, erfüllte sie mit Enthusiasmus für Ziele, deren Werth sie nicht erkannt haben, und gewöhnte sie, die Welt und ihre Erscheinungen durch die Brille nationaler Ueberhebung zu sehen. Die Früchte können wir täglich im „Verein deutscher Studenten" sehen, dessen geistiger Schöpfer der teutonisch polternde Treitschke gewesen ist. Hier ist die Brutstätte des sogenannten wissenschaftlichen Antisemitismus, hier herrscht der Geist des instinctiven Hasses, die Anbetung der Macht, die als germanische Tugenden gepriesen werden. Und ebenso erging es ihm in seinen Schriften. Er schrieb fesselnd, bestechend, glänzend, und man vermag sich kaum dem Eindrücke beim Lesen zu entziehen, aber er ging fast immer mit seinem Temperamente durch. Das Kriterium seiner Untersuchungen ist Glicht die Wahrheit, sondern das nationale Element. Er wollte national sein, national um jeden Preis, und der liberale Kern, der ursprünglich in ihm steckte/ tauchte in den Chauvinismus unter. So wurde er durch sein fast dämonisches Deutschthum auf.die verhängnißvvlle Bahn der Tendenzsvrschung gedrängt, er wurde zum glühenden Verehrer des Systems der Machtherrschaft in der Politik und zum wissenschaftlichen Vorkämpfer des Antisemitismus. Er war in allen seinen L-christen und Vorlesungen mehr Politiker und Journalist als Gelehrter, er regte au, aber er belehrte nicht. Der wissenschaftliche Werth war stets minimal und er ward um so geringer, wenn der Redner am interessantesten war. Seine Vorlesungen waren glänzende Feuilletons, aber nichts mehr. Nicht nur, daß er nicht objeetiv sein konnte, das vermag wohl Niemand ganz, Niemand kann ganz ans seiner Haut heraus und Niemand vermag sich völlig zu objectiviren, aber — er gab sich gar keine Mühe, objeetiv sein zu wollen, er schwelgte in seiner subjeetiven Ansfassung, die Leidenschaft war sein Lebenselement. Man würde ihm Unrecht thun, wenn man seine Einseitigkeiten als Geschichtsfälschuugeu bezeichnen wollte — nein, er war ein subjectiv ehrlicher Mann, er schrieb mit seinem Naturell, er sah die Dinge mit den klugen des nationalen Fanatikers an. Treitschke war der erste, der das hinkende System von Wirths- und Gastvölkern aufstellte, der den Schlachtruf ertönen ließ: „Die Juden sind keine Deutsche, sie sind das Unglück des Reiches." Und er haßte nicht nur die Inden mit einem ehrlich glühenden Hasse, sondern auch Oesterreich, ja fast Alles, was ihm nicht teutonisch genug war. Es war eben die Leidenschaft iuid nicht die Vernunft, die ihn regierte. Nicht wissenschaftliche Erkemrtniß, sondern persönliche Empfindung war die Quelle, aus der sein Geist schöpfte. Er berauschte sich am Feuer seiner Begeisterung und gab sich ganz seinem stürmischen, tobenden Jnstincte hin. Sein Judenhaß entströmte seinem fast zur Carricatur verzerrten Nationalismus, die Schwärmer des reinen Germanismus gelangen immer zu einem mehr oder minder absurden Antisemitismus. Wem: man das Deutschthum als die Quelle aller Tugenden betrachtet, wenn mau es als die höchste Seligkeit ansieht, Deutscher zu. sein, so muß man das Nichtdeutsche hassen. Treitschke's Judenhaß war kein geheuchelter, kein berufsmäßiger, und es wäre ungerecht, ihn mit all den kleinlichen Geistern und jämmerlichen Gestalten der modernen antisemitischen Gruppen aus eine Stufe zu stellen; aber kann ein Mann, der von einem dämonischen Hasse beseelt ist, dazu auserkoren zu sein, ein Volk in die richtigen Bahnen zu leiten? Kann der ein großer Charakter genannt werden, der sich von Gefiihlen und nicht von Gründen führen läßt?Wer solche Wege wandelt, der muß zu gar traurigen Conseguenzen gelangen. Wenn die „Köln. Ztg" in ihrer vornehmen, schmiegsamen Art meint, Treitschke wollte nur sagen, man dürfe und solle über jüdische Sünden ebenso ftei sprechen, wie über christliche, so ist das mehr zart als wahr ausgedrückt, lieber jüdische Sünden sprechen? Das thaten die Propheten, die Lehrer und Lenker Israels zu allen Zeiten mit einer Freimüthigkeit, die ihresgleichen sucht, und Niemand von den besseren Elementen hat ihnen diesen heiligen Berus verkümmert. Wenn man aber behauptet, die Deutschen christlichen Glaubens hätten nur Tugenden und die Juden nur Sünden, wenn man die Begriffe deutsch und g u t und jüdisch und schlecht als identisch betrachtet, so ist das eine Ungerechtigkeit und ein Unsinn zugleich. Wir meinen, daß die Juden wohl von den anderen Völkern lernen können und sollen, daß aber auch die anderen Nationen Vieles von den Inden lernen könnten. Freilich, meistens lernen die Völker von einander die Untugenden und nicht die Tugenden. Treitschke aber betrachtete die Juden als das Veryängniß der Völker, und das! ist ein trauriger Standpunkt. Von seinem Fanatismus hingerissen, vergaß er jede Rücksicht und verwandelte oft seinen Lehrsaal in eine politische Versammlung. Er ließ in den letzten Jahren fast keine Vorlesung vorbei, ohne Witze über die Inden zu machen, Witze, die freilich viel geistvoller aber nicht viel würdiger als die eines Ahlwardt waren. Ja, Treitschke war und blieb ein Spielball seiner Leidenschaft. Erst dem Culturhistoriker der Zukunft wird die Ausgabe zusallen, zu beurtheilen, wie viel Unheil eine solche Politik und eine solche Geschichtsschreibung angestistet haben, welch böse Früchte die Verbreitung solcher Ideen gezeitigt hat. Wir meinen, er wird das Facit ziehen, daß auch die glänzendste Begabung zum Unsegen werden kann, wenn sie keiner hohen Idee dient. F. S. Israelitische Allianz zu Wien. Sonntag den IO. Mai fand im Sitzungssaale der israelitischen Cultusgemeinde die XXIll. ordentliche Generalversammlung der Israelitischen Allianz statt. Erschienen waren vom Vorstände der Präsident David Ritter von Gutmann und die Herren Rabbiner Dr. Schmidt, Dr. A. Stern, Dr. A. Knranda, Tr.F.Katzau,M. L. Baruch, E. Banmgarten, Tirector A. Klein, H. Nirensteüi, B. Pollak, I. Reitlinger, Donath Zifferer und das durch Eoovtation in den Vorstand gewählte Mitglied Herr Wilhelm Pappen heim. Herr David Ritter von Gutmann erössnete die Generalversammlung, indem er die Anwesenden aus das Freundlichste begrüßte und darnach dem Schmerz des Vorstandes über den Verlust zweier um den Verein vielfach verdienter Männer Ausdruck gab, und zwar über das Ableben seines Bruders, des Beirathes des Vereines, Herrn Wilhelm Ritter von Gutmann, der am 17. Mai, und des Schriftführers, Dr. Hermann Grünbaum, der am 15. Octvber 1895 verschied. Die Versammlung gab durch Erheben von den Sitzen ihre Trauer kund. Aus dem Berichte des Vereinspräsidenten über die Gebahrungsbilanz führen wir an, daß der Verein im abgelanfenen Verwaltungsjahre an Subventionen für Schulzwecke 3156 sl. 50 kr., an literarischen Unterstützungen 1698 fl. 15 kr., zu Gunsten heimatloser russischer Auswanderer 6035 fl. 98 kr., zu sonstigen Hilsszwecken 345 sl. und für Propaganda sl. 470 sl. 98 kr. verausgabt hat. Herr Dr. Joses Bloch beantragte, dem Vorstände das Absolutorium zu ertheilen und den Dank der Versamnrlung zu votiren, ferner von einer Verlesung des Jahresberichtes' abzusehen, da er sich schon seit 14 Tagen in den Händen der Vereins Mitglieder befinde. Nachdem sich die Versamnilung damit einverstanden erklärte, berichtete der Vorsitzende noch über die Propaganda. Aus 12.000 versandte Beitrittseinladungen waren blos 178 neue Beitrittserklärungen erfolgt. Obgleich der Verein ftir alle vorgesehenen und unvorhergesehenen Fälle und Ereignisse gerüstet und gewappnet sein müsse und zu großen Actionen eines eingeschulten, wvhleingerichteten Verwaltungsapparates bedürfe, da erprobte Arbeitskräfte zur unerläßlich sicheren Führung der Geschäfte unentbehrlich seien, habe der Vorstand erhebliche Reductionen der Haushaltungskosten vvrgenommen und werde auch für die Folge sein Augenmerk aus die Erzielung weiterer Ersparnisse richten. Herr R i ch a r d P. K ö n i g s b e r g e r meldete sich zum Worte und unterzieht die Ersparungsmethode des Vorstandes einer mißbilligenden Kritik. Tie Verwaltungsauslagen kämen nämlich gar nicht in Betracht, wenn der Vorstand in geeigneter Weise mit Nachdruck für die Hebung des Vereines thütig wäre. Die bisher gepflogene Propaganda sei, wie der Erfolg gelehrt, zwecklos; es sollte sich vielmehr ein Comite aus Söhnen angesehener Familien zu dem Behufe bilden, um durch persönliche Intervention, namentlich vor Allem in Wien, alle halbwegs bemittelten Glaubensgenossen zu Mitgliedern der Israelitischen Allianz zu werben. Aus Antrag des Herrn Tr. I. Bloch werden die Herren M. L. Baruch, Adolf Klein, Tr. SJ(. Schmidt, Friedrich Singer als Vorstandsmitglieder mit vierjähriger und Herr W. Pappenheim mit dreijähriger Functionsdauer per Acclamativn gewählt, ebenso zu Mitgliedern des Beirathes die Herren Jacob Brandeis, Ignaz R. v. Ephrussi, Regierungsrath S. R. v. Hahn, M. Edler v. Kussner, M. Pollak. R. v. Borkenau, Dr. A. Rappaport Edler v. Porada, Dr. Arn. Rvsenbacher in Prag, Dr. Jul. Satin, Max Theodor Schiff, Philipp Torsch, Giacomo Zerkowitz in Triest, Max Paul Schiff, I. Hieldburghäuffer, Mvriz Hirsch und Max Ritter v. Gutmann.

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